Kritik vom OVB
Wenn ein Gott auf der Bühne landet
Das Ensemble Tam-Ost bringt Theaterstück von Woody Allenpointiert auf die Bühne
VON SUSANNE GRUN
Rosenheim – Mit viel Spielfreude, klugem Witz undeiner guten Portion Selbstironie feierte das Tam-Ost Premiere mit dem Stück„Gott“ von Woody Allen in der Übersetzung von Peter Jungk – und bewies unterder Regie von Susanne Braune ein feines Gespür für die Vielschichtigkeit diesesebenso absurden wie tiefgründigen Stücks.
Spiel auf verschiedenen Ebenen
Schon der Auftakt führt mitten hinein in ein raffiniertesSpiel mit den verschiedenen Ebenen: In der Antike ringen der ehrgeizigeSchriftsteller Hepatitis (Oliver Majer-Trendl) und der Schauspieler Diabetes(Tobi Huber) um nichts Geringeres als ein schlüssiges Ende für ihr Theaterstück– wohl wissend, dass Anfang, Mitte und Ende nicht nur dramaturgischeNotwendigkeit, sondern auch Sinnsuche bedeuten. Majer-Trendl gibt dengetriebenen Autor mit feiner Nervosität, während Huber mit trockenem Humor undpointiertem Spiel überzeugt.
Wenn Diabetes als Sklave auf den König (Benjamin Müller)trifft und um sein Leben fürchten soll, kippt das Stück immer wieder insPhilosophische – ohne dabei seine Leichtigkeit zu verlieren. Besonderseindrücklich gerät dabei der Gedanke, dass Freiheit nicht nur Verheißung,sondern auch Bedrohung sein kann. „Freiheit ist gefährlich“, heißt es – einSatz, der nachhallt und dem Abend eine unerwartete Tiefe verleiht.
Mit sichtbarer Spiellust erweitert sich das Personal: ThomasMüller als Wache, Eike Kohlstedt als findiger Trichinosis, der kurzerhand eineMaschine konstruiert, um Gott herbeizuschaffen, und schließlich Luca Öxle alseben jener Gott, der als Deus ex machina auftritt – oder vielleicht doch nicht.
Ein Stück im Stück im Stück: Luca Öxle (links) alsDeus ex machina und Tobi Huber als Diabetes. Im Hintergrund geben Anouk Pham(links) und Birgit Schier den griechischen Chor.
Foto: GRUN
Im Hintergrund geben Anouk Pham (links) und Birgit Schierden griechischen Chor, der das Geschehen kommentiert, einordnet und dabeigekonnt zwischen antiker Form und augenzwinkernder Gegenwart vermittelt. Immerwieder brechen Figuren aus ihren Rollen, treten neue hinzu – etwa Frau Lewin(Margit Obermaier), die die großen Fragen nach Gott, freiem Willen und dem Sinndes Lebens unvermittelt ins Hier und Jetzt holt. Und auch Figuren wie FrauSchicksal und Blanche (beide Sabine Stoff) fügen dem ohnehin schillerndenGefüge weitere Facetten hinzu.
Was diesen Abend besonders macht, ist die gelungene Balance:zwischen Groteske und gedanklicher Schärfe, zwischen Tempo und Momenten desInnehaltens. Die Rosenheimer Lokalfrühung, die das Ensemble behutsam einwebt,erdet den Text zusätzlich und sorgt für Nähe zum Publikum. Und doch liegt dieeigentliche Stärke dieser Inszenierung vielleicht im Nachhall: Man verlässt denAbend nicht mit einer eindeutigen Deutung, sondern mit vielen möglichen. JederZuschauer dürfte seine eigenen Antworten – oder neue Fragen – mit nach Hausenehmen.
Humorvoll und tiefgründig zugleich
Ist ein Gott, sollte es ihn geben, Trost oder Zumutung,Ordnung oder Willkür? Eine Frage, die bei der Premiere spürbar im Raum standund das Publikum beschäftigte. So bleibt die Tiefgründigkeit dieses Stücksnicht im Theatersaal zurück. Sie wirkt weiter – leise, beharrlich, individuell.Ein Theaterabend, der unterhält, zum Lachen bringt und dadurch den Raum öffnetfür Gedanken, die weit über den Schlussapplaus hinausreichen.