Rosenheim– Spätestens wenn Rockröhre Tina Turner – mit wil­der Löwenmähne, super­knap­pem Ledermini und Glitzertop – über die Bühne des Theaters am Markt (TAM) Ost fegt, ist das Publikum nicht mehr auf den Stühlen zu hal­ten. Seit 35 Jahren hat die Powerfrau ihren Auftritt bei der Silvester- und Faschingsshow. Aus dem Programm strei­chen, das geht gar nicht, weiß Hans Anker. Im rea­len Leben ist er Wirt und Koch der Theaterkneipe, „in mei­ner zwei­ten Welt Tina Turner“, sagt er und schmun­zelt. Jahr für Jahr, wenn das Stück für die neue Inszenierung geschrie­ben wird, fragt er sich, ob es heu­er nicht ein­mal ohne einen Auftritt der Queen of Rock’n’Roll geht. Doch: „Die Leute wol­len die Tina“, seufzt Anker, der sogar schon ein­mal Gratulationsanrufe am Geburtstag der Sängerin erhal­ten hat.

Perfektion ist nicht das Ziel

So wie der 64-Jährige an die­sem Morgen am Tresen sei­ner Kneipe steht – in Jeans und mit Zweitagebart – ist es eigent­lich unvor­stell­bar, dass er so gut in Frauenrollen schlüp­fen kann. Wobei – Perfektion wie in einer pro­fes­sio­nel­len Travestieshow – will das TAM Ost gar nicht bie­ten. „Wer genau hin­schaut und hin­hört, kann bei uns noch erken­nen, dass die Frau von einem Mann dar­ge­stellt wird“, fin­det Anker. Und das ist auch gewollt, denn: „Wir neh­men uns nicht so ernst, wir spie­len unse­re Rollen mit einem Schuss Selbstironie.“

So war es von Anfang an, so ist es bis heu­te geblie­ben, auch wenn aus einer klei­nen Silvesteraufführung im Premierenjahr 1984 mitt­ler­wei­le eine gro­ße mehr­stün­di­ge Show mit 19 meist aus­ver­kauf­ten Vorstellungen gewor­den ist. Vor 35 Jahren woll­te Wirt Anker nur den Silvesterabend mit ein paar Sketchen auf­pep­pen. Nachmittags wur­den sie ein­stu­diert, abends bereits gespielt – auf Anhieb ein Überraschungserfolg. Bis heu­te span­nen die drei Damen mit ihrem fre­chen Mundwerk den roten Faden. Bis heu­te ist die Mischung aus Travestie und Tanz, Musik und Gesang, Sketchen und Rahmenhandlung ein­zig­ar­tig in der Region.

Warum Männerbeineschöner sind

Was Besonderes sind auch die Männerbeine in Damenstrümpfen. Obwohl die Schauspieler nicht für sich in Anspruch neh­men, in ihren Frauenrollen per­fekt zu sein, sind sich die weib­li­chen Gäste im Publikum in der Regel einig: „So schö­ne lan­ge Beine hät­te ich auch ger­ne.“ Kein Problem mit extrem hohen Hacken und Strumpfhosen der Stärke 80 Den samt schim­mern­dem Glanz, ver­spricht Hans Anker. Und Kollege Andi Kulot (42), der seit 15 Jahren die Grete spielt und in der aktu­el­len Produktion auch als Madonna auf­tritt, ist über­zeugt: „Männer haben die schöns­ten Frauenbeine.“ Denn mitt­ler­wei­le weiß er: In der Strumpfhosenwerbung posen auf den Verkaufspackungen in der Regel männ­li­che Models, weil deren Beine oft defi­nier­ter und damit ele­gan­ter sind.

Das Tanzen in High Heels will jedoch gelernt sein. Kulot hat­te für sei­nen ers­ten Einsatz als Frau bei sei­ner Schwester Tipps ein­ge­holt: Sie riet, mit dem Absatz zuerst auf­zu­tre­ten. Und hat­te recht, „so geht es ganz gut“, sagt Kulot. Anker räumt jedoch ein, im ver­gan­ge­nen Jahr nach der Faschingssaison Knieprobleme gehabt zu haben.

Und wer glaubt, die Männer im TAM Ost wür­den beim Schminken eine Stunde lang kon­zen­triert vor dem Spiegel ste­hen, wie es Frauen ger­ne tun, der täuscht sich. Höchstens 30 Minuten – und die Maske sitzt. Das Geheimnis: „Eine gute Grundierung und da rauf naï­ve Malerei“, erläu­tert Anker. „Und viel Schmuck als Ablenkung“, ergänzt Kulot. Vor dem Schminken kommt außer­dem der Rasierer zum Einsatz. Denn selbst kur­ze Bartstoppeln sind für das Make-up eine haa­ri­ge Katastrophe. Nur eins lässt sich nicht weg­schmin­ken: der Adamsapfel. Und auch an den Händen, so die Erfahrung der Schauspieler, ist die Frau stets als Mann zu erken­nen.

Dank Kostüm zurlokalen Berühmtheit

Strahlend schön, fast unwirk­lich – so wie in den Münchener Travestieshows – müs­sen sie sich außer­dem im TAM Ost nicht prä­sen­tie­ren. In der aktu­el­len Inszenierung kopie­ren die drei Männer in Frauenrollen Anker, Kulot und Christian Reitinger die vie­len Bühnenstars nicht, die sie ver­kö­pern. Sie inter­pre­tie­ren sie viel­mehr mit einem Augenzwinkern. Das klappt am bes­ten bei den ganz gro­ßen Diven wie Cher und Madonna. Manchmal steck­ten sogar meh­re­re berühm­te Frauen im Manne: Anker trägt drei sei­ner Kostüme zu Beginn der aktu­el­len Inszenierung über­ein­an­der, damit das Umziehen blitz­schnell klappt. Zu loka­len Berühmtheiten haben sich die drei Damen vom TAM Ost ent­wi­ckelt, die trat­schend die Rahmenhandlung mit Leben fül­len. „Ich lie­be die Grete, sie ist mei­ne zwei­te Persönlichkeit gewor­den“, sagt Bankkaufmann Kulot. Die Rolle gibt ihm die Chance, „ein­fach mal so rich­tig die Sau raus­zu­las­sen“. „Die Grete sagt halt Sachen, die ich als Andi nur den­ken und nie­mals aus­spre­chen wür­de.“

Der Eierlikör, den die Damen bei ihren Gesprächen über Gott, die Welt und Rosenheim auf der Bühne schlür­fen, ist übri­gens echt – aller­dings stark ver­dünnt. Satt getrun­ken haben sie sich bis­her nicht an die­sem TAM-Kultgetränk. Und satt gespielt auch noch lan­ge nicht an ihren Frauenfiguren.

Wer ger­ne schau­spie­lert, sieht die Verkörperung ganz sach­lich. „Eine Rolle wie jede ande­re auch“, sagt Andi Kulot. „Immer wie­der wer­de ich gefragt, ob ich im wah­ren Leben auch ger­ne eine Frau wäre. Nein, das wäre ich nicht. Ich füh­le mich in mei­nen männ­li­chen Körper sehr wohl“, ergänzt Hans Anker.