TODESURTEIL FÜR DEN ZUSCHAUER

von Matéi Visniec

ZUM STÜCKZUR KRITIK

Vorstellungstermine:
Samstag, 21. April 2007, 20 Uhr, Première
Freitag / Samstag, 27. / 28. April, 20 Uhr
Freitag / Samstag, 4. / 5. Mai, 20 Uhr
Sonntag, 6. Mai, 17 Uhr
Freitag / Samstag, 11. / 12. Mai, 20 Uhr
Freitag / Samstag, 18. / 19. Mai, 20 Uhr

Im Ensemble TAM OST – Produktion (Klick zum zei­gen)
Regie: Stefan Vincent Schmidt
Bühne: Ensemble
Licht/Ton:  
Kostüm: Ensemble
Plakat/Fotografie: Ensemble

Im Ensemble TAM OST – Schauspiel (Klick zum zei­gen)
Schauspieler als
Renate M. Mayer
Johanna Rambeck
Gabriela Schmidt
Manfred Altmaier
Hans Anker
Hub´n Kiene
Gerd Meiser
Maximilian Schmetterer
Klaus Schöberl
Peter Schrank
Gerhard Sellmair
Martin Thaller
Reinhold Torkler

Zum Inhalt:

Todesurteil für den Zuschauer

Todesurteil für den Zuschauer

Richter, Staatsanwalt, Verteidiger und Schreiber füh­ren dras­tisch die unsin­ni­ge Logik einer aus den Fugen gera­te­nen Rechtssprechung vor.

Die Zeugen mögen noch so Harmloses über den Zuschauer aus­sa­gen, es wird gegen den Verdächtigten ver­wen­det. Und die Zeugen selbst erschei­nen wäh­rend die­ser abson­der­li­chen Verhörmethoden immer frag­wür­di­ger. Da ist es kein Wunder, dass die Ereignisse im Gerichtssaal immer tur­bu­len­ter wer­den und sich bis zum komi­schen Chaos stei­gern. Fürs Publikum bleibt es bis zuletzt span­nend, wie wohl der arme Zuschauer unter ihnen in die Mühle die­ser selt­sa­men Gerichtsbarkeit gekom­men ist.

Kritik OVB 25. April 2007, von Margrit Jacobi

Alle sind die Angeklagten

Beeindruckende Première von „Todesurteil für den Zuschauer“ im Theater am Markt-OST

Der rumä­ni­sche Autor Matéï Visniec konn­te auf eige­ne leid­vol­le Erfahrungen in sei­nem Heimatland zurück­grei­fen, als er sein Stück „Todesurteil für den Zuschauer“ ver­fass­te. 1977 fing er an, für das Theater zu schrei­ben, doch die rumä­ni­sche Zensur unter­sag­te die fol­gen­den zehn Jahre jede Aufführung. Visniec emi­grier­te nach Frankreich und schreibt seit­dem sei­ne erfolg­rei­chen Stücke meist in fran­zö­si­scher Sprache. Der Regisseur Stefan Vincent Schmidt hat nun zum drit­ten Mal ein Theaterstück des rumä­ni­schen Autors im Theater am Markt insze­niert.

Ein Gerichtssaal ist die Kulisse. Der Richtertisch steht mit­tig. Rechts hat der Gerichtsschreiber sei­nen Platz. Links ist der Zeugenstand. Während noch das Licht im Zuschauerraum brennt, bringt der Gerichtsschreiber (Hub’n Kiene) eini­ge Male Wasser, mit dem der Richter sei­ne Hände wäscht. Später wird er noch den Namenszug „Pilatus“ an die Wand hef­ten. Doch wie beim Prozess Jesu ist kei­ner unschul­dig an der Verurteilung eines Mannes, der schon vor Beginn der Verhandlung als Mörder bestimmt wur­de. Dass sich der Angeklagte im Zuschauerraum befin­det, gibt dem Spiel wei­te­re Spannung. Der Staatsanwalt (Gerd Meiser) ver­liert bei sei­ner aggres­si­ven Anklage schnellt die Kontrolle über sich, der Richter (Reinhold Torkler) weiß schon alles über den ver­meint­li­chen Mörder, der Verteidiger (Klaus Schöberl) braucht nicht ein­mal ein Geständnis von ihm.

Die Verhörmethoden sind höchst abson­der­lich und lächer­lich. Doch steckt dahin­ter Methode und die ist alles ande­re als lach­haft. Sie ist schau­rig. Diese Ambivalenz, die Tragik wie die Komik, ver­mi­schen sich zu einer absur­den Geschichte. Der Gerichtssaal ist zugleich ein Theater. Bereits die ers­te Zeugin (Gabriela Schmidt) gibt ein gelun­ge­nes Beispiel, wie Menschen ver­un­si­chert wer­den kön­nen. Sie wird vom Verteidiger durch pro­vo­zie­ren­de Fragen nach sei­nem Gutdünken mani­pu­liert. Erschreckend, wie nach und nach alle Zeugen zu Spielbällen der Justiz wer­den. Den Übereifer einer beflis­se­nen Zeugin bringt Renate M. Mayer als Garderobiere anschau­lich zur Geltung. Der Staatsanwalt zieht die unsin­nigs­ten Schlussfolgerungen aus harm­lo­sen Aussagen und schließ­lich eska­liert die Szene in wahn­sin­ni­ger Zerstörungswut.

Reinhold Torkler besticht als Richter in ver­hal­te­nem Spiel, das die Vielschichtigkeit der Figur von der Bedächtigkeit, Listigkeit, bis zur Schroffheit und Ungeduld auf­zeigt. Für den nächs­ten Zeugen (Hans Anker) ist der Angeklagte unsicht­bar. So wer­den ihm Bilder des­sel­ben gezeigt, doch die Fotografien, die hin­ter der auf­ge­ris­se­nen Wand zu sehen sind, zei­gen frem­de Personen. Die Beweismittel sind belie­big. Dass er jede Anschuldigung schwei­gend erträgt, wird dem Angeklagten von Verteidiger als dop­pel­tes Schuldgeständnis aus­ge­legt. Klaus Schöberl, des­sen Rolle mehr die eines Anklägers, denn eines Verteidigers ist, setzt den Zynismus, die Unmenschlichkeit die­ser Figur schier über­deut­lich um. Doch ist sar­kas­ti­sche Überzeichnung ein Bestandteil die­ses Stücks. Wenn der Staatsanwalt den sofor­ti­gen Tod des Angeklagten for­dert, will sich kei­ner die Hände schmut­zig machen.

Nach der Pause beein­druckt Gerd Meiser als Staatsanwalt, der auch sei­ne eige­ne Schuld bekennt, denn: „Wir alle könn­ten an Stelle des Angeklagten ste­hen.“ Wenn sich Richter, Staatsanwalt, Verteidiger und sogar Gerichtsschreiber genau­er unter die Lupe neh­men, wird die Fadenscheinigkeit von Argumenten, die gefähr­li­che Macht der Justiz bit­ter­bö­se auf­ge­deckt. Jetzt ist klar: Wir sind alle gleich, also auch alle Verbrecher. „Dann bin ich ja beru­higt,“ sagt der Gerichtsschreiber, „dann sind wir eine Familie.“

Martin Thaller als wei­te­rer Zeuge, ent­puppt sich als Regisseur des gan­zen Geschehens, der Zorn der Agierenden trifft ihn eben­so wie den Autor (Gerhard Sellmair). Also war die Justiz nur Marionette der bei­den? Ein jun­ger Zeuge aus dem Zuschauerraum (Manfred Altmaier) flieht ent­nervt, eine jun­ge Frau (Johanna Rambeck) war­tet auf das Ende der Verhandlung, bezie­hungs­wei­se der Vorstellung. Plötzlich bre­chen durch die papie­re­ne Wand weiß geschmink­te Gesichter. „Wir wol­len Gerechtigkeit!“ schrei­en die Figuren aus dem Volk, stür­men auf die Bühne, rei­ßen an der Robe des Richters. Gerechtigkeit, für wie vie­le Gerichte in unse­rer Welt ist sie obers­tes Gebot?

Regisseur Stefan Vincent Schmidt schuf in sei­ner Inszenierung ein beein­dru­cken­des dich­tes Spiel mit aus­ge­zeich­ne­ten Schauspielern, die die Figuren des Stückes packend mit Leben füll­ten. Das Publikum bedank­te sich mit gro­ßem Applaus bei dem Regisseur und sei­nen Darstellern. Die Thematik die­ses Theaterstücks berührt nach­hal­tig.


Kritik „echo” 25. April 2007, von Margrit Jacobi

In den Fängen der Justiz

Todesurteil für den Zuschauer“ fei­er­te im Theater am Markt Première

Wie vie­le Länder gibt es auf unse­rer Welt, in denen die Justiz die Gerechtigkeit miss­ach­tet? Der rumä­ni­sche Autor Matéï Visniec emi­grier­te 1987 nach Frankreich, nach­dem sei­ne Stücke 10 Jahre lang von der Zensur in sei­ner Heimat ver­bo­ten wur­den. „Todesurteil für den Zuschauer“ ist das drit­te Stück des Autors, das Regisseur Stefan Vincent Schmidt für das Theater am Markt insze­nier­te.

In bit­ter­bö­ser Komik wird die Fragwürdigkeit, ja der Wahnsinn und die Unmenschlichkeit auf­ge­deckt, mit der im Endeffekt jeder von uns zum Angeklagten wer­den kann. So ist der Gerichtssaal zugleich ein Theater, in dem Staatsanwalt, Richter, Verteidiger und Gerichtsschreiber eben­so wie die vie­le Zeugen Rollen spie­len. Der Angeklagte sitzt im Zuschauerraum, das Spiel bezieht uns gewis­ser­ma­ßen alle mit ein.

Wenn Schuld und Verurteilung schon von vorn­her­ein bestimmt wur­den, wo bleibt da eine Chance für den Angeklagten? Die Zeugen wer­den mit den abson­der­lichs­ten Verhörmethoden mani­pu­liert, das Geschehen wird zur abso­lu­ten Farce.

In der Kulisse mit Richtertisch, Zeugenstand und Platz für den Gerichtsschreiber (Hub’n Kiene) spie­len sich tur­bu­len­te Szenen ab. Gerd Meiser in der Rolle des Staatsanwaltes ver­leiht die­sem die Zielstrebigkeit, mit der ein Jäger das aus­ge­wähl­te Opfer erle­gen wird.

Reinhold Torkler gibt der Figur des Richters der gekonnt die Mischung aus Bedächtigkeit und jähem Zorn. Klaus Schöberl als Verteidiger ist von Beginn einer, der scharf­zün­gig und gna­den­los zum Ankläger wird.

Es ist eben­so lächer­lich wie erschre­ckend, mit wel­cher Tücke die ver­schie­de­nen Zeugen ver­un­si­chert und beein­flusst wer­den. In den Rollen der Zeugen, die ver­su­chen, ernst­haft, beflis­sen und auf­merk­sam ihre Aussagen zu machen agie­ren Gabriela Schmidt, Renate M. Mayer, Hans Anker, Manfred Altmaier abso­lut über­zeu­gend. Wenn ein Regisseur (Martin Thaller) und der Autor (Gerhard Sellmair) das Geschehen als Theaterstück offen­ba­ren, trifft sie der Zorn der Männer, der Juristen, die sich als vor­ge­zeich­ne­te Figuren füh­len. Immer wie­der deckt Matéï Visniec in die­sem Stück die Maschinerien auf, mit denen die Justitia in vie­len Ländern der Erde täg­lich alles ande­re als Gerechtigkeit wal­ten lässt. Auch neh­men sich in einem span­nen­den Zwischenspiel Richter, Staatsanwalt und Verteidiger selbst unters Visier und decken so auf, dass sie eben­so Angeklagter sein könn­ten, genau wir jeder aus dem Zuschauerraum. Wenn am Ende Figuren aus dem Volk Gerechtigkeit for­dern und auf die Bühne stür­men, ist das nur das logi­sche Fazit der Geschichte.

In einer dich­ten und span­nen­den Inszenierung des Regisseurs Stefan Vincent Schmidt geben alle Darsteller ihren Rollen authen­tisch und packend Gestalt. Die Zuschauer erle­ben einen inter­es­san­ten Theaterabend, der noch zu man­chen Diskussionen Anlass geben wird.