von Matéi Vis­niec

Regie: Ste­fan Vin­cent Schmidt

Rich­ter, Staats­an­walt, Ver­tei­di­ger und Schrei­ber füh­ren dras­tisch die unsin­ni­ge Logik einer aus den Fugen gera­te­nen Rechts­spre­chung vor.

Die Zeu­gen mögen noch so Harm­lo­ses über den Zuschau­er aus­sa­gen, es wird gegen den Ver­däch­tig­ten ver­wen­det. Und die Zeu­gen selbst erschei­nen wäh­rend die­ser abson­der­li­chen Ver­hör­me­tho­den immer frag­wür­di­ger. Da ist es kein Wun­der, dass die Ereig­nis­se im Gerichts­saal immer tur­bu­len­ter wer­den und sich bis zum komi­schen Cha­os stei­gern. Fürs Publi­kum bleibt es bis zuletzt span­nend, wie wohl der arme Zuschau­er unter ihnen in die Müh­le die­ser selt­sa­men Gerichts­bar­keit gekom­men ist.

Kri­tik OVB 25. April 2007, von Mar­grit Jaco­bi

Alle sind die Ange­klag­ten

Beein­dru­cken­de Pre­miè­re von „Todes­ur­teil für den Zuschau­er“ im TAM OST

Der rumä­ni­sche Autor Matéï Vis­niec konn­te auf eige­ne leid­vol­le Erfah­run­gen in sei­nem Hei­mat­land zurück­grei­fen, als er sein Stück „Todes­ur­teil für den Zuschau­er“ ver­fass­te. 1977 fing er an, für das Thea­ter zu schrei­ben, doch die rumä­ni­sche Zen­sur unter­sag­te die fol­gen­den zehn Jah­re jede Auf­füh­rung. Vis­niec emi­grier­te nach Frank­reich und schreibt seit­dem sei­ne erfolg­rei­chen Stü­cke meist in fran­zö­si­scher Spra­che. Der Regis­seur Ste­fan Vin­cent Schmidt hat nun zum drit­ten Mal ein Thea­ter­stück des rumä­ni­schen Autors im Thea­ter am Markt insze­niert.

Ein Gerichts­saal ist die Kulis­se. Der Rich­ter­tisch steht mit­tig. Rechts hat der Gerichts­schrei­ber sei­nen Platz. Links ist der Zeu­gen­stand. Wäh­rend noch das Licht im Zuschau­er­raum brennt, bringt der Gerichts­schrei­ber (Hub’n Kie­ne) eini­ge Male Was­ser, mit dem der Rich­ter sei­ne Hän­de wäscht. Spä­ter wird er noch den Namens­zug „Pila­tus“ an die Wand hef­ten. Doch wie beim Pro­zess Jesu ist kei­ner unschul­dig an der Ver­ur­tei­lung eines Man­nes, der schon vor Beginn der Ver­hand­lung als Mör­der bestimmt wur­de. Dass sich der Ange­klag­te im Zuschau­er­raum befin­det, gibt dem Spiel wei­te­re Span­nung. Der Staats­an­walt (Gerd Mei­ser) ver­liert bei sei­ner aggres­si­ven Ankla­ge schnellt die Kon­trol­le über sich, der Rich­ter (Rein­hold Tork­ler) weiß schon alles über den ver­meint­li­chen Mör­der, der Ver­tei­di­ger (Klaus Schö­berl) braucht nicht ein­mal ein Geständ­nis von ihm.

Die Ver­hör­me­tho­den sind höchst abson­der­lich und lächer­lich. Doch steckt dahin­ter Metho­de und die ist alles ande­re als lach­haft. Sie ist schau­rig. Die­se Ambi­va­lenz, die Tra­gik wie die Komik, ver­mi­schen sich zu einer absur­den Geschich­te. Der Gerichts­saal ist zugleich ein Thea­ter. Bereits die ers­te Zeu­gin (Gabrie­la Schmidt) gibt ein gelun­ge­nes Bei­spiel, wie Men­schen ver­un­si­chert wer­den kön­nen. Sie wird vom Ver­tei­di­ger durch pro­vo­zie­ren­de Fra­gen nach sei­nem Gut­dün­ken mani­pu­liert. Erschre­ckend, wie nach und nach alle Zeu­gen zu Spiel­bäl­len der Jus­tiz wer­den. Den Über­ei­fer einer beflis­se­nen Zeu­gin bringt Rena­te M. May­er als Gar­de­ro­bie­re anschau­lich zur Gel­tung. Der Staats­an­walt zieht die unsin­nigs­ten Schluss­fol­ge­run­gen aus harm­lo­sen Aus­sa­gen und schließ­lich eska­liert die Sze­ne in wahn­sin­ni­ger Zer­stö­rungs­wut.

Rein­hold Tork­ler besticht als Rich­ter in ver­hal­te­nem Spiel, das die Viel­schich­tig­keit der Figur von der Bedäch­tig­keit, Lis­tig­keit, bis zur Schroff­heit und Unge­duld auf­zeigt. Für den nächs­ten Zeu­gen (Hans Anker) ist der Ange­klag­te unsicht­bar. So wer­den ihm Bil­der des­sel­ben gezeigt, doch die Foto­gra­fi­en, die hin­ter der auf­ge­ris­se­nen Wand zu sehen sind, zei­gen frem­de Per­so­nen. Die Beweis­mit­tel sind belie­big. Dass er jede Anschul­di­gung schwei­gend erträgt, wird dem Ange­klag­ten von Ver­tei­di­ger als dop­pel­tes Schuld­ge­ständ­nis aus­ge­legt. Klaus Schö­berl, des­sen Rol­le mehr die eines Anklä­gers, denn eines Ver­tei­di­gers ist, setzt den Zynis­mus, die Unmensch­lich­keit die­ser Figur schier über­deut­lich um. Doch ist sar­kas­ti­sche Über­zeich­nung ein Bestand­teil die­ses Stücks. Wenn der Staats­an­walt den sofor­ti­gen Tod des Ange­klag­ten for­dert, will sich kei­ner die Hän­de schmut­zig machen.

Nach der Pau­se beein­druckt Gerd Mei­ser als Staats­an­walt, der auch sei­ne eige­ne Schuld bekennt, denn: „Wir alle könn­ten an Stel­le des Ange­klag­ten ste­hen.“ Wenn sich Rich­ter, Staats­an­walt, Ver­tei­di­ger und sogar Gerichts­schrei­ber genau­er unter die Lupe neh­men, wird die Faden­schei­nig­keit von Argu­men­ten, die gefähr­li­che Macht der Jus­tiz bit­ter­bö­se auf­ge­deckt. Jetzt ist klar: Wir sind alle gleich, also auch alle Ver­bre­cher. „Dann bin ich ja beru­higt,“ sagt der Gerichts­schrei­ber, „dann sind wir eine Fami­lie.“

Mar­tin Thal­ler als wei­te­rer Zeu­ge, ent­puppt sich als Regis­seur des gan­zen Gesche­hens, der Zorn der Agie­ren­den trifft ihn eben­so wie den Autor (Ger­hard Sell­mair). Also war die Jus­tiz nur Mario­net­te der bei­den? Ein jun­ger Zeu­ge aus dem Zuschau­er­raum (Man­fred Alt­mai­er) flieht ent­nervt, eine jun­ge Frau (Johan­na Ram­beck) war­tet auf das Ende der Ver­hand­lung, bezie­hungs­wei­se der Vor­stel­lung. Plötz­lich bre­chen durch die papie­re­ne Wand weiß geschmink­te Gesich­ter. „Wir wol­len Gerech­tig­keit!“ schrei­en die Figu­ren aus dem Volk, stür­men auf die Büh­ne, rei­ßen an der Robe des Rich­ters. Gerech­tig­keit, für wie vie­le Gerich­te in unse­rer Welt ist sie obers­tes Gebot?

Regis­seur Ste­fan Vin­cent Schmidt schuf in sei­ner Insze­nie­rung ein beein­dru­cken­des dich­tes Spiel mit aus­ge­zeich­ne­ten Schau­spie­lern, die die Figu­ren des Stü­ckes packend mit Leben füll­ten. Das Publi­kum bedank­te sich mit gro­ßem Applaus bei dem Regis­seur und sei­nen Dar­stel­lern. Die The­ma­tik die­ses Thea­ter­stücks berührt nach­hal­tig.


Kri­tik „echo“ 25. April 2007, von Mar­grit Jaco­bi

In den Fän­gen der Jus­tiz

„Todes­ur­teil für den Zuschau­er“ fei­er­te im Thea­ter am Markt Pre­miè­re

Wie vie­le Län­der gibt es auf unse­rer Welt, in denen die Jus­tiz die Gerech­tig­keit miss­ach­tet? Der rumä­ni­sche Autor Matéï Vis­niec emi­grier­te 1987 nach Frank­reich, nach­dem sei­ne Stü­cke 10 Jah­re lang von der Zen­sur in sei­ner Hei­mat ver­bo­ten wur­den. „Todes­ur­teil für den Zuschau­er“ ist das drit­te Stück des Autors, das Regis­seur Ste­fan Vin­cent Schmidt für das Thea­ter am Markt insze­nier­te.

In bit­ter­bö­ser Komik wird die Frag­wür­dig­keit, ja der Wahn­sinn und die Unmensch­lich­keit auf­ge­deckt, mit der im End­ef­fekt jeder von uns zum Ange­klag­ten wer­den kann. So ist der Gerichts­saal zugleich ein Thea­ter, in dem Staats­an­walt, Rich­ter, Ver­tei­di­ger und Gerichts­schrei­ber eben­so wie die vie­le Zeu­gen Rol­len spie­len. Der Ange­klag­te sitzt im Zuschau­er­raum, das Spiel bezieht uns gewis­ser­ma­ßen alle mit ein.

Wenn Schuld und Ver­ur­tei­lung schon von vorn­her­ein bestimmt wur­den, wo bleibt da eine Chan­ce für den Ange­klag­ten? Die Zeu­gen wer­den mit den abson­der­lichs­ten Ver­hör­me­tho­den mani­pu­liert, das Gesche­hen wird zur abso­lu­ten Far­ce.

In der Kulis­se mit Rich­ter­tisch, Zeu­gen­stand und Platz für den Gerichts­schrei­ber (Hub’n Kie­ne) spie­len sich tur­bu­len­te Sze­nen ab. Gerd Mei­ser in der Rol­le des Staats­an­wal­tes ver­leiht die­sem die Ziel­stre­big­keit, mit der ein Jäger das aus­ge­wähl­te Opfer erle­gen wird.

Rein­hold Tork­ler gibt der Figur des Rich­ters der gekonnt die Mischung aus Bedäch­tig­keit und jähem Zorn. Klaus Schö­berl als Ver­tei­di­ger ist von Beginn einer, der scharf­zün­gig und gna­den­los zum Anklä­ger wird.

Es ist eben­so lächer­lich wie erschre­ckend, mit wel­cher Tücke die ver­schie­de­nen Zeu­gen ver­un­si­chert und beein­flusst wer­den. In den Rol­len der Zeu­gen, die ver­su­chen, ernst­haft, beflis­sen und auf­merk­sam ihre Aus­sa­gen zu machen agie­ren Gabrie­la Schmidt, Rena­te M. May­er, Hans Anker, Man­fred Alt­mai­er abso­lut über­zeu­gend. Wenn ein Regis­seur (Mar­tin Thal­ler) und der Autor (Ger­hard Sell­mair) das Gesche­hen als Thea­ter­stück offen­ba­ren, trifft sie der Zorn der Män­ner, der Juris­ten, die sich als vor­ge­zeich­ne­te Figu­ren füh­len. Immer wie­der deckt Matéï Vis­niec in die­sem Stück die Maschi­ne­ri­en auf, mit denen die Jus­ti­tia in vie­len Län­dern der Erde täg­lich alles ande­re als Gerech­tig­keit wal­ten lässt. Auch neh­men sich in einem span­nen­den Zwi­schen­spiel Rich­ter, Staats­an­walt und Ver­tei­di­ger selbst unters Visier und decken so auf, dass sie eben­so Ange­klag­ter sein könn­ten, genau wir jeder aus dem Zuschau­er­raum. Wenn am Ende Figu­ren aus dem Volk Gerech­tig­keit for­dern und auf die Büh­ne stür­men, ist das nur das logi­sche Fazit der Geschich­te.

In einer dich­ten und span­nen­den Insze­nie­rung des Regis­seurs Ste­fan Vin­cent Schmidt geben alle Dar­stel­ler ihren Rol­len authen­tisch und packend Gestalt. Die Zuschau­er erle­ben einen inter­es­san­ten Thea­ter­abend, der noch zu man­chen Dis­kus­sio­nen Anlass geben wird.

Todesurteil - Gerd Meiser, Hub'n Kiene, Klaus Schöberl, Reinhold Torkler, Bild: unb.
Todes­ur­teil - Gerd Mei­ser, Hub’n Kie­ne, Klaus Schö­berl, Rein­hold Tork­ler, Bild: unb.

PRE­MIE­RE:  Sa 21. April 2007

WEI­TE­RE TER­MI­NE
Fr/Sa 27/28 April
Fr/Sa 04/05 Mai
So 06 Mai
Fr/Sa 16/17 Mai
Fr/Sa 23/24 Mai

Spiel­be­ginn: 
Frei­tags und Sams­tags 20 Uhr,
Sonn­tags 17 Uhr
Ein­lass:
ca. 15 Min. vor Spiel­be­ginn

Im ENSEM­BLE TAM OST

Regie:Ste­fan Vin­cent Schmidt
Büh­ne:Ensem­ble
Licht/Ton:Ensem­ble
Kos­tüm:Ensem­ble
Foto­gra­fie:Ensem­ble
Pla­kat:Ensem­ble
 Schau­spie­ler 
Rena­te M. May­er 
Johan­na Ram­beck 
Gabrie­la Schmidt 
Man­fred Alt­mai­er 
Hans Anker 
Hub´n Kie­ne
 
Gerd Mei­ser 
Maxi­mi­li­an Schmet­te­rer 
Klaus Schö­berl 
Peter Schrank 
Ger­hard Sell­mair 
Mar­tin Thal­ler 
Rein­hold Tork­ler 

Schlag­wor­te zum Stück