PLAY STRINDBERG

Tragikomödie von Friedrich Dürrenmatt

ZUM STÜCKZUR KRITIK
2008 - Plakat - Play Strindberg

2008 – Plakat – Play Strindberg

Vorstellungstermine:
Samstag, 20. September 2008, 20 Uhr, Premiere
Freitag, 26. September, 20 Uhr
Samstag, 4. Oktober, 20 Uhr
Sonntag, 5. Oktober, 17 Uhr
Freitag / Samstag, 10. / 11. Oktober, 20 Uhr
Freitag / Samstag, 17. / 18. Oktober, 20 Uhr
Freitag / Samstag, 24. / 25. Oktober, 20 Uhr

(Klicken zum anzeigen)
Im Ensemble TAM OST - Produktion
Im Ensemble TAM OST - Schauspiel

Zum Inhalt:

Seit vielen Jahren führen Alice, die ihre unbedeutende Schauspielkarriere mit der Ehe beendet hat, und Edgar, der als einziger glaubt ein bedeutender Militärschriftsteller zu sein, einen Ehekrieg. Sie erpressen einander mit Schwächeanfällen und kühl berechneter scheinbarer Unterwerfung, sie verschärfen ihr Elend mit ausgefeiltem, geübtem Sarkasmus.

"Alice, Kurt und Edgar" (lnr) Sabine Herrberg, Alexander Schoenhoff, Klaus Schöberl Bild: Renate M. Mayer

„Alice, Kurt und Edgar“ (lnr) Sabine Herrberg, Alexander Schoenhoff, Klaus Schöberl Bild: Renate M. Mayer

Kurz vor ihrem 15. Hochzeitstag taucht Alices Vetter Kurt in ihrem Turmzimmer über dem Gefängnis auf. Ihn setzen Mann und Frau als neue Waffe in ihrem fünfzehnjährigen Krieg gegeneinander ein. Aber Kurt ist der Stärkere, unter Schurken der souveränste Schurke, ein bestechlicher Ringrichter in zwölf Runden knapper Wortgefechte mit schauerlichen Pointen.

Der Schweizer Autor Friedrich Dürrenmatt hat aus August Strindbergs bürgerlicher Ehetragödie „Totentanz“ eine Komödie über die bürgerliche Ehetragödie gemacht. Nach eigenem Bekunden hat er die Strindberg-Vorlage von aller „Literatur (Plüsch mal Unendlichkeit)“ entschlackt, so dass sogar die Partien schrecklicher gegenseitiger Verletzung ihre Komik erhalten.

Mit der Verwandlung des „Totentanz“ in „Play Strindberg“ hat Dürrenmatt aus einem „Schauspielerstück“ ein Stück für Schauspieler gemacht. Es wurde unter seiner Regie 1969 in Basel uraufgeführt.

ovb 09.2008, Margrit Jacobi

Bei Dürrenmatt wird’s tragikomisch

"Edgar, Alice und Kurt" (lnr) Klaus Schöberl, Sabine Herrberg, Alexander Schoenhoff, Bild: Margrit Jacobi

„Edgar, Alice und Kurt“ (lnr) Klaus Schöberl, Sabine Herrberg, Alexander Schoenhoff, Bild: Margrit Jacobi

August Strindbergs „Totentanz“ ist eine düstere Tragödie, Friedrich Dürrenmatt verwandelte sie mit seinem Stück „Play Strindberg“ in eine tiefschwarze Tragikomödie, in der die Ehe von Alice und Edgar einem Boxkampf mit verbal wüsten Hieben und heftigen Tiefschlägen gleicht.

Regisseur Stefan Vincent Schmidt brachte dieses Lebensdrama auf die Bühne des Rosenheimer TAM OST.
Verhüllt von weißen Tüchern, hört man darunter die Stimmen von Alice (Sabine Herrberg) und Edgar (Klaus Schöberl). Das Szenario gleicht einer Landschaft von schneebedeckten Bergen, und deren Kälte hat sich längst des hasserfüllten Paares bemächtigt.

Wenn Kurt (Alexander Schoenhoff), der später ins Spiel kommende Vetter und ehemalige Liebhaber von Alice, die Tücher entfernt, sieht man in spärlichem Mobiliar Alice häkelnd im Récamier (ein Diwan mit seitlicher Rückenlehne) liegen, Edgar stocksteif auf seinem Stuhl sitzend. Ein Festungsturm über einem Gefängnis ist das armselige Zuhause. Der Gong ertönt zur ersten Runde «Unterhaltung»: Dabei sprechen beide dieselben Sätze wie vorher unter ihrer Verhüllung. Die Dialoge sind Monologe in Sprachklischees, die den täglichen Leerlauf ausdrücken.

Diese Ehe ist kein Mit-, sondern ein bedrückendes Nebeneinander. Edgar, der erfolglose Militärschriftsteller, redet sich seine Vergangenheit schön, sein Egoismus lässt anderen, einschließlich seinen Kindern, keinen Zutritt in seine erstarrte Welt. Alice, die ehemalige ruhmlose Schauspielerin ist längst verbittert und wünscht sich nur noch den Tod des kränkelnden Partners.

In der zweiten Runde kommt Kurt ins Spiel, und anfangs nimmt er die Rolle eines Ringrichters ein, versucht zu stoppen, wenn die verbalen Schläge zu heftig werden. Bald aber wird er mit in diesen Kampf gezogen, von Edgar und Alice benutzt für ihre bösen Attacken.

Alice wähnt sich als die Stärkere in diesem Kampf, doch wird sie noch schwere und überraschende Schläge einstecken müssen. „Jede Ehe züchtet Mordgedanken„, sagt Edgar einmal. Doch scheitert er lieber ehrenvoll zu zweit als allein. Die Grenzüberschreitung von realistischer Darstellung hin zu wahnwitziger Groteske hat Strindberg lange vor Sartres existentialistischer Erkenntnis, dass die Hölle die anderen sind, genutzt. Der Isolation von Menschen, die einander ausgeliefert sind, die sich nur noch in Hass und Selbstzerstörung verwirklichen können, begegnet man ebenso in AlbeesWer hat Angst vor Virginia Woolf„.

 

Dürrenmatt schuf mit „Play Strindberg“ eine stilisierte Neufassung, von Strindbergs „Totentanz“, die Regisseur Stefan Vincent Schmidt in durchdachter Inszenierung beeindruckend auf die Bühne brachte.

Die Flucht ins Rollenspiel ist Edgars Ausweg und Klaus Schöberl gelingt eine beklemmend glaubwürdige Umsetzung dieser Figur. Er ist der barbarische Militarist, der zynische und aggressive Ehemann. Er tanzt seinen „Tanz der Boyaren“ in verzweifelt lächerlicher Ekstase, versinkt komisch in scheinbare Absenzen und lallt am Ende unverständlich seine stets gleichen, zwanghaften Sätze, deren Bedeutung nur Alice erkennt, hat sie sie doch oft genug hören müssen.

Bestechend ist die Verkörperung der Alice durch Sabine Herrberg. Sie spielt weniger, sondern ist diese immer noch schöne Frau im eleganten nachtblauen Kleid. Ihre Gesten sind sparsam, das Mienenspiel nie überzogen. Authentisch gibt sie die sarkastische, verbitterte, aber auch erotische Frau, der am Ende nur ein Triumph bleibt. Der gelähmte Edgar ist ihr sprachlos ausgeliefert.

Alexander Schoenhoff als Kurt, erst stummer Beobachter, dann erfolgloser Vermittler, infiziert sich spürbar mehr und mehr mit der schauerlich absurden Stimmung dieses Ehekrieges. Eine kurze Affäre mit Alice wird ihn nicht halten. Am Schluss verlässt er das „Schlachtfeld“ zu „Solveigs Lied“ als siegreicher Kleinkrimineller. 

Griegs schöne Musik bringt die Trostlosigkeit der untrennbaren Zweisamkeit von Alice und Edgar umso stärker zur Geltung. Stefan Vincent Schmidt setzte genug Pausen zwischen die Wortgefechte. Stille ist ein wesentlicher Faktor, den der Regisseur sensibel beachtete. Er und seine Schauspieler konnten sich mit Hub’n Kiene, der treffend die Beleuchtung setzte, über einen starken und lang anhaltenden Applaus verdient freuen.