GRETCHEN 89 ff.

Theaterkabarett von Lutz Hübner

ZUM STÜCKZUR KRITIK
2007 - Plakat - Gretchen 89.ff.

2007 – Plakat – Gretchen 89 ff.

Vorstellungstermine:
Samstag, 26. Oktober 2007, 20 Uhr, Première
Freitag / Samstag, 2. / 3. November, 20 Uhr
Freitag / Samstag, 9. / 10. November, 20 Uhr
Sonntag, 11. November, 17 Uhr
Freitag / Samstag, 16./ 17. November, 20 Uhr
Freitag / Samstag, 23. / 24. November, 20 Uhr

(Klicken zum anzei­gen)
Im Ensemble TAM OST – Produktion
Regie:: Klaus Einsele
Bühne: Ensemble
Licht/Ton: Gerhard Sellmair 
Kostüm: Ensemble
Fotografie: Renate M. Mayer
Plakat: Alexander Schoenhoff
Im Ensemble TAM OST – Schauspiel (Klick zum zei­gen)
Schauspieler als
Daniela Mayer Schauspielerin, Dramaturgin, Diva, Anfängerin… 
Alexander Schoenhoff Regisseur, Requisiteur, Hospitant…
Klaus Einsele Sprecher der Überleitungen

Zum Inhalt:

Gretchen 89 ff., Faust, Seite 89 fol­gen­de. Abends, Gretchen ziem­lich durch­ein­an­der: „Wie kommt das schö­ne Kästchen hier her­ein? Ich schloss doch ganz gewiss den Schrein. Es ist doch wun­der­bar! Was mag wohl drin­ne sein?” Das will Gretchen in der so genann­ten Kästchen-Szene wis­sen, einer der bekann­tes­ten Szenen der klas­si­schen Dramenliteratur.
Damit öff­net Autor Lutz Hübner, selbst auch Schauspieler, mit viel Humor und einer gehö­ri­gen Portion Selbstironie die ansons­ten für das Theaterpublikum ver­schlos­se­nen Türen einer Probebühne.

In immer wie­der wech­seln­den Konstellationen wird die­se Szene pro­biert. Da ist ein­mal der Regisseur auf der Suche nach den see­li­schen Abgründen des Textes. Oder die Anfängerin, frisch von der Schauspielschule, noch vol­ler Illusionen, die ihren Regisseur zur Verzweiflung treibt. Und die Diva, die den Jungregisseur abblit­zen lässt. Dramaturgin, Requisiteur, alter Theaterhase und Regisseur mitt­le­ren Alters mit aku­tem Karriereknick – sie alle wer­den lie­be­voll aber erbar­mungs­los auf die Schippe genom­men.

Hübners Theaterkabarett ist zum Quietschen komisch, kein Klischee zu platt, kein Vorurteil zu blöd, als dass es nicht bestä­tigt wer­den könn­te. Ein klei­nes, gna­den­los ehr­li­ches Stück für einen Mann und eine Frau und für ein Publikum, das gern hin­ter die Kulissen guckt und bei die­sem „Faust aufs Zwerchfell” Taschentücher für die Lachtränen brau­chen wird.

Lutz Hübner, 1964 in Heilbronn gebo­ren, seit 1996 Regisseur in Berlin, war 2000 der meist­ge­spiel­te deutsch­spra­chi­ge Autor. Sein Stück „Das Herz eines Boxers” wur­de 1998 mit dem Deutschen Jugendtheaterpreis aus­ge­zeich­net.

ovb 31.10.2007, Margrit Jacobi

Ein Gretchen mit Latzhose und Rollerblades

Als ers­tes flim­mert in der Verfilmung von Goethes «Faust» die bekann­te Szene mit Gustav Gründgens in sei­ner legen­dä­ren Rolle als Mephisto und Will Quadflieg als Faust über die Leinwand im Rosenheimer TAM OST: Beide brin­gen heim­lich ein Schmuckkästchen in Gretchens Kammer. Genau um die­se so genann­te Kästchen-Szene geht es in Lutz Hübners Theaterkabarett „Gretchen 89 ff.”, das Klaus Einsele mit Daniela Mayer und Alexander Schoenhoff für das Theater am Markt insze­nier­te.

Das Publikum darf teil­ha­ben an immer neu­en Konstellationen von Regisseuren und Schauspielerinnen bezie­hungs­wei­se Schauspielern auf einer Probebühne, stets zum glei­chen Thema, doch mit über­ra­schen­den Interpretationen und urko­mi­schen Darstellungen. Wunderbar tref­fend und höchst amü­sant wer­den die unter­schied­li­chen Typen von Regisseuren prä­sen­tiert.

Da ist der Schmerzensmann, der alle Schauspieler hasst, wie sich selbst. Er raucht Kette und sucht das Extreme. Er ver­langt von sei­ner Gretchen- Darstellerin fleisch­li­ches Denken und das Überschreiten der Schmerzgrenze. «Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles, die­sen berühm­ten Satz, kotzt du den Aboschweinen auf die Jacke!» for­dert die­ser Fanatiker von sei­ner Schauspielerin.

Der nächs­te, ein alter Haudegen, ver­liert sich wäh­rend des Gretchen Monologs stän­dig in Erinnerungen frü­he­rer Bühnenerlebnisse, schluckt dazu Pillen, nimmt Augentropfen, aber sei­ner Darstellerin unauf­halt­sam jeg­li­che Möglichkeit in die Rolle zu kom­men. Nicht bes­ser ergeht es ihr mit dem Lebenskünstler, dem Wiener Schalk mit Bluthochdruck und Fettleibigkeit. Bei ihm wird alles zum Geplänkel eines Heurigen-Abends. Er spielt vor und lässt Gretchen im Walzerschritt auf­tre­ten.

Zum Niederknien komisch wie Daniela Mayer sei­nen Regieanweisungen nach­kommt, herr­lich über­spielt und schau an: Gretchen spricht auf ein­mal Wienerisch! Köstlich auch der «Streicher» den Alexander Schoenhoff in Berliner Jargon höchst ver­gnüg­lich mit sei­ner Partnerin in Szene setzt. Am Ende blei­ben nur noch Text-Fragmente für eine vor Zorn schmal­lip­pig gewor­de­ne Darstellerin.

Dem Freudianer in Ledermantel und mit I‑Pod am Ohr ist der Text scheiß­egal, er braucht Gefühle, die er durch Provokationen schü­ren will. Bei ihm gehts hier um Sex, das Kästchen sieht er als phal­li­sches Symbol.

Das Beispiel einer Schauspiel-Anfängerin ist eine Glanznummer von Daniela Mayer. Wenn sie in Latzhose mit Rollerblades auf die Bühne stürmt, ihre mimisch und akus­tisch hin­rei­ßen­den Stimmübungen zum Besten gibt, agiert wie bei den Kiefersfeldener Ritterspielen, bleibt kein Auge tro­cken.

Ebenso gelun­gen dann ihre Verkörperung der Diva, die mit Arroganz und Süffisanz auch den gedul­digs­ten Regisseur zum Verzweifeln bringt, oder die nei­der­füll­te Akteurin, die mit bis­si­gen Bemerkungen den Erfolg der Kollegen kom­men­tiert.

Am Ende darf Alexander Schoenhoff zum Vergnügen des Publikums noch in die Gretchen-Rolle schlüp­fen und sich Daniela Mayer als abge­ho­be­ner Dramaturg den Traum vom Inszenieren erfül­len.

Soviel Spaß hat man lan­ge nicht mehr erlebt, wie bei die­ser famo­sen Regiearbeit von Klaus Einsele und der hin­rei­ßen­den Darstellung von Daniela Mayer und Alexander Schoenhoff. Wer es noch nicht gese­hen hat: Hingehen und sich köst­lich amü­sie­ren!

echo 30.10.2007, Margrit Jacobi

Faust“ einmal anders

Die bekann­te „Kästchen-Szene“ aus Goethes Klassiker „Faust“ ein­mal ganz anders zu erle­ben, die­ses Vergnügen kön­nen zur Zeit die Besucher von „Gretchen 89 ff“ im TAM OST in Rosenheim erle­ben.

Klaus Einsele hat das amü­san­te Theaterkabarett von Lutz Hübner, der selbst Schauspieler ist, für die Bühne des Theaters am Markt mit Daniela Mayer und Alexander Schoenhoff höchst gelun­gen insze­niert.

Bei viel­fa­chen Theaterproben mit Regisseuren ver­schie­de­ner Charaktere und Schauspielerinnen von der Anfängerin bis zur Diva, bekommt der Zuschauer Einblick ins Geschehen vor der Première.

Vom Schmerzensmann, der die Extreme sucht, sich und alle Schauspieler hasst, über den alten Haudegen und Hypochonder, der nur in Erinnerungen schwelgt, sei­ne Aktrice nicht zu Wort kom­men lässt und damit zur Verzweiflung treibt, wei­ter zum fett­lei­bi­gen Wiener, einem Lebemann, der sei­ner Darstellerin Walzerschritt und Theatralik beim Auftritt ver­ord­net, dem Streicher, der sein Gretchen mit Wortfragmenten ver­stört, bis zum Freudianer, für den der gan­ze Faust aus Sex und Phallussymbolen besteht.

Alexander Schoenhoff schlüpft naht­los von einer Figur in die nächs­te und gestal­tet sie alle gekonnt und urko­misch. Daniela Mayer setzt die Schauspielanfängerin mit Stimmübungen, Enthusiasmus und Unbedarftheit herr­lich in Szene, eben­so gelun­gen die exal­tier­te Diva, die frus­trier­ten, empör­ten, über­for­der­ten und ver­zwei­fel­ten Darstellerinnen. Wenn am Ende gar Alexander Schoenhoff zum „neu­tra­len“ Gretchen und Daniela Mayer zum über­heb­li­chen Dramaturgen in sei­ner Erstinszenierung wird, gluck­sen die Zuschauer vor Vergnügen.

Klaus Einsele und sei­nen famo­sen Schauspielern ist etwas gelun­gen, was heu­te eher sel­ten auf unse­ren Bühnen statt­fin­det: Das Publikum hat sich von Beginn bis zum Schluss köst­lich amü­siert! Wer mal wie­der von Herzen lachen will, der soll­te die­ses Theaterkabarett kei­nes falls ver­säu­men.

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