Thea­ter­ka­ba­rett von Lutz Hüb­ner

Regie: Klaus Ein­se­le

Gret­chen 89 ff., Faust, Sei­te 89 fol­gen­de. Abends, Gret­chen ziem­lich durch­ein­an­der: „Wie kommt das schö­ne Käst­chen hier her­ein? Ich schloss doch ganz gewiss den Schrein. Es ist doch wun­der­bar! Was mag wohl drin­ne sein?“ Das will Gret­chen in der so genann­ten Käst­chen-Sze­ne wis­sen, einer der bekann­tes­ten Sze­nen der klas­si­schen Dra­men­li­te­ra­tur.
Damit öff­net Autor Lutz Hüb­ner, selbst auch Schau­spie­ler, mit viel Humor und einer gehö­ri­gen Por­ti­on Selbst­iro­nie die ansons­ten für das Thea­ter­pu­bli­kum ver­schlos­se­nen Türen einer Pro­be­büh­ne.

In immer wie­der wech­seln­den Kon­stel­la­tio­nen wird die­se Sze­ne pro­biert. Da ist ein­mal der Regis­seur auf der Suche nach den see­li­schen Abgrün­den des Tex­tes. Oder die Anfän­ge­rin, frisch von der Schau­spiel­schu­le, noch vol­ler Illu­sio­nen, die ihren Regis­seur zur Ver­zweif­lung treibt. Und die Diva, die den Jung­re­gis­seur abblit­zen lässt. Dra­ma­tur­gin, Requi­si­teur, alter Thea­ter­ha­se und Regis­seur mitt­le­ren Alters mit aku­tem Kar­rie­re­knick - sie alle wer­den lie­be­voll aber erbar­mungs­los auf die Schip­pe genom­men.

Hüb­ners Thea­ter­ka­ba­rett ist zum Quiet­schen komisch, kein Kli­schee zu platt, kein Vor­ur­teil zu blöd, als dass es nicht bestä­tigt wer­den könn­te. Ein klei­nes, gna­den­los ehr­li­ches Stück für einen Mann und eine Frau und für ein Publi­kum, das gern hin­ter die Kulis­sen guckt und bei die­sem „Faust aufs Zwerch­fell“ Taschen­tü­cher für die Lach­trä­nen brau­chen wird.

Lutz Hüb­ner, 1964 in Heil­bronn gebo­ren, seit 1996 Regis­seur in Ber­lin, war 2000 der meist­ge­spiel­te deutsch­spra­chi­ge Autor. Sein Stück „Das Herz eines Boxers“ wur­de 1998 mit dem Deut­schen Jugend­thea­ter­preis aus­ge­zeich­net.

ovb 31.10.2007, Mar­grit Jaco­bi

Ein Gret­chen mit Latz­ho­se und Rol­ler­blades

Als ers­tes flim­mert in der Ver­fil­mung von Goe­thes «Faust» die bekann­te Sze­ne mit Gus­tav Gründ­gens in sei­ner legen­dä­ren Rol­le als Mephis­to und Will Quad­flieg als Faust über die Lein­wand im Rosen­hei­mer TAM OST: Bei­de brin­gen heim­lich ein Schmuck­käst­chen in Gret­chens Kam­mer. Genau um die­se so genann­te Käst­chen-Sze­ne geht es in Lutz Hüb­ners Thea­ter­ka­ba­rett „Gret­chen 89 ff.“, das Klaus Ein­se­le mit Danie­la May­er und Alex­an­der Schoe­n­hoff für das Thea­ter am Markt insze­nier­te.

Das Publi­kum darf teil­ha­ben an immer neu­en Kon­stel­la­tio­nen von Regis­seu­ren und Schau­spie­le­rin­nen bezie­hungs­wei­se Schau­spie­lern auf einer Pro­be­büh­ne, stets zum glei­chen The­ma, doch mit über­ra­schen­den Inter­pre­ta­tio­nen und urko­mi­schen Dar­stel­lun­gen. Wun­der­bar tref­fend und höchst amü­sant wer­den die unter­schied­li­chen Typen von Regis­seu­ren prä­sen­tiert.

Da ist der Schmer­zens­mann, der alle Schau­spie­ler hasst, wie sich selbst. Er raucht Ket­te und sucht das Extre­me. Er ver­langt von sei­ner Gret­chen- Dar­stel­le­rin fleisch­li­ches Den­ken und das Über­schrei­ten der Schmerz­gren­ze. «Am Gol­de hängt, zum Gol­de drängt doch alles, die­sen berühm­ten Satz, kotzt du den Aboschwei­nen auf die Jacke!» for­dert die­ser Fana­ti­ker von sei­ner Schau­spie­le­rin.

Der nächs­te, ein alter Hau­de­gen, ver­liert sich wäh­rend des Gret­chen Mono­logs stän­dig in Erin­ne­run­gen frü­he­rer Büh­nen­er­leb­nis­se, schluckt dazu Pil­len, nimmt Augen­trop­fen, aber sei­ner Dar­stel­le­rin unauf­halt­sam jeg­li­che Mög­lich­keit in die Rol­le zu kom­men. Nicht bes­ser ergeht es ihr mit dem Lebens­künst­ler, dem Wie­ner Schalk mit Blut­hoch­druck und Fett­lei­big­keit. Bei ihm wird alles zum Geplän­kel eines Heu­ri­gen-Abends. Er spielt vor und lässt Gret­chen im Wal­zer­schritt auf­tre­ten.

Zum Nie­der­knien komisch wie Danie­la May­er sei­nen Regie­an­wei­sun­gen nach­kommt, herr­lich über­spielt und schau an: Gret­chen spricht auf ein­mal Wie­ne­risch! Köst­lich auch der «Strei­cher» den Alex­an­der Schoe­n­hoff in Ber­li­ner Jar­gon höchst ver­gnüg­lich mit sei­ner Part­ne­rin in Sze­ne setzt. Am Ende blei­ben nur noch Text-Frag­men­te für eine vor Zorn schmal­lip­pig gewor­de­ne Dar­stel­le­rin.

Dem Freu­dia­ner in Leder­man­tel und mit I-Pod am Ohr ist der Text scheiß­egal, er braucht Gefüh­le, die er durch Pro­vo­ka­tio­nen schü­ren will. Bei ihm gehts hier um Sex, das Käst­chen sieht er als phal­li­sches Sym­bol.

Das Bei­spiel einer Schau­spiel-Anfän­ge­rin ist eine Glanz­num­mer von Danie­la May­er. Wenn sie in Latz­ho­se mit Rol­ler­blades auf die Büh­ne stürmt, ihre mimisch und akus­tisch hin­rei­ßen­den Stimm­übun­gen zum Bes­ten gibt, agiert wie bei den Kie­fers­fel­de­ner Rit­ter­spie­len, bleibt kein Auge tro­cken.

Eben­so gelun­gen dann ihre Ver­kör­pe­rung der Diva, die mit Arro­ganz und Süf­fi­sanz auch den gedul­digs­ten Regis­seur zum Ver­zwei­feln bringt, oder die nei­der­füll­te Akteu­rin, die mit bis­si­gen Bemer­kun­gen den Erfolg der Kol­le­gen kom­men­tiert.

Am Ende darf Alex­an­der Schoe­n­hoff zum Ver­gnü­gen des Publi­kums noch in die Gret­chen-Rol­le schlüp­fen und sich Danie­la May­er als abge­ho­be­ner Dra­ma­turg den Traum vom Insze­nie­ren erfül­len.

Soviel Spaß hat man lan­ge nicht mehr erlebt, wie bei die­ser famo­sen Regie­ar­beit von Klaus Ein­se­le und der hin­rei­ßen­den Dar­stel­lung von Danie­la May­er und Alex­an­der Schoe­n­hoff. Wer es noch nicht gese­hen hat: Hin­ge­hen und sich köst­lich amü­sie­ren!


echo 30.10.2007, Mar­grit Jaco­bi

„Faust“ ein­mal anders

Die bekann­te „Käst­chen-Sze­ne“ aus Goe­thes Klas­si­ker „Faust“ ein­mal ganz anders zu erle­ben, die­ses Ver­gnü­gen kön­nen zur Zeit die Besu­cher von „Gret­chen 89 ff“ im TAM OST in Rosen­heim erle­ben.

Klaus Ein­se­le hat das amü­san­te Thea­ter­ka­ba­rett von Lutz Hüb­ner, der selbst Schau­spie­ler ist, für die Büh­ne des Thea­ters am Markt mit Danie­la May­er und Alex­an­der Schoe­n­hoff höchst gelun­gen insze­niert.

Bei viel­fa­chen Thea­ter­pro­ben mit Regis­seu­ren ver­schie­de­ner Cha­rak­te­re und Schau­spie­le­rin­nen von der Anfän­ge­rin bis zur Diva, bekommt der Zuschau­er Ein­blick ins Gesche­hen vor der Pre­miè­re.

Vom Schmer­zens­mann, der die Extre­me sucht, sich und alle Schau­spie­ler hasst, über den alten Hau­de­gen und Hypo­chon­der, der nur in Erin­ne­run­gen schwelgt, sei­ne Aktri­ce nicht zu Wort kom­men lässt und damit zur Ver­zweif­lung treibt, wei­ter zum fett­lei­bi­gen Wie­ner, einem Lebe­mann, der sei­ner Dar­stel­le­rin Wal­zer­schritt und Thea­tra­lik beim Auf­tritt ver­ord­net, dem Strei­cher, der sein Gret­chen mit Wort­frag­men­ten ver­stört, bis zum Freu­dia­ner, für den der gan­ze Faust aus Sex und Phal­lus­sym­bo­len besteht.

Alex­an­der Schoe­n­hoff schlüpft naht­los von einer Figur in die nächs­te und gestal­tet sie alle gekonnt und urko­misch. Danie­la May­er setzt die Schau­spiel­an­fän­ge­rin mit Stimm­übun­gen, Enthu­si­as­mus und Unbe­darft­heit herr­lich in Sze­ne, eben­so gelun­gen die exal­tier­te Diva, die frus­trier­ten, empör­ten, über­for­der­ten und ver­zwei­fel­ten Dar­stel­le­rin­nen. Wenn am Ende gar Alex­an­der Schoe­n­hoff zum „neu­tra­len“ Gret­chen und Danie­la May­er zum über­heb­li­chen Dra­ma­tur­gen in sei­ner Erst­in­sze­nie­rung wird, gluck­sen die Zuschau­er vor Ver­gnü­gen.

Klaus Ein­se­le und sei­nen famo­sen Schau­spie­lern ist etwas gelun­gen, was heu­te eher sel­ten auf unse­ren Büh­nen statt­fin­det: Das Publi­kum hat sich von Beginn bis zum Schluss köst­lich amü­siert! Wer mal wie­der von Her­zen lachen will, der soll­te die­ses Thea­ter­ka­ba­rett kei­nes­falls ver­säu­men.

2007 - Plakat - GRETCHEN 89ff., Modelle: Alexander Schoenhoff, Daniela Mayer, Bild; Renate M. Mayer, Plakat: Alexander Schoenhoff
2007 - Pla­kat - GRET­CHEN 89ff., Model­le: Alex­an­der Schoe­n­hoff, Danie­la May­er, Foto; Rena­te M. May­er, Bild: Alex­an­der Schoe­n­hoff
Gretchen 89ff. - "Die Anfängerin", Alexander Schoenhoff und Daniela Mayer, Bild: Renate M. Mayer
Gret­chen 89ff. - „Die Anfän­ge­rin“, Alex­an­der Schoe­n­hoff und Danie­la May­er, Bild: Rena­te M. May­er

PRE­MIE­RE:  Sa 26. OKTO­ber 2007

WEI­TE­RE TER­MI­NE
Fr/Sa 02/03 Novem­ber
Fr/Sa 09/10 Novem­ber
So 11 Novem­ber
Fr/Sa 16/17 Novem­ber
Fr/Sa 23/24 Novem­ber

Spiel­be­ginn: 
Frei­tags und Sams­tags 20 Uhr,
Sonn­tags 17 Uhr
Ein­lass:
ca. 15 Min. vor Spiel­be­ginn

Im ENSEM­BLE TAM OST

Regie:Klaus Ein­se­le
Büh­ne:Ensem­ble
Licht/Ton:Ger­hard Sell­mair
Kos­tüm:Ensem­ble
Foto­gra­fie:Rena­te M. May­er
Pla­kat:Alex­an­der Schoe­n­hoff
 Schau­spie­lerals
Danie­la May­erSchau­spie­le­rin, Dra­ma­tur­gin, Diva, Anfän­ge­rin...
Alex­an­der Schoe­n­hoffRegis­seur, Requi­si­teur, Hau­de­gen, Hos­pi­tant...

Schlag­wor­te zum Stück