Komö­die von Jero­me Kil­ty

Regie: Rena­te Pröbstl, Cars­ten Schmidt

„Stel­la Patrick Camp­bell und Geor­ge Bern­hard Shaw“ (lnr) Rena­te M. May­er und Rei­ner Schmäh­ling,
Foto: Albert Aschl

1899, als Geor­ge Ber­nard Shaw zwei­und­vier­zig Jah­re alt war, ein renom­mier­ter Jour­na­list und geist­rei­cher Kri­ti­ker, jedoch als Dra­ma­ti­ker noch ganz in sei­nen Anfän­gen, begann sein Brief­wech­sel mit der acht Jah­re jün­ge­ren Schau­spie­le­rin Stel­la Patrick Camp­bell, die damals auf der Höhe ihres Ruh­mes stand.

„Stel­la, Stel­la“, hat­te Shaw sie gewarnt, „schließ die Augen fest zu vor die­sem ein­schmei­cheln­den Iren, die­sem Lüg­ner und Schau­spie­ler. Er wird sei­nen Füll­hal­ter in dein Herz­blut tun­ken und dei­ne gehei­ligts­ten Emp­fin­dun­gen auf der Büh­ne ver­kau­fen…“. Stel­la ließ sich zum Glück von die­ser War­nung nicht beir­ren.

„Stel­la Patrick Camp­bell und Geor­ge Bern­hard Shaw“ (lnr) Rena­te M. May­er und Rei­ner Schmäh­ling, Foto: Alex­an­der Schoen­hoff

Vier­zig Jah­re lang schrie­ben sie sich Brie­fe: über Nich­tig­kei­ten und Wich­tig­kei­ten, Thea­ter und Zeit­ge­schich­te, über ihr Leben und das Leben über­haupt. Der ame­ri­ka­ni­sche Schau­spie­ler und Regis­seur Jero­me Kil­ty hat 1959 aus die­sen Brie­fen eine bezau­bern­de Komö­die mon­tiert. Sie stammt zwar nicht von Shaw, ent­hält aber kein Wort, das er nicht schrieb oder das nicht an ihn gerich­tet war. Die zärt­li­chen, ver­spiel­ten, unmu­ti­gen, gereiz­ten, gefühl­vol­len, geschei­ten und immer geist­rei­chen Brie­fe spie­geln zwei unge­wöhn­li­che, büh­nen­rei­fe Lebens­ge­schich­ten.

Sie schrie­ben sich über 40 Jah­re lang Brie­fe, der berühm­te iri­sche Dra­ma­ti­ker Geor­ge Bern­hard Shaw und die Schau­spie­le­rin Stel­la Patrick Camp­bell. Die­se Kor­re­spon­denz fand man nach dem Tod der Aktri­ce unter ihrem Bett in einer Hut­schach­tel.

Der Autor, Regis­seur und Schau­spie­ler Jero­me Kil­ty schuf an Hand des Brief­wech­sels die sze­ni­sche Fas­sung «Gelieb­ter Lüg­ner», eine bezau­bern­de Komö­die mit zwei Para­de­rol­len für die Dar­stel­ler.

Rena­te Pröbstl und Cars­ten Schmidt insze­nier­ten nun das Stück für das Thea­ter am Markt erwähl­ten sich in Rena­te M. May­er und Rei­ner Schmäh­ling zwei Schau­spie­ler, die von Beginn über­zeug­ten.

Auf der Büh­ne und an den Wän­den des Thea­ters gaben Por­traits und Kal­li­gra­fi­en, dazu Schlei­er­hüt­chen, Regen­schir­me unter ande­rem aus der Zeit von 1890 bis 1930 Ein­blick in das Leben des Dra­ma­ti­kers und der Schau­spie­le­rin. Ein Schreib­pult, ein Bodouir-Tisch­chen, ein paar Requi­si­ten genüg­ten als Aus­stat­tung für die­ses amü­san­te Kam­mer­spiel, das bei­de Dar­stel­ler über­aus gelun­gen in Sze­ne setz­ten.

Frei­lich hat­ten sie mit Shaws geist­rei­chen Brie­fen, mal ver­liebt schwär­me­risch, aber auch iro­nisch bis bos­haft und Cam­pells schlag­fer­ti­gen, humor­vol­len Paro­li wun­der­ba­res Text­ma­te­ri­al. Er nann­te sie sei­ne wei­ße Mar­mor­la­dy, bezeich­net sie aber auch als «Vete­ra­nin der Büh­ne» , für die er sein berühm­tes Stück «Pyg­ma­li­on» schrieb. «Ich bin kein aus­ge­dien­tes Renn­pferd» kon­ter­te die belei­dig­te Stel­la. Sie war 49 Jah­re alt und soll­te die Rol­le der knapp 20-jäh­ri­gen Eli­za Doo­litt­le spie­len, was ihr natür­lich dank ihres Talents mit über­wäl­ti­gen­dem Erfolg gelang.

In hüb­schem Regie­ein­fall gab es ein «Spiel im Spiel: «Rena­te May­er als Stel­la Patrick Cam­pell und Rei­ner Schmäh­ling in der Rol­le Shaws las­sen Mario­net­ten in Rol­len aus «Pyg­ma­li­on» auf­tre­ten und lei­hen ihnen ihre Stim­me. Höchst ver­gnüg­lich, wie Rena­te May­er die Gefühls­aus­brü­che der Eli­za Doo­litt­le wie­der­gibt und den Ärger der Diva Cam­pell über die Mühen mit dem Cock­ney-Eng­lisch «der hüb­schen Schlam­pe». Alle Emp­fin­dun­gen und Gemüts­zu­stän­de der kapri­ziö­sen Schau­spie­le­rin bringt Rena­te May­er bis in kleins­te Nuan­cen wun­der­bar zum Aus­druck. Sie kann mali­zi­ös spot­ten, gekränkt schmol­len, die stol­ze Grand Dame mit Pelz­sto­la eben­so wie die Freun­din in Nöten ver­kör­pern, kann flir­ten, schwin­deln, tri­um­phie­ren und resi­gnie­ren.

Ganz treff­lich gibt Rei­ner Schmäh­ling einen G. B. Shaw mit all sei­ner ver­lieb­ten Unge­stüm­heit, sei­ner maß­lo­sen Eitel­keit, Über­heb­lich­keit, sei­ner Eifer­sucht, sei­nem Zynis­mus eben­so wie sei­ner Zärt­lich­keit und sei­ner unglaub­li­chen Elo­quenz wie­der. Köst­lich, wenn bei­de Dar­stel­ler bei einer Lese- und Spiel­pro­be dem Shaw Stück «Der Kai­ser von Ame­ri­ka», das unüber­seh­ba­re Par­al­le­len zu ihrer bei­der Geschich­te hat, förm­lich aus der Fas­sung gera­ten. Doch selbst geschlif­fens­te Wort­ge­fech­te las­sen die Zunei­gung spü­ren, zwi­schen dem iri­schen Rau­h­bein und der eng­li­schen Lady.

Eini­ge Kür­zun­gen bekä­men dem Stück, das in sei­ner Insze­nie­rung sonst sehr gut gefällt, aber trotz­dem. Lang­an­hal­ten­der und herz­li­cher Applaus belohn­te die sen­si­ble Regie und die famo­sen Akteu­re.


Eine lan­ge Lie­be in Brie­fen

Von Rai­mund Feicht­ner

Man darf ein Stück nicht schon in der Pau­se beur­tei­len. Das soll­te nicht nur eine Maß­ga­be für Kri­ti­ker, son­dern auch für Zuschau­er sein.

Aber Autor Jero­me Kil­ty, die Akteu­re Rena­te M. May­er und Rei­ner Schmäh­ling und das Regie­duo, Rena­te Pröbstl und Cars­ten Schmidt, haben es dem Publi­kum mit der Komö­die «Gelieb­ter Lüg­ner» im Rosen­hei­mer TAM OST nicht leicht gemacht. Denn das Stück mon­tier­te Jero­me Kil­ty 1959 aus dem 40 Jah­re andau­ern­den Brief­wech­sel des berühm­ten iri­schen Dich­ters Geor­ge Ber­nard Shaw (1856 bis 1950) mit Bea­tri­ce Stel­la Patrick Camp­bell (1865 bis 1940), eine der bedeu­tends­ten Schau­spie­le­rin­nen ihrer Zeit.

Und so war die ange­kün­dig­te Komö­die zu Beginn eher eine sze­ni­sche Lesung, in einem lie­be­voll ange­rich­ten Büh­nen­bild, das vor und nach dem Stück und in der Pau­se gleich­zei­tig als infor­ma­ti­ver Aus­stel­lungs­raum über das Leben der bei­den Künst­ler dien­te. Bei­de waren ver­hei­ra­tet, als sie 1899 ihren Brief­wech­sel began­nen. Im Jahr dar­auf fiel ihr Mann Patrick Camp­bell im Buren­krieg. Sie nann­ten sich Stel­la und Joey.

Hun­der­te von Brie­fen schrie­ben sie sich bis zu Stel­las Tod im Jahr 1940. 1952, zwei Jah­re nach Shaws Tod, wur­den die Brie­fe, von Shaw selbst noch zusam­men­ge­stellt, ver­öf­fent­licht. Es sind geist­rei­che, gefühl­vol­le, zärt­li­che, aber auch gereiz­te und unmu­ti­ge Zeug­nis­se einer lei­den­schaft­li­chen Zunei­gung.

Wie die­se Zunei­gung ent­wi­ckel­ten sich auch in der Auf­füh­rung Emo­tio­nen und Nähe. Lasen Rena­te May­er und Rei­ner Schmäh­ling anfangs die Brie­fe noch abwech­selnd am Tisch sit­zend bei einem Glas Wein (sie) und am Pult ste­hend bei einem Känn­chen Tee (er) zum Publi­kum gewandt, so ging die Lesung doch lang­sam in gemein­sa­mes Spiel über. Zu ver­dan­ken war dies vor allem der mit­rei­ßen­den Büh­nen­prä­senz von Rena­te May­er. Rei­ner Schmäh­ling konn­te sich nur schwer vom Vor­trag­s­ton des Vor­le­sers lösen. Für ihn blieb Shaw eine Iko­ne der Lite­ra­tur und wur­de kaum zum füh­len­den, aber auch ego­zen­tri­schen Men­schen, als der er sich in sei­nen Brie­fen offen­bart.

Shaw zeigt dabei deut­li­che Züge des Pro­fes­sors Higgins aus sei­nem berühm­ten Stück «Pyg­ma­li­on». Für die schon 49-jäh­ri­ge Stel­la schrieb er die Rol­le des armen unge­bil­de­ten Blu­men­mäd­chens Eli­za Doo­litt­le, das der Pro­fes­sor, um sein Kön­nen zu zei­gen, zu einem vor­neh­men Mit­glied der Gesell­schaft machen will. Die über­heb­li­che Arro­ganz des Pro­fes­sors muss nicht nur Eli­za füh­len, son­dern auch Stel­la in den Brie­fen Shaws.

Von der Lesung zur tief­sin­ni­gen Komö­die wur­de das Stück end­lich, als Rena­te May­er und Rei­ner Schmäh­ling mit Mario­net­ten­pup­pen, gefer­tigt von Utz Elsäs­ser, berühm­te Sze­nen aus «Pyg­ma­li­on» spiel­ten. Da bril­lier­te Rena­te May­er ber­li­nernd als Eli­za und auch Rei­ner Schmäh­ling leg­te als Higgins den sanf­ten Ton des Vor­le­sers ab.

Übri­gens fand die Urauf­füh­rung von «Pyg­ma­li­on» bereits in deut­scher Spra­che 1913 in Wien statt. Die eng­li­sche Urauf­füh­rung unter der Regie von Shaw muss­te wegen eines Auto­un­falls von Bea­tri­ce Stel­la Patrick Camp­bell auf 11. April 1914 ver­scho­ben wer­den. Nach der Pre­miè­re ließ Stel­la ihrem Joey mit­tei­len, dass sie den Schrift­stel­ler Fre­de­rick Corn­wal­lis-West gehei­ra­tet habe. Die­se Ehe hielt nur ein paar Jah­re und war auch nicht das Ende der Brief­be­zie­hung. Doch sie war die rich­ti­ge Zäsur für die Pau­se. Danach wur­de es erns­ter, tra­gi­scher, anrüh­ren­der. Immer direk­ter wur­de das Spiel zwi­schen Rena­te May­er und Rei­ner Schmäh­ling, der als Shaw in der Rol­le des König Magnus vom Vor­le­ser end­gül­tig zum Schau­spie­ler wur­de. Der Ers­te Welt­krieg setzt den Auf­füh­run­gen von «Pyg­ma­li­on» ein Ende.

Der Sozia­list Shaw ver­dammt den Krieg, in dem Stel­las Sohn drei Wochen vor dem Ende fällt. Nach dem Krieg hat sie es schwer, in der neu­en Ära Fuß zu fas­sen. Die Rol­len wer­den weni­ger, aber ihr Stolz bleibt. Für sie wird es ein Über­le­bens­kampf im Alter, wäh­rend Shaw, der Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger und Oscar­ge­win­ner, immer berühm­ter wird. Dies spie­gelt sich in einem schon tra­gi­ko­misch wir­ken­den Brief­wech­sel. Bei­de strei­ten sich auch über die mög­li­che Ver­öf­fent­li­chung ihrer Brie­fe. Die­se wer­den schließ­lich nach Stel­las Tod - sie stirbt ver­armt in Frank­reich - von einer Freun­din unter dem Bett in einer Hut­schach­tel gefun­den.

Die Komö­die im Thea­ter am Markt-Ost ent­pupp­te sich schließ­lich nicht nur als Vor­le­se­stun­de für Lite­ra­tur­freun­de, son­dern auch als ein amü­san­tes und anrüh­ren­des Spiel über eine heim­li­che, gro­ße Lie­be. Doch die für man­chen Zuschau­er sicher inter­es­san­te Fra­ge, ob Herr Shaw und Frau Camp­bell mit­ein­an­der nur eine rein pla­to­ni­sche Bezie­hung hat­ten und die­se sich auf das Schrei­ben von Brie­fen beschränk­te, wur­de nicht beant­wor­tet.

2008 - Plakat - GELIEBTER LÜGNER, Modelle: Renate M.Mayer, Reiner Schmähling, Bild: Alexander Schoenhoff
2008 - Pla­kat - GELIEB­TER LÜG­NER, Model­le: Rena­te M.Mayer, Rei­ner Schmäh­ling, Bild: Alex­an­der Schoen­hoff

PRE­MIE­RE:  Sa 08. Novem­ber 2008

WEI­TE­RE TER­MI­NE
Fr/Sa 14/15 Novem­ber
So 16 Novem­ber
Fr/Sa 21/22 Novem­ber
So 23 Novem­ber
Fr/Sa 28/29 Novem­ber
So 30 Novem­ber

Spiel­be­ginn: 
Frei­tags und Sams­tags 20 Uhr,
Sonn­tags 17 Uhr
Ein­lass:
ca. 15 Min. vor Spiel­be­ginn

Im ENSEM­BLE TAM OST

Regie:Rena­te Pröbstl, Cars­ten Schmidt
Büh­ne:Ensem­ble
Licht/Ton:Ensem­ble
Kos­tüm:Ensem­ble
Foto­gra­fie:Albert Aschl
Pla­kat:Alex­an­der Schoen­hoff
 Schau­spie­lerals
Rena­te M. May­erBea­tri­ce Stel­la Patrick Camp­bell
Rei­ner Schmäh­lingGeor­ge Ber­nard Shaw

Schlag­wor­te zum Stück