GELIEBTER LÜGNER

Komödie von Jerome Kilty

ZUM STÜCKZUR KRITIK
2008 - Plakat - Geliebter Lügner

2008 – Plakat – Geliebter Lügner

Vorstellungstermine:
Samstag, 08. November 2008, 20 Uhr, Première
Freitag / Samstag, 14. / 15. November, 20 Uhr
Sonntag, 16. November, 17 Uhr
Freitag / Samstag, 21. / 22. November, 20 Uhr
Sonntag, 23. November, 17 Uhr
Freitag / Samstag, 28. / 29. November, 20 Uhr
Sonntag, 30. November, 17 Uhr

Im Ensemble TAM OST – Produktion
(Klick zum zei­gen)
Regie: Renate Pröbstl, 
Carsten Schmidt
Bühne: Ensemble
Licht/Ton:  
Kostüm: Ensemble
Plakat: Alexander Schoenhoff
Fotografie:

Albert Aschl


Im Ensemble TAM OST – Schauspiel
(Klick zum zei­gen)
Schauspieler als
Renate M. Mayer  Beatrice Stella Patrick Campbell
Reiner Schmähling  George Bernard Shaw

Zum Inhalt:

"Stella Patrick Campbell und George Bernhard Shaw" (lnr) Renate M. Mayer und Reiner Schmähling,  Foto: Albert Aschl

Stella Patrick Campbell und George Bernhard Shaw” (lnr) Renate M. Mayer und Reiner Schmähling,
Foto: Albert Aschl

1899, als George Bernard Shaw zwei­und­vier­zig Jahre alt war, ein renom­mier­ter Journalist und geist­rei­cher Kritiker, jedoch als Dramatiker noch ganz in sei­nen Anfängen, begann sein Briefwechsel mit der acht Jahre jün­ge­ren Schauspielerin Stella Patrick Campbell, die damals auf der Höhe ihres Ruhmes stand.

"Stella Patrick Campbell und George Bernhard Shaw" (lnr) Renate M. Mayer und Reiner Schmähling, Foto: Albert Aschl

Stella Patrick Campbell und George Bernhard Shaw” (lnr) Renate M. Mayer und Reiner Schmähling, Foto: Albert Aschl

Stella, Stella“, hat­te Shaw sie gewarnt, „schließ die Augen fest zu vor die­sem ein­schmei­cheln­den Iren, die­sem Lügner und Schauspieler. Er wird sei­nen Füllhalter in dein Herzblut tun­ken und dei­ne gehei­ligts­ten Empfindungen auf der Bühne ver­kau­fen…“. Stella ließ sich zum Glück von die­ser Warnung nicht beir­ren. Vierzig Jahre lang schrie­ben sie sich Briefe: über Nichtigkeiten und Wichtigkeiten, Theater und Zeitgeschichte, über ihr Leben und das Leben über­haupt.

Der ame­ri­ka­ni­sche Schauspieler und Regisseur Jerome Kilty hat 1959 aus die­sen Briefen eine bezau­bern­de Komödie mon­tiert. Sie stammt zwar nicht von Shaw, ent­hält aber kein Wort, das er nicht schrieb oder das nicht an ihn gerich­tet war. Die zärt­li­chen, ver­spiel­ten, unmu­ti­gen, gereiz­ten, gefühl­vol­len, geschei­ten und immer geist­rei­chen Briefe spie­geln zwei unge­wöhn­li­che, büh­nen­rei­fe Lebensgeschichten.

Irisches Raubein und eng­li­sche Lady

"Stella Patrick Campbell und George Bernhard Shaw" (lnr) Renate M. Mayer und Reiner Schmähling,  Foto: M. Jacobi

Stella Patrick Campbell und George Bernhard Shaw” (lnr) Renate M. Mayer und Reiner Schmähling, Foto: M. Jacobi

Sie schrie­ben sich über 40 Jahre lang Briefe, der berühm­te iri­sche Dramatiker George Bernhard Shaw und die Schauspielerin Stella Patrick Campbell. Diese Korrespondenz fand man nach dem Tod der Aktrice unter ihrem Bett in einer Hutschachtel.

Der Autor, Regisseur und Schauspieler Jerome Kilty schuf an Hand des Briefwechsels die sze­ni­sche Fassung «Geliebter Lügner», eine bezau­bern­de Komödie mit zwei Paraderollen für die Darsteller.

Renate Pröbstl und Carsten Schmidt insze­nier­ten nun das Stück für das Theater am Markt erwähl­ten sich in Renate M. Mayer und Reiner Schmähling zwei Schauspieler, die von Beginn über­zeug­ten. Auf der Bühne und an den Wänden des Theaters gaben Portraits und Kalligrafien, dazu Schleierhütchen, Regenschirme unter ande­rem aus der Zeit von 1890 bis 1930 Einblick in das Leben des Dramatikers und der Schauspielerin.

Ein Schreibpult, ein Bodouir-Tischchen, ein paar Requisiten genüg­ten als Ausstattung für die­ses amü­san­te Kammerspiel, das bei­de Darsteller über­aus gelun­gen in Szene setz­ten. Freilich hat­ten sie mit Shaws geist­rei­chen Briefen, mal ver­liebt schwär­me­risch, aber auch iro­nisch bis bos­haft und Campells schlag­fer­ti­gen, humor­vol­len Paroli wun­der­ba­res Textmaterial. Er nann­te sie sei­ne wei­ße Marmorlady, bezeich­net sie aber auch als «Veteranin der Bühne» , für die er sein berühm­tes Stück «Pygmalion» schrieb. «Ich bin kein aus­ge­dien­tes Rennpferd» kon­ter­te die belei­dig­te Stella. Sie war 49 Jahre alt und soll­te die Rolle der knapp 20-jäh­ri­gen Eliza Doolittle spie­len, was ihr natür­lich dank ihres Talents mit über­wäl­ti­gen­dem Erfolg gelang.

In hüb­schem Regieeinfall gab es ein «Spiel im Spiel: «Renate Mayer als Stella Patrick Campell und Reiner Schmähling in der Rolle Shaws las­sen Marionetten in Rollen aus «Pygmalion» auf­tre­ten und lei­hen ihnen ihre Stimme. Höchst ver­gnüg­lich, wie Renate Mayer die Gefühlsausbrüche der Eliza Doolittle wie­der­gibt und den Ärger der Diva Campell über die Mühen mit dem Cockney-Englisch «der hüb­schen Schlampe».

Alle Empfindungen und Gemütszustände der kapri­ziö­sen Schauspielerin bringt Renate Mayer bis in kleins­te Nuancen wun­der­bar zum Ausdruck. Sie kann mali­zi­ös spot­ten, gekränkt schmol­len, die stol­ze Grand Dame mit Pelzstola eben­so wie die Freundin in Nöten ver­kör­pern, kann flir­ten, schwin­deln, tri­um­phie­ren und resi­gnie­ren.

Ganz treff­lich gibt Reiner Schmähling einen G. B. Shaw mit all sei­ner ver­lieb­ten Ungestümheit, sei­ner maß­lo­sen Eitelkeit, Überheblichkeit, sei­ner Eifersucht, sei­nem Zynismus eben­so wie sei­ner Zärtlichkeit und sei­ner unglaub­li­chen Eloquenz wie­der. Köstlich, wenn bei­de Darsteller bei einer Lese- und Spielprobe dem Shaw Stück «Der Kaiser von Amerika», das unüber­seh­ba­re Parallelen zu ihrer bei­der Geschichte hat, förm­lich aus der Fassung gera­ten. Doch selbst geschlif­fens­te Wortgefechte las­sen die Zuneigung spü­ren, zwi­schen dem iri­schen Rauhbein und der eng­li­schen Lady. Einige Kürzungen bekä­men dem Stück, das in sei­ner Inszenierung sonst sehr gut gefällt, aber trotz­dem. Langanhaltender und herz­li­cher Applaus belohn­te die sen­si­ble Regie und die famo­sen Akteure.

Eine lange Liebe in Briefen

Von Raimund Feichtner

"George Bernhard Shaw und Stella Patrick Campbell" (lnr) Reiner Schmähling und Renate M. Mayer,  Foto: M. Jacobi

George Bernhard Shaw und Stella Patrick Campbell” (lnr) Reiner Schmähling und Renate M. Mayer, Foto: M. Jacobi

Man darf ein Stück nicht schon in der Pause beur­tei­len. Das soll­te nicht nur eine Maßgabe für Kritiker, son­dern auch für Zuschauer sein.

Aber Auto Jerome Kilty, die Akteure Renate M. Mayer und Reiner Schmähling und das Regieduo, Renate Pröbstl und Carsten Schmidt, haben es dem Publikum mit der Komödie «Geliebter Lügner» im Rosenheimer TAM OST nicht leicht gemacht.

Denn das Stück mon­tier­te Jerome Kilty 1959 aus dem 40 Jahre andau­ern­den Briefwechsel des berühm­ten iri­schen Dichters George Bernard Shaw (1856 bis 1950) mit Beatrice Stella Patrick Campbell (1865 bis 1940), eine der bedeu­tends­ten Schauspielerinnen ihrer Zeit. Und so war die ange­kün­dig­te Komödie zu Beginn eher eine sze­ni­sche Lesung, in einem lie­be­voll ange­rich­ten Bühnenbild, das vor und nach dem Stück und in der Pause gleich­zei­tig als infor­ma­ti­ver Ausstellungsraum über das Leben der bei­den Künstler dien­te.

Beide waren ver­hei­ra­tet, als sie 1899 ihren Briefwechsel began­nen. Im Jahr dar­auf fiel ihr Mann Patrick Campbell im Burenkrieg. Sie nann­ten sich Stella und Joey. Hunderte von Briefen schrie­ben sie sich bis zu Stellas Tod im Jahr 1940. 1952, zwei Jahre nach Shaws Tod, wur­den die Briefe, von Shaw selbst noch zusam­men­ge­stellt, ver­öf­fent­licht. Es sind geist­rei­che, gefühl­vol­le, zärt­li­che, aber auch gereiz­te und unmu­ti­ge Zeugnisse einer lei­den­schaft­li­chen Zuneigung.

Wie die­se Zuneigung ent­wi­ckel­ten sich auch in der Aufführung Emotionen und Nähe. Lasen Renate Mayer und Reiner Schmähling anfangs die Briefe noch abwech­selnd am Tisch sit­zend bei einem Glas Wein (sie) und am Pult ste­hend bei einem Kännchen Tee (er) zum Publikum gewandt, so ging die Lesung doch lang­sam in gemein­sa­mes Spiel über.

Zu ver­dan­ken war dies vor allem der mit­rei­ßen­den Bühnenpräsenz von Renate Mayer. Reiner Schmähling konn­te sich nur schwer vom Vortragston des Vorlesers lösen. Für ihn blieb Shaw eine Ikone der Literatur und wur­de kaum zum füh­len­den, aber auch ego­zen­tri­schen Menschen, als der er sich in sei­nen Briefen offen­bart. Shaw zeigt dabei deut­li­che Züge des Professors Higgins aus sei­nem berühm­ten Stück «Pygmalion». Für die schon 49-jäh­ri­ge Stella schrieb er die Rolle des armen unge­bil­de­ten Blumenmädchens Eliza Doolittle, das der Professor, um sein Können zu zei­gen, zu einem vor­neh­men Mitglied der Gesellschaft machen will. Die über­heb­li­che Arroganz des Professors muss nicht nur Eliza füh­len, son­dern auch Stella in den Briefen Shaws.

Von der Lesung zur tief­sin­ni­gen Komödie wur­de das Stück end­lich, als Renate Mayer und Reiner Schmähling mit Marionettenpuppen, gefer­tigt von Utz Elsässer, berühm­te Szenen aus «Pygmalion» spiel­ten. Da bril­lier­te Renate Mayer ber­li­nernd als Eliza und auch Reiner Schmähling leg­te als Higgins den sanf­ten Ton des Vorlesers ab.

Übrigens fand die Uraufführung von «Pygmalion» bereits in deut­scher Sprache 1913 in Wien statt. Die eng­li­sche Uraufführung unter der Regie von Shaw muss­te wegen eines Autounfalls von Beatrice Stella Patrick Campbell auf 11. April 1914 ver­scho­ben wer­den.

Nach der Première ließ Stella ihrem Joey mit­tei­len, dass sie den Schriftsteller Frederick Cornwallis-West gehei­ra­tet habe. Diese Ehe hielt nur ein paar Jahre und war auch nicht das Ende der Briefbeziehung. Doch sie war die rich­ti­ge Zäsur für die Pause.

Danach wur­de es erns­ter, tra­gi­scher, anrüh­ren­der. Immer direk­ter wur­de das Spiel zwi­schen Renate Mayer und Reiner Schmähling, der als Shaw in der Rolle des König Magnus vom Vorleser end­gül­tig zum Schauspieler wur­de.

Der Erste Weltkrieg setzt den Aufführungen von «Pygmalion» ein Ende. Der Sozialist Shaw ver­dammt den Krieg, in dem Stellas Sohn drei Wochen vor dem Ende fällt. Nach dem Krieg hat sie es schwer, in der neu­en Ära Fuß zu fas­sen. Die Rollen wer­den weni­ger, aber ihr Stolz bleibt. Für sie wird es ein Überlebenskampf im Alter, wäh­rend Shaw, der Literaturnobelpreisträger und Oscargewinner, immer berühm­ter wird. Dies spie­gelt sich in einem schon tra­gi­ko­misch wir­ken­den Briefwechsel. Beide strei­ten sich auch über die mög­li­che Veröffentlichung ihrer Briefe. Diese wer­den schließ­lich nach Stellas Tod – sie stirbt ver­armt in Frankreich – von einer Freundin unter dem Bett in einer Hutschachtel gefun­den.

Die Komödie im Theater am Markt-Ost ent­pupp­te sich schließ­lich nicht nur als Vorlesestunde für Literaturfreunde, son­dern auch als ein amü­san­tes und anrüh­ren­des Spiel über eine heim­li­che, gro­ße Liebe. Doch die für man­chen Zuschauer sicher inter­es­san­te Frage, ob Herr Shaw und Frau Campbell mit­ein­an­der nur eine rein pla­to­ni­sche Beziehung hat­ten und die­se sich auf das Schreiben von Briefen beschränk­te, wur­de nicht beant­wor­tet.