Tra­gi­ko­mö­die von Anton Tsche­chow

Regie: Ste­fan Vin­cent Schmidt 

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(lnr) „Olga, Iri­na und Mascha“, Sabi­ne Herr­berg, Ele­na Schmid und Mir­jam Ber­ta­gnol­li, Bild: Gün­ther Stranz­in­ger

„Die Zeit ver­geht und wir wer­den auf ewig dahin­ge­hen, man wird uns ver­ges­sen…“, so fürch­ten die drei Schwes­tern: die jun­ge, lebens­hung­ri­ge Iri­na, die von ihrem Mann gelang­weil­te Mascha und die unver­hei­ra­te­te Olga, die Ältes­te und gestress­te Schul­di­rek­to­rin wider Wil­len.

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(lnr) „Andrej und Fer­a­pont“, Ste­fan Hanus und Klaus Pasch­ke, Bild: Gün­ther Stranz­in­ger

Alle Hoff­nung set­zen sie auf ihren lebens­un­tüch­ti­gen Bru­der Andrej, der eine Pro­fes­sur in Mos­kau bekom­men könn­te – oder nicht? Alle Geschwis­ter träu­men von MOS­KAU!!! – der ach so fer­ne Sehn­suchts­ort bedeu­tet Ret­tung vor dem Ver­wel­ken, aus der Tris­tesse der Pro­vinz, wo außer den Sol­da­ten nichts die trä­ge Lan­ge­wei­le ver­treibt.
Iri­na: „Wir müs­sen doch irgend­wie leben…“

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(lnr) „Anfis­sa, Fer­a­pont, Olga und Iri­na“, Sil­via Hof­mann, Klaus Pasch­ke, Sabi­ne Herr­berg, Ele­na Schmid, Bild: Gün­ther Stranz­in­ger

Jede ver­sinkt in ihren Tag­träu­men, ver­zehrt sich im Geis­te nach einem auf­re­gen­den Leben in der gro­ßen Stadt. Doch ihr fast kind­li­cher Lebens­durst lässt sie in Schwär­me­rei­en abrut­schen, die ihr Unglück nur noch spür­ba­rer machen. Andrej in sei­ner Unge­schick­lich­keit ver­fällt der berechnen­den Nata­scha und schließ­lich der Spiel­sucht, so dass Haus und Hof bald ver­lo­ren sind.

Iri­na: „Irgend­wann wird eine Zeit kom­men, in der die Leu­te ver­ste­hen wer­den, wofür all das gut war.“

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(lnr) „Wer­schi­nin und Mascha“, Klaus Schö­berl und Mir­jam Ber­ta­gnol­li, Bild: Gün­ther Stranz­in­ger
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(lnr) „Kuly­gin, Tusen­bach, Tsche­but­y­kin, Iri­na und Wer­schi­nin“, Mar­tin Schö­nacher, Oli­ver Schmid, Heinz W. War­n­e­mann, Ele­na Schmid, Klaus Schö­berl, Bild: Gün­ther Stranz­in­ger

Tsche­chows drei Schwes­tern sind komisch, ja erhei­ternd in ihrem unend­li­chen und hoff­nungs­lo­sen Selbst­mit­leid: Olga:  „ …man wird uns ver­ges­sen, unse­re Gesich­ter, Stim­men, man wird ver­ges­sen wie­viel wir waren.“ Doch die­se drei Schwes­tern zie­hen uns in ihren Bann, wir lachen und wei­nen mit ihnen.
Nie­mand wird die­se wun­der­vol­le schwer­mü­ti­ge Komö­die ver­ges­sen kön­nen.

ovb, 25.9.2019, von Klaus Kuhn
Den Ori­gi­nal­bei­trag fin­den Sie wie gewohnt hier: https://www.ovb-online.de/rosenheim/kultur/glueck-gibt-nicht-tschechow-13040365.html

Das Glück gibt es nicht bei Tsche­chow

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 Sinn­ent­leer­ter Small­talk im Salon: (lnr) „Mascha, Sol­j­o­ny, Andrej, Wer­schi­nin und Olga“, Mir­jam Betragnol­li, Alex­an­der Schoe­n­hoff, Ste­fan Hanus, Klaus Schö­berl und Sabi­ne Herr­berg, Bild: Gün­ther Stranz­in­ger

Das ENSEM­BLE TAM OST spielt in ergrei­fen­der Insze­nie­rung den Klas­si­ker „Drei Schwes­tern“ Alle auf der Büh­ne lang­wei­len sich. Sie trin­ken Tee, klim­pern am Kla­vier, reden mit- und vor allem anein­an­der vor­bei. „Die drei Schwes­tern“ spie­len um die Jahr­hun­dert­wen­de in der rus­si­schen Pro­vinz, doch das Ensem­ble des TAM OST zeigt unter der Regie von Ste­fan Vin­cent Schmidt das Stück von Anton Tsche­chow als Bild einer sinn­ent­leer­ten Exis­tenz.

Dra­ma­tur­gi­sche Her­aus­for­de­rung

Tsche­chows „Drei Schwes­tern“ sind für jeden Regis­seur eine Her­aus­for­de­rung, gibt es doch weder einen klas­si­sche Haupt­fi­gur noch eine dra­ma­ti­sche Hand­lung. Das Stück hat auch nicht drei Haupt­rol­len, son­dern zehn bestim­men­de Figu­ren. Schmidt ist das gro­ße Kunst­stück gelun­gen, alle Rol­len typ­ge­nau zu beset­zen. Das Ensem­ble schafft es in einer bemer­kens­wer­ten schau­spie­le­ri­schen Leis­tung, kei­ne blo­ßen Kari­ka­tu­ren abzu­lie­fern, son­dern Men­schen dar­zu­stel­len, an deren Schick­sal das Publi­kum ech­ten Anteil nimmt. Olga, Mascha und Iri­na Die drei Schwes­tern, das sind auch drei Lebens­ent­wür­fe:

Da ist Olga (Sabi­ne Herr­berg), die ältes­te, über­for­dert vom Leben und von ihrem Leh­re­rin­nen-Job, geprägt von der Angst, als alte Jung­fer zu enden. Gleich zu Anfang steht Sabi­ne Herr­berg lan­ge Sekun­den mit zit­tern­dem Kinn wort­los auf der Büh­ne, wie als vor­weg­ge­nom­me­ne Zusam­men­fas­sung ihrer Rol­le.

Ihre Schwes­ter Mascha (Mir­jam Ber­ta­gnol­li mit sub­ti­ler Dar­stel­lung über­zeu­gend) ist unglück­lich ver­hei­ra­tet. Sie ver­ach­tet ihren Mann, den Latein­leh­rer Kuly­gin, den Mar­tin Schö­nacher als pene­trant gut gelaun­te Ner­ven­sä­ge spielt.

Die jüngs­te Schwes­ter Iri­na (Ele­na Schmid) träumt von der gro­ßen Lie­be und einer Arbeit, die sie sinn­voll erfüllt. Schmid tän­zelt zunächst mäd­chen­haft-bar­fuß im Kleid­chen, wird letzt­end­lich aber glaub­haft von Ver­zweif­lung über­wäl­tigt.

Sie alle wol­len nur weg aus der Gar­ni­sons­stadt. Sie sind gebil­det, sind talen­tiert – und gleich­zei­tig wie gelähmt, unfä­hig, in der Gegen­wart zu leben. Statt zu han­deln bleibt man lie­ber unglück­lich, phi­lo­so­phiert über die fer­ne Zukunft und schwärmt von Mos­kau. Mos­kau! Die Haupt­stadt wird zum Sehn­suchts­ort, der für ein glück­li­ches Leben steht.

Sehn­suchts­ort Mos­kau

Ihre Fahr­kar­te dort­hin soll ihr Bru­der Andrej (Ste­fan Hanus) sein, der eine Pro­fes­sur anstrebt. Doch dazu müss­te er aus sei­ner Lethar­gie erwa­chen. Andrej endet als Beam­ter der Land­ver­wal­tung: „Unkünd­bar. Und dar­auf bin ich stolz“, ver­kün­det er. Hanus spielt ihn als sen­si­blen, behä­bi­gen Bär, über­for­dert von den eige­nen und an ihn her­an­ge­tra­ge­nen Erwar­tun­gen.

Nicht viel bes­ser sind die Offi­zie­re der Gar­ni­son, die bei den Schwes­tern ein- und aus­ge­hen. Da ist Leut­nant Tusen­bach (Oli­ver Schmid, schön chan­gie­rend zwi­schen gelang­weilt und idea­lis­tisch), der Iri­na den Hof macht.

In sie ver­liebt ist auch Haupt­mann Sol­j­o­ny. Doch sei­ne Unsi­cher­heit droht stän­dig, in Aggres­si­on umzu­schla­gen. Alex­an­der Schoe­n­hoff gibt ihm psy­cho­pa­thi­sche Züge. Vor Ener­gie sprü­hend, wie ein­ge­sperrt in sei­nem Kör­per, scheint er immer kurz vor dem Aus­bruch zu ste­hen.

Armee­arzt Tsche­but­y­kin (Heinz W. War­n­e­mann) hat jede Ambi­ti­on auf­ge­ge­ben, lässt schick­sals­er­ge­ben die Zeit ver­rin­nen und kämpft mit dem Suff. Ergrei­fend spielt War­n­e­mann eine Sze­ne, in der er am Boden krie­chend den Wod­ka auf­wischt.

Zum Schei­tern ver­ur­teilt Kom­man­deur Wer­schi­nin (Klaus Schö­berl viel­schich­tig und nuan­ciert) flüch­tet sich aus der Ehe mit sei­ner labi­len Frau ins Phi­lo­so­phie­ren und in eine Affä­re mit Mascha. Die, zunächst erfüllt von Trau­er und Lang­wei­le, lebt nur in ihrer letzt­end­lich zum Schei­tern ver­ur­teil­ten Lie­be zu Wer­schi­nin auf.

Klaus Pasch­ke tappt als mit­leid­erre­gend grei­ser Büro­bo­te Fer­a­pont durch das Stück.

Bemer­kens­wert die Leis­tung von Eva Maria Kap­ser: Sie über­nahm kurz­fris­tig die Rol­le von Andre­js Ver­lob­ter Nata­scha für die erkrank­te Jut­ta Schmidt. Die Pro­fi-Schau­spie­le­rin stö­ckel­te auf hohen Absät­zen in Mini-Kleid­chen über die Büh­ne und wan­del­te sich vom nai­ven Mäd­chen in eine furi­en­haf­te Über­mut­ter, die die Herr­schaft im Haus­halt an sich reißt.

Alle die­se Figu­ren ver­stri­cken sich in ihren Gefüh­len und geschei­ter­ten Träu­men. Sie trei­ben nicht die Hand­lung vor­an, son­dern erlei­den sie allen­falls. „Wie die Zeit weg­tickt“, sagt Andrej ein­mal.

Am Ende hat sich für nie­man­den die Hoff­nung auf Glück erfüllt – bis auf die treue, in ihrer Nai­vi­tät berüh­ren­de Die­ne­rin Anfis­sa (Sil­via Hof­mann): Sie bekommt mit über 90 Jah­ren end­lich ein eige­nes Zim­mer.

Tsche­chows Geschich­te wird zum Sinn­bild des Daseins, in dem der Mensch sein Schick­sal nicht selbst in der Hand hat. Im Lauf des Stü­ckes wird die Büh­ne zuneh­mend zuge­baut, was den Ein­druck der immer gerin­ge­ren Hand­lungs­spiel­räu­me und letzt­end­li­chen Aus­weg­lo­sig­keit noch ver­stärkt (Büh­nen­bild Ste­fan Vin­cent Schmidt). Ein for­dern­des, inten­si­ves Stück für die Schau­spie­ler, aber auch für die Zuschau­er. Knapp drei Stun­den ergrei­fen­de Spiel­zeit waren es am Ende. Doch wie sag­te Mar­cel Reich-Rani­cki: „Eigent­lich lang­wei­len sich bei Tsche­chow alle – nur nicht das Publi­kum.“

Zur Gale­rie mit Fotos von Gün­ther Stranz­in­ger: https://photos.app.goo.gl/MoaSpdfyWYefWs7AA

"Fjodor Iljitsch Kulygin", Martin Schönacher, Bild: Günther Stranzinger
„Fjo­dor Iljitsch Kuly­gin“, Mar­tin Schö­nacher, Bild: Gün­ther Stranz­in­ger
(lnr) "Tschebutykin und Soljony" Heinz W. Warnemann und Alexander Schoenhoff, Bild: Günther Stranzinger
(lnr) „Tsche­but­y­kin und Sol­j­o­ny“ Heinz W. War­n­e­mann und Alex­an­der Schoe­n­hoff, Bild: Gün­ther Stranz­in­ger
"Irina, Mascha, Olga" (lnr) Elena Schmidt, Mirjam Bertagnolli, Sabine Herrberg, Bild Alexander Schoenhoff
„Iri­na, Mascha, Olga“ (lnr) Ele­na Schmidt, Mir­jam Ber­ta­gnol­li, Sabi­ne Herr­berg, Bild Alex­an­der Schoe­n­hoff

PRE­MIE­RE:  Sa 21. SEP­TEM­BER 2019

WEI­TE­RE TER­MI­NE
Fr/Sa 27/28 Sep­tem­ber
So 29 Sep­tem­ber
Fr/Sa 04/05 Okto­ber
So 06 Okto­ber
Fr/Sa 11/12 Okto­ber
So 13 Okto­ber
Fr/Sa 18/19 Okto­ber

Spiel­be­ginn: 
Frei­tags und Sams­tags 20 Uhr,
Sonn­tags 17 Uhr
Ein­lass:
ca. 15 Min. vor Spiel­be­ginn

Im ENSEM­BLE TAM OST

Regie:Ste­fan Vin­cent Schmidt
Assis­tenz:Mari­an­ne Eckardt 
Büh­ne:Ste­fan Vin­cent Schmidt 
Licht/Ton:Nor­bert Rei­che 
Kos­tüm:Ensem­ble
Foto­gra­fie:Gün­ther Stranz­in­ger
Pro­gramm Text:Male­en Schult­ka
Pla­kat, Pro­gramm Lay­out:Alex­an­der Schoe­n­hoff
 Schau­spie­lerals
Mir­jam Ber­ta­gnol­liMascha Kuly­gi­na (geb. Pro­sorow­na)
Sabi­ne Herr­bergOlga
Sil­via Hof­mannAnfis­sa
Ele­na SchmidIri­na
Jut­ta Schmidt
und
Eva Maria Kap­ser
(Nur zur Pre­mie­re)
Nata­scha Pro­soro­wa (geb. Iwa­now­na)
Ste­fan HanusAndrej Ser­ge­je­witsch Pro­sorow
Klaus Pasch­keFer­a­pont
Oli­ver SchmidBaron Niko­lai Lwo­witsch Tusen­bach
Klaus Schö­berlAlex­an­der Ignat­je­witsch Wer­schi­nin
Mar­tin Schö­nacherFjo­dor Iljitsch Kuly­gin
Alex­an­der Schoe­n­hoffWas­si­li Was­sil­je­witsch Sol­j­o­ny
Heinz W. War­n­e­mannIwan Roma­no­witsch Tsche­but­y­kin

Schlag­wor­te zum Stück