DREI SCHWESTERN

von Anton Tschechow 

ZUM STÜCKZUR KRITIK

 

Vorstellungstermine:

2019 - Plakat - DREI SCHWESTERN, Modelle: Elena Schmid, Mirjam Bertagnolli, Sabine Herrberg, Bild: Alexander Schoenhoff

2019 – Plakat – DREI SCHWESTERN, Modelle: Elena Schmid, Mirjam Bertagnolli, Sabine Herrberg, Bild: Alexander Schoenhoff

Samstag, 21. September 2019, 20 Uhr, Première
Fr 27.09.19 / Sa 28.09.19 / So 29.09.19
Fr 04.10.19 / Sa 05.10.19 / So 06.10.19
Fr 11.10.19 / Sa 12.10.19 / So 13.10.19
Fr 18.10.19 / Sa 19.10.19
Spielbeginn: Fr, Sa 20 Uhr, So 17 Uhr

(Klicken zum anzei­gen)
Im Ensemble TAM OST – Produktion
Regie: Stefan V. Schmidt
Assistenz: Marianne Eckardt
Bühne: Stefan Bertagnolli
Licht/Ton: Norbert Reiche
Kostüm: Ensemble
Fotografie: Günther Stranzinger
Programm Text: Maleen Schultka
Plakat, Programm Layout: Alexander Schoenhoff
Im Ensemble TAM OST – Schauspiel (Klick zum zei­gen)
Schauspieler als
Mirjam Bertagnolli Mascha Kulygina (geb. Prosorowna) 
Sabine Herrberg Olga
Silvia Hofmann Anfissa
Elena Schmid Irina
Jutta Schmidt
und
Eva Maria Kapser
(Nur zur Première)
Natascha Prosorowna (geb. Iwanowna)
Stefan Hanus Andrej Sergejewitsch Prosorow
Klaus Paschke Ferapont
Oliver Schmid Baron Nikolai Lwowitsch Tusenbach
Klaus Schöberl Alexander Ignatjewitsch Werschinin
Martin Schönacher Fjodor Iljitsch Kulygin
Alexander Schoenhoff Wassili Wassiljewitsch Soljony
Heinz W. Warnemann Iwan Romanowitsch Tschebutykin

Zum Inhalt:

(lnr) "Olga, Irina und Mascha", Sabine Herrberg, Elena Schmid und Mirjam Bertagnolli, Bild: Günther Stranzinger

(lnr) „Olga, Irina und Mascha”, Sabine Herrberg, Elena Schmid und Mirjam Bertagnolli, Bild: Günther Stranzinger

Die Zeit ver­geht und wir wer­den auf ewig dahin­ge­hen, man wird uns ver­ges­sen…“, so fürch­ten die drei Schwestern: die jun­ge, lebens­hung­ri­ge Irina, die von ihrem Mann gelang­weil­te Mascha und die unver­hei­ra­te­te Olga, die Älteste und gestress­te Schuldirektorin wider Willen.

(lnr) "Andrej und Tschebutykin", Stefan Hanus und Heinz W. Warnemann, Bild: Günther Stranzinger

(lnr) „Andrej und Tschebutykin”, Stefan Hanus und Heinz W. Warnemann, Bild: Günther Stranzinger

Alle Hoffnung set­zen sie auf ihren lebens­un­tüch­ti­gen Bruder Andrej, der eine Professur in Moskau bekom­men könn­te – oder nicht? Alle Geschwister träu­men von MOSKAU!!! – der ach so fer­ne Sehnsuchtsort bedeu­tet Rettung vor dem Verwelken, aus der Tristesse der Provinz, wo außer den Soldaten nichts die trä­ge Langeweile ver­treibt. 
Irina: „Wir müs­sen doch irgend­wie leben…“

 

(lnr) "Werschinin, Mascha und Tusenbach", Klaus Schöberl, Mirjam Bertagnolli und Oliver Schmid, Bild: Günther Stranzinger

(lnr) „Werschinin, Mascha und Tusenbach”, Klaus Schöberl, Mirjam Bertagnolli und Oliver Schmid, Bild: Günther Stranzinger

Jede ver­sinkt in ihren Tagträumen, ver­zehrt sich im Geiste nach einem auf­re­gen­den Leben in der gro­ßen Stadt. Doch ihr fast kind­li­cher Lebensdurst lässt sie in Schwärmereien abrut­schen, die ihr Unglück nur noch spür­ba­rer machen. Andrej in sei­ner Ungeschicklichkeit ver­fällt der berech­nen­den Natascha und schließ­lich der Spielsucht, so dass Haus und Hof bald ver­lo­ren sind.

(lnr) "Kulygin, Tusenbach, Tschebutykin, Irina, Werschinin", Martin Schönacher, Oliver Schmid, Heinz W. Warnemann, Elena Schmid und Klaus Schöberl, Bild: Günther Stranzinger

(lnr) „Kulygin, Tusenbach, Tschebutykin, Irina, Werschinin”, Martin Schönacher, Oliver Schmid, Heinz W. Warnemann, Elena Schmid und Klaus Schöberl, Bild: Günther Stranzinger

Irina: „Irgendwann wird eine Zeit kom­men, in der die Leute ver­ste­hen wer­den, wofür all das gut war.“

Tschechows drei Schwestern sind komisch, ja erhei­ternd in ihrem unend­li­chen und hoff­nungs­lo­sen Selbstmitleid: Olga:  „ …man wird uns ver­ges­sen, unse­re Gesichter, Stimmen, man wird ver­ges­sen wie­viel wir waren.“ Doch die­se drei Schwestern zie­hen uns in ihren Bann, wir lachen und wei­nen mit ihnen. 

Niemand wird die­se wun­der­vol­le schwer­mü­ti­ge Komödie ver­ges­sen kön­nen.

 

Vorpremiere auf Radio Regenbogen hier zu hören:

(Das Original fin­den Sie natür­lich hier: http://www.radio-regenbogen-rosenheim.de/news/vorpremiere-im-radio,3244)

Weiter zur Galerie mit Fotos von Günther Stranzinger: https://photos.app.goo.gl/MoaSpdfyWYefWs7AA

ovb, 25.9.2019, von Klaus Kuhn
Den Originalbeitrag finden Sie wie gewohnt hier: https://www.ovb-online.de/rosenheim/kultur/glueck-gibt-nicht-tschechow-13040365.html

Das Glück gibt es nicht bei Tschechow

(lnr) "Mascha, Soljony, Andrej, Werschinin und Olga", Mirjam Betragnolli, Alexander Schoenhoff, Stefan Hanus, Klaus Schöberl und Sabine Herberg, Bild: Günther Stranzinger

Sinnentleerter Smalltalk im Salon: (lnr) „Mascha, Soljony, Andrej, Werschinin und Olga”, Mirjam Betragnolli, Alexander Schoenhoff, Stefan Hanus, Klaus Schöberl und Sabine Herberg, Bild: Günther Stranzinger

Das ENSEMBLE TAM OST spielt in ergrei­fen­der Inszenierung den Klassiker „Drei Schwestern“ Alle auf der Bühne lang­wei­len sich. Sie trin­ken Tee, klim­pern am Klavier, reden mit- und vor allem anein­an­der vor­bei. „Die drei Schwestern“ spie­len um die Jahrhundertwende in der rus­si­schen Provinz, doch das Ensemble des TAM OST zeigt unter der Regie von Stefan Vincent Schmidt das Stück von Anton Tschechow als Bild einer sinn­ent­leer­ten Existenz.

Dramaturgische Herausforderung

Tschechows Stück „Drei Schwestern“ ist für jeden Regisseur eine Herausforderung, gibt es doch weder einen klas­si­sche Hauptfigur noch eine dra­ma­ti­sche Handlung. Das Stück hat auch nicht drei Hauptrollen, son­dern zehn bestim­men­de Figuren. Schmidt ist das gro­ße Kunststück gelun­gen, alle Rollen typ­ge­nau zu beset­zen. Das Ensemble schafft es in einer bemer­kens­wer­ten schau­spie­le­ri­schen Leistung, kei­ne blo­ßen Karikaturen abzu­lie­fern, son­dern Menschen dar­zu­stel­len, an deren Schicksal das Publikum ech­ten Anteil nimmt. Olga, Mascha und Irina Die drei Schwestern, das sind auch drei Lebensentwürfe:

Da ist Olga (Sabine Herrberg), die ältes­te, über­for­dert vom Leben und von ihrem Lehrerinnen-Job, geprägt von der Angst, als alte Jungfer zu enden. Gleich zu Anfang steht Sabine Herrberg lan­ge Sekunden mit zit­tern­dem Kinn wort­los auf der Bühne, wie als vor­weg­ge­nom­me­ne Zusammenfassung ihrer Rolle.

Ihre Schwester Mascha (Mirjam Bertagnolli mit sub­ti­ler Darstellung über­zeu­gend) ist unglück­lich ver­hei­ra­tet. Sie ver­ach­tet ihren Mann, den Lateinlehrer Kulygin, den Martin Schönacher als pene­trant gut gelaun­te Nervensäge spielt.

Die jüngs­te Schwester Irina (Elena Schmid) träumt von der gro­ßen Liebe und einer Arbeit, die sie sinn­voll erfüllt. Schmid tän­zelt zunächst mäd­chen­haft-bar­fuß im Kleidchen, wird letzt­end­lich aber glaub­haft von Verzweiflung über­wäl­tigt.

Sie alle wol­len nur weg aus der Garnisonsstadt. Sie sind gebil­det, sind talen­tiert – und gleich­zei­tig wie gelähmt, unfä­hig, in der Gegenwart zu leben. Statt zu han­deln bleibt man lie­ber unglück­lich, phi­lo­so­phiert über die fer­ne Zukunft und schwärmt von Moskau. Moskau! Die Hauptstadt wird zum Sehnsuchtsort, der für ein glück­li­ches Leben steht.

Sehnsuchtsort Moskau

Ihre Fahrkarte dort­hin soll ihr Bruder Andrej (Stefan Hanus) sein, der eine Professur anstrebt. Doch dazu müss­te er aus sei­ner Lethargie erwa­chen. Andrej endet als Beamter der Landverwaltung: „Unkündbar. Und dar­auf bin ich stolz“, ver­kün­det er. Hanus spielt ihn als sen­si­blen, behä­bi­gen Bär, über­for­dert von den eige­nen und an ihn her­an­ge­tra­ge­nen Erwartungen.

Nicht viel bes­ser sind die Offiziere der Garnison, die bei den Schwestern ein- und aus­ge­hen. Da ist Leutnant Tusenbach (Oliver Schmid, schön chan­gie­rend zwi­schen gelang­weilt und idea­lis­tisch), der Irina den Hof macht.

In sie ver­liebt ist auch Hauptmann Soljony. Doch sei­ne Unsicherheit droht stän­dig, in Aggression umzu­schla­gen. Alexander Schoenhoff gibt ihm psy­cho­pa­thi­sche Züge. Vor Energie sprü­hend, wie ein­ge­sperrt in sei­nem Körper, scheint er immer kurz vor dem Ausbruch zu ste­hen.

Armeearzt Tschebutykin (Heinz W. Warnemann) hat jede Ambition auf­ge­ge­ben, lässt schick­sals­er­ge­ben die Zeit ver­rin­nen und kämpft mit dem Suff. Ergreifend spielt Warnemann eine Szene, in der er am Boden krie­chend den Wodka auf­wischt.

Zum Scheitern ver­ur­teilt Kommandeur Werschinin (Klaus Schöberl viel­schich­tig und nuan­ciert) flüch­tet sich aus der Ehe mit sei­ner labi­len Frau ins Philosophieren und in eine Affäre mit Mascha. Die, zunächst erfüllt von Trauer und Langweile, lebt nur in ihrer letzt­end­lich zum Scheitern ver­ur­teil­ten Liebe zu Werschinin auf.

Klaus Paschke tappt als mit­leid­erre­gend grei­ser Bürobote Ferapont durch das Stück.

Bemerkenswert die Leistung von Eva Maria Kapser: Sie über­nahm kurz­fris­tig die Rolle von Andrejs Verlobter Natascha für die erkrank­te Jutta Schmidt. Die Profi-Schauspielerin stö­ckel­te auf hohen Absätzen in Mini-Kleidchen über die Bühne und wan­del­te sich vom nai­ven Mädchen in eine furi­en­haf­te Übermutter, die die Herrschaft im Haushalt an sich reißt.

Alle die­se Figuren ver­stri­cken sich in ihren Gefühlen und geschei­ter­ten Träumen. Sie trei­ben nicht die Handlung vor­an, son­dern erlei­den sie allen­falls. „Wie die Zeit weg­tickt“, sagt Andrej ein­mal.

Am Ende hat sich für nie­man­den die Hoffnung auf Glück erfüllt – bis auf die treue, in ihrer Naivität berüh­ren­de Dienerin Anfissa (Silvia Hofmann): Sie bekommt mit über 90 Jahren end­lich ein eige­nes Zimmer.

Tschechows Geschichte wird zum Sinnbild des Daseins, in dem der Mensch sein Schicksal nicht selbst in der Hand hat. Im Lauf des Stückes wird die Bühne zuneh­mend zuge­baut, was den Eindruck der immer gerin­ge­ren Handlungsspielräume und letzt­end­li­chen Ausweglosigkeit noch ver­stärkt (Bühnenbild Stefan Vincent Schmidt). Ein for­dern­des, inten­si­ves Stück für die Schauspieler, aber auch für die Zuschauer. Knapp drei Stunden ergrei­fen­de Spielzeit waren es am Ende. Doch wie sag­te Marcel Reich-Ranicki: „Eigentlich lang­wei­len sich bei Tschechow alle – nur nicht das Publikum.“

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