DIE AMERIKANISCHE PÄPSTIN

von Esther Vilar

ZUM STÜCK

Vorstellungstermine:
Samstag, 10. März 2007, 20 Uhr, Première


Freitag / Samstag, 16. / 17. März, 20 Uhr
Sonntag, 18. März, 17 Uhr
Freitag / Samstag, 23. / 24. März, 20 Uhr
Sonntag, 25. März, 17 Uhr
Freitag / Samstag, 30. / 31. März, 20 Uhr

Im Ensemble TAM OST – Produktion (Klick zum zei­gen)
Regie: Renate Pröbstl
Assistenz
Bühne: Ensemble
Licht/Ton: Johanna Schumann
Kostüm: Ensemble
Plakat/Fotografie: Ensemble

Im Ensemble TAM OST – Schauspiel (Klick zum zei­gen)
Schauspieler als
Renate M. Mayer
Reiner Schmähling
Manfred Altmaier
Hermann Hiemer
Sebastian Zollner

OVB vom 13. März 2007:

Die Menschen brauchen Gebote

Die amerikanische Päpstin

Die ame­ri­ka­ni­sche Päpstin

Esther Vilar ist seit den 70er Jahren eine umstrit­te­ne Figur des Antifeminismus. 1971 gelang ihr mit ihrem Buch „Der dres­sier­te Mann” der Durchbruch als Schriftstellerin.

1982 schrieb sie das Theaterstück „Die Antrittsrede der ame­ri­ka­ni­schen Päpstin”. In der Bearbeitung von Renate Pröbstl und Renate M. Mayer gelang­te jetzt „Die ame­ri­ka­ni­sche Päpstin” unter der Regie von Renate Pröbstl im TAM-Ost auf der Bühne des Theaters am Markt mit Renate R. Mayer als Protagonistin zur Aufführung.Reiner Schmähling weist in der Rolle eines TV-Regisseurs auf die Aufzeichnung der Antrittsrede der eben gewähl­ten Päpstin hin, das Theaterpublikum wird ent­spre­chend auch als Publikum im Senderaum fun­gie­ren. Ein Kameramann (Sebstian Zollner), der über­aus bay­risch spre­chen muss, nimmt das Geschehen auf, das ein seit­li­cher Monitor wie­der­gibt. Die Hauptperson kommt durch die Zuschauerreihen zur Bühne. Wenn sich der Vorhang öff­net, wird ein rot­gol­de­ner Thron im Hintergrund sicht­bar, dazu die aus Holz geschnit­te­nen Silhouetten meh­re­rer Päpste und ein Kreuz, gefügt zu einem schier abs­trak­ten Gebilde zwei­er sich kreu­zen­den Metallleitern. Resolut erwählt sich die neue Vertreterin Gottes einen simp­len Metallhocker als Stuhl.

Vom ers­ten Schritt, den ers­ten Worten an nimmt die Schauspielerin mit abso­lu­ter Bühnenpräsenz die Aufmerksamkeit der Zuschauer für sich in Anspruch und behält sie strin­gent bis zum Ende der Aufführung. Kritisch und geist­reich von der Autorin ver­fasst, erspürt Renate Mayer jede Nuance der ver­schie­de­nen Facetten ihrer Rolle und bringt jeg­li­che Empfindung, jede Aussage zum Tragen. Höchst pro­fes­sio­nell ist ihre Artikulation, da wird nichts weg­ge­nu­schelt, auch lei­se Töne sind ver­ständ­lich. Wenn sie im lan­gen lila­far­be­nen Rock mit pas­send dezent gemus­ter­tem Oberteil durch­aus zurück­hal­tend weib­lich geklei­det ist, so set­zen knall­ro­te Pumps ein auf­müp­fi­ges Ausrufungszeichen.

Kurz erzählt die­se Frau von ihrer Herkunft aus den Slums von L.A., ihrem wei­te­ren Werdegang, deckt mit eini­gen Worten den ärm­li­chen Jetztzustand der Kirche auf und bedankt sich bei den welt­li­chen Geldgebern für Ermöglichung der Fernsehübertragung ihrer Amtsantrittsrede. Redegewandt „zer­pflückt” sie die Amtshandlungen ihrer Vorgänger. Je reform­wil­li­ger, libe­ra­ler, moder­ner unter ihnen die katho­li­sche Kirche wur­de, dabei auf Macht, Reichtum, Zeremonien und sogar den Anspruch auf Unfehlbarkeit ver­zich­te­te, umso mehr hat sie abge­wirt­schaf­tet, Millionen von Gläubigen ver­lo­ren, dem Islam Aufschwung gege­ben. Im Sprechgesang, auf der Gitarre dazu die Akkorde schla­gend, sagt die neue Vertreterin Gottes auf Erden den Männern und Frauen: „Ihr redet von Freiheit, doch mit der Freiheit leben, das wollt ihr nicht!” Sie geht durch die Reihen der Zuschauer und blickt in ihre Gesichter. „Was gut und böse ist, wer soll uns die Entscheidung abneh­men, unser Gewissen sein, wenn nicht die Kirche? Doch ein Gott, der sogar Kinder unmensch­lich lei­den lässt, was ist das für ein Gott? Einer, der uns nicht braucht. Die Menschen aber brau­chen ihn, sie brau­chen sei­ne Befehle, sei­ne Gebote.”

Diese Frau, die am Ende auf dem präch­ti­gen Thron Platz nimmt, in päpst­li­ches Ornat geklei­det wird und sich die Tiara auf­setzt, sie wird den Menschen geben, was sie brau­chen: Die Führung einer stren­gen, sinn­stif­ten­den Kirche. Bis ans Ende ihrer Tage wird sie die Kirche mit ihrer gan­zen Kraft aus den Trümmern füh­ren. Sie, die nicht gläu­big ist, wird dafür büßen, in dem sie die­se Last auf sich nimmt.

Als Zukunftsvision vor 25 Jahren ver­fasst, scho­ckier­te Esther Vilar damals die gläu­bi­ge Welt. Einiges ist seit­dem zwar in Bewegung gekom­men, doch was die Autorin anspricht, hat wei­ter­hin Gültigkeit. Und sie weiß: „Der Glaube an ein all­mäch­ti­ges Wesen ver­mag unse­re schlimms­ten Ängste, die vor der Sinnlosigkeit des Lebens, der Endgültigkeit des Todes und die vor der Freiheit zu mil­dern”.

Renate M. Mayer ist prä­de­sti­niert für die­ses Einfrauenstück, gibt die­ser Figur Autorität, Leidenschaft, Charme und Glaubwürdigkeit. Nicht nur, dass sie sou­ve­rän den Text einer ein­ein­halb­stün­di­gen Aufführung beherrscht, sie ist mit beein­dru­cken­der Selbstverständlichkeit einen Theaterabend lang die­se ein­ma­li­ge Johanna II. und ihr gebühr­te zu Recht der gro­ße Applaus des Publikums.

Margrit Jacobi


Rosenheimer Nachrichten vom 14. März 2007:

Amerikanische Frau wird Oberhaupt der Kirche

Rosenheim – Eine Zukunftsphantasie fei­er­te ver­gan­ge­nen Samstag im „Theater am Markt OST” Première: im Jahr 2030 soll die ers­te Frau in das höchs­te Amt der libe­ra­li­sier­ten katho­li­schen Kirche erho­ben wer­den. In einem Fernsehinterview blickt die „ame­ri­ka­ni­sche Päpstin” zurück in der Entwicklungsgeschichte der Kirche und kün­digt über­ra­schend an, alte christ­li­che Werte wie­der zu bele­ben.

Im Theaterstück „Die ame­ri­ka­ni­sche Päpstin” von Esther Vilar wer­den die Zuschauer von Beginn an Teil des Publikums eines Fernsehinterviews, in dem sich die neu­ge­wähl­te Päpstin vor der offi­zi­el­len Amtsübernahme vor­stellt.

2030 ist von der Strenge der katho­li­schen Kirche nicht mehr viel übrig geblie­ben: der Papst regiert nicht mehr auf Lebenszeit, son­dern wird auf vier Jahre von allen Gläubigen gewählt, gleich­ge­schlecht­li­che Ehen, kirch­li­che Scheidungen und Abtreibungen sind erlaubt, das Zölibat wur­de abge­schafft und die Besitztümer der Kirche auf Massenauktionen ver­stei­gert. Aus den Slums von Los Angeles stam­mend steht die ers­te Frau im höchs­ten Amt der katho­li­schen Kirche einer Kirchengemeinde gegen­über, in der die Beichte abge­schafft wur­de und der gekreu­zig­te Jesus Christus aus psy­cho­lo­gi­schen Gründen einem Rocker mit Dornenkranz wei­chen muss­te. Über die Jahre hin­weg haben sich die Päpste in Sachen Demut und Bescheidenheit stän­dig den Rang abge­lau­fen, den from­men Christen immer mehr Freiheiten ein­ge­räumt.

In ihrem Resümee über die Entwicklung der katho­li­schen Kirche sieht die „ame­ri­ka­ni­sche Päpstin” dar­in den Grund für den stei­gen­den Mitgliederschwund: in sei­ner unein­ge­schränk­ten Selbstverantwortung ist der Mensch ori­en­tie­rungs­los gewor­den und sucht des­we­gen die Autorität von radi­ka­len Parteien und Sekten. Statt zur erlö­sen­den Beichte geht man jetzt zum Psychiater. Ihre Lösung aus der Krise: die Kirche muss zu alten Werten zurück­fin­den, abge­schaff­te Rituale wie­der ein­ge­führt wer­den. Es müs­sen wie­der sinn­stif­ten­de Grundsätze bestehen, an denen der Mensch Halt fin­det und sich ori­en­tie­ren kann.

Das Publikum wird bei dem fast hun­dert­mi­nü­ti­gen Monolog der neu­en Päpstin nicht außen vor gelas­sen. Immer wie­der spricht sie Zuschauer direkt an, der etwas ange­spann­te Regisseur fragt das Publikum nach sei­ner Meinung. Auf einem Bildschirm am Rand der Bühne kön­nen die Zuschauer das Geschehen in Nahaufnahmen mit­ver­fol­gen.

Die Autorin Esthar Vilar will den Menschen mit ihrem Werk vor die Frage stel­len, ob er eine Entwicklung der Kirche zulas­sen oder mit­tra­gen will. Diese Absicht ein­zu­hal­ten, gelingt auch dem Ensemble des TAM Ost: als die Zuschauer am Ende den weih­rauch­ge­schwän­ger­ten Saal ver­las­sen, könn­te sich schon man­cher eine Frage stel­len: soll die Kirche ihre star­ren Grundsätze über Bord wer­fen oder bei­be­hal­ten oder schlicht­weg das Evangelium, dass sie pre­digt, auch leben? Weitere Aufführungen fin­den statt am 16., 17., 23., 24. und 30. März jeweils um 20 Uhr und am 18. und 25. März um 17 Uhr.

Benedikt Dunst