Gerichts­dra­ma  von Fer­di­nand von Schirach

Regie: Alex­an­der Zinn und Ger­hard Sellmair

Fer­di­nand von Schi­rach ent­wirft in TER­ROR ein Gedan­ken­ex­pe­ri­ment als erschre­ckend aktu­el­les Gerichts­dra­ma mit zwei alter­na­ti­ven Enden: Urteil „Schul­dig“ oder Urteil „Nicht schuldig“. 

Stel­len Sie sich vor, Sie sind Schöf­fe bei Gericht und fol­gen­der Fall wäre zu entscheiden:

Eine, von einem Ter­ro­ris­ten ent­führ­te Pas­sa­gier­ma­schi­ne mit 164 Men­schen an Bord, nimmt Kurs auf eine voll besetz­te Fuß­ball-Are­na. Kampf­flie­ger der Luft­waf­fe ver­su­chen, das Flug­zeug abzu­drän­gen und zum Lan­den zu zwin­gen – ohne Erfolg. In letz­ter Minu­te schießt einer der Kampf­pi­lo­ten die geka­per­te Maschi­ne gegen den Befehl sei­nes Vor­ge­setz­ten ab und alle Flug­zeug­insas­sen sterben.

(lnr) "Major Koch, Verteidiger Biegler, Protokollführerin, Vorsitzende, Staatsanwältin Nelson" Max Weidinger, Tobias Huber, Ninette Sellmair, Susanne Braune, Daniela Mayer, Bild: Albert Aschl
(lnr) „Major Koch, Ver­tei­di­ger Bieg­ler, Pro­to­koll­füh­re­rin, Vor­sit­zen­de, Staats­an­wäl­tin Nel­son“ Max Wei­din­ger, Tobi­as Huber, Ninet­te Sell­mair, Susan­ne Brau­ne, Danie­la May­er, Bild: Albert Aschl

Wie wür­den Sie ent­schei­den? Ist der Kampf­pi­lot schul­dig zu spre­chen für 164-fachen Mord? Ist er frei­zu­spre­chen, da er durch die­ses „Opfer“ schließ­lich 70.000 Men­schen das Leben geret­tet hat?

In die­sem Gerichts­dra­ma ist der Zuschau­er der Schöf­fe im Pro­zess. Er kann live vor Ort über das Schick­sal des Pilo­ten ent­schei­den. Jeder oder jede hat zwei Stun­den Zeit, über die eige­nen Vor­stel­lun­gen von Moral und Ethik nach­zu­den­ken – und die­se viel­leicht auch zu überdenken.

TAM OST mit „Ter­ror - Ihr Urteil“

von Rai­ner W. Janka

 

Ein span­nen­des und hoch­phi­lo­so­phi­sches Gerichts­dra­ma zeigt das Ensem­ble des TAM OST in Rosen­heim mit dem Stück „Ter­ror – Ihr Urteil“ von Fer­di­nand von Schi­rach - und am Ende
dür­fen die Zuschau­er ihr Urteil fällen.

"Die Vorsitzende und Major Koch", Susanne Braune, Maximillian Weidinger, Bild: Rainer-Janka, OVB 2020
„Die Vor­sit­zen­de und Major Koch“, Susan­ne Brau­ne, Maxi­mil­li­an Wei­din­ger, Bild: Rai­ner-Jan­ka, OVB 2020

Auf­merk­sam hört die Rich­te­rin (Susan­ne Brau­ne) zu, wie Major Lars Koch (Max Wei­din­ger), der das Leben von 164 Men­schen auf sei­nem Gewis­sen hat, sich verteidigt.

Fer­di­nand von Schi­rach macht es den Zuschau­ern mit sei­nem Thea­ter­stück „Ter­ror– Ihr Urteil“ nicht ein­fach: Er macht sie zu Schöf­fen, zwingt sie zum Mit­den­ken, zum Nach­den­ken über Uti­li­ta­ris­mus und Kan­ti­sche Prin­zi­pi­en, das Pro­blem der „Wei­chen­stel­ler­fal­le“ und die Men­schen­wür­de und zwingt sie dann zu einer Ent­schei­dung – die bei der Auf­füh­rung im Thea­ter TAM OST mit­tels eines Ham­mel­sprungs durch­ge­führt wird. Die Zuschau­er müs­sen nach ihrer Bera­tungs­pau­se durch die zwei­ge­teil­te Türe wie­der rein, ent­we­der durch den „Schul­dig“- oder „Nicht-schuldig“-Eingang. In den meis­ten Auüh­run­gen wird der Ange­klag­te mit gro­ßer Mehr­heit frei­ge­spro­chen, das geschah auch bei der Pre­mie­re 27:10 Stimmen.

164 Leben für 70000 Leben

Die juris­ti­sche Sach­la­ge ist eigent­lich klar: Der Kampf­flie­ger Major Lars Koch hat ein mit 164
Per­so­nen besetz­tes Flug­zeug abge­schos­sen, das von einem Ter­ro­ris­ten geka­pert wor­den ist und auf die Alli­anz­are­na stür­zen soll, in der 70000 Men­schen einem Län­der­spiel zuschau­en. Er hat den Tod von 164 Men­schen erzwun­gen, um das Leben von 70 000 Men­schen zu ret­ten.
Fol­ge­rich­tig ist er jetzt wegen 164-fachen Mor­des ange­klagt – die Fra­ge, ob es sich um Tot­schlag han­delt, wird nicht erörtert.

„Das Gericht ist eine Bühne!“

Schi­rach lässt die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin ver­kün­den: „Das Gericht ist eine Büh­ne!“ Und so
kon­se­quent legt er sein Dra­ma auch an: mehr Thea­ter als Gerichts­ver­hand­lung. So lässt er den
Ange­klag­ten mit der Staats­an­wäl­tin einen def­ti­gen Dis­put um rechts­phi­lo­so­phi­sche Fra­gen
füh­ren und stat­tet den Ver­tei­di­ger mit einem recht egel­haf­ten Beneh­men aus – was in
Wirk­lich­keit dem Ange­klag­ten nicht dien­lich wäre. Aber Schi­rach bie­tet doch eine Büh­ne für die Dis­kus­si­on, wel­che Rechts­phi­lo­so­phie rich­tig wäre: Die des zweck­ori­en­tier­ten  Uti­li­ta­ris­mus mit der Devi­se des Glücks der höchs­ten Zahl oder die deon­to­lo­gi­sche For­de­rung Kants, Men­schen dürf­ten nie­mals ver­zweckt wer­den, also als blo­ßes Objekt dienen.

Wür­de­vol­ler Ernst

Über der Auf­füh­rung im TAM OST liegt die Aura eines dem The­ma voll­kom­men ange­mes­se­nen
wür­de­vol­len Erns­tes. Die Regis­seu­re Ger­hard Sell­mair und Alex­an­der Zinn ver­lan­gen die­sen
wür­de­vol­len Ernst auch von den Schau­spie­ler: Alle sind immer in der Rol­le, auch wenn sie gera­de nichts zu sagen haben. Susan­ne Brau­ne, eine ele­gan­te Rich­te­rin-Erschei­nung, ver­sucht nicht sehr auto­ri­tär, viel­mehr bedäch­tig fra­gend, die Moti­ve für Kochs Tat her­aus­zu­fin­den. Sorg­fäl­tig wägt sie ihre Wor­te, die sie auch in den ihr vor­lie­gen­den Papie­ren fin­det.
Die Staats­an­wäl­tin ist anfangs zurück­hal­tend, wird im Lau­fe der Ver­hand­lung immer lau­ter,
Danie­la May­er ist in die­ser Rol­le voll­kom­men glaub­haft, auch in der schnei­den­den Aggres­si­vi­tät, mit der sie sowohl den Ange­klag­ten als auch den Zeu­gen angeht, den mili­tä­ri­schen Vor­ge­setz­ten von Major Koch. Ihr Plä­doy­er ist bered­sam und so rhe­to­risch-sorg­fäl­tig arti­ku­liert, dass auch Nicht-Phi­lo­so­phen und Nicht-Juris­ten ihren Aus­füh­run­gen mühe­los fol­gen kön­nen. Den rüpe­li­gen Ver­tei­di­ger gibt Tobi­as Huber mit nach­läs­si­ger Sou­ve­rä­ni­tät, dann aber mit rhe­to­ri­scher Lei­den­schaft in sei­nem Plä­doy­er.
Chris­ti­an Swo­bo­da als Oberst­leut­nant ist mili­tä­risch sach­lich-knapp und prä­zi­se, doch sehr
inten­siv in der Schil­de­rung der Gewis­sens­qual der Ent­schei­dung, nichts zu tun. Der bai­ri­sche
Ton­fall der Neben­klä­ge­rin, die durch den Abschuss ihren Mann ver­lo­ren hat, bekommt bei Nico­le Regi­na Reiß­mei­er etwas Fatalistisch-Tragisches.

Ide­al­be­set­zung als Angeklagter

Im Mit­tel­punkt des Gerichts­dra­mas steht natür­lich der Ange­klag­te. Max Wei­din­ger ist eine
Ide­al­be­set­zung: sehr jung, gewin­nend-sym­pa­thisch und gut aus­se­hend. Immer kon­zen­triert,
sei­ne Wor­te sorg­fäl­tig wägend und gleich­zei­tig sehr sicher in sei­ner Motiv­be­grün­dung ver­tei­digt er sich. Sei­ne Hal­tung ist immer so, als trü­ge er auch in Zivil eine Uni­form, die Hän­de lie­gen immer auf den Knien, nie ges­ti­ku­liert oder fuch­telt er: Ent­schlos­sen­heit und gefes­tig­te Ruhe strahlt er aus. Die­ser Offi­zier ist mit sich im Rei­nen, auch wenn er weiß, dass er lebens­lang ins Gefäng­nis müss­te. Die­sen Offi­zier spricht jeder Zuschau­er-Schöf­fe gern frei.

Span­nend und hochphilosophisch

Dem TAM OST, vor allem aber den Regis­seu­ren Ger­hard Sell­mair und Alex­an­der Zinn, ist mit die­sem Gerichts­dra­ma eine ban­nen­de und span­nen­de, gedan­ken­rei­che und hoch­phi­lo­so­phi­sche Auf­füh­rung gelun­gen, deren Ernst und kom­ple­xe Refle­xi­on lan­ge nach­wir­ken – wahr­schein­lich auch bei Ober­bür­ger­meis­ter Andre­as März und Kul­tur­re­fe­ren­ten Wolf­gang Hauck, denen die Thea­ter­lei­tung bei der Pre­mie­re für die Unter­stüt­zung in Coro­na-Zei­ten dankte.

Wei­te­re Termine

Gespielt wird an den Wochen­en­den bis zum 25. Okto­ber, am Frei­tag und Sams­tag um 20 Uhr, am Sonn­tag um 17 Uhr, in der Chiem­see­stra­ße 31 in Rosen­heim. Kar­ten gibt es ent­we­der über die Web­site www.tam-ost.de, beim Ticket­zen­trum Kroiss, Tele­fon 08031-15001, oder per­sön­lich jeden Don­ners­tag 16-19 Uhr im Thea­ter­bü­ro in der Chiem­see­stra­ße 31.

Zur Bil­der­ga­le­rie: https://photos.app.goo.gl/KVFuZD7ysT4CmXPUA
Hin­weis: Die­se Daten lie­gen im TAM-Medi­en­ar­chiv auf unse­rem Google-Drive

Plakat - 2020 - TERROR, Bild: Stine Helbig
Pla­kat - 2020 - TER­ROR, Bild: Sti­ne Helbig
Max Weidinger als Angeklagter Lars Koch
Max Wei­din­ger als Ange­klag­ter Lars Koch

ZUSATZ­VOR­STEL­LUNG:  So 01. Novem­ber 2020

WEI­TE­RE TER­MI­NE
So 04. Okto­ber
Fr/Sa/So 09/10/11. Okto­ber
Fr/Sa/So 16/17/18. Okto­ber
Fr/Sa/So 23/24/25. Okto­ber
Fr/Sa 30/31. Okto­ber
So 01. Novem­ber Zusatzvorstellung

Spiel­be­ginn: 
Frei­tags und Sams­tags 20 Uhr
Sonn­tags 17 Uhr
Ein­lass:
ca. 60 Min. vor Spiel­be­ginn
Dau­er:
120 Min.  eine Pau­se
Bewir­tung:
Ger­ne kön­nen Sie sich vor­her und/oder nach­her von der „Thea­ter­schen­ke“ kuli­na­risch ver­wöh­nen lassen.

Im ENSEM­BLE TAM OST

Regie: Alex­an­der Zinn und Ger­hard Sellmair
Büh­ne: Ensem­ble
Licht/Ton: Ger­hard Sellmair
Kos­tüm: Ensem­ble
Foto­gra­fie: Albert Aschl
Pla­kat: Sti­ne Helbig
 Schauspieler als
Susan­ne Braune Vor­sit­zen­de
Danie­la Mayer  Frau Nel­son (Staats­an­wäl­tin )
Nico­le Regi­na Reißmeier Fran­zis­ka Mei­ser (Zeu­gin, Nebenklägerin)
Ninet­te Sellmair Pro­to­koll­füh­re­rin
Tobi Huber Bieg­ler (Ver­tei­di­ger)
Max Wei­din­ger Lars Koch (Ange­klag­ter)
Chris­ti­an Swoboda Chris­ti­an Lau­ter­bach (Zeu­ge)

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