Dra­ma von Jon Fos­se

Regie: Ste­fan Vin­cent Schmidt

„Som­mer­tag“ sagt die Älte­re, „genau wie damals“.
Doch damals  war Herbst und es reg­ne­te. Damals, als Asle ver­schwand.

SOMMERTAG (lnr:) Claudia Loy, Florian Fuchs, Sabine Herrberg
SOM­MER­TAG (lnr:) Clau­dia Loy, Flo­ri­an Fuchs, Sabi­ne Herr­berg

Wor­auf war­tet sie seit Jah­ren, allein, in ihrem wei­ßen Haus am nor­we­gi­schen Fjord? Aus ihrem Fens­ter blickt sie der Freun­din nach, die zum Meer geht, genau wie Asle damals. Der Anblick durch­bricht ihre Star­re und sie erin­nert sich an den Tag, an dem Asle, ihr Mann, zum Meer ging und sie, als jun­ge Frau, am Fens­ter zurück­blieb. Es begeg­nen sich jun­ge und alte Frau – es geschieht das Damals als wäre heu­te und die Älte­re sieht sich ihrem jun­gen Selbst gegen­über. Wie­der und wie­der betrach­tet sie die Ver­gan­gen­heit, die sie aus ihren Gedan­ken formt bis zu dem Tag, als Asle zum Was­ser ging und nicht mehr wie­der­kehr­te.

Doch im Heu­te kehrt die Freun­din zurück. Kann die Älte­re ihr nun end­lich ins Leben fol­gen oder bleibt sie in ihrem wei­ßen Haus am Fjord, allein, am Fens­ter aufs Meer bli­ckend, war­tend?

Jon Fos­se, 1959 gebo­ren in der nor­we­gi­schen Küs­ten­stadt Hau­ge­sund, lebt in Ber­gen. Dozent an der Aka­de­mie für krea­ti­ves Schrei­ben in Hor­da­land, ist er seit Anfang der neun­zi­ger Jah­re frei­er Schrift­stel­ler.

© ovb, 13.04.2016, Mar­grit Jaco­bi*

(Ori­gi­nal hier: http://www.ovb-online.de/rosenheim/kultur/waere-gestern-gewesen-6305694.html)
*Ver­mut­li­che Autorin, Kenn­zeich­nung fehlt

Der nor­we­gi­sche Autor Jon Fos­se wur­de durch mehr als 30 Thea­ter­stü­cke inter­na­tio­nal bekannt. Sein lite­ra­ri­sches Werk wur­de mit zahl­rei­chen Prei­sen aus­ge­zeich­net. Bereits 2004 hat­te der Regis­seur Ste­fan Vin­cent Schmidt Fos­ses Stück „Win­ter“ für das Rosen­hei­mer TAM OST insze­niert. Nun brach­te er dort mit „Som­mer­tag“ wie­der ein Büh­nen­werk des Autors zur Auf­füh­rung.

"Die alte und die junge Frau", (lnr) Sabine Herrberg und Claudia Loy, Foto: Margit Jacobi, c/o ovb 04.2016
„Die alte und die jun­ge Frau“, (lnr) Sabi­ne Herr­berg und Clau­dia Loy, Foto: Mar­git Jaco­bi, c/o ovb 04.2016

Optisch bestechend zeigt das Büh­nen­bild (Ste­fan V. Schmidt und Klaus Lüders) zur lin­ken Sei­te zwei gro­ße, hin­ter­ein­an­der ver­setz­te Fens­ter­rah­men. Fei­ne dün­ne Schnü­re erset­zen die Fens­ter­schei­ben. Ein Lauf­steg in leich­ter Schrä­ge führt lin­ker Hand als Weg ins Off. Rechts ste­hen Stüh­le, über­zo­gen mit wei­ßen Hus­sen. In prä­zi­ser Cho­reo­gra­fie agie­ren die Figu­ren inner­halb die­ser Kulis­se.

Die Hand­lung bewegt sich zwi­schen dem Ges­tern und Heu­te. Gefil­tert durch die Augen der Ich-Erzäh­le­rin erfah­ren die Zuschau­er von ver­gan­ge­nen Gescheh­nis­sen, die sie im Jetzt reflek­tiert. Wie damals erwar­tet die Frau den Besuch ihrer Freun­din. Als wäre es ges­tern gewe­sen, erin­nert sie sich an die­sen Tag, der kein Som­mer- son­dern ein Herbst­tag gewe­sen ist. Wie­der steht sie am Fens­ter und blickt auf den Fjord. „Willst du denn immer da ste­hen, kriegst du das denn nie satt?“, frägt die Freun­din. Sie kann sie auch nicht zu einem Spa­zier­gang ans Was­ser bewe­gen.

Sabi­ne Herr­berg in der Rol­le der älte­ren Frau geht in ihrem Erzäh­len zurück in das Damals, und Clau­dia Loy zeigt das Gesche­hen in der Figur der jün­ge­ren Frau. Damals als ihr Mann Asle (Flo­ri­an Fuchs) wie jeden Tag zum Was­ser ging.

Wie­der steht der Dis­put von damals vor ihren Augen auf. Die jun­ge Frau, die nicht ver­ste­hen will und kann, war­um ihr Mann zu Hau­se kei­ne Ruhe fin­det. Er woll­te doch auch von der Stadt aufs Land zie­hen. Sie waren doch glück­lich, das schö­ne wei­ße Haus am Fjord gefun­den zu haben. Er liebt es, auf dem Was­ser in sei­nem Boot zu sein. Sie aber hat Angst auf dem Was­ser und fühlt sich dort nicht wohl.

Mag Asle nicht mehr mit sei­ner Frau zusam­men sein? Immer wie­der stellt sie ihm die­se Fra­ge, doch Asle weicht aus, beschwich­tigt, und Flo­ri­an Fuchs ver­leiht die­sem jun­gen Mann in sei­ner Unsi­cher­heit, Bedrückt­heit, Ruhe­lo­sig­keit glaub­wür­dig Aus­druck. Sie bit­tet ihn, heu­te nicht aufs Was­ser zu gehen und bit­tet ihn wie­der­um, doch zu gehen, als sie sei­ne schlech­te Stim­mung wahr­nimmt.

Gleich dar­auf erfasst sie aber wach­sen­de Unru­he, war es rich­tig, ihn gehen zu las­sen? War­um hat er sei­ne Sachen so genau geord­net? Unend­li­che Trau­er erfüllt sie bei die­sem Anblick, und Clau­dia Loy spie­gelt die Gefüh­le von Unru­he, Angst, Trau­er in wun­der­bar ver­hal­te­ner Mimik, in kleins­ter Ges­tik der Hän­de wider.

Fas­zi­nie­rend ist es zu erle­ben, wie Sabi­ne Herr­berg als älte­re Frau all die­se Gefüh­le in ihrer Erin­ne­rung eben­so erlebt und erlei­det. Fast rhyth­misch gesetzt sind die Pau­sen zwi­schen dem karg poe­ti­schen Text mit sei­nen vie­len Wie­der­ho­lungs­schlei­fen. Im Wech­sel zwi­schen dem Damals und dem Jetzt und in sen­si­bler Licht­füh­rung begeg­nen sich die älte­re und die jün­ge­re Frau. Ohne jeg­li­che Effekt­ha­sche­rei nimmt die­ser redu­zier­te äuße­re Hand­lungs­ab­lauf von Beginn an gefan­gen durch das Auf­zei­gen der inne­ren Befind­lich­kei­ten der Dar­stel­ler. In Gegen­über­stel­lung erlebt man den Besuch der Freun­din (Ange­li­ka Sewald-Löf­fel­mann) im Heu­te und in der Ver­gan­gen­heit (Jut­ta Schmidt) mit Oli­ver Män­ner als ihrem Mann.

Mit her­vor­ra­gen­dem Rhyth­mus­ge­fühl der Sprech­wei­sen und psy­cho­lo­gi­schem Fein­ge­fühl insze­nier­te Ste­fan Vin­cent Schmidt die­ses Kam­mer­spiel. Sei­ne Schau­spie­ler, allen vor­an Sabi­ne Herr­berg und Clau­dia Loy, begeis­tern in der her­vor­ra­gen­den Umset­zung der Figu­ren. Da stimmt jedes kleins­te Agie­ren, jedes Ver­hal­ten­sein, jede äuße­re Star­re, jedes Auf­bre­chen dar­aus. Die Frau kann auch im Heu­te nicht begrei­fen, war­um Asle damals ver­schwand und sie wird wei­ter am Fens­ter ste­hen, gefan­gen in der Ver­gan­gen­heit, als man Asles Boot ohne ihn gefun­den hat­te.

Die­ser anspruchs­vol­le und hoch­wer­ti­ge Thea­ter­abend beein­druck­te nach­hal­tig.

Wer­fen Sie auch einen Blick in das Fea­ture des rfo vom 6.4.2016

 

 
 
 
2016 - Plakat - SOMMERTAG, Claudia Loy, Sabine Herrberg, Bild: Alexander Schoenhoff
2016 - Pla­kat - SOM­MER­TAG, Clau­dia Loy, Sabi­ne Herr­berg, Bild: Alex­an­der Schoe­n­hoff
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PRE­MIE­RE:  Sa 09. April 2016

WEI­TE­RE TER­MI­NE
Fr/Sa 15/16 April
Fr/Sa 22/23 April
So 24 April
Fr 29 April
So 01 Mai
Fr/Sa 06/07 Mai

Spiel­be­ginn: 
Frei­tags und Sams­tags 20 Uhr,
Sonn­tags 17 Uhr
Ein­lass:
ca. 15 Min. vor Spiel­be­ginn

Im ENSEM­BLE TAM OST

Regie:Ste­fan Vin­cent Schmidt
Assis­tenz:Mari­an­ne Eckardt
Büh­ne:Klaus Lüders
Licht/Ton:Ingo Hob­orn
Kos­tüm:Ensem­ble
Foto­gra­fie:Rena­te M. May­er, Albert Aschl, Alex­an­der Schoe­n­hoff
Pla­kat:Alex­an­der Schoe­n­hoff
 Schau­spie­lerals
Sabi­ne Herr­bergÄlte­re Frau
Clau­dia LoyJun­ge Frau
Jut­ta SchmidtJun­ge Freun­din
Ange­li­ka Sewald-Löf­fel­mannÄlte­re Freun­din
Flo­ri­an FuchsAsle
Oli­ver Män­nerMann

Schlag­wor­te zum Stück