Schau­spiel von Wolf­gang Bau­er

Regie: Her­mann Kunz

Das herr­li­che Som­mer­wet­ter wird aus­ge­sperrt: hin­ter den Jalou­si­en las­sen sich der Schrift­stel­ler Char­ly und
sei­ne Freun­din Bir­git gemein­sam mit dem befreun­de­ten Paar Joe und Moni­ka durch den Nach­mit­tag trei­ben.

Magic Afternoon - (lnr) Kathy Bacher, Serafin Schumann, Florian Fuchs, Jutta Schmidt, Bild: unb.
Magic After­noon - (lnr) Kathy Bacher, Sera­fin Schu­mann, Flo­ri­an Fuchs, Jut­ta Schmidt, Bild: unb.

Die zwei Män­ner und die bei­den Frau­en zwi­schen 22 und 30 Jah­ren haben sich von der „Welt der Erwach­se­nen“ weg­ge­sperrt. Leis­tungs­zwang und Geschäf­tig­keit wol­len sie als Wer­te nicht mehr aner­ken­nen, aber sie sind auch nicht im Stan­de, selbst neue Wer­te zu schaf­fen. Sie wol­len „was Auf­re­gen­des“ erle­ben, aber ihnen bleibt nur ein Nach­le­ben jener Welt, die der Spät­ka­pi­ta­lis­mus zu bie­ten hat.

Ihre halb­her­zi­gen Flucht­ver­su­che vor der eige­nen Ide­en- und Antriebs­lo­sig­keit lau­fen bei Sex, Alko­hol, Dro­gen und Musik ins Lee­re. Belang­lo­se Gesprä­che, Strei­te­rei­en, Hand­greif­lich­kei­ten stei­gern sich zu Wut und Gewalt. Und dann liegt Joe plötz­lich tot am Boden, und nie­mand weiß so recht, wie es dazu gekom­men ist.
An die­sem „magi­schen“ Nach­mit­tag ist das sadis­ti­sche Spiel aus purem Zufall in töd­li­chen Ernst umge­schla­gen.

Der öster­rei­chi­sche expe­ri­men­tel­le Lyri­ker, Dra­ma­ti­ker und Erzäh­ler Wolf­gang Bau­er errang als Sie­ben­und­zwan­zig­jäh­ri­ger mit dem Ein­ak­ter „Magic After­noon“ sei­nen ers­ten gro­ßen, auch inter­na­tio­na­len Erfolg. Er zeich­net dar­in das Bild einer Jugend­kul­tur, die in sinn­lo­ser Bru­ta­li­tät ihrer eige­nen Ohn­macht, Hilfs- und Per­spek­tiv­lo­sig­keit aus­ge­lie­fert ist. Sein Stück aus dem Jahr 1967 hat bis heu­te nichts von sei­ner Kraft und Aus­drucks­stär­ke ver­lo­ren. Die Abrech­nung mit der Spaß­ge­sell­schaft der Hip­pie-Ära hält den heu­ti­gen Spaß-Kon­su­men­ten den Spie­gel vor.

© ovb, 29.9.2015, Mar­grit Jaco­bi
(Ori­gi­nal: http://www.ovb-online.de/rosenheim/kultur/ois-fad-5572949.html)

„Ois is so fad“ für die Typen im Stück „Magic After­noon“ des öster­rei­chi­schen Schrift­stel­lers Wolf­gang Bau­er, das er im Dia­lekt sei­ner Gra­zer Geburts­stadt schrieb. Urauf­ge­führt 1968 mach­te es den Autor mit einem Schlag bekannt.

"Birgit und Charlie" - Jutta Schmidt, Florian Fuchs, Bild: Margit Jacobi, © OVB
„Bir­git und Char­lie“ - Jut­ta Schmidt, Flo­ri­an Fuchs, Bild: Mar­git Jaco­bi, © OVB

Eine Null-Bock-Genera­ti­on im Pro­test zu Leis­tungs­druck und bie­de­rer Gesell­schafts­ord­nung läuft bei die­ser Ver­wei­ge­rung ohne Bin­dung an Arbeits­welt und Fami­lie ins Lee­re. Lan­ge­wei­le, Selbst­fi­xiert­heit statt Selbst­re­fle­xi­on, Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit, Über­druss, feh­len­der Hand­lungs­wil­le, Aggres­si­on, Alko­hol und Dro­gen, vul­gä­re Spra­che und Gewalt prä­gen das Spiel.

Her­mann Kunz hat das Stück zu Beginn der Herbst­sai­son im Rosen­hei­mer TAM OST mit Jut­ta Schmidt in der Rol­le der Bir­git, Flo­ri­an Fuchs als Char­lie, Sera­fin Schu­mann als Joe und Katha­ri­na Bacher als Moni­ka insze­niert.

Pink Floyds „Dark side of the moon“ klingt an zu Beginn, dann sieht man Bir­git und Char­lie in des­sen Bude. Mit­tig fun­giert eine rote Schlaf­couch als Haupt­spiel­wie­se der Akteu­re. Der Lap­top auf dem klei­nen Tisch rechts wird nicht genutzt, denn Möch­te­gern-Schrift­stel­ler Char­lie fehlt jeg­li­che Inspi­ra­ti­on für brauch­ba­re Tex­te. Musik der Beat­les, Rol­ling Stones oder von James Brown brin­gen das gelang­weil­te Pär­chen auch nicht wirk­lich in Schwung. Lust­los, faul hän­gen sie her­um, Plän­kelei­en arten aus in Grob­hei­ten.

Wenn Joe und Moni­ka das Duo zum Quar­tett kom­plet­tie­ren, wird Joe sei­ner Freun­din, die sich krat­zend gegen sei­ne der­ben Angrif­fe wehrt, das Nasen­bein bre­chen. Gewalt ist das ein­zi­ge Mit­tel, das die Bur­schen kurz aus ihrer Lethar­gie reißt. Wenn sich spä­ter Char­lie und Joe mit Hasch zudröh­nen, ist Bir­git immer noch nicht fähig, sich von Char­lie zu tren­nen. Als Joe sie schließ­lich hart bedrängt, ersticht sie ihn, in Not­wehr, wie sie es nach­her benennt. Char­lie bleibt zurück, zit­ternd und nicht fähig das Gesche­he­ne zu fas­sen.

Her­mann Kunz hat in dich­tem Gesche­hen die Stim­mung die­ses schwü­len Nach­mit­tags über­zeu­gend auf die Büh­ne gebracht.

Bestechend agiert Jut­ta Schmidt in der Rol­le der Bir­git. Sie schmollt, ist zickig, pro­vo­kant, heult, kreischt und kichert, lockt und blockt ab und bringt jede ihrer Gemüts­ver­fas­sun­gen bis zum dra­ma­ti­schen Schluss abso­lut glaub­wür­dig zur Gel­tung.

In Flo­ri­an Fuchs als Char­lie hat sie einen eben­bür­ti­gen Part­ner, der den groß­spu­ri­gen, stän­kern­den, lust­lo­sen und vul­gä­ren Typen ohne krea­ti­ve Ide­en gelun­gen in Sze­ne setzt und den Gra­zer Dia­lekt am bes­ten beherrscht.

Dem kur­zen Part der Moni­ka ver­leiht Moni­ka Bacher die stim­mi­ge Umset­zung, Sera­fin Schu­mann zeich­net die Figur des Joe als Pen­dant sei­nes Sauf­kum­pa­nen Char­lie.

Eine Luft hama wie bei Ten­nes­see Wil­liams“ bemerkt Char­lie ein­mal, und wenn auch Wolf­gang Bau­er sein Dra­ma nicht so meis­ter­haft ent­wi­ckel­te wie der berühm­te Süd­staa­ten-Schrift­stel­ler, so gelingt ihm doch die Schil­de­rung aus der Zeit der 1968er auf ver­stö­ren­de Art und Wei­se. Dass das gan­ze Gesche­hen aktu­ell nicht mehr mög­lich wäre, ist sehr zu bezwei­feln. Nicht zuletzt aus die­sem Grund wirkt die­ser Thea­ter­abend nach­hal­tig.


ECHO ROSEN­HEIM,
© ECHO, Mar­grit Jaco­bi (Ori­gi­nal: http://www.echo-rosenheim.de/keine-leichte-kost/)

„Magic After­noon“ eröff­net Thea­ter­sai­son im TAM OST Mit dem Stück „ Magic After­noon“ des Gra­zer Schrift­stel­lers Wolf­gang Bau­er unter der Regie von Her­mann Kunz eröff­ne­te das TAM OST in Rosen­heim die neue Thea­ter­sai­son und bie­tet damit den Besu­chern kei­ne leich­te Kost.

Flo­ri­an Fuchs in der Rol­le des Möch­te­gern-Lite­ra­ten Char­lie und Jut­ta Schmidt als sei­ne von allem ange­öde­te Freun­din Bir­git brin­gen eben­so wie Sera­fin Schu­mann als Joe und Katha­ri­na Bacher als des­sen Freun­din Moni­ka die­se abge­schlaff­ten Typen anschau­lich zur Gel­tung, gespro­chen wird mehr oder weni­ger stark in öster­rei­chi­scher Klang­fär­bung, Bau­er schrieb sein Stück in Gra­zer Dia­lekt. Eine rote Schlaf­couch ist der haupt­säch­li­che „Spiel­platz“ der Akteu­re. Rechts hat ein klei­ner Tisch mit einem Lap­top eine eher neben­säch­li­che Funk­ti­on, da Char­lie jeg­li­che Inspi­ra­ti­on für Tex­te fehlt. Alko­hol­kon­sum schürt Über­druss und Aggres­si­vi­tät.

Wenn Char­lie oder Bir­git Plat­ten von den Beat­les, Rol­ling Stones oder James Brown auf­le­gen, ent­steht dabei letzt­end­lich eben­so wenig Auf­schwung im faden Nach­mit­tag, wie durch den Besuch von Joe und Moni­ka. Aus Lan­ge­wei­le erwächst Frus­tra­ti­on, aus Sex­ge­plän­kel Gewalt und Joe bricht Moni­ka das Nasen­bein. Nicht ein­mal die­ser bru­ta­le Akt bringt die jun­gen Män­ner zum Bewusst­sein. Mit Joints wol­len sie der Lee­re ihres Lebens ent­flie­hen. Obwohl Char­lie Bir­git mit immer rüde­rer Spra­che belei­digt, ist sie nicht fähig, sich von ihm zu tren­nen.

Die Atmo­sphä­re in die­sem Kam­mer­spiel heizt sich mehr und mehr auf. Bir­git fühlt sich bedroht, die Bur­schen dre­hen durch im Haschrauch und wol­len Bir­git „fer­tig machen“. Bei der Abwehr von Joes Über­griff auf sie ersticht sie ihn. Zurück bleibt ein hilf­lo­ser Char­lie. „Magic After­noon“, geschrie­ben von Wolf­gang Bau­er 1967, ver­an­schau­licht das Auf­be­geh­ren der Jugend gegen den Leis­tungs­druck einer bie­de­ren Gesell­schafts­ord­nung. Doch Untä­tig­keit und feh­len­der Hand­lungs­wil­le brin­gen kei­ner­lei Befrie­di­gung, son­dern nur gro­ße Lan­ge­wei­le. Her­mann Kunz erlaubt in sei­ner Insze­nie­rung auch den Bezug zum Jetzt und setzt mit Lap­top und Smart­phon aktu­el­le Zei­chen.

Vor allem Jut­ta Schmidt als Bir­git, aber auch Flo­ri­an Fuchs als groß­spu­ri­ger Char­lie über­zeu­gen in glaub­wür­di­ger Umset­zung ihrer Rol­len. Ohne Bin­dung an die Außen­welt, ohne Arbeit, ohne Fami­lie sind alle vier Figu­ren zurück­ge­wor­fen auf sich selbst mit fata­len Fol­gen. Vul­gä­re Spra­che, Grob­hei­ten, Blö­de­lei statt Selbst­re­fle­xi­on, Sex­spiel­chen die bru­tal aus­ar­ten, Alko­hol und Haschisch prä­gen das Stück, das gelun­gen ist in Regie und dem Spiel der Dar­stel­ler...

2015 - Plakat - MAGIC AFTERNOON, Bild: Alexander Schoenhoff
2015 - Pla­kat - MAGIC AFTER­NOON, Bild: Alex­an­der Schoen­hoff

PRE­MIE­RE:  Sa 26. Sep­tem­ber 2015

WEI­TE­RE TER­MI­NE
Fr/Sa 02/03 Okto­ber
Fr/Sa 09/10 Okto­ber
So 11 Okto­ber
Fr/Sa 16/17 Okto­ber
Fr/Sa 23/24 Okto­ber

Spiel­be­ginn: 
Frei­tags und Sams­tags 20 Uhr,
Sonn­tags 17 Uhr
Ein­lass:
ca. 15 Min. vor Spiel­be­ginn

Im ENSEM­BLE TAM OST

Regie:Her­mann Kunz
Büh­ne:Klaus Lüders
Licht/Ton:Ingo Hob­orn
Kos­tüm:Ensem­ble
Foto­gra­fie:Rena­te M. May­er, u.a.
Pla­kat:Alex­an­der Schoen­hoff
 Schau­spie­lerals
Katha­ri­na BacherMoni­ka
Jut­ta SchmidtBir­git
Flo­ri­an FuchsChar­lie
Sera­fin Schu­mannJoe

Schlag­wor­te zum Stück