Die Autopsie / Der Kahle Berg

von Jair Anibal Nino

ZUM STÜCKZUR KRITK
Vorstellungstermine: 
November 1984, Januar 1985, Juni 1985
Im Ensemble TAM-OST spie­len: u.a. Evi Gehring, Hans Anker, Werner Faltlhauser, Hubert Fischer…
Regie: Toni Müller

Zum Inhalt: Siehe Kritik…

KRITIK

Oberbayerisches Volksblatt vom 20.11.1984 Kritik von Franz Hilger

Vaganten” beziehen eigenes Heim

Rosenheimer „Theater am Markt” mit zwei Einaktern eröffnet

Die „Vaganten” haben im mitt­ler­wei­le brei­ten Spektrum der Rosenheimer Amateurtheater zwei Bereiche besetzt, die ihnen so schnell nie­mand strei­tig machen dürf­te. Der eine Bereich sind die „groß­ka­li­bri­gen” Stücke (wie etwa der „Woyzeck” oder der geplan­te „Sommernachtstraum” Shakespeares), der ande­re sind die kaum oder über­haupt nicht bekann­ten Stücke mit Werkstatt-Charakter. Mit ihrem neu­en „Theater am Markt”, das am Sonntag eröff­net wur­de, haben sie dafür auch das geeig­ne­te Lokal gefun­den. Zur Première gab es zwei Einakter von Jair Anibal Nino, einem jun­gen kolum­bia­ni­schen Autor, und schon an die­ser Auswahl wird erkenn­bar, daß die „Vaganten” Wege gehen kön­nen, die ande­ren Laientheatern ver­schlos­sen blei­ben. Welche Bühne hat schon einen Regisseur, der in Südamerika nach geeig­ne­ten Stücken stö­bern kann? Die bei­den Stücke, die Anton Müller als Gastregisseur einer Opernaufführung in Bogota von dort mit­brach­te, müs­sen ihm auf Anhieb ins Konzept gepaßt haben. Müllers Stärke ist es, kom­ple­xe Sachverhalte zu knap­pen sze­ni­schen Bildern zu ver­dich­ten, und die­se Qualität ist auch bei Nino zu fin­den.

Das geis­ti­ge Klima in einer Diktatur (und es muß nicht unbe­dingt eine süd­ame­ri­ka­ni­sche sein) wird in „Die Autopsie” auf eine ein­fa­che Modellsituation redu­ziert. Ein Arzt, des­sen Tätigkeit dar­in besteht, Morde an Régime-Gegnern mit gefälsch­ten Totenscheinen zu ver­tu­schen, soll die Leiche sei­nes eige­nen Sohnes obdu­zie­ren. Kann er wei­ter vor sich behaup­ten, Leiche sei Leiche? Und kann er sich wei­ter vor sich sel­ber damit recht­fer­ti­gen, auch ein wahr­heits­ge­mäß aus­ge­stell­ter Autopsiebericht mache die Toten nicht wie­der leben­dig? Wenn er sei­ne siche­re Stellung behal­ten will, dann muß er es hin­neh­men und sel­ber bestä­ti­gen, daß sein Sohn zum Kriminellen dekla­riert wird, der von der Polizei auf fri­scher Tat erschos­sen wur­de. Eine Skala sich wider­spre­chen­der Gedanken und Gefühle wird in Minutenschnelle sicht­bar, ein Konflikt, wie er kras­ser nicht denk­bar ist. Der Autor erspart dem Arzt die Entscheidung: Eine Scheinlösung ermög­licht es ihm, wie­der zur Tagesordnung über­zu­ge­hen. Der Rest ist Resignation.

Der kah­le Berg, der dem zwei­ten Einakter den Titel gab, ist ein abs­trak­te­res Bild. Er ist ein Berg wie der, auf des­sen Gipfel Sisyphus sei­nen schwe­ren Steinbrocken zu rol­len hat, die Metapher des Sinnlosen, dem will­kür­lich ein Sinn gege­ben wird. Der ehe­ma­li­ge Soldat, der an einer Straßenecke bet­telt, hält zäh dar­an fest, daß die Erstürmung die­ses kah­len Berges einen stra­te­gi­schen Sinn gehabt habe, ja daß das Schicksal des Vaterlands von der Eroberung die­ses Berges abge­han­gen habe, auch wenn er sel­ber dabei ein Bein ver­lor und fort­an zum inva­li­den Bettler wur­de. Sein Kumpel, der ehe­ma­li­ge Clown, legt mit ein paar ein­fa­chen Kinderfragen die­se Lebenslüge bloß. Das Ende ist auch hier Resignation: Die kör­per­lich und geis­tig Versehrten, Beschädigten, Deformierten über­le­ben, die schlich­te Wahrheit wird ein Opfer des Wahns. Geradlinig und ohne Schnörkel wur­den die­se Parabeln in Szene gesetzt. Keine über­flüs­si­gen Zutaten lenk­ten vom inhalt­li­chen Kern ab. Wie immer bei den „Vaganten” konn­ten sich die Spieler auf eine straff geführ­te sprach­li­che und ges­ti­sche Regie stüt­zen.

Mit einer hilf­reich cha­rak­te­ri­sie­ren­den Kostümierung wie in „Der kah­le Berg” kam dazu noch ein kräf­ti­ger Schuß locke­rer Spontaneität, von dem vor allem Hans Anker (Soldat) und Hubert Fischer (Clown) pro­fi­tier­ten.

Werner Faltlhauser und Evi Gehring in „Die Autopsie” hat­ten es ohne äuße­re Hilfsmittel schon schwe­rer, die Erfahrung einer so ein­schnei­den­den Existenzkrise dar­zu­stel­len. Eine „Galapremiere” war nicht beab­sich­tigt. Der Anfang kann wohl so gedeu­tet wer­den, daß hier in ers­ter Linie kon­se­quen­te „Kulturarbeit” geleis­tet wer­den soll. Und für Kulturarbeit nach Art der „Vaganten” gibt es trotz des viel­fäl­ti­gen Angebots in Rosenheim sicher­lich viel Bedarf.