von Jair Ani­bal Nino

Regie: Toni Mül­ler

Zum Inhalt: Sie­he Kri­tik...

OVB, 20.11.1984, von Franz Hil­ger

„Vagan­ten“ bezie­hen eige­nes Heim

Rosen­hei­mer „Thea­ter am Markt“ mit zwei Ein­ak­tern eröff­net

Die „Vagan­ten“ haben im mitt­ler­wei­le brei­ten Spek­trum der Rosen­hei­mer Ama­teur­thea­ter zwei Berei­che besetzt, die ihnen so schnell nie­mand strei­tig machen dürf­te. Der eine Bereich sind die „groß­ka­li­bri­gen“ Stü­cke (wie etwa der „Woy­zeck“ oder der geplan­te „Som­mer­nachts­traum“ Shake­speares), der ande­re sind die kaum oder über­haupt nicht bekann­ten Stü­cke mit Werk­statt-Cha­rak­ter. Mit ihrem neu­en „Thea­ter am Markt“, das am Sonn­tag eröff­net wur­de, haben sie dafür auch das geeig­ne­te Lokal gefun­den. Zur Pre­mie­re gab es zwei Ein­ak­ter von Jair Ani­bal Nino, einem jun­gen kolum­bia­ni­schen Autor, und schon an die­ser Aus­wahl wird erkenn­bar, dass die „Vagan­ten“ Wege gehen kön­nen, die ande­ren Lai­en­thea­tern ver­schlos­sen blei­ben. Wel­che Büh­ne hat schon einen Regis­seur, der in Süd­ame­ri­ka nach geeig­ne­ten Stü­cken stö­bern kann? Die bei­den Stü­cke, die Anton Mül­ler als Gast­re­gis­seur einer Opern­auf­füh­rung in Bogo­ta von dort mit­brach­te, müs­sen ihm auf Anhieb ins Kon­zept gepasst haben. Mül­lers Stär­ke ist es, kom­ple­xe Sach­ver­hal­te zu knap­pen sze­ni­schen Bil­dern zu ver­dich­ten, und die­se Qua­li­tät ist auch bei Nino zu fin­den.

Das geis­ti­ge Kli­ma in einer Dik­ta­tur (und es muss nicht unbe­dingt eine süd­ame­ri­ka­ni­sche sein) wird in „Die Aut­op­sie“ auf eine ein­fa­che Modell­si­tua­ti­on redu­ziert. Ein Arzt, des­sen Tätig­keit dar­in besteht, Mor­de an Regime-Geg­nern mit gefälsch­ten Toten­schei­nen zu ver­tu­schen, soll die Lei­che sei­nes eige­nen Soh­nes obdu­zie­ren. Kann er wei­ter vor sich behaup­ten, Lei­che sei Lei­che? Und kann er sich wei­ter vor sich sel­ber damit recht­fer­ti­gen, auch ein wahr­heits­ge­mäß aus­ge­stell­ter Aut­op­sie­be­richt mache die Toten nicht wie­der leben­dig? Wenn er sei­ne siche­re Stel­lung behal­ten will, dann muss er es hin­neh­men und sel­ber bestä­ti­gen, dass sein Sohn zum Kri­mi­nel­len dekla­riert wird, der von der Poli­zei auf fri­scher Tat erschos­sen wur­de. Eine Ska­la sich wider­spre­chen­der Gedan­ken und Gefüh­le wird in Minu­ten­schnel­le sicht­bar, ein Kon­flikt, wie er kras­ser nicht denk­bar ist. Der Autor erspart dem Arzt die Ent­schei­dung: Eine Schein­lö­sung ermög­licht es ihm, wie­der zur Tages­ord­nung über­zu­ge­hen. Der Rest ist Resi­gna­ti­on.

Der kah­le Berg, der dem zwei­ten Ein­ak­ter den Titel gab, ist ein abs­trak­te­res Bild. Er ist ein Berg wie der, auf des­sen Gip­fel Sisy­phus sei­nen schwe­ren Stein­bro­cken zu rol­len hat, die Meta­pher des Sinn­lo­sen, dem will­kür­lich ein Sinn gege­ben wird. Der ehe­ma­li­ge Sol­dat, der an einer Stra­ßen­ecke bet­telt, hält zäh dar­an fest, dass die Erstür­mung die­ses kah­len Ber­ges einen stra­te­gi­schen Sinn gehabt habe, ja dass das Schick­sal des Vater­lands von der Erobe­rung die­ses Ber­ges abge­han­gen habe, auch wenn er sel­ber dabei ein Bein ver­lor und fort­an zum inva­li­den Bett­ler wur­de. Sein Kum­pel, der ehe­ma­li­ge Clown, legt mit ein paar ein­fa­chen Kin­der­fra­gen die­se Lebens­lü­ge bloß. Das Ende ist auch hier Resi­gna­ti­on: Die kör­per­lich und geis­tig Ver­sehr­ten, Beschä­dig­ten, Defor­mier­ten über­le­ben, die schlich­te Wahr­heit wird ein Opfer des Wahns. Gerad­li­nig und ohne Schnör­kel wur­den die­se Para­beln in Sze­ne gesetzt. Kei­ne über­flüs­si­gen Zuta­ten lenk­ten vom inhalt­li­chen Kern ab. Wie immer bei den „Vagan­ten“ konn­ten sich die Spie­ler auf eine straff geführ­te sprach­li­che und ges­ti­sche Regie stüt­zen.

Mit einer hilf­reich cha­rak­te­ri­sie­ren­den Kos­tü­mie­rung wie in „Der kah­le Berg“ kam dazu noch ein kräf­ti­ger Schuss locke­rer Spon­ta­nei­tät, von dem vor allem Hans Anker (Sol­dat) und Hubert Fischer (Clown) pro­fi­tier­ten.

Wer­ner Faltl­hau­ser und Evi Gehring in „Die Aut­op­sie“ hat­ten es ohne äuße­re Hilfs­mit­tel schon schwe­rer, die Erfah­rung einer so ein­schnei­den­den Exis­tenz­kri­se dar­zu­stel­len. Eine „Gala­pre­mie­re“ war nicht beab­sich­tigt. Der Anfang kann wohl so gedeu­tet wer­den, dass hier in ers­ter Linie kon­se­quen­te „Kul­tur­ar­beit“ geleis­tet wer­den soll. Und für Kul­tur­ar­beit nach Art der „Vagan­ten“ gibt es trotz des viel­fäl­ti­gen Ange­bots in Rosen­heim sicher­lich viel Bedarf.

PRE­MIE­RE:  Sa 18. Novem­ber 1984

WEI­TE­RE TER­MI­NE
Novem­ber 1984
Janu­ar 1985
Juni 1985

Im ENSEM­BLE TAM OST

Regie:Toni Mül­ler
 Schau­spie­ler u.a.
Evi Gehring
Hans Anker
Wer­ner Faltl­hau­ser
Hubert Fischer

Schlag­wor­te zum Stück