DER GROSSINQUISITOR

Fantasie nach Fjodor Dostojewski

ZUM STÜCKZUR KRITIK
2011 - Plakat - Der Großinquisitor

2011 – Plakat – Der Großinquisitor

Vorstellungstermine:
Samstag, 19. März 2011, 20 Uhr, Première
Freitag / Samstag, 25. / 26. März, 20 Uhr
Freitag / Samstag, 1. / 2. April, 20 Uhr
Sonntag, 3. April, 17 Uhr
Freitag / Samstag, 8. / 9. April, 20 Uhr
Freitag / Samstag, 15. / 16. April, 20 Uhr

Im Ensemble TAM OST – Produktion (Klick zum zei­gen)
Autor / Regie: Helmut Huber
Bühne: Ensemble
Licht/Ton:  
Kostüm: Ensemble
Plakat/Fotografie: Helmut Huber

Im Ensemble TAM OST – Schauspiel (Klick zum zei­gen)
Schauspieler als
Klaus Schöberl Der Großinquisitor
Helmut Huber Der Einleiter

Zum Inhalt:

DER GROSSINQUISITOR - Klaus Schöberl

DER GROSSINQUISITOR – Klaus Schöberl

Was wäre, wenn Jesus heu­te auf­trä­te? Dieser immer fas­zi­nie­ren­den Frage hat der gro­ße rus­si­sche Dichter Fjodr Dostojewski in sei­nem Roman „Die Brüder Karamasow” ein Kapitel gewid­met. In einer Phantasie lässt er Jesus zur Zeit der spa­ni­schen Inquisition unter die Menschen zurück­keh­ren.

Er wird von allen erkannt. Aber der Großinquisitor greift ihn auf. Jesus soll auf den Scheiterhaufen. Um Mitternacht besucht ihn der mäch­ti­ge Herr der Inquisition zum Verhör und erklärt ihm, dass er kein Recht habe, auf die Erde zurück zu kom­men und die Jahrtausende alte Ordnung der Kirche zu stö­ren. Jesus habe zu sei­ner Zeit bereits alles gesagt, argu­men­tiert der Großinquisitor, er habe sei­ne Kirche allein gelas­sen. Nun müs­se die Kirche die Menschen unter Kontrolle hal­ten, da sie nicht fähig sei­en, in Freiheit zu leben, denn die läge nicht in ihrer Natur. Um Chaos zu ver­hin­dern, müss­ten Menschen wie eine Herde Schafe geführt wer­den. Der Großinquisitor ver­tei­digt mit der Kirche auch alle welt­li­che Macht gegen den Anspruch Jesu nach Wahrheit und Freiheit. Und was tut Jesus?

Helmut Huber hat die Anklage des Großinquisitors als span­nen­des Solostück bear­bei­tet, das neben der reli­giö­sen eine deut­li­che poli­ti­sche Dimension in der Frage hat, ob die Freiheit des Glaubens eine mora­li­sche Überforderung des ein­zel­nen Menschen sei.

Kritik OVB 11.2011, von Margit Jacobi

Beklemmende Düsternis

Der Raum ist düs­ter und wirkt her­me­tisch abge­schlos­sen. Auf einem Holzstuhl sitzt ein hage­rer Mann in einer Mönchskutte, sein Blick ist streng, for­schend und uner­bitt­lich. Der Scheinwerfer taucht die Gestalt in ein kal­tes Licht und erzeugt an der Wand unheim­li­che Schattenspiele. Es ist der Kardinal Großinquisitor. In einem erschüt­tern­den Monolog klagt er Jesus an, der auf die Erde her­ab­ge­stie­gen ist und den er nun gefan­gen genom­men hat.

Unter der Regie von Helmut Huber brach­te das Ensemble des Theaters am Markt  die Fantasie „Der Großinquisitor” auf die Bühne, deren Vorlage das gleich­ma­mi­ge Kapitel aus Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow” bil­de­te.

DER GROSSINQUISITOR mit Klaus Schöberl Bild: ovb 2011 von M. Jacobi

DER GROSSINQUISITOR mit Klaus Schöberl
Bild: ovb 2011 von M. Jacobi

Klaus Schöberl in der Rolle des Großinquisitors war eine Idealbesetzung. In einem fast ein­stün­di­gen, beklem­men­den Monolog beherrscht Schöberl nicht nur per­fekt den anspruchs­vol­len Text, son­dern ver­kör­per­te den grei­sen Großinquisitor auch der­art über­zeu­gend, dass im Publikum von der ers­ten Minute an gebann­tes Schweigen herrsch­te. Bald mit bit­te­rer Häme, bald ver­zwei­felt aggres­siv, oft lei­se flüs­ternd klagt er Jesus an, fragt ihn, war­um er auf die Erde gekom­men sei, und droht ihm mit Verbrennung. Jesus aber schweigt. Jesus, so der Großinquisitor, habe den Menschen die Freiheit gege­ben, sich für Gut und Böse zu ent­schei­den. Doch die­se Freiheit über­for­de­re die Menschen. Es sei bes­ser, den Menschen anstel­le der Freiheit Brot zu geben und ihnen die Verantwortung für ihr Tun abzu­neh­men. „Keine Wissenschaft kann die Menschen sät­ti­gen, solan­ge sie frei blei­ben”. Die Schwachen und Ohnmächtigen, denen man die „qual­volls­ten Geheimnisse des Gewissens” abneh­men wol­le, müss­ten geführt wer­den wie eine Herde.

Oft ver­än­der­te Schöberl Stimme, Mimik und Gestik, sprach lei­se ein­schmei­chelnd, nicht sel­ten schnei­dend scharf und gefühls­kalt, griff mit den Händen in die Luft und streck­te die Arme ange­wi­dert von sich. Mal zog er mit schmerz­ver­zerr­tem Gesicht den Stuhl hin­ter sich her, mal schritt er gebie­te­risch an den Sitzreihen des Publikums ent­lang. Nach sei­nen Reflexionen, die vor dem hart­nä­ckig-bered­ten Schweigen Jesu zuneh­mend Selbstzweifel ver­rie­ten, setz­te er immer wie­der geschickt rhe­to­ri­sche Pausen.

Eine gute Idee des Regisseurs war die Einführung der Fantasie durch Helmut Huber. Seine leben­di­ge Schilderung des his­to­ri­schen Hintergrunds, der Erscheinung Jesu und sei­ner Wunderwerke, etwa der packend beschrie­be­nen Erweckung des toten Mädchens, berei­te­te das Publikum dra­ma­tur­gisch geschickt auf den Auftritt des Großinquisitors vor. Zur Szene im Kerker bil­de­te sie zudem einen ergrei­fen­den Kontrast. Takte aus Mozarts Requiem und ein auf die schwar­ze Wand sche­men­haft pro­ji­zier­tes Kreuz beton­ten zusätz­lich die Düsternis des Geschehens. Für die fes­seln­de Première der Adaption von Dostojewskis „Großinquisitor” erhielt das Ensemble am Ende lang anhal­ten­den, begeis­ter­ten Beifall.