DER GOTT DES GEMETZELS

Komödie von Yasmina Reza

ZUM STÜCKZUR KRITIK
2010 - Plakat - Der Gott des Gemetzels

2010 – Plakat – Der Gott des Gemetzels

Vorstellungstermine:
Samstag, 27. Februar 2010, 20 Uhr, Première
Freitag / Samstag, 5. / 6. März, 20 Uhr
Freitag / Samstag, 12. / 13. März, 20 Uhr
Sonntag, 14. März, 17 Uhr
Freitag / Samstag, 19. / 20. März, 20 Uhr
Freitag / Samstag, 26. / 27. März, 20 Uhr

Im Ensemble TAM OST – Produktion (Klick zum zei­gen)
Regie: Hermann Kunz
Assistenz Gerhard Sellmair, Agnes Austermaier
Bühne: Gabriela Schmidt
Licht/Ton: Gerhard Sellmair
Kostüm: Ensemble
Plakat: Bernhard Bindl

Im Ensemble TAM OST – Schauspiel (Klick zum zei­gen)
Schauspieler als
Jo Schumann Véronique Houillé
Silvia Jahn-Erbe Annette Reille
Stefan Hanus Alain Reille
Thomas Terpetschnig Michel Houillé

Zum Inhalt:

"Michel und Véronique Houillé" Thomas Terpetschnig und Jo Schumann

Michel und Véronique Houillé” Thomas Terpetschnig und Jo Schumann

Der Gott des Gemetzels” von Yasmina Reza, eine Geschichte über die mensch­li­chen Abgründe unter der glat­ten Alltagsoberfläche unse­rer Zeit. Auch wenn der Titel erst ein­mal etwas ande­res ver­mu­ten lässt, ist das Stück eine poin­ten­rei­che Komödie.

Zwei Jungen haben sich im Park geprü­gelt. Ein Stock war im Spiel und Zähne gin­gen ver­lo­ren. Die Elternpaare Véronique und Michel in ihrer Pariser Wohnung und ihre Besucher Annette und Alain füh­ren ein Streitschlichtergespräch. Sie wol­len die Beziehung zwi­schen den Söhnen wie­der­her­stel­len. Doch nach und nach drän­gen die Schwachpunkte der ein­zel­nen Lebensläufe an die Oberfläche. Die Atmosphäre wird zuneh­mend aggres­si­ver und somit ändert sich auch die Beurteilung der Tat des 11jährigen Ferdinand und der Opferrolle von Bruno.

"Alain und Annette Reille" Stefan Hanus und Silvia Jahn-Erbe

Alain und Annette Reille” Stefan Hanus und Silvia Jahn-Erbe

Die ele­gan­ten Wohlstandsmasken der bei­den Paare fal­len, und bei die­sem Krieg im Wohnzimmer wech­seln unver­mit­telt und bru­tal auch die Koalitionen paar­über­grei­fend. Wozu die lie­ben Kleinen erzo­gen wer­den sol­len, dazu sind die Erwachsenen selbst nicht fähig. Aus Sticheleien wer­den Wortgefechte, aus Streitereien wer­den Handgreiflichkeiten, und der Nachmittag nimmt einen, gelin­de gesagt, unan­ge­neh­men, für den Zuschauer aber höchst ver­gnüg­li­chen Verlauf. Einzig Alain fühlt sich letzt­lich in sei­ner Weltanschauung bestä­tigt. Er habe immer an den „Gott des Gemetzels“ geglaubt.

"Michel Houillé und Alain Reille" Thomas Terpetschnig und Stefan Hanus

Michel Houillé und Alain Reille” Thomas Terpetschnig und Stefan Hanus

Autorin Yasmina Reza ver­wischt mit dia­bo­li­schem Humor, schnei­den­der Rhetorik und furio­sen Running Gags die Grenzen zwi­schen Zivilisation und Barbarei und unter­hält damit das Publikum grandios.Weltberühmt wur­de sie durch das Stück „Kunst”. Ihre von der Kritik und dem Publikum ein­hel­lig gefei­er­te Komödie „Der Gott des Gemetzels“ wur­de in den Spielzeiten 2006 bis 2008 an über 60 deutsch­spra­chi­gen Bühnen insze­niert und gehör­te damit schon nach zwei Jahren zu den erfolg­reichs­ten Theaterstücken der letz­ten Jahrzehnte.

ovb 01.03.2010, Rainer Janka
(Original hier: http://www.ovb-online.de/rosenheim/kultur/gegen-kotzattacken-653300.html)

Mit dem Fön gegen Kotzattacken

Der Gott des Gemetzels” überzeugt im Rosenheimer TAM OST

"Michel Houillé, Alain Reille, Annette Reille und Véronique Houillé" (lnr:) Thomas Terpetschnig, Stefan Hanus, Silvia Jahn-Erbe und Jo Schumann Bild: Margit Jacobi

Michel Houillé, Alain Reille, Annette Reille und Véronique Houillé”
(lnr:) Thomas Terpetschnig, Stefan Hanus, Silvia Jahn-Erbe und Jo Schumann
Bild: Margit Jacobi

Wenn in fran­zö­si­schen Dramen, ob bei Molière, bei Sartre oder bei Anouilh, die Menschen in Lebens-, Schicksals- oder Existenzkatastrophen gera­ten, tun sie dies plau­dernd und meist im Salon. Nicht anders ist es in den Stücken der der­zeit meist gespiel­ten Yasmina Reza. Auch für ihre Figuren gilt, was Jean Anouilh sag­te: „Wir kön­nen uns belei­di­gen, ver­ra­ten, mas­sa­krie­ren unter mehr oder weni­ger noblen Vorwänden, zu schein­ba­ren Größen auf­bla­sen: Wir sind komisch.” Und er fährt fort: „Und das ist am Ende noch schreck­li­cher als die grau­en­vol­len Schilderungen unse­res Nichts”.

Dies könn­te auch über dem Stück von Yasmina Reza ste­hen, das jetzt im TAM OST Première hat­te und das die­ses Grauen auch im Titel hat: „Der Gott des Gemetzels”.

Darin wol­len zwei Ehepaare sich völ­lig zivi­li­siert über das unter­hal­ten, was ihre Söhne getan haben: Der eine hat in der Schule den ande­ren mit einem Stock ver­prü­gelt und ihm dabei zwei Schneidezähne her­aus­ge­schla­gen. Eigentlich ein Fall für die Haftpflichtversicherung. Doch die gesell­schaft­li­che Tünche blät­tert bald ab, im Verlauf des Gesprächs legen bei­de Paare ihre Lebenslügen bloß und gehen sich, nach reich­lich Rumgenuss, ver­bal an die Gurgel. Aus dem zivi­li­sier­ten Gespräch wird ein Ehegemetzel. Zwischendurch ver­brü­dern sich die Männer, ver­schwes­tern sich die Frauen. Und alle erken­nen: „Anstand ist ein Unsinn, der einen schwächt.” Der jewei­li­ge Lebenstraum wird zum reins­ten Alptraum.

Die Inszenierung ver­ant­wor­tet Hermann Kunz mit einer Regieassistenz (Gerhard Sellmair) und einer Hilfsassistenz (Agnes Austermaier). Um es gleich zu sagen: Die Inszenierung ist gelun­gen.
Wer das Stück im Münchner Residenztheater gese­hen hat, konn­te auch die­ser Inszenierung zustim­men. Das Grauen war komisch, die Komik im Grunde grau­en­voll.

Zwei Einwände: Der Salon, die­ses sozia­le Schlachtfeld, ist, obwohl behaup­tet und the­ma­ti­siert, kein Salon, ähnelt eher einem Arztwartezimmer. Vier Bürostühle ste­hen ver­streut, umrahmt von klei­ne­ren Bücherstapeln. Das ist für einen pari­se­risch-bür­ger­li­chen Salon zu wenig, damit die Fallhöhe zu gering. (Bühne: Gabriela Schmidt und Ensemble).

Sofas, in denen man sich prä­ten­ti­ös flä­zen oder sich ver­letzt zusam­men­rol­len kann, eig­nen sich wesent­lich bes­ser. Und: Der furio­se Schluss dürf­te noch furio­ser, zer­stö­ren­der, kata­stro­pha­ler sein, was sich durch ein biss­chen mehr Tempo erzie­len las­sen könn­te. Da war­ten die Schauspieler zu sehr dar­auf, dass der ande­re fer­tig ist, bis sie dann dran­kom­men. Je mehr Tempo, des­to mehr Bosheit und mehr Bösheit.

"Annette Reille und Véronique Houillé" Silvia Jahn-Erbe und Jo Schumann

Annette Reille und Véronique Houillé” Silvia Jahn-Erbe und Jo Schumann

Jo Schumann ist als die gast­ge­ben­de intel­lek­tu­el­le Véronique eine der sozia­len „Hüterinnen der Welt” und schön nerv­tö­tend in ihrer gespielt-for­schen domi­nie­ren­den und leicht nöli­gen Höflichkeit, die mit ihrer voll­tö­nen­den Stimme den Raum beherrscht und auch die Situation beherr­schen will.

Ihren Gegenpart Annette spielt Silvia Jahn-Erbe als zunächst etwas ver­husch­te – was ihr weni­ger gelingt – , Vermögensberaterin, die spä­ter zur über­zeu­gend tul­pen­zer­rei­ßen­den Furie mutiert, die aber vor allem durch ihr tech­nisch gut gespiel­tes Sich-Übergeben für vor­an­trei­ben­de Dramatik sorgt. Sie kotzt, zum Schrecken von Véronique, über den Kokoschka-Bildband, den ihr Mann mit einem Fön zu trock­nen ver­sucht. Später sitzt er, mit dem Fön in der Hand, auf die nächs­te Kotzattacke war­tend, da: ein schö­nes Bild für den ver­geb­li­chen und auch lächer­li­chen Versuch, die buch­stäb­lich aus­bre­chen­de Kreatürlichkeit sozi­al zu domes­ti­zie­ren.

Diesen Michel spielt Thomas Terpetschnig wirk­lich gut als männ­li­chen, etwas frau­en­do­mi­nier­ten Normalo, des­sen unter­schwel­li­ge Aggressivität leicht nach außen schnellt.

Er kann sei­ne Pointen genau­so gut set­zen wie Stefan Hanus als Alain, ein kalt­schnäu­zi­ger Macho-Zyniker mit einem John-Wayne-Männerbild, der dau­er­te­le­fo­nie­rend die drei ande­ren nervt. Er spricht auch den titel­ge­ben­den Satz: „Ich glau­be nur an den Gott des Gemetzels”, nicht an besänf­ti­gen­de sozia­le Gesprächskultur. Und er ist damit so grau­en­voll wie komisch.