Komö­die von Yas­mi­na Reza

Regie: Her­mann Kunz

„Michel und Véro­ni­que Houil­lé“ Tho­mas Ter­pet­sch­nig und Jo Schu­mann

„Der Gott des Gemet­zels“ von Yas­mi­na Reza, eine Geschich­te über die mensch­li­chen Abgrün­de unter der glat­ten All­tags­ober­flä­che unse­rer Zeit. Auch wenn der Titel erst ein­mal etwas ande­res ver­mu­ten lässt, ist das Stück eine poin­ten­rei­che Komö­die.

Zwei Jun­gen haben sich im Park geprü­gelt. Ein Stock war im Spiel und Zäh­ne gin­gen ver­lo­ren. Die Eltern­paa­re Véro­ni­que und Michel in ihrer Pari­ser Woh­nung und ihre Besu­cher Annet­te und Alain füh­ren ein Streit­schlich­ter­ge­spräch. Sie wol­len die Bezie­hung zwi­schen den Söh­nen wie­der­her­stel­len. Doch nach und nach drän­gen die Schwach­punk­te der ein­zel­nen Lebens­läu­fe an die Ober­flä­che. Die Atmo­sphä­re wird zuneh­mend aggres­si­ver und somit ändert sich auch die Beur­tei­lung der Tat des 11jährigen Fer­di­nand und der Opfer­rol­le von Bru­no.

„Michel Houil­lé und Alain Reil­le“ Tho­mas Ter­pet­sch­nig und Ste­fan Hanus

Die ele­gan­ten Wohl­stands­mas­ken der bei­den Paa­re fal­len, und bei die­sem Krieg im Wohn­zim­mer wech­seln unver­mit­telt und bru­tal auch die Koali­tio­nen paar­über­grei­fend. Wozu die lie­ben Klei­nen erzo­gen wer­den sol­len, dazu sind die Erwach­se­nen selbst nicht fähig. Aus Sti­che­lei­en wer­den Wort­ge­fech­te, aus Strei­te­rei­en wer­den Hand­greif­lich­kei­ten, und der Nach­mit­tag nimmt einen, gelin­de gesagt, unan­ge­neh­men, für den Zuschau­er aber höchst ver­gnüg­li­chen Ver­lauf. Ein­zig Alain fühlt sich letzt­lich in sei­ner Welt­an­schau­ung bestä­tigt. Er habe immer an den „Gott des Gemet­zels“ geglaubt.

Autorin Yas­mi­na Reza ver­wischt mit dia­bo­li­schem Humor, schnei­den­der Rhe­to­rik und furio­sen Run­ning Gags die Gren­zen zwi­schen Zivi­li­sa­ti­on und Bar­ba­rei und unter­hält damit das Publi­kum grandios.Weltberühmt wur­de sie durch das Stück „Kunst“. Ihre von der Kri­tik und dem Publi­kum ein­hel­lig gefei­er­te Komö­die „Der Gott des Gemet­zels“ wur­de in den Spiel­zei­ten 2006 bis 2008 an über 60 deutsch­spra­chi­gen Büh­nen insze­niert und gehör­te damit schon nach zwei Jah­ren zu den erfolg­reichs­ten Thea­ter­stü­cken der letz­ten Jahr­zehn­te.

ovb 01.03.2010, Rai­ner Jan­ka
(Ori­gi­nal hier: http://www.ovb-online.de/rosenheim/kultur/gegen-kotzattacken-653300.html)

Mit dem Fön gegen Kotz­at­ta­cken

„Der Gott des Gemet­zels“ über­zeugt im Rosen­hei­mer TAM OST

Wenn in fran­zö­si­schen Dra­men, ob bei Moliè­re, bei Sart­re oder bei Anouilh, die Men­schen in Lebens-, Schick­sals- oder Exis­tenz­ka­ta­stro­phen gera­ten, tun sie dies plau­dernd und meist im Salon. Nicht anders ist es in den Stü­cken der der­zeit meist gespiel­ten Yas­mi­na Reza. Auch für ihre Figu­ren gilt, was Jean Anouilh sag­te: „Wir kön­nen uns belei­di­gen, ver­ra­ten, mas­sa­krie­ren unter mehr oder weni­ger noblen Vor­wän­den, zu schein­ba­ren Grö­ßen auf­bla­sen: Wir sind komisch.“ Und er fährt fort: „Und das ist am Ende noch schreck­li­cher als die grau­en­vol­len Schil­de­run­gen unse­res Nichts“.

Dies könn­te auch über dem Stück von Yas­mi­na Reza ste­hen, das jetzt im TAM OST Pre­miè­re hat­te und das die­ses Grau­en auch im Titel hat: „Der Gott des Gemet­zels“.

„Michel Houil­lé, Alain Reil­le, Annet­te Reil­le und Véro­ni­que Houil­lé“
(lnr:) Tho­mas Ter­pet­sch­nig, Ste­fan Hanus, Sil­via Jahn-Erbe und Jo Schu­mann
Bild: Mar­grit Jaco­bi

Dar­in wol­len zwei Ehe­paa­re sich völ­lig zivi­li­siert über das unter­hal­ten, was ihre Söh­ne getan haben: Der eine hat in der Schu­le den ande­ren mit einem Stock ver­prü­gelt und ihm dabei zwei Schnei­de­zäh­ne her­aus­ge­schla­gen. Eigent­lich ein Fall für die Haft­pflicht­ver­si­che­rung. Doch die gesell­schaft­li­che Tün­che blät­tert bald ab, im Ver­lauf des Gesprächs legen bei­de Paa­re ihre Lebens­lü­gen bloß und gehen sich, nach reich­lich Rum­ge­nuss, ver­bal an die Gur­gel. Aus dem zivi­li­sier­ten Gespräch wird ein Ehe­ge­met­zel. Zwi­schen­durch ver­brü­dern sich die Män­ner, ver­schwes­tern sich die Frau­en. Und alle erken­nen: „Anstand ist ein Unsinn, der einen schwächt.“ Der jewei­li­ge Lebens­traum wird zum reins­ten Alp­traum.

Die Insze­nie­rung ver­ant­wor­tet Her­mann Kunz mit einer Regie­as­sis­tenz (Ger­hard Sell­mair) und einer Hilfs­as­sis­tenz (Agnes Aus­ter­mai­er). Um es gleich zu sagen: Die Insze­nie­rung ist gelun­gen.
Wer das Stück im Münch­ner Resi­denz­thea­ter gese­hen hat, konn­te auch die­ser Insze­nie­rung zustim­men. Das Grau­en war komisch, die Komik im Grun­de grau­en­voll.

Zwei Ein­wän­de: Der Salon, die­ses sozia­le Schlacht­feld, ist, obwohl behaup­tet und the­ma­ti­siert, kein Salon, ähnelt eher einem Arzt­war­te­zim­mer. Vier Büro­stüh­le ste­hen ver­streut, umrahmt von klei­ne­ren Bücher­sta­peln. Das ist für einen pari­se­risch-bür­ger­li­chen Salon zu wenig, damit die Fall­hö­he zu gering. (Büh­ne: Gabrie­la Schmidt und Ensem­ble).

Sofas, in denen man sich prä­ten­ti­ös flä­zen oder sich ver­letzt zusam­men­rol­len kann, eig­nen sich wesent­lich bes­ser. Und: Der furio­se Schluss dürf­te noch furio­ser, zer­stö­ren­der, kata­stro­pha­ler sein, was sich durch ein biss­chen mehr Tem­po erzie­len las­sen könn­te. Da war­ten die Schau­spie­ler zu sehr dar­auf, dass der ande­re fer­tig ist, bis sie dann dran­kom­men. Je mehr Tem­po, des­to mehr Bos­heit und mehr Bös­heit.

„Annet­te Reil­le und Véro­ni­que Houil­lé“ Sil­via Jahn-Erbe und Jo Schu­mann

Jo Schu­mann ist als die gast­ge­ben­de intel­lek­tu­el­le Véro­ni­que eine der sozia­len „Hüte­rin­nen der Welt“ und schön nerv­tö­tend in ihrer gespielt-for­schen domi­nie­ren­den und leicht nöli­gen Höf­lich­keit, die mit ihrer voll­tö­nen­den Stim­me den Raum beherrscht und auch die Situa­ti­on beherr­schen will.

Ihren Gegen­part Annet­te spielt Sil­via Jahn-Erbe als zunächst etwas ver­husch­te - was ihr weni­ger gelingt - , Ver­mö­gens­be­ra­te­rin, die spä­ter zur über­zeu­gend tul­pen­zer­rei­ßen­den Furie mutiert, die aber vor allem durch ihr tech­nisch gut gespiel­tes Sich-Über­ge­ben für vor­an­trei­ben­de Dra­ma­tik sorgt. Sie kotzt, zum Schre­cken von Véro­ni­que, über den Kokosch­ka-Bild­band, den ihr Mann mit einem Fön zu trock­nen ver­sucht. Spä­ter sitzt er, mit dem Fön in der Hand, auf die nächs­te Kotz­at­ta­cke war­tend, da: ein schö­nes Bild für den ver­geb­li­chen und auch lächer­li­chen Ver­such, die buch­stäb­lich aus­bre­chen­de Krea­tür­lich­keit sozi­al zu domes­ti­zie­ren.

Die­sen Michel spielt Tho­mas Ter­pet­sch­nig wirk­lich gut als männ­li­chen, etwas frau­en­do­mi­nier­ten Nor­ma­lo, des­sen unter­schwel­li­ge Aggres­si­vi­tät leicht nach außen schnellt.

Er kann sei­ne Poin­ten genau­so gut set­zen wie Ste­fan Hanus als Alain, ein kalt­schnäu­zi­ger Macho-Zyni­ker mit einem John-Way­ne-Män­ner­bild, der dau­er­te­le­fo­nie­rend die drei ande­ren nervt. Er spricht auch den titel­ge­ben­den Satz: „Ich glau­be nur an den Gott des Gemet­zels“, nicht an besänf­ti­gen­de sozia­le Gesprächs­kul­tur. Und er ist damit so grau­en­voll wie komisch.

2010 - Plakat - DER GOTT DES GEMETZELS, Bild: Bernhard Bindl
2010 - Pla­kat - DER GOTT DES GEMET­ZELS, Bild: Bern­hard Bindl

PRE­MIE­RE:  Sa 27. Febru­ar 2010

WEI­TE­RE TER­MI­NE
Fr/Sa 05/06 März
Fr/Sa 12/13 März
So 14 März
Fr/Sa 19/20 März
Fr/Sa 26/27 März

Spiel­be­ginn: 
Frei­tags und Sams­tags 20 Uhr,
Sonn­tags 17 Uhr
Ein­lass:
ca. 15 Min. vor Spiel­be­ginn

Im ENSEM­BLE TAM OST

Regie:Her­mann Kunz
Assis­tenz:Agnes Aus­ter­mai­er, Ger­hard Sell­mair
Büh­ne:Gabrie­la Schmidt
Licht/Ton:Ger­hard Sell­mair
Kos­tüm:Ensem­ble
Pla­kat:Bern­hard Bindl
 Schau­spie­lerals
Sil­via Jahn-Erbe
Annet­te Reil­le
Jo Schu­mannVéro­ni­que Houil­lé
Ste­fan HanusAlain Reil­le
Tho­mas Ter­pet­sch­nig
Michel Houil­lé

Schlag­wor­te zum Stück