Schau­spiel von Albert Camus

Regie: Ste­fan Vin­cent Schmidt

Maria: „Wuss­ten Sie da bereits, dass es Ihr Bru­der war?“

Mar­tha: „Wenn Sie es unbe­dingt wis­sen wol­len, es war ein Miss­ver­ständ­nis. Und wenn Sie die Welt ein biss­chen ken­nen, wird Sie das nicht wundern.“

Es men­schelt gewal­tig in Camus´ schau­ri­gem Schau­spiel um die Sinn­lo­sig­keit des Lebens, die Lie­be und die Sehn­sucht nach dem Glück.

Das schlech­te Gewis­sen lässt den rei­chen Jan nach vie­len Jah­ren ins abge­le­ge­ne Gast­haus der Eltern zurück­keh­ren. Sich selbst sieht er als Glü­ckes Schmied für Mut­ter und Schwes­ter und will ihnen ihre Wün­sche von den Augen able­sen. Doch fata­ler­wei­se ver­wech­selt er gut­mei­nen­de Mani­pu­la­ti­on mit auf­rich­ti­ger Menschenliebe.

Generalprobe
„Jan, Mar­tha und Mut­ter“, Oli­ver Män­ner, Jut­ta Schmidt und Sabi­ne Herr­berg, Bild: Albert Aschl

Er wird sei­nen Hoch­mut büßen müs­sen, denn bei­de mor­den rei­che Gäs­te, um zu über­le­ben. Schon seit lan­gem tötet die Alte nur noch mecha­nisch: „Die Gewohn­heit beginnt beim zwei­ten Ver­bre­chen. Beim ers­ten beginnt nichts – da hört etwas auf.“ Und so wächst die Toch­ter zur Mit­tä­te­rin her­an: „Ich dach­te, das Ver­bre­chen sei unser Heim und wür­de mei­ne Mut­ter und mich auf ewig bin­den. An wen auf der Welt soll­te ich mich hal­ten als an die­je­ni­ge, die gemein­sam mit mir getö­tet hat?“

Nichts für schwa­che Ner­ven - die­ses ewi­ge, grau­sig-schö­ne und viel­schich­ti­ge Spiel um den Sinn des Lebens.
(Text: Male­en Schultka)

© ovb, 22.03.2017, Mar­grit Jacobi

Ori­gi­nal hier: https://www.ovb-online.de/rosenheim/kultur/gott-unendlich-fern-7948764.html

Gott ist unend­lich fern

Gott ist unend­lich fern im Stück „Das Miss­ver­ständ­nis“ von Albert Camus, einem beken­nen­den Athe­is­ten, der das Leben als sinn­lo­ses Gefü­ge betrachtete.

Der Nobel­preis­trä­ger schrieb das Werk von ele­men­ta­rer Wucht, das die Dämo­nen los­lässt, 1941 wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges, in dem er selbst in Frank­reich Wider­stands­kämp­fer war. Regis­seur Ste­fan Vin­cent Schmidt hat es jetzt für das Thea­ter am Markt inszeniert.

Tochter (Jutta Schmidt) und Mutter (Sabine Herrberg). Jacobi © OVB
Toch­ter (Jut­ta Schmidt) und Mut­ter (Sabi­ne Herr­berg). Jaco­bi
© OVB

Dicke Sei­le umrah­men die Büh­ne. Ein rie­si­ger Keil in Grau und Weiß dia­go­na­li­siert den Büh­nen­bo­den. Im Hin­ter­grund sym­bo­li­siert blau­es Licht, das durch dün­ne Vor­hän­ge leuch­tet, ein ersehn­tes, weit ent­fern­tes Meer. Mut­ter (Sabi­ne Herr­berg) und Toch­ter Mar­tha (Jut­ta Schmidt) spre­chen zu Beginn über einen neu ein­ge­trof­fe­nen Gast, den sie, wie vie­le vor­her, erst betäu­ben, dann aus­rau­ben und in den Fluss wer­fen wol­len. So ver­su­chen sie, die deso­la­te Situa­ti­on ihres schlecht besuch­ten Hotels auf­zu­bes­sern. Kalk­weiß geschminkt sind ihre Gesich­ter. Emo­ti­ons­los und meist mono­ton ist die Stim­me der Toch­ter. Von Erschöp­fung gezeich­net und von Zwei­feln geplagt wünscht sich die alte Mut­ter Ruhe. „Töten ist anstren­gend“ erwi­dert sie der Toch­ter, die hart und ohne Erbar­men das Töten for­dert. Musik von Lige­ti in illu­sio­nä­ren melo­disch rhyth­mi­schen Klän­gen beglei­tet die ers­te Szene.

Eines Tages kommt der lan­ge abwe­sen­de Sohn Jan (Oli­ver Män­ner) zurück. Er gibt sich, ent­ge­gen dem Rat sei­ner Frau Maria (Mir­jam Ber­ta­gnol­li) nicht zu erken­nen, in der Hoff­nung, erkannt zu wer­den, und um zu sehen, wie er hel­fen kann. Aber sie erken­nen in dem neu­en Gast nicht den Sohn und Bru­der, sie sehen in ihm nur das lukra­ti­ve Opfer.

Im Hin­ter­grund geht wäh­rend des gan­zen Gesche­hens immer wie­der der Knecht (Hel­mut Mei­er) vor­bei, als Sym­bol für den Mecha­nis­mus des Zufalls und für die Unbarm­her­zig­keit der Hand­lung in die­ser absur­den Tragödie.

Als Jan allein ist, erklärt ihm (Anm.d.Red.: die ihn nicht erken­nen­de Schwes­ter) Mar­tha in har­scher Rede: „ Hier wer­den Sie nichts fin­den, was mensch­li­cher Nähe ähnelt.“ Wei­ter knüpft sie die Sei­le und zieht sie nun auch über die Front zum Publi­kum. Wie eine Spin­ne umgarnt sie ihr Opfer. Mit bru­ta­ler Här­te beharrt sie dar­auf, das grau­sa­me Tun am heu­ti­gen Abend zu ver­rich­ten, als die Mut­ter um Auf­schub bit­tet. Mar­tha will end­lich ans Meer, in eine hei­ße Son­ne, die alle Ver­gan­gen­heit ver­brennt. Jan über­fal­len Zwei­fel, doch er nimmt den ange­bo­te­nen Schlaf­trunk zu sich.

Am nächs­ten Mor­gen, als das Ver­bre­chen gesche­hen ist, bringt der Knecht den Pass des Frem­den. „Ich wer­de ihn am Grund des Mee­res suchen gehen“ sagt die Mut­ter. „Wenn eine Mut­ter nicht fähig ist, ihren Sohn zu erken­nen, hat sie ihre Rol­le auf der Erde aus­ge­spielt. Ich habe die Frei­heit ver­lo­ren, für mich beginnt die Höl­le!

Gran­di­os und erschüt­ternd bringt Sabi­ne Herr­berg das Aus­bre­chen der lang erstarr­ten Gefüh­le zum Aus­druck. Ihr Herz hat die Spra­che wie­der­ge­fun­den. Sie ver­lässt die Toch­ter, die zu lie­ben sie auf­ge­hört hat und geht zu ihrem Sohn. Mar­tha aber ver­harrt in ihrem Hass. Als Maria kommt, ihren Mann zu fin­den, berich­tet ihr Mar­tha eis­kalt und erbar­mungs­los, was geschah. „Es war ein Miss­ver­ständ­nis. Ich dach­te, das Ver­bre­chen sei mei­ne Hei­mat, alles war ein Irr­tum. Ihre Trä­nen widern mich an“ sagt sie, als Maria zusam­men­bricht. Die kann am Ende zu Gott beten und von ihm Mit­leid erflehen.

Aus der Absur­di­tät des Zufalls ent­steht in die­sem Stück eine höh­ni­sche Gro­tes­ke, die Ste­fan Vin­cent Schmidt groß­ar­tig insze­niert hat. Er hat ein Glanz­stück im Reper­toire des TAM OST geschaf­fen, das Zei­chen setzt.

Die Hoch­ach­tung gilt allen sei­nen Schau­spie­lern, die beein­dru­ckend agie­ren, allen vor­an Sabi­ne Herr­berg mit ihrem sub­ti­len Spiel. Eben­so glänzt Jut­ta Schmidt in ihrer Rol­le der gefühl­lo­sen Toch­ter. Oli­ver Män­ner als Jan ist eine stim­mi­ge Ent­spre­chung, und Mir­jam Ber­ta­gnol­li berührt als auf­rich­tig leben­de und lie­ben­de Maria.

2017 - Plakat - DAS MISSVERSTÄNDNIS, Modell: Sabine Herrberg, Bild: Alexander Schoenhoff
2017 - Pla­kat - DAS MISS­VER­STÄND­NIS, Modell: Sabi­ne Herr­berg, Bild: Alex­an­der Schoenhoff
"Martha und Mutter", Jutta Schmidt und Sabine Herrberg, Bild: Albert Aschl
„Mar­tha und Mut­ter“, Jut­ta Schmidt und Sabi­ne Herr­berg, Bild: Albert Aschl
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PRE­MIE­RE:  Sa 18. März 2017

WEI­TE­RE TER­MI­NE
Fr/Sa 24/25 März
So 26 März
Fr/Sa 31 März/01 April
So 02 April
Fr/Sa 07/08 April
So 09 April

Spiel­be­ginn: 
Frei­tags und Sams­tags 20 Uhr,
Sonn­tags 17 Uhr
Ein­lass:
ca. 15 Min. vor Spielbeginn

Im ENSEM­BLE TAM OST

Regie:Ste­fan Vin­cent Schmidt
Assis­tenz:Mari­an­ne Eckardt, Bir­git Herzig
Büh­ne:Klaus Lüders, Ste­fan V. Schmidt
Licht/Ton:Flo­ri­an Fuchs
Kos­tüm:Ensem­ble
Foto­gra­fie:Albert Aschl, Rena­te M. May­er, Alex­an­der Schoenhoff
Pla­kat:Alex­an­der Schoenhoff
 Schauspielerals
Mir­jam BertagnolliMaria
Sabi­ne HerrbergMut­ter
Jut­ta SchmidtMar­tha
Oli­ver MännerJan
Hel­mut MeierDer alte Knecht

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