Lust­spiel von Johann Wolf­gang von Goe­the

Regie: Ste­fan Vin­cent Schmidt

„Schul­dig oder mit­schul­dig?“ fragt man sich nach die­sem - para­do­xer­wei­se - hei­te­ren Thea­ter­abend.

Wirt - Hermann Hiemer und Söller - Wolfdietriech Fehler
„Söl­ler und Wirt“, (lnr) Wolf­diet­rich Feh­ler und Her­mann Hie­mer

Im „Schwar­zen Bären“ gera­ten der eil­fer­ti­ge Wirt und sein spiel­freu­di­ger Schwie­ger­sohn Söl­ler immer wie­der anein­an­der.

Unter­des­sen lässt sich Wirts­toch­ter Sophie vom geglaub­ten Lieb­ha­ber Alcest – ganz Welt­mann und selbst­ver­lieb­ter Adli­ger – zu einem Tête-à-Tête aufs Zim­mer locken.

Doch sie blei­ben nicht allein. Auch der neu­gie­ri­ge Vater und der von Spiel­schul­den geplag­te Ehe­mann suchen das nächt­li­che Gemach des Adli­gen auf und Söl­ler wird unfrei­wil­lig Zeu­ge des Ren­dez­vous. Der Mor­gen danach beginnt tur­bu­lent, als Alcest ent­deckt, dass er bestoh­len wur­de.

„Alcest und Sophie“, (lnr) Peter Schrank und Jut­ta Schmidt

Die­ses bur­les­ke Lust­spiel vom betro­ge­nen Betrü­ger steckt vol­ler Situa­ti­ons­ko­mik, und die hin­rei­ßend rhyth­mi­sier­te Kunst­spra­che for­dert die Sprach­fä­hig­keit der Schau­spie­ler her­aus. Goe­the hat­te das Werk im Jah­re 1768 geschrie­ben und mit sei­nen eigens ent­wor­fe­nen „Regeln für Schau­spie­ler“ für einen Umschwung im Büh­nen­spiel­we­sen gesorgt.
1777 trat Goe­the selbst in der Rol­le des Alcest im Wei­ma­rer Lieb­ha­ber­thea­ter auf.

Zum Anlass sei­nes zehn­jäh­ri­gen Jubi­lä­ums hat die Goe­the-Gesell­schaft in Rosen­heim ange­regt, ein Goe­the-Lust­spiel im TAM OST auf­zu­füh­ren. Am Frei­tag, 8. Mai, um 19 Uhr gibt ein Refe­rent der Goe­the­ge­sell­schaft vor der Vor­stel­lung eine Ein­füh­rung in das Stück.

OVB vom 29.04.2009, Kri­tik Georg Fücht­ner

Ver­gnüg­li­che Ver­wir­rung

Kaum zu glau­ben, dass Goe­the erst 19 Jah­re alt war, als er mit «Die Mit­schul­di­gen» ein tur­bu­len­tes Thea­ter­stück schuf, das bereits eine gro­ße sprach­li­che Kunst­fer­tig­keit auf­weist und des­sen Witz und Leich­tig­keit ver­blüfft.

Auf Anre­gung der Goe­the-Gesell­schaft Rosen­heim spiel­te das Ensem­ble des Thea­ter am Markt Goe­thes 1777 in Wei­mar urauf­ge­führ­tes Früh­werk in einer Insze­nie­rung von Ste­fan Vin­cent Schmidt. Stim­mi­ger, leben­di­ger hät­ten die ein­zel­nen Rol­len nicht besetzt wer­den kön­nen. Alcest (Peter Schrank) ver­kör­per­te her­vor­ra­gend den smar­ten, wort­ge­wand­ten Ver­füh­rer, der zu sei­nem dem Trunk ver­fal­le­nen Riva­len Söl­ler (Wolf­diet­rich Feh­ler) ide­al kon­tras­tier­te. Söl­lers lin­ki­sche Nai­vi­tät, etwa in der Sze­ne, als er Alcest und Sophie unfrei­wil­lig belauscht, rief im Publi­kum gro­ße Hei­ter­keit her­vor. Mit einer Clowns­na­se im Gesicht und mit schalk­haf­tem Spott durchs Publi­kum hüp­fend, erin­ner­te er ein wenig an Mephis­to.

Sophie (Jut­ta Schmidt), Söl­lers jun­ge Frau, beherrsch­te gekonnt alle Gefühls­re­gun­gen von mat­ter, ent­sa­gungs­vol­ler Ver­zweif­lung bis zu stür­mi­scher Lei­den­schaft. Sie sprach nur am Anfang ein biss­chen zu schrill. Ihr Vater (Her­mann Hie­mer), stets auf der Suche nach dem ver­sie­gel­ten Brief, amü­sier­te die Zuschau­er immer wie­der mit sei­ner fah­rig-pene­tran­ten Neu­gier. Die gegen­sei­ti­gen Ver­däch­ti­gun­gen der Prot­ago­nis­ten wegen der gestoh­le­nen Brief­ta­sche sorg­ten rasch für Situa­ti­ons­ko­mik und ver­gnüg­li­che Ver­wir­rung.

Ste­fan Vin­cent Schmidt gelang eine zeit­ge­mä­ße, tem­po­rei­che Insze­nie­rung. Das kar­ge Büh­nen­bild mit den vier getrenn­ten Holz­wän­den, zwi­schen denen die Akteu­re rasch her­vor­tre­ten und im Däm­mer­licht wie­der ver­schwin­den konn­ten, bil­de­te für die Hand­lung eine zweck­mä­ßi­ge Kulis­se. Die Figu­ren waren zwar typi­siert, wirk­ten mit allen ihren mensch­li­chen Merk­wür­dig­kei­ten den­noch wirk­lich­keits­ge­treu. Goe­thes Kunst­spra­che in gereim­ten Alex­an­dri­nern aus dem Mun­de ein­fa­cher Wirts­leu­te bot nicht sel­ten Anlass zum Schmun­zeln.

Nicht ganz klar war der Ein­fall mit dem zu spät kom­men­den Söl­ler, der barsch ein­ge­wie­sen wur­de, wit­zig aktua­li­siert hin­ge­gen die Sze­ne mit dem Wirt, der Bild­zei­tung liest, über­ra­schend der von Schmidt gewähl­te Schluss. Sicher wäre Goe­the mit der klug und knapp kom­po­nier­ten, locker-leich­ten Umset­zung sei­nes Thea­ter­stücks zufrie­den gewe­sen. Das Pre­mie­ren­pu­bli­kum zoll­te Regie und Schau­spie­lern jeden­falls lang anhal­ten­den, ver­dien­ten Applaus.


Kri­tik Echo, von Mar­grit Jaco­bi

Von der Mit­schuld

Er lieb­te die «Far­ce» und hat auf jeden Fall auch den Zuschau­ern viel Amü­se­ment berei­ten wol­len: Johann Wolf­gang von Goe­the schrieb 1769 «Die Mit­schul­di­gen», ein drei­ak­ti­ges Stück mit Witz und Pikan­te­rie in sechs­fü­ßi­gen, gereim­ten jam­bi­schen Ver­sen, die sich aus der klas­si­schen fran­zö­si­schen Lite­ra­tur ent­wi­ckel­ten. Goe­the selbst spiel­te neun Jah­re spä­ter den Alcest, einen Beau und Frau­en­lieb­ha­ber. Es ist ihm sicher wohl gelun­gen! 

Der Regis­seur Ste­fan Vin­cent Schmidt insze­nier­te aktu­ell das frü­he Lust­spiel des Dich­ter­fürs­ten im Thea­ter am Markt in Rosen­heim. Vier rück­wan­di­ge Büh­nen­ele­men­te erlau­ben gekonn­tes Auf- und Abtre­ten der Akteu­re, ein gelun­ge­ner Ersatz für das übli­che Tür auf- Tür zu- Spiel!

Wenn zu Beginn der hoch gewach­se­ne Her­mann Hie­mer als Wirt laut­hals sei­nen Unmut über den unge­lieb­ten, stink­fau­len Schwie­ger­sohn Söl­ler laut­hals kund tut, darf sich Wolf­diet­rich Feh­ler in der Rol­le die­ses Schma­rot­zers unbe­ein­druckt am Büh­nen­rand lüm­meln.

Für Sophie, sei­ne Frau und des Wir­tes Toch­ter ist so einer gewiss kein auf­re­gen­der Gemahl und Jut­ta Schmidt flir­tet sehr gekonnt ins Publi­kum, fragt lockend : «Ein Mann?» 

Doch schon fin­det sich ein gar beson­ders hüb­sches Exem­plar die­ser Gat­tung. Alcest, ein frü­he­rer Ver­eh­rer ist wie­der auf­ge­taucht und höchst inter­es­siert an der ehe­ma­li­gen Gespie­lin: Peter Schrank, aus­ge­stat­tet mit allen Attri­bu­ten eines Frau­en­lieb­lings, kom­plet­tiert so das Quar­tett aufs Bes­te. 

Das heim­li­che Kosen und Her­zen bei­der aber, das Söl­ler arg miss­fällt, hat jedoch bald ein jähes Ende. Im Dun­keln schleicht die­ser und jener über die Büh­ne.
Einer sucht einen ver­sie­gel­ten Brief, der ande­re rach­süch­tig das Geld des Riva­len. Tem­po­reich und wit­zig gefällt die­se Insze­nie­rung und das Ver­wirr­spiel aller Dar­stel­ler in stim­mi­gen Kos­tü­men.

Wolf­diet­rich Feh­ler gerät als sich gehörnt füh­len­der Ehe­mann gekonnt in Rage, Her­mann Hie­mer ver­leiht dem schlitz­oh­ri­gen Cha­rak­ter des Wirts authen­tisch Aus­druck, Peter Schrank genießt sicht­lich die Rol­le des Alcest und Jut­ta Schmidt als Sophie beweist gutes Gespür für die ver­schie­de­nen Facet­ten des ech­ten Weib­chens. 

Wür­de sie bei den nächs­ten Auf­füh­run­gen auch noch ver­nehm­li­cher arti­ku­lie­ren, blie­ben kei­ne Wün­sche offen.
Das Publi­kum hat­te sei­nen Spaß an einer strin­gen­ten Insze­nie­rung und belohn­te den Regis­seur und sei­ne Schau­spie­ler mit reich­lich Applaus.

2009 - Plakat - DIE MITSCHULDIGEN, Bild: Alexander Schoenhoff
2009 - Pla­kat - DIE MIT­SCHUL­DI­GEN, Bild: Alex­an­der Schoen­hoff

PRE­MIE­RE:  Sa 25. April 2009

WEI­TE­RE TER­MI­NE
Fr/Sa 01/02 Mai
Fr 08 Mai: 19.00 Uhr Ein­füh­rung durch die Goe­the­ge­sell­schaft
Sa 09 Mai
So 10 Mai
Fr/Sa 15/16 Mai
Fr/Sa 22/23 Mai

Spiel­be­ginn: 
Frei­tags und Sams­tags 20 Uhr,
Sonn­tags 17 Uhr
Ein­lass:
ca. 15 Min. vor Spiel­be­ginn

Im ENSEM­BLE TAM OST

Regie:Ste­fan Vin­cent Schmidt
Büh­ne:Ensem­ble
Licht/Ton:Ensem­ble
Kos­tüm:Ensem­ble
Foto­gra­fie:Rena­te M. May­er
Pla­kat:Alex­an­der Schoen­hoff
 Schau­spie­lerals
Jut­ta SchmidtSophie
Wolf­diet­rich Feh­lerSöl­ler
Her­mann Hie­merWirt
Peter SchrankAlcest

Schlag­wor­te zum Stück