Komö­die von Jean Giraudoux

Regie: Rena­te Pröbstl

Einst konn­te es sich nur der Narr am Hofe des Königs leis­ten, den gesun­den Men­schen­ver­stand spre­chen zu las­sen. So auch „la fol­le“, die När­rin, die Irre von Chail­lot, die in ihrer Ver­rückt­heit die Welt wie­der zurecht­rückt.
Ein kri­mi­nel­les Wirt­schafts­kon­sor­ti­um ver­mu­tet Erd­öl unter Paris und hat kei­ne Skru­pel, dafür die Stadt zu zerstören.

Die Irre von Chaillot - Reiner Schmähling, Gerhard Sellmair, Ferno Biller und Gerhard Märkl, Bild: unb.
Die Irre von Chail­lot - Rei­ner Schmäh­ling, Ger­hard Sell­mair, Fer­no Bil­ler und Ger­hard Märkl, Bild: unb.

In einem Café im Armen­vier­tel Chail­lot war­ten die Her­ren auf den jun­gen Pierre, der mit einem Bom­ben­at­ten­tat den letz­ten Wider­stand der Behör­den bre­chen soll­te. Sie brüs­ten sich mit ihren men­schen­ver­ach­ten­den Prak­ti­ken – ganz im Stil der Gegen­wart. Pierre springt jedoch lie­ber in die Sei­ne, aber sein Ret­ter bringt ihn aus­ge­rech­net ins Café Chail­lot. Dort begeg­net er Auré­lie, der Irren von Chail­lot. Die exzen­tri­sche Alte, eine schä­bi­ge Gran­de Dame, wird wegen ihrer hei­te­ren Güte von den Leu­ten des Armen­vier­tels, dem Kloa­ken­rei­ni­ger, dem Lum­pen­samm­ler, dem Spül­mäd­chen und dem Stra­ßen­sän­ger als „Grä­fin“ ver­ehrt. Sie zeigt dem ver­zwei­fel­ten Pierre wie­der, wie schön das Leben ist.

Als er sie in die ver­bre­che­ri­schen Plä­ne ein­weiht, führt sie mit ihren Freun­din­nen Con­stance, Gabri­el­le und José­phi­ne eine Gerichts­ver­hand­lung durch, die mit dem Schuld­spruch endet. Unter dem Vor­wand, Erd­öl unter ihrer Kel­ler­be­hau­sung ent­deckt zu haben, lockt sie die geld- und macht­gie­ri­gen Her­ren Mana­ger und Prä­si­den­ten in eine töd­li­che Fal­le. Das Böse wird aus­nahms­los bestraft, Witz und Lebens­freu­de sie­gen über den rüden Mate­ria­lis­mus einer mecha­ni­sier­ten Geschäfts­welt. Wie im Märchen …

Das Stück wur­de 1945 in Paris uraufgeführt.

OVB, 08.04.2008

Gegen Ende sei­ne Lebens, wäh­rend der deut­schen Beset­zung Frank­reichs, ver­fass­te der fran­zö­si­sche Dich­ter und Diplo­mat Jean Girau­doux (1882 bis 1944) sei­ne Komö­die «Die Irre von Chail­lot»
Damals wand­te er sich gegen die Kol­la­bo­ra­teu­re, gegen das Trei­ben der Spe­ku­lan­ten und Geschäf­te­ma­cher im besetz­ten Paris. Heu­te, in Zei­ten der Glo­ba­li­sie­rung, des welt­wei­ten Spe­ku­lan­ten­tums und eines unge­zü­gel­ten Kapi­ta­lis­mus ist das Stück mit sei­ner Kri­tik an der rück­sichts­lo­sen Gier nach Reich­tum mehr denn je aktu­ell. Ganz ein­fach lässt Girau­doux die Welt von der alten När­rin Aure­lie ret­ten, indem die­se alle ver­bre­che­ri­schen, gie­ri­gen Spe­ku­lan­ten auf Nim­mer­wie­der­se­hen in der Unter­welt von Paris ver­schwin­den lässt.

Regis­seu­rin Rena­te Pröbs­tl und dem Ensem­ble gelang mit ihrer Insze­nie­rung im Thea­ter am Markt-Ost in Rosen­heim ein über wei­te Stre­cken amü­sant-poe­ti­sches Spiel mit schö­nen Bil­dern vor einer abs­tra­hier­ten, nur mit den pas­sen­den, not­wen­di­gen Uten­si­li­en und aus­ge­stat­te­ten Büh­ne. Es war ein Spiel enga­gier­ter Ama­teu­re. Man­che stan­den das ers­te Mal auf der Büh­ne. Auch die Anfän­ger mach­ten ihre Sache gut, aber es fehl­te wohl des­halb in man­chen Sze­nen Schwung, die Inten­si­tät und Genau­ig­keit der Dar­stel­lung. Dadurch erga­ben sich klei­ne Längen.

Girau­doux beein­fluss­te mit sei­ner Poe­sie, und sei­ner Mischung aus Witz und Tief­sinn spä­te­re Dra­ma­ti­ker, wohl auch Fried­rich Dür­ren­matt und Jean-Pierre Jeu­net den Regis­seur des Film «Die fabel­haf­te Welt der Ame­lie». Man­che Sze­nen lie­ßen an Dür­ren­matt und Ame­lie den­ken. Rena­te Pröbs­tl dach­te auch an Micha­el Endes Roman «Momo». Die bösen Spe­ku­lan­ten mar­schier­ten wie die grau­en Her­ren aus Endes Roman auf: mit weiß-grau­ge­schmink­ten Gesich­tern, grau­en Zylin­dern und grau­en Anzü­gen. Rei­ner Schmäh­ling als skru­pel­lo­ser Prä­si­dent, Ger­hard Märkl als gewis­sen­lo­ser Baron, Ger­hard Sell­mair als schmie­ri­ger Mak­ler und Fer­no Bil­ler als bru­ta­ler Pro­spek­tor gaben ein gar abgrün­dig-ver­bre­che­ri­sches Quar­tett ab, das aus einer der bit­ter­bö­sen Komö­di­en Dür­ren­matts zu ent­stam­men schien.

Anders aber als bei Dür­ren­matts Komö­di­en, die immer die schlecht­mög­lichs­te Wen­dung neh­men, lässt Girau­doux sei­ne mär­chen­haf­te Komö­die posi­tiv enden. Doch die­ses schein­bar glück­li­che Ende ist nur ein uner­füll­ba­rer Wunsch­traum. So ist das Stück eigent­lich ein pes­si­mis­ti­sches, weil unmög­li­ches sati­ri­sche Mär­chen eines Opti­mis­ten. Den Ver­bre­chern in den Anzü­gen stellt Girau­doux, die ein­fa­chen, bra­ven Leu­te gegen­über, die unter ihnen zu lei­den haben und sehen, wie die Welt von die­sen erobert wird. Es sind der dienst­fer­ti­ge, ein­sil­bi­ge Kell­ner (Maxi­mi­li­an Schmet­te­rer), der freund­li­che Poli­zist (Mar­tin Schö­nacher), der phi­lo­so­phie­ren­de Lum­pen­samm­ler (Cars­ten Schmidt), der abtrün­ni­ge Atten­tä­ter Pierre (Ger­hard Schmid). Dazu kommt Sebas­ti­an Zoll­ner als Lebens­ret­ter und Kloa­ken­rei­ni­ger, der nicht als ein­zi­ger baye­ri­schen Dia­lekt spre­chen müss­te, nur weil er am unters­ten Ende der sozia­len Ska­la steht.

Wan­del­bar zeigt sich Johan­na Schu­mann als Blu­men­mäd­chen und Akkor­de­on spie­len­der Stra­ßen­sän­ger. Sie schafft mit flot­ten fran­zö­si­schen Wal­zern Pari­ser Atmo­sphä­re. Her­aus­zu­he­ben ist Anja Rajch als hüb­sche Geschirr­spü­le­rin Irmi mit ihrem immer prä­sen­ten, naiv-anmu­ti­gem Spiel, eine blon­de Ame­lie Rosen­heims. Dazu kom­men die Irren, bes­ser die När­rin­nen, die in ihrer Fan­ta­sie­welt leben, sich ihre eige­ne Welt gestal­ten und erträu­men. In Girau­douxs Mär­chen siegt die­se Traum­welt gegen die böse Rea­li­tät. Rena­te May­er spiel­te Aure­lie, die Irre von Chail­lot, als lie­bens­wer­te Dame pro­fi­mä­ßig sicher und mit aus­ge­feil­ter Spra­che, aber ein wenig mehr Nar­re­tei im Auf­tre­ten und der Klei­dung hät­ten ihr und dem Stück gut getan. När­ri­scher und des­halb publi­kums­wirk­sa­mer waren da Vale­rie Wal­ten­bau­er als Con­stance, die Irre von Pas­sy mit ihrem ein­ge­bil­de­ten Hünd­chen an der lee­ren Lei­ne, Sis­si Beha­mer als Gabrie­le, die Irre von Saint Sul­pi­ce mit ihrem Schön­heits­fim­mel, und Mari­et­ta Maidl als Jose­phi­ne, die Irre von La Con­cor­de mit ihrer Napoleon-Puppe.

2008 - Plakat - DIE IRRE VON CHAILLOT, Modell: Renate M. Mayer, Bild: Alexander Schoenhoff
2008 - Pla­kat - DIE IRRE VON CHAIL­LOT, Modell: Rena­te M. May­er, Bild: Alex­an­der Schoenhoff

PRE­MIE­RE:  Sa 05. April 2008

WEI­TE­RE TER­MI­NE
Fr/Sa 11/12 April
Fr/Sa 18/19 April
Fr/Sa 25/26 April
So 27 April
Fr/Sa 02/03 Mai

Spiel­be­ginn: 
Frei­tags und Sams­tags 20 Uhr,
Sonn­tags 17 Uhr
Ein­lass:
ca. 15 Min. vor Spielbeginn

Im ENSEM­BLE TAM OST

Regie:Rena­te Pröbstl
Büh­ne:Ensem­ble
Licht/Ton:Ingo Hob­orn
Kos­tüm:Ensem­ble
Foto­gra­fie:Rena­te M. Mayer
Pla­kat:Alex­an­der Schoenhoff
 Schauspielerals
Sis­si BehamerGabrie­le
Mari­et­ta MaidlJose­phi­ne
Rena­te M. MayerAure­lie
Johan­na SchumannBlu­men­mäd­chen und Akkordeonspielerin
Anja RajchGeschirr­spü­le­rin
Vale­rie WaltenbauerCon­stance
Fer­no BillerPro­spek­tor
Ger­hard MärklBaron
Rei­ner SchmählingPrä­si­dent
Ger­hard SchmidAtten­tä­ter
Cars­ten SchmidtLum­pen­samm­ler
Maxi­mi­li­an SchmettererKell­ner
Ger­hard SellmairMak­ler
Mar­tin SchönacherPoli­zist
Sebas­ti­an ZollnerKloa­ken­rei­ni­ger

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