Schau­spiel von Arthur Schnitz­ler

Regie: Ste­fan Vin­cent Schmidt

Arthur Schnitz­lers Gesell­schafts­dra­ma mit den tref­fend-sar­kas­ti­schen Dia­lo­gen spielt in Wien und erzählt von Frau­en und Män­nern, deren Lebens­we­ge er in die­sem Schau­spiel eng ver­wo­ben hat.

Lie­be ver­bin­det sie mit­ein­an­der: ver­ra­te­ne Lie­be, ver­geb­li­che Lie­be, Lie­be, die der Lie­be nicht stand­hält, und Lie­be, die Lebens­lü­gen zur Wahr­heit wer­den lässt. Doch weil sich Men­schen „alle so nah sind und doch nichts von­ein­an­der wis­sen“, muss jeder sei­ne Ent­schei­dun­gen ganz allei­ne fin­den, und kei­nem bleibt erspart, den letz­ten Weg ein­sam zu gehen.

Die Urauf­füh­rung von „Der ein­sa­me Weg“ war 1904 in Ber­lin

ovb 09.2010, Mar­git Jaco­bi

Lebens­lü­gen - Schnitz­lers „Der ein­sa­me Weg“ im TAM OST

Ein durch­sich­ti­ger Vor­hang trennt die Büh­ne vom Zuschau­er­raum und ver­bild­licht zugleich eine Art von Bar­rie­re zwi­schen den ver­schie­de­nen Men­schen, um die es in Arthur Schnitz­lers Stück „Der ein­sa­me Weg“ geht. Lebens­lü­gen, Ver­ein­ze­lung, Ent­täu­schung, Hoff­nungs­lo­sig­keit the­ma­ti­siert das Dra­ma. Schnitz­lers Wer­ke beschäf­ti­gen sich häu­fig mit Ehe­bruch, heim­li­chen Affä­ren, Frau­en­hel­den.

Der Regis­seur Ste­fan Vin­cent Schmidt insze­nier­te zu Beginn der neu­en Thea­ter­sai­son jetzt das Schau­spiel im TAM OST mit sei­nem Ensem­ble und hat­te sich mit gutem Gespür für jede Rol­le die ein­zel­nen Dar­stel­ler aus­ge­sucht.
Wenn zu Beginn die jun­ge Johan­na (Jut­ta Schmidt in besinn­li­cher Ver­hal­ten­heit,) vor dem Vor­hang steht, zieht ihn Bru­der Felix (Peter Schrank, voll von jugend­li­chem Tem­pe­ra­ment) zurück und holt sie aus ihrer Traum­welt für eine Wei­le in die Wirk­lich­keit. Doch fin­det Johan­na kei­ne Gefüh­le für ihre kran­ke Mut­ter (Susan­ne Brau­ne), der Felix lie­be­voll zuge­tan ist. „Es ist, als ob sich jeden Tag neue Schlei­er über ihr Herz legen“, beschreibt die Toch­ter die Ver­än­de­rung durch die Krank­heit.

Geschickt schaf­fen gestaf­fel­te Wand­ele­men­te per­spek­ti­vi­sche Wir­kung. Eini­ge Holz­bän­ke, ver­setzt auf­ge­stellt, genü­gen für das gelun­ge­ne Büh­nen­bild. (Ste­fan V. Schmidt und Ensem­ble). Sen­si­ble Beleuch­tung (Cars­ten Schmidt) unter­streicht die Ver­än­de­run­gen im Gesche­hen, das Musik von Streich­quar­tet­ten und Kla­vier stim­mig beglei­tet. In bestechen­der Klar­heit zeich­net Regis­seur Ste­fan V. Schmidt die ein­zel­nen Per­so­nen, deckt ihre Ängs­te, Wün­sche, Träu­me, und ihre Iso­liert­heit auf.

Klaus Schö­berl in der Rol­le des altern­den Dich­ters Ste­phan von Sala ver­kör­pert den Lite­ra­ten in einem fes­selnd sub­ti­len Cha­rak­ter­por­trait. Die Arro­ganz, sei­ne Bin­dungs­un­fä­hig­keit, der schar­fe Ver­stand und sei­ne Beherrscht­heit jeg­li­cher Gefüh­le setzt er fas­zi­nie­rend um.

Das Schwär­me­ri­sche, ihre Ver­letz­lich­keit, ihre Lie­be zu dem Dich­ter bringt Jut­ta Schmidt in fei­ner Ges­tik und sen­si­bler Gestal­tung zum Tra­gen.

Authen­tisch gestal­tet Jochen Ste­phan die Figur des Vaters der bei­den Kin­der, Pro­fes­sor Weg­rat, als red­li­chen Men­schen, dem sei­ne Aner­ken­nung als enga­gier­ter Aka­de­mie­pro­fes­sor gro­ße Genug­tu­ung ver­schafft.

Susan­ne Brau­ne als sei­ne vom Tod gezeich­ne­te Frau Gabrie­le gibt ihr eine Art von Erge­ben­heit in ihr Schick­sal, die­se Welt schon bald ver­las­sen zu müs­sen.

Wolf­diet­rich Feh­ler in sei­ner Rol­le als Arzt Dr. Franz Reu­mann über­zeugt in Kör­per­spra­che und Aus­druck die­ses Man­nes, der ger­ne ein Schur­ke wäre und von sich sagt: „Mein Tem­pe­ra­ment hat mich ver­ur­teilt, ein anstän­di­ger Mensch zu sein“.

Die schil­lern­de Figur des Stü­ckes, den ego­zen­tri­schen und ver­ant­wor­tungs­lo­sen Maler Juli­an Ficht­ner spielt Klaus Ein­se­le mit gro­ßer Ver­ve. Einst ver­ließ er Gabrie­le, die er ver­führ­te, um sei­ne Frei­heit als Künst­ler zu behal­ten. Doch nun, nach­dem er sei­ne Krea­ti­vi­tät und sei­nen Lebens­sinn ver­lo­ren hat, kehrt er zurück in frü­he­re Krei­se. Jäh und am Anfang fast zu hef­tig spielt ihn Ein­se­le, beein­druckt aber in sei­ner gan­zen Dar­stel­lung dann umso mehr, als er auch die wei­te­re Facet­ten, das Grau­en vor Ver­ein­sa­mung und die Sehn­sucht nach Nähe auf­zeigt.

Eine schau­spie­le­ri­sche Glanz­leis­tung gelingt auch Sabi­ne Herr­berg als Ire­ne Herms, eine ehe­ma­li­ge Schau­spie­le­rin und frü­he­re Gelieb­te des Malers. Wie sie sich in Sekun­den­schnel­le von der kin­der­freund­li­chen und natur­ver­bun­de­nen Frau in die exal­tier­te Diva ver­wan­delt, wie sie ihrer ver­gan­ge­nen Lie­be und vor allem ihrem unge­bo­re­nen Kind nach­trau­er, ist groß­ar­tig.

Wenn Felix erfährt, dass Juli­an Ficht­ner sein Vater ist, kann ihn nur als sei­nen Erzeu­ger bezeich­nen, er bekennt sich zu dem, der ihn erzog und für ihn sorg­te. Peter Schrank spielt ihn als über­schwäng­li­chen, aber eben­so erschüt­ter­ten Jung­spund. Wesent­lich ist immer wie­der die Stil­le zwi­schen allem Gesche­hen, die Gedan­ken zulässt. Wun­der­ba­re Bil­der ent­ste­hen, die nach­hal­tig beein­dru­cken. Groß­ar­ti­ges Thea­ter mit her­vor­ra­gen­den Dar­stel­lern bie­tet die­se Insze­nie­rung von Ste­fan V. Schmidt, die dem Ver­gleich mit pro­fes­sio­nel­ler Büh­nen­kunst auf Groß­stadt­büh­nen stand­hält.

Zur Hand­lung:
Nach Jah­ren begeg­net der ego­zen­tri­sche Maler Juli­an Ficht­ner wie­der Bekann­ten und Freun­den in Wien.

Einst hat­te er Gabrie­le ver­führt und sie dann ver­las­sen. Sie hei­ra­te­te den Aka­de­mie­pro­fes­sor Weg­rat und hat inzwi­schen in Felix und Johan­na zwei her­an­wach­sen­de Kin­der.
Ihre Toch­ter, die in einer Traum­welt lebt, liebt Ste­phan von Sala, einen altern­den Lite­ra­ten, in dem eine töd­li­che Krank­heit wächst. Dem klein­mü­ti­gen Arzt des Hau­ses gibt Johan­na in sei­ner Ver­eh­rung für sie kei­ne Chan­ce.
Nach dem Tod der Mut­ter nimmt Felix die Ein­la­dung von Salas an, die­sen auf eine Expe­di­ti­on zu einer ver­sun­ke­nen Stadt zu beglei­ten. Doch Johan­na, der Hoff­nungs­lo­sig­keit ihrer Situa­ti­on bewusst, wählt den Frei­tod. Damit geht sie dem Dich­ter nur vor­aus, auch er wählt letzt­end­lich den Sui­zid.

Juli­an Ficht­ner emp­fin­det kennt kei­ner­lei Schuld­ge­füh­le, auch Ire­ne Herms hat er einst ver­las­sen. Sie trau­ert um ihre ver­gan­ge­ne Lie­be zu ihm. Als Ficht­ner erfährt, dass Felix in Wahr­heit sein Sohn ist, will er die­sen aus Angst vor Ver­ein­sa­mung an sich bin­den. Doch am Ende müs­sen alle ihren Weg allei­ne zu Ende gehen


echo 09.2010, Mar­git Jaco­bi

Tra­gi­sche Ver­stri­ckun­gen und Psy­cho­stu­di­en um Frei­heit und Bin­dung schil­dert der Wie­ner Schrift­stel­ler Arthur Schnitz­ler in sei­nem Stück „ Der ein­sa­me Weg“, das 1904 in Ber­lin urauf­ge­führt wur­de. Ste­fan Vin­cent Schmidt insze­nier­te das Schau­spiel nach der Thea­ter-Som­mer­pau­se mit einer Rie­ge aus­ge­zeich­ne­ter Schau­spie­ler des Ensem­bles im TAM OST in Rosen­heim.

Auch wenn Schnitz­ler, Sohn eines jüdi­schen Fach­arz­tes, eini­ge Zeit selbst als Arzt und Medi­zin­pu­bli­zist tätig war, gewann die Schrift­stel­le­rei doch die Ober­hand in sei­nem Tun. In sei­nem Stück „Der ein­sa­me Weg“ ver­knüpft er das Schick­sal acht ver­schie­de­ner Per­so­nen. Ihre Wege kreu­zen sich, doch am Ende geht jeder sei­nen Weg ganz allein.

Kein Plüsch der Jahr­hun­dert­wen­de stört das gelun­ge­ne Büh­nen­bild. Statt Vor­hän­gen geben gestaf­fel­te Wand­ele­men­te der Kulis­se Tie­fe. Ein durch­sich­ti­ger Vor­hang trennt die Büh­ne vom Zuschau­er­raum und wird immer wie­der dra­ma­tur­gisch ein­ge­setzt. Wenn der Maler Juli­an Ficht­ner nach Jah­ren den Men­schen begeg­net, die er gut kann­te, ist von sei­ner Krea­ti­vi­tät und der Freu­de an unge­bun­de­ner Frei­heit nichts mehr vor­han­den.

Einst ver­ließ er Gabrie­le, die er ver­führ­te, ohne Schuld­ge­füh­le. Klaus Ein­se­le genießt spür­bar die Ego­zen­trik die­ser Figur. Er gibt ihr Ver­ve, Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit, aber auch gro­ße Furcht vor Ver­ein­sa­mung in über­zeu­gen­der Dar­stel­lung. Wenn ihn sei­ne frü­he­re Gelieb­te, die ehe­ma­li­ge Schau­spie­le­rin Ire­ne Herms auf­sucht, spürt sie sei­ne Gefühls­käl­te und den Abstand, den er zu ihr hat.

Sabi­ne Herr­berg besticht in blitz­schnel­ler Wan­del­bar­keit ver­schie­de­ner Stim­mun­gen, bringt die Trau­er um Gewe­se­nes und ihr unge­bo­re­nes Kind her­vor­ra­gend zur Gel­tung.

Susan­ne Brau­ne ver­leiht der Figur der Gabrie­le die Sanft­heit im Ange­sicht des nahen Todes.

Über­zeu­gend spielt Jochen Ste­phan ihren Mann, den Aka­de­mie­pro­fes­sor Weg­rat als red­li­chen Men­schen und enga­gier­ten Aka­de­mie­pro­fes­sor. Ihn hat­te Gabrie­le damals gehei­ra­tet, als Ficht­ner sie ver­ließ.

Sohn Felix ist schnell ent­flammt für Mög­lich­kei­ten, die sein Leben inter­es­sant machen kön­nen. Peter Schrank bringt sein jugend­li­ches Tem­pe­ra­ment, aber auch sei­ne Erschüt­te­rung, als er erfährt, dass Ficht­ner sein wah­rer Vater ist, glaub­wür­dig zur Gel­tung.

In fei­nen Nuan­cen zeich­net Jut­ta Schmidt als Toch­ter Johan­na deren Traum­welt und ihre Gefüh­le für den altern­den Dich­ter Ste­phan von Sala. Als sie die Hoff­nungs­lo­sig­keit die­ser Lie­be spürt, wählt sie den Frei­tod.

Groß­ar­tig setzt Klaus Schö­berl den exis­ten­zia­lis­ti­schen Lite­ra­ten mit des­sen Bin­dungs­un­fä­hig­keit, der geschlif­fe­nen Art klu­ge Lebens­er­kennt­nis­se von sich zu geben und sei­ner Beherrscht­heit in jeder Situa­ti­on in Sze­ne.

Gut gelun­gen ist auch die Dar­stel­lung Wolf­gang Feh­lers als höl­zer­ner Haus­arz­te Dr. Franz Reu­mann, der ger­ne das Tem­pe­ra­ment zum Schur­ken hät­te.

Musik von Beet­ho­ven, Schu­bert und Schnitt­ke beglei­ten stim­mig das Gesche­hen, das auch abso­lu­te Stil­le zwi­schen den Dia­lo­gen wir­kungs­voll zulässt. Regis­seur Ste­fan V. Schmidt und sei­ne aus­ge­zeich­ne­ten Schau­spie­ler las­sen die­sen Thea­ter­abend zu einem beson­de­ren Ereig­nis wer­den, das nach­hal­tig beein­druckt.

2010 - Plakat - Der einsame Weg
2010 - Pla­kat - Der ein­sa­me Weg, Bild: unb.
"Stephan von Sala und Johanna Wegrat" Klaus Schöberl und Jutta Schmidt
„Ste­phan von Sala und Johan­na Weg­rat“ Klaus Schö­berl und Jut­ta Schmidt

PRE­MIE­RE:  Sa 17. Sep­tem­ber 2010

WEI­TE­RE TER­MI­NE
Fr/Sa 24/25 Sep­tem­ber
So 26 Sep­tem­ber
Fr/Sa 01/02 Okto­ber
Fr/Sa 08/09 Okto­ber
So 10 Okto­ber
Fr 15 Okto­ber

Spiel­be­ginn: 
Frei­tags und Sams­tags 20 Uhr,
Sonn­tags 17 Uhr
Ein­lass:
ca. 15 Min. vor Spiel­be­ginn

Im ENSEM­BLE TAM OST

Regie:Ste­fan Vin­cent Schmidt
Büh­ne:Ensem­ble
Licht/Ton:Cars­ten Schmidt
Kos­tüm:Ensem­ble
Pla­kat:Isa­bel Ker­sig
 Schau­spie­lerals
Susan­ne Brau­neGabrie­le Weg­rat
Sabi­ne Herr­bergIre­ne Herms
Jut­ta SchmidtJohan­na Weg­rat
Klaus Ein­se­leJuli­an Ficht­ner
Wolf­diet­rich Feh­lerDr. Franz Reu­mann
Klaus Schö­berlSte­phan von Sala
Peter SchrankFelix Weg­rat
Jochen Ste­phanPro­fes­sor Weg­rat

Schlag­wor­te zum Stück