DER EINSAME WEG

Schauspiel von Arthur Schnitzler

ZUM STÜCKZUR KRITIK
2010 - Plakat - Der einsame Weg

2010 – Plakat – Der ein­sa­me Weg

Vorstellungstermine:
Freitag, 17. September 2010, 20 Uhr, Première
Freitag / Samstag, 24. / 25. September, 20 Uhr
Sonntag, 26. September, 17 Uhr
Freitag / Samstag, 1. / 2. Oktober, 20 Uhr
Freitag / Samstag, 8. / 9. Oktober, 20 Uhr
Sonntag, 10. Oktober, 17 Uhr
Freitag, 15. Oktober, 20 Uhr

Im Ensemble TAM OST – Produktion (Klick zum zei­gen)
Regie: Stefan Vincent Schmidt
Assistenz
Bühne: Ensemble
Licht/Ton: Carsten Schmidt
Kostüm: Ensemble
Plakat Isabel Kersig

Im Ensemble TAM OST – Schauspiel (Klick zum zei­gen)
Schauspieler als
Susanne Braune Gabriele Wegrat
Sabine Herrberg Irene Herms
Jutta Schmidt Johanna Wegrat
Klaus Einsele Julian Fichtner
Wolfdietrich Fehler Dr. Franz Reumann
Klaus Schöberl Stephan von Sala
Peter Schrank Felix Wegrat
Jochen Stephan Professor Wegrat

Zum Inhalt:

"Stephan von Sala und Johanna Wegrat" Klaus Schöberl und Jutta Schmidt

Stephan von Sala und Johanna Wegrat” Klaus Schöberl und Jutta Schmidt

Arthur Schnitzlers Gesellschaftsdrama mit den tref­fend-sar­kas­ti­schen Dialogen spielt in Wien und erzählt von Frauen und Männern, deren Lebenswege er in die­sem Schauspiel eng ver­wo­ben hat.

Liebe ver­bin­det sie mit­ein­an­der: ver­ra­te­ne Liebe, ver­geb­li­che Liebe, Liebe, die der Liebe nicht stand­hält, und Liebe, die Lebenslügen zur Wahrheit wer­den lässt. Doch weil sich Menschen „alle so nah sind und doch nichts von­ein­an­der wis­sen“, muss jeder sei­ne Entscheidungen ganz allei­ne fin­den, und kei­nem bleibt erspart, den letz­ten Weg ein­sam zu gehen.

Die Uraufführung von „Der ein­sa­me Weg“ war 1904 in Berlin

(Das Original gibts natür­lich hier beim rfo: http://www.rfo.de/mediathek/8105/TAM_Ost_spielt_Der_einsame_Weg.html)

ovb 09.2010, Margit Jacobi

Lebenslügen – Schnitzlers „Der einsame Weg” im TAM OST

Ein durch­sich­ti­ger Vorhang trennt die Bühne vom Zuschauerraum und ver­bild­licht zugleich eine Art von Barriere zwi­schen den ver­schie­de­nen Menschen, um die es in Arthur Schnitzlers Stück „Der ein­sa­me Weg“ geht. Lebenslügen, Vereinzelung, Enttäuschung, Hoffnungslosigkeit the­ma­ti­siert das Drama. Schnitzlers Werke beschäf­ti­gen sich häu­fig mit Ehebruch, heim­li­chen Affären, Frauenhelden.

Der Regisseur Stefan Vincent Schmidt insze­nier­te zu Beginn der neu­en Theatersaison jetzt das Schauspiel im TAM OST mit sei­nem Ensemble und hat­te sich mit gutem Gespür für jede Rolle die ein­zel­nen Darsteller aus­ge­sucht.
Wenn zu Beginn die jun­ge Johanna (Jutta Schmidt in besinn­li­cher Verhaltenheit,) vor dem Vorhang steht, zieht ihn Bruder Felix (Peter Schrank, voll von jugend­li­chem Temperament) zurück und holt sie aus ihrer Traumwelt für eine Weile in die Wirklichkeit. Doch fin­det Johanna kei­ne Gefühle für ihre kran­ke Mutter (Susanne Braune), der Felix lie­be­voll zuge­tan ist. „Es ist, als ob sich jeden Tag neue Schleier über ihr Herz legen“, beschreibt die Tochter die Veränderung durch die Krankheit.

Geschickt schaf­fen gestaf­fel­te Wandelemente per­spek­ti­vi­sche Wirkung. Einige Holzbänke, ver­setzt auf­ge­stellt, genü­gen für das gelun­ge­ne Bühnenbild. (Stefan V. Schmidt und Ensemble). Sensible Beleuchtung (Carsten Schmidt) unter­streicht die Veränderungen im Geschehen, das Musik von Streichquartetten und Klavier stim­mig beglei­tet. In bestechen­der Klarheit zeich­net Regisseur Stefan V. Schmidt die ein­zel­nen Personen, deckt ihre Ängste, Wünsche, Träume, und ihre Isoliertheit auf.

Klaus Schöberl in der Rolle des altern­den Dichters Stephan von Sala ver­kör­pert den Literaten in einem fes­selnd sub­ti­len Charakterportrait. Die Arroganz, sei­ne Bindungsunfähigkeit, der schar­fe Verstand und sei­ne Beherrschtheit jeg­li­cher Gefühle setzt er fas­zi­nie­rend um.

Das Schwärmerische, ihre Verletzlichkeit, ihre Liebe zu dem Dichter bringt Jutta Schmidt in fei­ner Gestik und sen­si­bler Gestaltung zum Tragen.

Authentisch gestal­tet Jochen Stephan die Figur des Vaters der bei­den Kinder, Professor Wegrat, als red­li­chen Menschen, dem sei­ne Anerkennung als enga­gier­ter Akademieprofessor gro­ße Genugtuung ver­schafft.

Susanne Braune als sei­ne vom Tod gezeich­ne­te Frau Gabriele gibt ihr eine Art von Ergebenheit in ihr Schicksal, die­se Welt schon bald ver­las­sen zu müs­sen.

Wolfgang Fehler in sei­ner Rolle als Arzt Dr. Franz Reumann über­zeugt in Körpersprache und Ausdruck die­ses Mannes, der ger­ne ein Schurke wäre und von sich sagt: „Mein Temperament hat mich ver­ur­teilt, ein anstän­di­ger Mensch zu sein“.

Die schil­lern­de Figur des Stückes, den ego­zen­tri­schen und ver­ant­wor­tungs­lo­sen Maler Julian Fichtner spielt Klaus Einsele mit gro­ßer Verve. Einst ver­ließ er Gabriele, die er ver­führ­te, um sei­ne Freiheit als Künstler zu behal­ten. Doch nun, nach­dem er sei­ne Kreativität und sei­nen Lebenssinn ver­lo­ren hat, kehrt er zurück in frü­he­re Kreise. Jäh und am Anfang fast zu hef­tig spielt ihn Einsele, beein­druckt aber in sei­ner gan­zen Darstellung dann umso mehr, als er auch die wei­te­re Facetten, das Grauen vor Vereinsamung und die Sehnsucht nach Nähe auf­zeigt.

Eine schau­spie­le­ri­sche Glanzleistung gelingt auch Sabine Herrberg als Irene Herms, eine ehe­ma­li­ge Schauspielerin und frü­he­re Geliebte des Malers. Wie sie sich in Sekundenschnelle von der kin­der­freund­li­chen und natur­ver­bun­de­nen Frau in die exal­tier­te Diva ver­wan­delt, wie sie ihrer ver­gan­ge­nen Liebe und vor allem ihrem unge­bo­re­nen Kind nach­trau­er, ist groß­ar­tig.

Wenn Felix erfährt, dass Julian Fichtner sein Vater ist, kann ihn nur als sei­nen Erzeuger bezeich­nen, er bekennt sich zu dem, der ihn erzog und für ihn sorg­te. Peter Schrank spielt ihn als über­schwäng­li­chen, aber eben­so erschüt­ter­ten Jungspund. Wesentlich ist immer wie­der die Stille zwi­schen allem Geschehen, die Gedanken zulässt. Wunderbare Bilder ent­ste­hen, die nach­hal­tig beein­dru­cken. Großartiges Theater mit her­vor­ra­gen­den Darstellern bie­tet die­se Inszenierung von Stefan V. Schmidt, die dem Vergleich mit pro­fes­sio­nel­ler Bühnenkunst auf Großstadtbühnen stand­hält.

Zur Handlung:
Nach Jahren begeg­net der ego­zen­tri­sche Maler Julian Fichtner wie­der Bekannten und Freunden in Wien.

Einst hat­te er Gabriele ver­führt und sie dann ver­las­sen. Sie hei­ra­te­te den Akademieprofessor Wegrat und hat inzwi­schen in Felix und Johanna zwei her­an­wach­sen­de Kinder.
Ihre Tochter, die in einer Traumwelt lebt, liebt Stephan von Sala, einen altern­den Literaten, in dem eine töd­li­che Krankheit wächst. Dem klein­mü­ti­gen Arzt des Hauses gibt Johanna in sei­ner Verehrung für sie kei­ne Chance.
Nach dem Tod der Mutter nimmt Felix die Einladung von Salas an, die­sen auf eine Expedition zu einer ver­sun­ke­nen Stadt zu beglei­ten. Doch Johanna, der Hoffnungslosigkeit ihrer Situation bewusst, wählt den Freitod. Damit geht sie dem Dichter nur vor­aus, auch er wählt letzt­end­lich den Suizid.

Julian Fichtner emp­fin­det kennt kei­ner­lei Schuldgefühle, auch Irene Herms hat er einst ver­las­sen. Sie trau­ert um ihre ver­gan­ge­ne Liebe zu ihm. Als Fichtner erfährt, dass Felix in Wahrheit sein Sohn ist, will er die­sen aus Angst vor Vereinsamung an sich bin­den. Doch am Ende müs­sen alle ihren Weg allei­ne zu Ende gehen


echo 09.2010, Margit Jacobi

Tragische Verstrickungen und Psychostudien um Freiheit und Bindung schil­dert der Wiener Schriftsteller Arthur Schnitzler in sei­nem Stück „ Der ein­sa­me Weg“, das 1904 in Berlin urauf­ge­führt wur­de. Stefan Vincent Schmidt insze­nier­te das Schauspiel nach der Theater-Sommerpause mit einer Riege aus­ge­zeich­ne­ter Schauspieler des Ensembles im TAM OST in Rosenheim.

Auch wenn Schnitzler, Sohn eines jüdi­schen Facharztes, eini­ge Zeit selbst als Arzt und Medizinpublizist tätig war, gewann die Schriftstellerei doch die Oberhand in sei­nem Tun. In sei­nem Stück „Der ein­sa­me Weg“ ver­knüpft er das Schicksal acht ver­schie­de­ner Personen. Ihre Wege kreu­zen sich, doch am Ende geht jeder sei­nen Weg ganz allein.

Kein Plüsch der Jahrhundertwende stört das gelun­ge­ne Bühnenbild. Statt Vorhängen geben gestaf­fel­te Wandelemente der Kulisse Tiefe. Ein durch­sich­ti­ger Vorhang trennt die Bühne vom Zuschauerraum und wird immer wie­der dra­ma­tur­gisch ein­ge­setzt. Wenn der Maler Julian Fichtner nach Jahren den Menschen begeg­net, die er gut kann­te, ist von sei­ner Kreativität und der Freude an unge­bun­de­ner Freiheit nichts mehr vor­han­den.

Einst ver­ließ er Gabriele, die er ver­führ­te, ohne Schuldgefühle. Klaus Einsele genießt spür­bar die Egozentrik die­ser Figur. Er gibt ihr Verve, Verantwortungslosigkeit, aber auch gro­ße Furcht vor Vereinsamung in über­zeu­gen­der Darstellung. Wenn ihn sei­ne frü­he­re Geliebte, die ehe­ma­li­ge Schauspielerin Irene Herms auf­sucht, spürt sie sei­ne Gefühlskälte und den Abstand, den er zu ihr hat.

Sabine Herrberg besticht in blitz­schnel­ler Wandelbarkeit ver­schie­de­ner Stimmungen, bringt die Trauer um Gewesenes und ihr unge­bo­re­nes Kind her­vor­ra­gend zur Geltung.

Susanne Braune ver­leiht der Figur der Gabriele die Sanftheit im Angesicht des nahen Todes.

Überzeugend spielt Jochen Stephan ihren Mann, den Akademieprofessor Wegrat als red­li­chen Menschen und enga­gier­ten Akademieprofessor. Ihn hat­te Gabriele damals gehei­ra­tet, als Fichtner sie ver­ließ.

Sohn Felix ist schnell ent­flammt für Möglichkeiten, die sein Leben inter­es­sant machen kön­nen. Peter Schrank bringt sein jugend­li­ches Temperament, aber auch sei­ne Erschütterung, als er erfährt, dass Fichtner sein wah­rer Vater ist, glaub­wür­dig zur Geltung.

In fei­nen Nuancen zeich­net Jutta Schmidt als Tochter Johanna deren Traumwelt und ihre Gefühle für den altern­den Dichter Stephan von Sala. Als sie die Hoffnungslosigkeit die­ser Liebe spürt, wählt sie den Freitod.

Großartig setzt Klaus Schöberl den exis­ten­zia­lis­ti­schen Literaten mit des­sen Bindungsunfähigkeit, der geschlif­fe­nen Art klu­ge Lebenserkenntnisse von sich zu geben und sei­ner Beherrschtheit in jeder Situation in Szene.

Gut gelun­gen ist auch die Darstellung Wolfgang Fehlers als höl­zer­ner Hausarzte Dr. Franz Reumann, der ger­ne das Temperament zum Schurken hät­te.

Musik von Beethoven, Schubert und Schnittke beglei­ten stim­mig das Geschehen, das auch abso­lu­te Stille zwi­schen den Dialogen wir­kungs­voll zulässt. Regisseur Stefan V. Schmidt und sei­ne aus­ge­zeich­ne­ten Schauspieler las­sen die­sen Theaterabend zu einem beson­de­ren Ereignis wer­den, das nach­hal­tig beein­druckt.