Das Geheim­nis ist die gute Grun­die­rung

Das Geheim­nis ist die gute Grun­die­rung

ovb 2019.01.12 - Hans Anker und Andreas Kulot - Feature-Beitrag zur Show
ovb 2019.01.12 - Hans Anker und Andre­as Kulot - Fea­ture-Bei­trag zur Show

Seit 35 Jah­ren trat­schen sie von Sil­ves­ter bis Fasching über Geschich­ten, die das Leben schreibt: Gre­te, Käthe und Christl, die drei Damen vom TAM OST, die in Wirk­lich­keit drei Her­ren sind. Wie wird Mann zur Frau? Mit Schmin­ke, Schau­spiel­kunst und einem Augen­zwin­kern.

Rosen­heim– Spä­tes­tens wenn Rock­röh­re Tina Tur­ner – mit wil­der Löwen­mäh­ne, super­knap­pem Leder­mi­ni und Glit­zer­top – über die Büh­ne des Thea­ters am Markt (TAM OST) fegt, ist das Publi­kum nicht mehr auf den Stüh­len zu hal­ten. Seit 35 Jah­ren hat die Power­frau ihren Auf­tritt bei der Sil­ves­ter- und Faschings­show. 

Aus dem Pro­gramm strei­chen, das geht gar nicht, weiß Hans Anker. Im rea­len Leben ist er Wirt und Koch der Thea­ter­knei­pe, „in mei­ner zwei­ten Welt Tina Tur­ner“, sagt er und schmun­zelt. 

Jahr für Jahr, wenn das Stück für die neue Insze­nie­rung geschrie­ben wird, fragt er sich, ob es heu­er nicht ein­mal ohne einen Auf­tritt der Queen of Rock’n’Roll geht. Doch: „Die Leu­te wol­len die Tina“, seufzt Anker, der sogar schon ein­mal Gra­tu­la­ti­ons­an­ru­fe am Geburts­tag der Sän­ge­rin erhal­ten hat.

Per­fek­ti­on ist nicht das Ziel

So wie der 64-Jäh­ri­ge an die­sem Mor­gen am Tre­sen sei­ner Knei­pe steht – in Jeans und mit Zwei­ta­ge­bart – ist es eigent­lich unvor­stell­bar, dass er so gut in Frau­en­rol­len schlüp­fen kann. Wobei – Per­fek­ti­on wie in einer pro­fes­sio­nel­len Tra­ves­tie­show – will das TAM OST gar nicht bie­ten. „Wer genau hin­schaut und hin­hört, kann bei uns noch erken­nen, dass die Frau von einem Mann dar­ge­stellt wird“, fin­det Anker. Und das ist auch gewollt, denn: „Wir neh­men uns nicht so ernst, wir spie­len unse­re Rol­len mit einem Schuss Selbst­iro­nie.“

 

So war es von Anfang an, so ist es bis heu­te geblie­ben, auch wenn aus einer klei­nen Sil­ves­ter­auf­füh­rung im Pre­mie­ren­jahr 1984 mitt­ler­wei­le eine gro­ße mehr­stün­di­ge Show mit 19 meist aus­ver­kauf­ten Vor­stel­lun­gen gewor­den ist. Vor 35 Jah­ren woll­te Wirt Anker nur den Sil­ves­ter­abend mit ein paar Sket­chen auf­pep­pen. Nach­mit­tags wur­den sie ein­stu­diert, abends bereits gespielt – auf Anhieb ein Über­ra­schungs­er­folg. Bis heu­te span­nen die drei Damen mit ihrem fre­chen Mund­werk den roten Faden. Bis heu­te ist die Mischung aus Tra­ves­tie und Tanz, Musik und Gesang, Sket­chen und Rah­men­hand­lung ein­zig­ar­tig in der Regi­on.

War­um Män­ner­bei­ne schö­ner sind

Was Beson­de­res sind auch die Män­ner­bei­ne in Damen­strümp­fen. Obwohl die Schau­spie­ler nicht für sich in Anspruch neh­men, in ihren Frau­en­rol­len per­fekt zu sein, sind sich die weib­li­chen Gäs­te im Publi­kum in der Regel einig: „So schö­ne lan­ge Bei­ne hät­te ich auch ger­ne.“ Kein Pro­blem mit extrem hohen Hacken und Strumpf­ho­sen der Stär­ke 80 Den samt schim­mern­dem Glanz, ver­spricht Hans Anker. Und Kol­le­ge Andi Kulot (42), der seit 15 Jah­ren die Gre­te spielt und in der aktu­el­len Pro­duk­ti­on auch als Madon­na auf­tritt, ist über­zeugt: „Män­ner haben die schöns­ten Frau­en­bei­ne.“ Denn mitt­ler­wei­le weiß er: In der Strumpf­ho­sen­wer­bung posen auf den Ver­kaufs­pa­ckun­gen in der Regel männ­li­che Models, weil deren Bei­ne oft defi­nier­ter und damit ele­gan­ter sind.

Das Tan­zen in High Heels will jedoch gelernt sein. Kulot hat­te für sei­nen ers­ten Ein­satz als Frau bei sei­ner Schwes­ter Tipps ein­ge­holt: Sie riet, mit dem Absatz zuerst auf­zu­tre­ten. Und hat­te recht, „so geht es ganz gut“, sagt Kulot. Anker räumt jedoch ein, im ver­gan­ge­nen Jahr nach der Faschings­sai­son Knie­pro­ble­me gehabt zu haben.

Und wer glaubt, die Män­ner im TAM OST wür­den beim Schmin­ken eine Stun­de lang kon­zen­triert vor dem Spie­gel ste­hen, wie es Frau­en ger­ne tun, der täuscht sich. Höchs­tens 30 Minu­ten – und die Mas­ke sitzt. Das Geheim­nis: „Eine gute Grun­die­rung und da rauf naï­ve Male­rei“, erläu­tert Anker. „Und viel Schmuck als Ablen­kung“, ergänzt Kulot. Vor dem Schmin­ken kommt außer­dem der Rasie­rer zum Ein­satz. Denn selbst kur­ze Bart­stop­peln sind für das Make-up eine haa­ri­ge Kata­stro­phe. Nur eins lässt sich nicht weg­schmin­ken: der Adams­ap­fel. Und auch an den Hän­den, so die Erfah­rung der Schau­spie­ler, ist die Frau stets als Mann zu erken­nen.

 

Dank Kos­tüm zur loka­len Berühmt­heit

Strah­lend schön, fast unwirk­lich – so wie in den Mün­che­ner Tra­ves­tie­shows – müs­sen sie sich außer­dem im TAM OST nicht prä­sen­tie­ren. In der aktu­el­len Insze­nie­rung kopie­ren die drei Män­ner in Frau­en­rol­len Anker, Kulot und Chris­ti­an Reit­in­ger die vie­len Büh­nen­stars nicht, die sie ver­kör­pern. Sie inter­pre­tie­ren sie viel­mehr mit einem Augen­zwin­kern. Das klappt am bes­ten bei den ganz gro­ßen Diven wie Cher und Madon­na. Manch­mal steck­ten sogar meh­re­re berühm­te Frau­en im Man­ne: Anker trägt drei sei­ner Kos­tü­me zu Beginn der aktu­el­len Insze­nie­rung über­ein­an­der, damit das Umzie­hen blitz­schnell klappt. Zu loka­len Berühmt­hei­ten haben sich die drei Damen vom TAM OST ent­wi­ckelt, die trat­schend die Rah­men­hand­lung mit Leben fül­len. „Ich lie­be die Gre­te, sie ist mei­ne zwei­te Per­sön­lich­keit gewor­den“, sagt Bank­kauf­mann Kulot. Die Rol­le gibt ihm die Chan­ce, „ein­fach mal so rich­tig die Sau raus­zu­las­sen“. „Die Gre­te sagt halt Sachen, die ich als Andi nur den­ken und nie­mals aus­spre­chen wür­de.“

Der Eier­li­kör, den die Damen bei ihren Gesprä­chen über Gott, die Welt und Rosen­heim auf der Büh­ne schlür­fen, ist übri­gens echt – aller­dings stark ver­dünnt. Satt getrun­ken haben sie sich bis­her nicht an die­sem TAM-Kult­ge­tränk. Und satt gespielt auch noch lan­ge nicht an ihren Frau­en­fi­gu­ren.

Wer ger­ne schau­spie­lert, sieht die Ver­kör­pe­rung ganz sach­lich. „Eine Rol­le wie jede ande­re auch“, sagt Andi Kulot. „Immer wie­der wer­de ich gefragt, ob ich im wah­ren Leben auch ger­ne eine Frau wäre. Nein, das wäre ich nicht. Ich füh­le mich in mei­nen männ­li­chen Kör­per sehr wohl“, ergänzt Hans Anker.

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