SOMMERTAG

Drama von Jon Fosse

ZUM STÜCKZUR KRITIK

Plakat SOMMERTAG

Vorstellungstermine:
Samstag, 9. April 2016, 20 Uhr, Première
Freitag / Samstag, 15. / 16. April, 20 Uhr
Freitag / Samstag, 22. / 23. April, 20 Uhr
Sonntag, 24. April, 17 Uhr
Freitag, 29. April, 20 Uhr
Sonntag, 1. Mai, 17 Uhr
Freitag / Samstag, 6. / 7. Mai, 20 Uhr
Im Ensemble TAM OST – Produktion (Klick zum zei­gen)
Regie: Stefan Vincent Schmidt
Assistenz Marianne Eckardt
Bühne: Klaus Lüders 
Licht/Ton: Ingo Hoborn
Kostüm: Ensemble 
Fotografie: Renate M. Mayer,
Albert Aschl,
Alexander Schoenhoff
Plakat Alexander Schoenhoff

Im Ensemble TAM OST – Schauspiel (Klick zum zei­gen)
Schauspieler als
Sabine Herrberg Ältere Frau
Claudia Loy Junge Frau
Jutta Schmidt Junge Freundin
Angelika Sewald-Löffelmann Ältere Freundin 
Florian Fuchs Asle
Oliver Männer Mann

Zum Inhalt:

Sommertag“ sagt die Ältere, „genau wie damals“.
Doch damals  war Herbst und es reg­ne­te. Damals, als Asle ver­schwand.

SOMMERTAG (lnr:) Claudia Loy, Florian Fuchs, Sabine Herrberg, Bild: Renate M. Mayer

SOMMERTAG (lnr:) Claudia Loy, Florian Fuchs, Sabine Herrberg, Bild: Renate M. Mayer

Worauf war­tet sie seit Jahren, allein, in ihrem wei­ßen Haus am nor­we­gi­schen Fjord? Aus ihrem Fenster blickt sie der Freundin nach, die zum Meer geht, genau wie Asle damals. Der Anblick durch­bricht ihre Starre und sie erin­nert sich an den Tag, an dem Asle, ihr Mann, zum Meer ging und sie, als jun­ge Frau, am Fenster zurück­blieb. Es begeg­nen sich jun­ge und alte Frau – es geschieht das Damals als wäre heu­te und die Ältere sieht sich ihrem jun­gen Selbst gegen­über. Wieder und wie­der betrach­tet sie die Vergangenheit, die sie aus ihren Gedanken formt bis zu dem Tag, als Asle zum Wasser ging und nicht mehr wie­der­kehr­te.

Doch im Heute kehrt die Freundin zurück. Kann die Ältere ihr nun end­lich ins Leben fol­gen oder bleibt sie in ihrem wei­ßen Haus am Fjord, allein, am Fenster aufs Meer bli­ckend, war­tend?

Jon Fosse, 1959 gebo­ren in der nor­we­gi­schen Küstenstadt Haugesund, lebt in Bergen. Dozent an der Akademie für krea­ti­ves Schreiben in Hordaland, ist er seit Anfang der neun­zi­ger Jahre frei­er Schriftsteller.

Werfen Sie auch einen Blick in das Feature des rfo vom 6.4.2016

(Das Original fin­den Sie hier: http://www.rfo.de/mediathek/53338/TAM_OST_inszeniert_Sommertag.html)

© ovb, 13.04.2016, Margrit Jacobi*
(Original hier: http://www.ovb-online.de/rosenheim/kultur/waere-gestern-gewesen-6305694.html)
*Vermutliche Autorin, Kennzeichnung fehlt

Der nor­we­gi­sche Autor Jon Fosse wur­de durch mehr als 30 Theaterstücke inter­na­tio­nal bekannt. Sein lite­ra­ri­sches Werk wur­de mit zahl­rei­chen Preisen aus­ge­zeich­net. Bereits 2004 hat­te der Regisseur Stefan Vincent Schmidt Fosses Stück „Winter“ für das Rosenheimer TAM OST insze­niert. Nun brach­te er dort mit „Sommertag“ wie­der ein Bühnenwerk des Autors zur Aufführung.

"Die alte und die junge Frau", (lnr) Sabine Herrberg und Claudia Loy, Foto: Margit Jacobi, © ovb 04.2016

Die alte und die jun­ge Frau”, (lnr) Sabine Herrberg und Claudia Loy, Foto: Margit Jacobi, © ovb 04.2016

Optisch bestechend zeigt das Bühnenbild (Stefan V. Schmidt und Klaus Lüders) zur lin­ken Seite zwei gro­ße, hin­ter­ein­an­der ver­setz­te Fensterrahmen. Feine dün­ne Schnüre erset­zen die Fensterscheiben. Ein Laufsteg in leich­ter Schräge führt lin­ker Hand als Weg ins Off. Rechts ste­hen Stühle, über­zo­gen mit wei­ßen Hussen. In prä­zi­ser Choreografie agie­ren die Figuren inner­halb die­ser Kulisse.

Die Handlung bewegt sich zwi­schen dem Gestern und Heute. Gefiltert durch die Augen der Ich-Erzählerin erfah­ren die Zuschauer von ver­gan­ge­nen Geschehnissen, die sie im Jetzt reflek­tiert. Wie damals erwar­tet die Frau den Besuch ihrer Freundin. Als wäre es ges­tern gewe­sen, erin­nert sie sich an die­sen Tag, der kein Sommer- son­dern ein Herbsttag gewe­sen ist. Wieder steht sie am Fenster und blickt auf den Fjord. „Willst du denn immer da ste­hen, kriegst du das denn nie satt?“, frägt die Freundin. Sie kann sie auch nicht zu einem Spaziergang ans Wasser bewe­gen.

Sabine Herrberg in der Rolle der älte­ren Frau geht in ihrem Erzählen zurück in das Damals, und Claudia Loy zeigt das Geschehen in der Figur der jün­ge­ren Frau. Damals als ihr Mann Asle (Florian Fuchs) wie jeden Tag zum Wasser ging.

Wieder steht der Disput von damals vor ihren Augen auf. Die jun­ge Frau, die nicht ver­ste­hen will und kann, war­um ihr Mann zu Hause kei­ne Ruhe fin­det. Er woll­te doch auch von der Stadt aufs Land zie­hen. Sie waren doch glück­lich, das schö­ne wei­ße Haus am Fjord gefun­den zu haben. Er liebt es, auf dem Wasser in sei­nem Boot zu sein. Sie aber hat Angst auf dem Wasser und fühlt sich dort nicht wohl.

Mag Asle nicht mehr mit sei­ner Frau zusam­men sein? Immer wie­der stellt sie ihm die­se Frage, doch Asle weicht aus, beschwich­tigt, und Florian Fuchs ver­leiht die­sem jun­gen Mann in sei­ner Unsicherheit, Bedrücktheit, Ruhelosigkeit glaub­wür­dig Ausdruck. Sie bit­tet ihn, heu­te nicht aufs Wasser zu gehen und bit­tet ihn wie­der­um, doch zu gehen, als sie sei­ne schlech­te Stimmung wahr­nimmt.

Gleich dar­auf erfasst sie aber wach­sen­de Unruhe, war es rich­tig, ihn gehen zu las­sen? Warum hat er sei­ne Sachen so genau geord­net? Unendliche Trauer erfüllt sie bei die­sem Anblick, und Claudia Loy spie­gelt die Gefühle von Unruhe, Angst, Trauer in wun­der­bar ver­hal­te­ner Mimik, in kleins­ter Gestik der Hände wider.

Faszinierend ist es zu erle­ben, wie Sabine Herrberg als älte­re Frau all die­se Gefühle in ihrer Erinnerung eben­so erlebt und erlei­det. Fast rhyth­misch gesetzt sind die Pausen zwi­schen dem karg poe­ti­schen Text mit sei­nen vie­len Wiederholungsschleifen. Im Wechsel zwi­schen dem Damals und dem Jetzt und in sen­si­bler Lichtführung begeg­nen sich die älte­re und die jün­ge­re Frau. Ohne jeg­li­che Effekthascherei nimmt die­ser redu­zier­te äuße­re Handlungsablauf von Beginn an gefan­gen durch das Aufzeigen der inne­ren Befindlichkeiten der Darsteller. In Gegenüberstellung erlebt man den Besuch der Freundin (Angelika Sewald-Löffelmann) im Heute und in der Vergangenheit (Jutta Schmidt) mit Oliver Männer als ihrem Mann.

Mit her­vor­ra­gen­dem Rhythmusgefühl der Sprechweisen und psy­cho­lo­gi­schem Feingefühl insze­nier­te Stefan Vincent Schmidt die­ses Kammerspiel. Seine Schauspieler, allen vor­an Sabine Herrberg und Claudia Loy, begeis­tern in der her­vor­ra­gen­den Umsetzung der Figuren. Da stimmt jedes kleins­te Agieren, jedes Verhaltensein, jede äuße­re Starre, jedes Aufbrechen dar­aus. Die Frau kann auch im Heute nicht begrei­fen, war­um Asle damals ver­schwand und sie wird wei­ter am Fenster ste­hen, gefan­gen in der Vergangenheit, als man Asles Boot ohne ihn gefun­den hat­te.

Dieser anspruchs­vol­le und hoch­wer­ti­ge Theaterabend beein­druck­te nach­hal­tig.