Tra­gi­ko­mö­die von Fried­rich Dür­ren­matt

Regie: Ste­fan Vin­cent Schmidt

Seit vie­len Jah­ren füh­ren Ali­ce, die ihre unbe­deu­ten­de Schau­spiel­kar­rie­re mit der Ehe been­det hat, und Edgar, der als ein­zi­ger glaubt ein bedeu­ten­der Mili­tär­schrift­stel­ler zu sein, einen Ehe­krieg. Sie erpres­sen ein­an­der mit Schwä­che­an­fäl­len und kühl berech­ne­ter schein­ba­rer Unter­wer­fung, sie ver­schär­fen ihr Elend mit aus­ge­feil­tem, geüb­tem Sar­kas­mus.

"Alice, Kurt und Edgar" (lnr) Sabine Herrberg, Alexander Schoenhoff, Klaus Schöberl Bild: Renate M. Mayer
„Ali­ce, Kurt und Edgar“ (lnr) Sabi­ne Herr­berg, Alex­an­der Schoen­hoff, Klaus Schö­berl Bild: Rena­te M. May­er

Kurz vor ihrem 15. Hoch­zeits­tag taucht Ali­ces Vet­ter Kurt in ihrem Turm­zim­mer über dem Gefäng­nis auf. Ihn set­zen Mann und Frau als neue Waf­fe in ihrem fünf­zehn­jäh­ri­gen Krieg gegen­ein­an­der ein. Aber Kurt ist der Stär­ke­re, unter Schur­ken der sou­ve­räns­te Schur­ke, ein bestech­li­cher Ring­rich­ter in zwölf Run­den knap­per Wort­ge­fech­te mit schau­er­li­chen Poin­ten. Der Schwei­zer Autor Fried­rich Dür­ren­matt hat aus August Strind­bergs bür­ger­li­cher Ehe­tra­gö­die „Toten­tanz“ eine Komö­die über die bür­ger­li­che Ehe­tra­gö­die gemacht. Nach eige­nem Bekun­den hat er die Strind­berg-Vor­la­ge von aller „Lite­ra­tur (Plüsch mal Unend­lich­keit)“ ent­schlackt, so dass sogar die Par­ti­en schreck­li­cher gegen­sei­ti­ger Ver­let­zung ihre Komik erhal­ten.

ovb 09.2008, Mar­grit Jaco­bi

Bei Dür­ren­matt wird’s tra­gi­ko­misch

August Strind­bergs „Toten­tanz“ ist eine düs­te­re Tra­gö­die, Fried­rich Dür­ren­matt ver­wan­del­te sie mit sei­nem Stück „Play Strind­berg“ in eine tief­schwar­ze Tra­gi­ko­mö­die, in der die Ehe von Ali­ce und Edgar einem Box­kampf mit ver­bal wüs­ten Hie­ben und hef­ti­gen Tief­schlä­gen gleicht. Regis­seur Ste­fan Vin­cent Schmidt brach­te die­ses Lebens­dra­ma auf die Büh­ne des Rosen­hei­mer TAM OST.

Ver­hüllt von wei­ßen Tüchern, hört man dar­un­ter die Stim­men von Ali­ce (Sabi­ne Herr­berg) und Edgar (Klaus Schö­berl). Das Sze­na­rio gleicht einer Land­schaft von schnee­be­deck­ten Ber­gen, und deren Käl­te hat sich längst des hass­erfüll­ten Paa­res bemäch­tigt. Wenn Kurt (Alex­an­der Schoen­hoff), der spä­ter ins Spiel kom­men­de Vet­ter und ehe­ma­li­ge Lieb­ha­ber von Ali­ce, die Tücher ent­fernt, sieht man in spär­li­chem Mobi­li­ar Ali­ce häkelnd im Réca­mier (ein Diwan mit seit­li­cher Rücken­leh­ne) lie­gen, Edgar stock­steif auf sei­nem Stuhl sit­zend. Ein Fes­tungs­turm über einem Gefäng­nis ist das arm­se­li­ge Zuhau­se. Der Gong ertönt zur ers­ten Run­de «Unter­hal­tung»: Dabei spre­chen bei­de die­sel­ben Sät­ze wie vor­her unter ihrer Ver­hül­lung. Die Dia­lo­ge sind Mono­lo­ge in Sprach­kli­schees, die den täg­li­chen Leer­lauf aus­drü­cken. Die­se Ehe ist kein Mit-, son­dern ein bedrü­cken­des Neben­ein­an­der. Edgar, der erfolg­lo­se Mili­tär­schrift­stel­ler, redet sich sei­ne Ver­gan­gen­heit schön, sein Ego­is­mus lässt ande­ren, ein­schließ­lich sei­nen Kin­dern, kei­nen Zutritt in sei­ne erstarr­te Welt. Ali­ce, die ehe­ma­li­ge ruhm­lo­se Schau­spie­le­rin ist längst ver­bit­tert und wünscht sich nur noch den Tod des krän­keln­den Part­ners.

"Edgar, Alice und Kurt" (lnr) Klaus Schöberl, Sabine Herrberg, Alexander Schoenhoff, Bild: Margrit Jacobi
„Edgar, Ali­ce und Kurt“ (lnr) Klaus Schö­berl, Sabi­ne Herr­berg, Alex­an­der Schoen­hoff, Bild: Mar­grit Jaco­bi

In der zwei­ten Run­de kommt Kurt ins Spiel, und anfangs nimmt er die Rol­le eines Ring­rich­ters ein, ver­sucht zu stop­pen, wenn die ver­ba­len Schlä­ge zu hef­tig wer­den. Bald aber wird er mit in die­sen Kampf gezo­gen, von Edgar und Ali­ce benutzt für ihre bösen Atta­cken. Ali­ce wähnt sich als die Stär­ke­re in die­sem Kampf, doch wird sie noch schwe­re und über­ra­schen­de Schlä­ge ein­ste­cken müs­sen. „Jede Ehe züch­tet Mord­ge­dan­ken“, sagt Edgar ein­mal. Doch schei­tert er lie­ber ehren­voll zu zweit als allein.

Die Grenz­über­schrei­tung von rea­lis­ti­scher Dar­stel­lung hin zu wahn­wit­zi­ger Gro­tes­ke hat Strind­berg lan­ge vor Sar­tres exis­ten­tia­lis­ti­scher Erkennt­nis, dass die Höl­le die ande­ren sind, genutzt. Der Iso­la­ti­on von Men­schen, die ein­an­der aus­ge­lie­fert sind, die sich nur noch in Hass und Selbst­zer­stö­rung ver­wirk­li­chen kön­nen, begeg­net man eben­so in AlbeesWer hat Angst vor Vir­gi­nia Woolf“.   Dür­ren­matt schuf mit „Play Strind­berg“ eine sti­li­sier­te Neu­fas­sung, von Strind­bergs „Toten­tanz“, die Regis­seur Ste­fan Vin­cent Schmidt in durch­dach­ter Insze­nie­rung beein­dru­ckend auf die Büh­ne brach­te. Die Flucht ins Rol­len­spiel ist Edgars Aus­weg und Klaus Schö­berl gelingt eine beklem­mend glaub­wür­di­ge Umset­zung die­ser Figur. Er ist der bar­ba­ri­sche Mili­ta­rist, der zyni­sche und aggres­si­ve Ehe­mann. Er tanzt sei­nen „Tanz der Boya­ren“ in ver­zwei­felt lächer­li­cher Eksta­se, ver­sinkt komisch in schein­ba­re Absen­zen und lallt am Ende unver­ständ­lich sei­ne stets glei­chen, zwang­haf­ten Sät­ze, deren Bedeu­tung nur Ali­ce erkennt, hat sie sie doch oft genug hören müs­sen.

Bestechend ist die Ver­kör­pe­rung der Ali­ce durch Sabi­ne Herr­berg. Sie spielt weni­ger, son­dern ist die­se immer noch schö­ne Frau im ele­gan­ten nacht­blau­en Kleid. Ihre Ges­ten sind spar­sam, das Mie­nen­spiel nie über­zo­gen. Authen­tisch gibt sie die sar­kas­ti­sche, ver­bit­ter­te, aber auch ero­ti­sche Frau, der am Ende nur ein Tri­umph bleibt. Der gelähm­te Edgar ist ihr sprach­los aus­ge­lie­fert. Alex­an­der Schoen­hoff als Kurt, erst stum­mer Beob­ach­ter, dann erfolg­lo­ser Ver­mitt­ler, infi­ziert sich spür­bar mehr und mehr mit der schau­er­lich absur­den Stim­mung die­ses Ehe­krie­ges. Eine kur­ze Affä­re mit Ali­ce wird ihn nicht hal­ten. Am Schluss ver­lässt er das „Schlacht­feld“ zu „Solveigs Lied“ als sieg­rei­cher Klein­kri­mi­nel­ler. Griegs schö­ne Musik bringt die Trost­lo­sig­keit der untrenn­ba­ren Zwei­sam­keit von Ali­ce und Edgar umso stär­ker zur Gel­tung. Ste­fan Vin­cent Schmidt setz­te genug Pau­sen zwi­schen die Wort­ge­fech­te. Stil­le ist ein wesent­li­cher Fak­tor, den der Regis­seur sen­si­bel beach­te­te. Er und sei­ne Schau­spie­ler konn­ten sich mit Hub’n Kie­ne, der tref­fend die Beleuch­tung setz­te, über einen star­ken und lang anhal­ten­den Applaus ver­dient freu­en.

2008 - Plakat - PLAY STRINDBERG, Modelle: Sabine Herrberg, Alexander Schoenhoff, Klaus Schöberl, Bild: Alexander Schoenhoff
2008 - Pla­kat - PLAY STRIND­BERG, Model­le: Sabi­ne Herr­berg, Alex­an­der Schoen­hoff, Klaus Schö­berl, Bild: Alex­an­der Schoen­hoff

PRE­MIE­RE:  Sa 20. Sep­tem­ber 2008

WEI­TE­RE TER­MI­NE
Fr 26 Sep­tem­ber
Sa 04 Okto­ber
So 05 Okto­ber
Fr/Sa 10/11 Okto­ber
Fr/Sa 17/18 Okto­ber
Fr/Sa 24/25 Okto­ber

Spiel­be­ginn: 
Frei­tags und Sams­tags 20 Uhr,
Sonn­tags 17 Uhr
Ein­lass:
ca. 15 Min. vor Spiel­be­ginn

Im ENSEM­BLE TAM OST

Regie:Ste­fan Vin­cent Schmidt
Büh­ne:Ensem­ble
Licht/Ton:
Hub’n Kie­ne 
Kos­tüm:Ensem­ble
Foto­gra­fie:Rena­te M. May­er
Pla­kat:Alex­an­der Schoen­hoff
 Schau­spie­lerals
Sabi­ne Herr­bergAli­ce
Klaus Schö­berlEdgar
Alex­an­der Schoen­hoffKurt

Schlag­wor­te zum Stück