30.10.2004 - Seid nett zu Mr. Sloane

'SEID NETT ZU MR. SLOANE' von Joe Orton

Oktober / November 2004

Ensemble Theater am Markt
Regie: Stefan Hanus
Es spielten: Gaby Schmidt, Klaus Einsele, Hubert Fischer, Hub'n Kiene

8 Vorstellungen


Oberbayerisches Volksblatt vom 3. November 2004:

Noch fehlt zündender Funke

TAM-OST mit Kriminalkomödie von Joe Orton eröffnet

Gaby Schmidt, Hubert Fischer, Klaus Einsele, Hub'n KieneEs befindet sich zwar nicht mehr an Rosenheims grünem Markt, sondern mitten im Industriegebiet rechts der Mangfall in der Chiemseestraße 31, doch den Namen haben der Verein und das bewährte Ensemble des Theaters am Markt in das neue Quartier mitgenommen und um den Zusatz "Ost" erweitert. TAM-Ost ist nunmehr die offizielle Bezeichnung.

Mit der eigentümlichen englischen Kriminalkomödie "Seid nett zu Mr. Sloane" von Joe Orton hat das Ensemble jetzt die neue Theatersaison im Rahmen der Rosenheimer Kleinkunsttage eröffnet und zugleich das neue Quartier bezogen.

Zwar fehlt im umgebauten und renovierten Industriegebäude der Reiz des alten Gemäuers, aber der schwarze Theaterraum mit den wie ehedem 99 Sitzplätzen bietet mit seiner Abgeschlossenheit und seinem besser bespielbaren, da wandlungsfähigerem Bühnenraum gute Voraussetzungen für künftige Produktionen. Am besten eignen sich bei den dennoch nach wie vor beengten räumlichen Verhältnissen Kammerspiele mit kleiner Besetzung.

In dieser Hinsicht ist die englische Kriminalkomödie von Regisseur Stefan Hanus gut ausgewählt. Es genügt ein Bühnenbild, das passend zum schrägen Inhalt eine etwas verschobene Wohnstube zeigte. Das Bild beherrscht ein großes mit Schafpelzen belegtes Sofa, auf und hinter dem sich alles abspielt. Dazu ein Stuhl und ein Kästchen. Wie der Theaterzettel ganz richtig beschreibt, klagt Joe Ortons Stück in seinem dramatischen Erstlingswerk mit einer Mischung aus "groteskem Kriminalstück, dem Bruch von sexuellen Tabus und turbulentem Boulevardtheater" in "hintergründigen und witzigen Dialogen die Gefühlskälte einer Gesellschaft an, die alles entschuldigt, solange sie selbst nicht betroffen ist und ansonsten nur ihren eigenen Vorteil sucht".

Regisseur Stefan Hanus versuchte mit seinem spielfreudigen Ensemble diese Mischung zu bieten. Hubert Fischer spielte unangestrengt und glaubhaft einen zunächst charmanten Sonnyboy, dessen charakterliche Verwahrlosung sich schließlich in tödlicher Aggressivität äußert. Gabriele Schmidt spielt eigentlich ganz herrlich eine überspannte, etwas hysterische, naive und zugleich liebestolle Frau Anfang der Vierzig, die den jungen Mr. Sloane gleichzeitig zu ihrem Liebhaber und zum Ersatz für ihr verlorenes Kind macht. Ihren reichen, äußerlich auf Moral und Ansehen bedachten Bruder, der jedoch seine homosexuellen Neigungen beim Anblick des schmucken Mr. Sloane nicht unterdrücken kann, verkörpert Klaus Einsele ebenso routiniert wie gefällig.

Doch wieso fehlte bei allen guten Voraussetzungen bei der Premiere der zündende Funke, der aus einem ganz netten und unterhaltsamen einen begeisternden Theaterabend macht? Wie die Falten und die heftig zitternden Bewegungen, die Hub'n Kiene zum alten Vater machen sollten, war auch die Spielweise aller drei Familienmitglieder etwas zu dick aufgetragen, zu exaltiert. Vielleicht hätte eine etwas reduziertere Darstellung sowohl die Abgründigkeit wie den Witz des Stückes eher deutlicher gemacht. Andererseits ist Ortons Kriminalkomödie noch anders als bei der deutschen Erstaufführung 1964 heute kein Skandalstück mehr. Homosexualität wird zunehmend als gleichberechtigte Lebensform betrachtet. Und vielleicht fehlt auch deshalb den Zuschauern der Sinn für die Doppel- und Scheinmoral der englischen Gesellschaft der 50er und 60er Jahre.

Dennoch ist im neuen TAM-Ost ein guter Anfang gemacht, der jedoch noch Spielraum für Besseres lässt.

Raimund Feichtner


Echo vom vom 3. November 2004:

Ein "netter" Untermieter

Jubiläum und Premiere im Theater am Markt

Gleich drei besondere.Anlässe gab es für das Theater am Markt jetzt zu feiern: Das 20- jährige Jubiläum, das neue Theater am Markt Ost mit Schenke (die weiterhin Hans Anker betreibt) in der Chiemseestraße 31 in Rosenheim und die Premiere des Stücks "Seid nett zu Mr. Sloane".

Einige Monate nach dem "Zwangsauszug" aus finanziellen Gründen, hat das Theater am Markt neue Räumlichkeiten im ehemaligen Kundendienstzentrum der Firma Siemens gefunden, umgebaut und spielbar gemacht. Dass es den Vereinsmitgliedern und ihren Helfern wirklich gut gelungen ist, konnten die Premierenbesucher feststellen, die begrüßt wurden mit Prosecco, Pizzabrot und einer kleinen Rede zur Eröffnung von Renate Mayer, der Vorsitzenden des Vereins Theater am Markt Ost.

Regisseur Stefan Hanus inszenierte als Premiere dort Joe Ortons Erstlingswerk "Seid nett zu Mr. Sloane". Bei der deutschen Erstaufführung 1964 löste das Stück des skandalträchtigen britischen Schriftstellers heftige Diskussionen aus.
Heute, 40 Jahre später, amüsiert sich das Publikum über die schwarze Gesellschafts-Satire, man ist ja ganz andere Schocke gewöhnt.

Stefan Hanus packte etwas "Arsen und Spitzenhäubchen" in seine Regiearbeit, dabei gelang ihm, die Spannung in der gekonnten Mischung von makaberem Kriminalstück und turbulenter Komödie bis zum Schluss zu halten.

In Hubert Fischer erwählte er sich einen Protagonisten, der Raffinesse, Profitgier und Unbedarftheit in sich vereinen kann. Gabriela Schmidt als naiv-enervierende Kathrin, zeichnet im Laufe ihres Spiels den Charakter der hysterischen alternden Kindfrau immer treffsicherer.

Ausgezeichnet agiert Klaus Einsele in der Rolle ihres scheinbar so moralischen Bruders Ed, der alles entschuldigt, wenn es um seinen Vorteil geht. Hub'n Kiene schließlich, den Maskenbildnerin Jo Schumann zum fahlgesichtigen Alten verwandelte, bringt als Mitwisser um des "netten" Mr. Sloanes dunkle Vergangenheit Spannung ins Spiel.

Kleinbürgerlichkeit perfekt inszeniert

Kleinbürgerlichkeit widerspiegelt die Kulisse mit großem schaffellbezogenem Sofa und Familienbild im Hintergrund. Kleinbürgerlich sind die Personen in diesem Stück, das sexuelle Tabus, Gier und absolute Gefühlskälte zur Schau stellt.

Dieser "Brandstifter" Sloane darf zwar ein zweites Mal morden, doch nicht ungestraft. Als Objekt der Begierde wird er zwischen den Geschwistern aufgeteilt. Wo er absahnen wollte, muss er nun bezahlen. Sie werden weiterhin nett zu Mr. Sloane sein, viel zu nett ...

Mit langanhaltendem Applaus bedankten sich die animierten Premierebesucher bei Regisseur Stefan Hanus und seinen Schauspielern, denen auch viele Besucher zu wünschen sind für die weiteren Aufführungen: Am 5., 6., 12., 13., 19. November jeweils 20 Uhr, und am 14. November um 17 Uhr.

Margrit Jacobi


TAM-OST :: Theater am Markt e.V. :: Chiemseestrasse 31 :: D-83022 Rosenheim
Telefon: 08031 - 234 180 :: Fax: 08031 - 32975 :: eMail: kontakt[at]tam-ost.de

Nach oben