
Ensemble Theater am Markt
Regie: Stefan V. Schmidt
Es spielten:
Hubn Kiene, Sebastian Kühnel, Renate M. Mayer, Reinhold Torkler
10 Vorstellungen
Eine schwarze Bühne, mehrere Stühle, einige von ihnen besetzt: mit einem jungen Cellospieler im Hintergrund, vorne mit einem älteren Mann mit Stock, einer runden Madame mit Schleierhütchen. Ein weiterer Mann mit einer Zeitung kommt dazu.
Draußen tobt ein Gewitter, Regen rauscht... und ohne Unterbrechung spielt der Cellist. Zwei riesige Portraits von Diktatoren hängen von der Decke. Rote Schnüre, oder sind es elektrische Drähte?, begrenzen den Raum.
Der Regisseur Stefan Vincent Schmidt inszenierte im Theater am Markt, Rosenheim das Stück "Und was soll mit dem Cello geschehen?" des rumänischen Autors Matéï Visniec, nach dem Fall des Kommunismus einer der meist gespielten Autoren seiner Heimat.Vier Menschen also befinden sich in einem Wartesaal, den der Autor auch in späteren Stücken als Methapher gewählt hat, für die Situation von Menschen, die unter den Bedingungen der stalinistisch-kommunistischen Diktatur leiden. Sinnlosigkeit erfüllt das Geschehen, die Wartenden reagieren unter der nervlichen Belastung des immerwährenden Cellospiels mit unterschiedlichen Reaktionen.
In der sensibel aufgebauten Inszenierung ist die langsame Entwicklung der jeweiligen Gefühle, der Ausbrüche, Resignationen und wiederum Agressionen in spannungsreiches Spiel umgesetzt. Klar sind die Einzelportraits, die Gruppenbilder gezeichnet, interessant aber auch urkomisch die Auseinandersetzungen der Personen miteinander und der Situation.
Sehr gut besetzt hat der Regisseur die einzelnen Rollen. Da ist die Dame mit dem Schleierhütchen, die das Cellospiel anfangs zu genießen scheint, sich vom Banausentum der beiden anderen absetzeten will, die immer heftiger ihre Zigarette aus einer langen Spitze raucht, deren Unruhe bald ihre ganze Person erfasst und sich bis zum hysterischen Anfall steigert. Renate M. Mayer spielt sie in jeder Phase köstlich. Der aufgeregte Mann mit der Zeitung, der sich bei Protesten lieber erst einmal hinten anstellt, aber schnell ausflippt, der knisternde Spannung ins Spiel bringt, wenn er Töne eines Spitzels anschlägt, um dann wieder nahtlos in die Figur des enervierten Zwangszuhörers zu fallen, das alles verkörpert Hub'n Kiene in absoluter Glaubwürdigkeit. Ein wunderbares schauspielerisches Erlebnis bietet Reinhold Torkler als der Alte mit dem Stock. Er spielt ihn nicht, sondern erfüllt diese Rolle mit einem Sein, das fasziniert in kleinster Veränderung seines Ausdrucks, seines Agierens. Und fast ohne Pause streicht Sebstian Kühnel die Saiten seines Cellos, wahrhaft auch eine Leistung. Richtig gestört fühlt sich dieser selbstvergessen oder auch stoisch spielende Musiker nur vom chaotischen Autikonzert seiner gequälten Zuhörer, das natürlich für die Zuschauer großen Spaß bringt.
Am Ende fragt man sich, ob die Wartenden wissen, auf was sie warten, auf Godot oder sonst ein namenloses Etwas oder ein Nichts? Regisseur Stefan V. Schmidt gab diesem absurden Stück die richtige Mischung von Amüsement, Turbulenz und Spannung sowie genug Anregung zu eigenen Reflektionen. Mit seinen Schauspielern ließ er diesen Theaterabend zum kulturellen Genuss werden.
Ja, was soll jetzt eigentlich mit dem Cello geschehen, nachdem der unermüdlich spielende Cellist endlich aus dem Warteraum vertrieben worden ist? Da stehen sie nun am Schluss da, der Mann mit der Zeitung (Hub'n Kiene), der Alte mit dem Stock (Reinhold Torkler) und die Frau mit dem Schleier (Renate Mayer) und wissen nicht mehr weiter.Der rumänische Autor Matei Visniec treibt in seiner absurd scheinenden Farce «…und was soll mit dem Cello geschehen?» ein virtuoses Spiel mit mehreren Bedeutungsebenen, das von Regisseur Vincent Schmidt und den vier Akteuren im Rosenheimer Theater am Markt-Ost ebenso virtuos umgesetzt wurde.
Die drei Personen kommen von draußen aus dem Regen in einen trockenen Warteraum und lauschen anfangs interessiert dem einsamen Spiel eines abgewandt sitzenden Cellisten (Sebastian Kühnel). Doch mit der Zeit können sie es nicht mehr ertragen. Sie schwanken zwischen Aufbegehren und ängstlichem Dulden. Es offenbaren sich bei allen dreien abwechselnd Autoritätshörigkeit, Misstrauen und Gemeinsinn, Feigheit und Mut, bis schließlich die Dame das Cello an sich reißt und die Männer dadurch ermutigt, den "entwaffneten" Cellospieler nach draußen zu bugsieren. "Wie gut, dass es vorbei ist. So lässt sich 's leben", meint der Alte mit dem Stock.
Es ist ein zutiefst politisches Stück, das der Autor, dessen Werke von der rumänischen Zensur verboten waren und der bei einem Parisaufenthalt 1987 in Frankreich um politisches Asyl bat und erhielt, im Gewand dieser Farce dem Publikum bietet. Das Bühnenbild mit den roten Stricken, die die gesamte Spielfläche umschließen, und die beiden großen Portraits der Diktatoren Ceausescu und Franco, die in der Mitte des Raums hängen, weisen schon fast überdeutlich auf die eigentliche Bedeutung hin: der Wartesaal als Grundmetapher für die Situation der Menschen unter den Bedingungen einer Diktatur. Dieses Warten ist ohne Perspektive, schicksalhaft, dumpf. Aggressionen stauen sich auf. Doch was passiert danach, wenn der Cellospieler vertrieben ist, wenn das Cello, das Symbol der Macht über die Menschen, in den eigenen Händen ist, wenn sich's endlich leben ließe?
Diese Frage lassen Visniec, Regisseur Schmidt und die Schauspieler offen. Das Ensemble bot einen intensiven und mit 65 Minuten ebenso kurzen wie kurzweiligen, ja sogar amüsanten Theaterabend. Hervorragend, wie Renate Mayer von ansteckendem Lachen in hemmungsloses Weinen übergeht, wie Reinhold Torkler immer wieder grantelnden Mut fasst, wie Sebastian Kühnel ungerührt und stumm eine Dreiviertelstunde lang sein Cello bespielt und nicht nur die Nervgrenze der Akteure, sondern auch der Zuschauer austestet. Neben den beiden älteren, souverän und selbstverständlich ihre Rollen verkörpernden Akteuren Mayer und Torkler, hatte es Hub'n Kiene etwas schwer. Sein anfangs forsch auftretender und dann doch eher kleinmütiger Mann mit der Zeitung ist ein bisschen zu gespielt. Das geht noch beiläufiger, wenn die nächsten Male wieder am Schluss die Frage im Raum steht "…und was soll mit dem Cello geschehen?"
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