April / Mai 2006
Ensemble Theater am Markt
Regie: Helmut Niedermeier
Es spielten:
Renate M. Mayer, Martin Thaller
9 Vorstellungen

Das ganz besondere Verhältnis zwischen einer italienischen Mama und ihrem Sohn thematisierten schon viele Literaten und Regisseure. In seinem Zwei-Personen-Stück "Regina Madre", so der Originaltitel, nahm sich der neapolitanische Dramatiker Manlio Santanelli dieser verwandtschaftlichen Konstellation an und schuf ein Werk von bitterem Humor, tragisch wie komisch. Regisseur Helmut Niedermeier inszenierte das Stück "Königin Mutter", wie es auf deutsch heißt, für die Bühne im TAM-Ost in Rosenheim.
Mit Renate M. Mayer als Regina und Martin Thaller als ihr Sohn Alfred hat er sich zwei Darsteller erwählt, die ihre Rollen mit Bravour meisterten. In der Kulisse eines einfachen Wohnzimmers lässt das Geschehen zwischen Mutter und Sohn alte Konflikte aufbrechen, die Versöhnungsversuche immer wieder im Keim ersticken. Der Sohn kommt zu seiner kranken Mutter, um sie zu pflegen, ihr beizustehen.
Schon wenn er in das Zimmer tritt, bricht ein nicht endender Wortschwall über ihn herein, das Ganze im Original auf Italienisch kann man sich gut noch heftiger vor stellen. Renate Mayer ist von Beginn an sehr temperamentvoll dabei, das Mutter-Monster gelingt ihr, neben Mut zur Plumpheit, ausgezeichnet in all seiner Boshaftigkeit, Häme, den sarkastischen Unterstellungen. Zugleich ist Regina mit einer blühenden Fantasie ausgestattet: Als junge Frau war sie natürlich etwas Besonderes. Ihren verstorbenen Mann, Alfreds Vater überhöht sie in ihren Erinnerungen zum begnadeten Künstler, zum Genie. Alfred hat also keine Chance dagegen zu bestehen. Martin Thaller begehrt als Alfred zwar immer wieder dagegen auf, verkörpert die wachsende Hilflosigkeit, den ohnmächtigen Zorn, doch auch die Harmoniebedürftigkeit, seine Verletzbarkeit anschaulich. Immer wieder gibt es kleine zärtliche Gesten, die doch stets von verbalen Hieben zerstört werden. Theatralisch gängelt Regina weiterhin den Sohn, der an seinem 45. Geburtstag das Resümee zieht: "Ich bin ein Scheißer". Als Kreuzzug gegen den Sex hat Regina ihre Mutterrolle verstanden.
Helmut Niedermeier hat Tempo, sehr laute, aber auch leise Töne gelungen in seine Inszenierung gegeben und seine Schauspieler gut "laufen lassen".
Die Musik der CD "Cellissi mo", die unter Bearbeitung von Thomas Werner Mifune Kompositionen von Beethoven, Duke Ellington, Haydn und ein neapolitanischem Lied von Tschaikowsky zu Gehör brachte, begleitete das lebendige Geschehen stimmig bis zum jähen Ende. Dass so ein Duell nicht sanft enden kann, hat der Autor konsequent nachempfunden und beschrieben.
Beide Schauspieler durften mit ihrem Regisseur lang anhaltenden und herzlichen Beifall des Premienpublikums verdient entgegennehmen.
Weitere Vorstellungen sind an allen Freitagen und Samsta gen bis 20. Mai um 20 Uhr, an den Sonntagen, 14. und 21. Mai, beginnt die Vorstellung am Nachmittag um 17 Uhr. Kartenreservierung unter Telefon 0 80 31/23 41 80, Fax 0 80 311 32 97 5 oder www.tam-ost.de.
Es ist kein Vorurteil: Menschen verschiedener Völker unterscheiden sich nicht nur in der Sprache, sondern auch in der Art des Sprechens, in Mimik, Gestik und in ihrem Temperament. Italiener, vor allem Süditaliener, sind für ihren großen Gefühlsüberschwang, für den schnellen Wechsel von Gefühlen, für ihre gesten- und wortreiche, mitunter auch laute Redeweise bekannt. Ganz anders der Deutsche und vor allem der Bayer. Er ist dagegen fast wortkarg und seine Gestik ist beschränkt und eher sparsam. Deshalb war es ein Wagnis, im Rosenheimer Theater am Markt-Ost das Schauspiel "Königin Mutter des Neapolitaners Manilo Santanelli aufzuführen.
Santanelli verfasst seine Dramen, die sich häufig mit der für Konflikte und Neurosen anfälligen Kleinfamilie auseinandersetzen, sogar im neapolitanischen Dialekt. Entsprechend neapolitanisch lebendig und lebhaft hätte da auch die Inszenierung von Helmut Niedermeier sein müssen. Doch sie geriet zu statisch deutsch, auch wenn Renate Mayer als matronenhafte neapolitanische Mama Regina überzeugte. Doch Martin Thaller hatte allzuwenig von einem nervösen italienischen Sohn Alfred, der seine alte kränkelnde Mutter aufsucht, um sie scheinbar pflegen zu wollen, aber eigentlich selbst der Hilfe bedarf, weil er in seinem Leben gescheitert ist.
Im italienischen Original mag es für die Zuschauer ein höchst vergnüglicher verbaler Kleinkrieg sein, so wie es das Programmheft verspricht, der Alfreds ödipale Konflikte und seine seit der Kindheit angestauten Gefühle offenlegt, doch in der deutschen Übersetzung und bei einer zu deutschen, zu schwerfälligen Spielweise verdrängen die tragischen Elemente dieser Mutter-Sohn-Beziehung die witzig-komödiantischen. Anders als Renate Mayer, die in vielen Szenen typisch italienisches Temperament zeigt, erscheint Martin Thaller viel zu steif und bei aller Verletztheit zu ungerührt. Wieso dreht sich Alfred in Ruhe eine Zigarette, während er von seiner Mutter beschimpft wird? Wieso flüstert er ihr seine Schauergeschichte über den Tod seiner Frau nicht ins Ohr, sondern erzählt sie aus fünf Meter Entfernung?
Die Mutter durchschaut ihren Sohn von Anfang an. Zu gut kennt sie ihn. Sie selbst redet und träumt sich die Vergangenheit schön, die Jahre mit ihrem früh vestorbenen Mann. Doch ihr Sohn hat diese Zeit ganz anders erlebt. Und er hat seine Mutter als "Mutter Königin" empfunden, die immer ihre Macht über ihre beiden Kinder, über ihn und seine Schwester behalten hat.
Beide, Mutter und Sohn, haben ihre eigenen Wahrheiten. Trotzdem bleibt er bei allen Vorwürfen, die er ihr macht, ihr kleiner Sohn, den sie bei allem Streit und allen Verletzungen bis zu einem bitteren Ende liebt. Deshalb berührt dieses Stück selbst in seiner deutschen Ausprägung, auch wenn das italienische Leben und Leiden zu kurz kommt.
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