Regie: Horst Oberländer
Es spielten: Annette von Oy, Klaus Schöberl, Hans Anker, Yvonne Sieber, Renate Torkler, Uli Bahle, Reinhold Torkler, Jörg Herwegh, Karin Hartmann, Frithjof Ruthmann
15 Vorstellungen
Die "Endstation Sehnsucht" ist für eine Amateurbühne keine einfache Sache, aber das war ja auch "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" von Edward Albee nicht. Bei beiden Stücken hat Horst Oberländer die Regie übernommen, und er hat auch diesmal wieder bravourös ein Bühnenereignis geschaffen, ein neuerlicher Markstein der Inszenierungen des "Theaters am Markt".
Die Glaubwürdigkeit des Stückes steht und fällt mit der Besetzung der anspruchsvollen Rolle der Blanche du Bois, einer sich in ihr Lügengespinst verwickelnden Alkoholikerin, die als große Dame von Welt auftritt und in Wirklichkeit, sowohl seelisch wie finanziell bankrott ist. Oberländer hat mit dem Bühnenneuling Annette von Oy einen Glücksgriff getan, ebenso, wie es bei der "Virginia Woolf" mit Karin Hartmann der Fall war.
In New Orleans wohnen in einfachsten Verhältnissen Stanley Kowalski (etwas zu theatralisch: Jörg Herwegh) und seine Frau Stella (ungemein sympahtisch: Yvonne Sieber), die jüngere und lebenstüchtigere Schwester von Blanche. In diese Mini-Zuflucht platzt Blanche hinein, die sehr bald von Kowalski als Lügnerin entlarvt wird. Blanche hat das elterliche Gut "BeIle Reve" verloren, hat eine gescheiterte Ehe und eine zweifelhafte Vergangenheit hinter sich. Sie ist inzwischcn in eine Scheinwelt geflohen, die ihre wohlmeinende Schwester anfangs als Realität betrachtet.
Es geht rüde zu im Hause Kowalski, aber mit echter, triebhafter Liebe. Die feinnervige Blanche sieht in Kowalskis Freund Harold Mitchel (Hans Anker in gewohnt guter Qualität) einen möglichen Bräutigam, bis diesem Blanches Vorleben bekannt wird. Ihre letzte Chance ist vertan.
Ein Stück, das viel Tempo und etliche Lacher bringt, angefeuert durch die wöchentliche Poker- oder Kegelrunde und die nächtlichen Keifereien im Hinterhof (Karin Hartmann als nachbarliches Gewitter vom Dienst). Am Ende ein zufriedenes Publikum, das in den Umbaupausen durch den Klavierjazz von Frithjof Ruthmann animiert, lebhaften, begeisterten Beifall und zahlreiche verdiente "Bravos" für die Hauptdarstellerin spendete.
Horst Oberländer versteht es, als Regisseur psychologische Fäden in menschlichen Schicksalsgeflechten so feinfühiig zu spannen, daß er sie als sonor gestimmte Saiten in dramatische Schwingungen versetzen kann. Das bewies er wieder bei seiner Inszenierung von Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht" mit dem Ensemble des Theaters am Markt in Rosenheim, die auch den Spielern in den mit sicherer Menschenkenntnis besetzten markanten Rollen zu persönlichen Erfolgserlebnissen verhalf.
Die psychologische Konstellation bildet auch das Grundgerüst des Stücks: Hier die in starren Traditionsmustern verhaftete Blanche du Bois, die ihre Angst vor dem Älterwerden und der drohenden Vereinsamung mit Alkohol und wahllosen Männerbekanntschaften betäubt; dort der pragmatische Stanley Kowalski, der sich nimmt, was er braucht, und dessen animalische Lebenskraft nur von einem Minimurn an Kulturzwängen unter Kontrolle gehalten wird; und dazwischen Stella, als Blanches Schwester und Stanleys Ehefrau an beide gleichermaßen gebunden und von der Wesensart her ein Kompromiß der beiden extremen Gegensätze.
Vom Schluß des Stücks herbetrachtet, scheint freilich das Hauptthema des Stücks auf einer über das Individuelle, Psychologische hinausgehenden Ebene zu liegen. Blanches Verhalten, so stellt sich heraus, wird bedingt von psychischer Krankheit, schließt also eine persönliche Schuldfähigkeit aus und erweist sich daher auch als von geringerer dramatischer Bedeutung. Dramatische Bedeutung erhält die "Endstation Heilanstalt" vielmehr in einem symbolhaften Zusammenhang: Blanche verkörpert Glanz und Elend des Mythos "Südstaaten".
In diesem amerikanischen Mythos ist das Erbe zweier Erdteile vereinigt, das einer europäisch, hauptsächlich französisch geprägten alten Kultur und Geschichte und das einer ursprünglichen, "wilden" afrikanischen Naturkraft. Das Zusammenwirken der beiden Erbteile war nicht nur die Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg dieser Gesellschaftsmischung aus weißen Kolonisten und schwarzen Arbeitssklaven, wie sie sich im Mississippi-Delta mit dem Mittelpunkt New Orleans konzentrierte, sondern brachte auch eine - im Gegensatz zum trocken geschäftsmäßigen Puritanismus der "Yankees" - von chevaleresker Muße, aristokratischem Elitebewußtsein und farbig schwelgerischer Sinnenfreude geprägte Lebensart hervor (auch die größte kulturelle Leistung des nordamerikanischen Südens, der Jazz, ist das Ergebnis dieser Weiß-Schwarz-Legierung). Daß die weiße Bevölkerung bestrebt war, den Anteil des afrikanischen Elements in dieser Mischung zu verdrängen, hing nicht nur mit der Sicherung der äußeren Vorherrschaft zusammen, sondern entsprang sicherlich auch einer tiefverwurzelten Angst vor der Übermacht dunkler Urtriebe, die die errichtete Gesellschaftsordnung sprengen könnten.
Diese ambivalenten Züge treffen auch auf Blanche du Bois zu: Ihr Anspruch, nach dem großzügigen Standard begüterter Gutsherrschaft zu leben, und ihr Versagen, diesen Anspruch zu verwirklichen; ihr übersteigertes Beharren auf Gesellschaftsregeln, obwohl es oft über ihre Kraft geht, sie auch einzuhalten; ihre faszinierte Fixierung auf das Sexuelle und ihr Ekel davor, wie sie schon im doppeldeutigen "Desire" (sowohl Sehnsucht als auch Gier) des Originaltitels vorgegeben ist (wobei der gleichnamige Straßenbahnwagen nebenbei auch an ähnliche Fahrzeuge als Befreiungssymbole in zahlreichen Negerliedern erinnert).
Das Scheitern Blanches bedeutet also, daß der Mythos Südstaaten von Tennessee Williams als gigantische Lebenslüge entlarvt und zerstört wird. Die Namenshinweise machen diesen symbolischen Bezug überdeutlich, vom Märchennamen der Hauptdarstellerin ("Weiße aus dem Wald") bis zum verschluderten Familiengut "Bel Reve" (Schöner Traum). Im Theater am Markt kam dieser "Süden" atmosphä risch zu kurz (wobei es zugegeben schwierig ist, schwül brütendes Klima zu beschwören, wenn jeder Besucher beim Betreten des Theaters einen Schwall Novemberkälte hereinweht). Eine sinnfällige Gelegenheit dazu wurde zudem vergeben: Die Musikuntermalung mit den abgespielten Glenn-Miller-Hits mag allenfalls noch als Zitat aus der Entstehungszeit des Stücks (1947) durchgehen, aber originellerer Jazz hätte den treibenden Rhythmus der Handlung entschieden besser gefördert. Die Live-Solos von Frithjof Ruthmann am Klavier waren immerhin ein akzeptabler Ersatz.
So trugen zum Erfolg der Inszenierung vor allem die einzelnen Spieler bei. Annette von Oy erwies sich in der Rolle der Blanche als eindrucksvolle Entdeckung Oberländers: Eine Frau von lockender Ausstrahlung, deren Stimme in verhaltenen Obertönen und jähen schrillen Ausbruchen jenen psychischen Verfall vermittelte, der ihrer gesunden Jugend nicht ohne weiteres anzusehen war. Jörg Herwegh als Stanley verkörperte überzeugend den vulgären Macho, auch wenn seine Aggressivität eine Spur zu kopflastig war. Die Gewalttätigkeit dieses "Neu-Amerikaners" ist ja mehr die instinktive Notwehrreaktion eines Wildtiers im Überlebenskampf. Yvonne Sieber als Stella, anfangs allzu schlicht durchschnittlich, steigerte sich in der Zerreißprobe zwischen Ehemann und Schwester zu einer vielfältig nuancierten Darstellung. Hans Anker war der gutmütige Junggeselle Harold Mitchel, nur hätte bei diesem amerikanischen Muster des "Boys von nebenan" die verklemmte Heuchelei kräftiger durchscheinen können. Was mit wenigen, aber entschiedenen Akzenten aus einer Nebenrolle zu machen ist, zeigte Karin Hartmann als Nachbarin von aufdringlicher Gewöhnlichkeit.
Das Bühnenbild beschreibt mit wenigen "Leitfossilien" amerikaniscbes Wohnküchenmilieu: Kühlschrank mit zahlreichen Flaschen und Büchsen, ein Bett mit der obligaten "Quilt"-Fleckendecke, ein schmuddeliges Polstermöbel, alles weit entfernt von den weißen Fassadensäulen des "Schönen Traums". Türen gibt es in diesem Milieu nur als Rahmen mit Schnurvorhängen: Intimsphäre und "Straße" gehen ineinander über, die Summe "menschelnder" Lebensäußerungen ist allgegenwärtig.
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