24.10.1998 - Woyzeck

'Woyzeck' von Georg Büchner

Oktober / November 1998

Regie: Stefan Hanus

Es spielten: Klaus Einsele, Herbert Prechtl, Elisabeth Fischer, Helmut F. Binder, Jochen Stephan, Peter Patscheider-Rieder, Gaby Schmidt, Heiko Meßner, Stephan Holzer, Hub'n Kiene

9 Vorstellungen


Oberbayerisches Volksblatt vom 27.10.1998 :

Kammerspiel-Konzentrat

Stefan Hanus analysiert "Woyzeck" und faßt zusammen

Georg Büchners Drama "Woyzeck" besteht bekanntlich nur aus Fragmenten. Germanisten haben das, was der Dichter und Mediziner 1837 mit nicht ganz 24 Jahren hinterließ, chronologisch zusammengesetzt; 1913 war in München Uraufführung.

"Ich habe das Reclam-Heft zerschnitten und den Text retrospektiv zusammengesetzt", erklärt Stefan Hanus sein Vorgehen, das er auch an den Möglichkeiten der kleinen Bühne im Theater am Markt orientierte, wo die Inszenierung jetzt im Rahmen der Rosenheimer Kleinkunsttage Premiere hatte. Herausgekommen ist dabei eine sehr konzentrierte 75-Minuten-Fassung des Woyzeck-Stoffes, geradezu das Gegenteil der Inszenierung von Toni Müller vor 15 Jahren, der im April 1984 in Rosenheim eine sehr opulent besetzte und umfangreiche Fassung des Stückes bot, bei der einige Schauspieler der jetzigen Inszenierung auch mitwirkten.

Am 21. Juni 1821 brachte in Leipzig der entlassene Füsilier und stellungslose Perückenmacher Johann Christian Woyzeck aus Eifersucht seine gelegentliche Geliebte um, mit der er ein Kind hatte. Aus obrigkeitlichen Gründen wurde der Fall damals hochgespielt, und der vermutlich nervenkranke Woyzeck auf dem Leipziger Marktplatz am 27. August 1824 zur allgemeinen Abschreckung vor "Arbeitsscheu, Spiel, Trunkenheit und ungesetzmäßiger Geschlechtslust, die zum Verbrechen und zum Blutgerüst führen können", in der Öffentlichkeit hingerichtet.

Hanus läßt das Spiel mit der Szene beginnen, in der Woyzeck, den Herbert Prechtl kraftvoll als Täter und Opfer gibt, im Gefängnis von seinem Freund Andres (Klaus Einsele, gekonnt unsicher und verschreckt) besucht wird und ihm seine persönlichen Dinge übergibt. Woyzeck wird von Aberglauben und Geistererscheinungen geplagt. Im Rahmen dieser Selbstgesprächs schiebt der Regisseur die einzelnen Szenen rückblickend ein. Deren Darsteller sind grellweiß geschminkt: Gespenster der Vergangenheit. Allen Dialogen - in ,,Hochhessisch" gesprochen - ist gemein, daß die Personen aneinander vorbeireden; kein Verständnis für den anderen, nirgends.

Beim Rasieren des Hauptmannes, der von Jochen Stephan arrogant und dennoch mit glaubhaften Selbstzweifeln gespielt wird, wirft ihm dieser vor, mit Marie ein uneheliches Kind zu haben. Begleitet wird der Hauptmann von einem Narren, dessen Rolle Heiko Meßner mit aller gebotenen Vorsicht vor Übertreibungen belebt. Woyzeck ist zum Lebensunterhalt darauf angewiesen, sich den Ernährungsexperimenten eines Mediziners zu unterziehen, den Helmut Binder sehenswert, an der Grenze zur Skurrilität, spielt.

Marie, an der Woyzeck in dumpfer Liebe hängt (Elisabeth Fischer als lebenslustiges Dienstmädel), läßt sich mit einem ständig betrunkenen Tambourmajor (Peter Patscheider-Rieder) ein. Auch Maries Nachbarin (Gaby Schmidt als konspirative Freundin für Vergnügungen aller Art) ist Abenteuern nicht abgeneigt. Als Woyzeck davon erfährt, stellt er Marie und ersticht sie. Hanus, wie der Autor auch Mediziner, deutet den Mord durch eine intensiv rote Beleuchtung an, was vollauf genügt.

Woyzeck wird abgeführt. Zum Schluß sitzt nur noch Andres an einem Besuchstisch neben der Bühne, wo er die ganze Zeit ausgeharrt hat. Um ihn herum bauen sich die Mitspieler auf und verfallen in einen Kanon, der in einem eindrucksvollen Schlußbild endet.

Mit langanhaltendem Beifall dankte das Premierenpublikum für eine intelligent erarbeitete, mit passenden Charakteren konsequent umgesetzte, geglückte Kammerspiel-Inszenierung eines immer wieder anrührenden Stoffes.

Weitere Aufführungen im Theater am Markt sind Freitag, 30., und Samstag, 31. Oktober sowie am 6./7., 13.114., und 20.121. November, jeweils um 20 Uhr, Kartenvorbestellung unter der Telefonnummer 0 80 31/ 3 79 73.

Hendrik Heuser   


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