Regie: Stefan Hanus
Es spielten: Karin Hartmann, Reinhold Torkler, Helmut Huber, Gerti Aicher
7 Vorstellungen
Kaum einer kennt Heinrich Lautensack.
Nur Regisseure, die mit seinen Stücken liebäugeln, wissen mehr als das, was im "Meyer" steht. 1881 wurde Lautensack in Vilsbiburg geboren, schrieb Lieder für das Kabarett, balladenhafte Gedichte und Bühnenstücke, in denen er sich für die Liberalisierung und Enttabuisierung des Sexuellen einsetzte. 1919 starb er in Eberswalde bei Berlin. Die "Pfarrhauskomödie", 1911 geschrieben, wurde nach langem Hinauszögern durch die Zensurbehörden erst in seinem Todesjahr aufgeführt.
Lautensack hatte das Stück als durchaus boshafte Mundart-Komödie konzipiert, in der man die Pfarrer nicht als Mit-Opfer eines veralteten Systems, sondern als verklemmte, geile Böcke darstellen kann, denen die Seelen der ledigen Kindsmütter wurscht sind. Derartige Schwarz-weiß-Malerei hat Stefan Hanus in seiner Inszenierung am Rosenheimer "Theater am Markt" mit bewundernswerter Sicherheit und Gespür für feine Nuancen vermieden. Der junge Arzt und Freizeit-Kabarettist ("s'Breedl") hat das richtige Rezept für eine wunderbar eingängige, ebenso komische wie ernsthafte Aufführung gefunden.
Großen Anteil daran hat aber auch die exzellente Besetzung. Die g'standene Pfarrköchin Ambrosia .(Karin Hartmann souverän in der schwierigen Rolle, die Grundatmosphäre des Stücks aufzubauen) packt ihr Bündel, derweil sie für ein paar Monate wegmuß. Sie ist vom hochwürdigen Herrn Pfarrer Achaz "hopps", wie sich ihre junge Vertretung Irma (Gerti Aicher als junger, verführerischer Wirbelwind im Moralstaub des Pfarrhauses) auszudrücken beliebt. Aus bekannten Gründen muß Ambrosia ihr Kind außerhalb der Pfarrei austragen. Daß ihr das in ihrem Alter noch passieren muß, ist ihr doppelt peinlich.
Unter dem Kruzifix hockt sie, ein schluchzendes Häuflein Elend trotz ihrer kräftigen Weiblichkeit, ein Sinnbild der kirchlich definierten "Sünd". In den verlegenen Ausflüchten in religiöse Floskeln, statt wirklichen christlichen Trost zu spenden, zeigt Hochwürden (Reinhold Torkler, hin und her gerissen zwischen Zuneigung und Amtswürde) die gleiche Reaktion wie jeder andere ver- antwortungslose Liebhaber in dieser Situation.
Gegenüber dem jungen Kooperator Vinzenz (Helmut Huber als herrlich boaniger, g'schneckelter Engel) hat der Pfarrer allerdings behauptet, die Mutter der Pfarrköchin läge auf den Tod, um deren Abwesenheit zu begründen. Sehr schnell wird Vinzenz jedoch darüber von der pfarrhauserfahrenen Irma aufgeklärt, und als der Pfarrer später zu das Ambrosia verreist, die einen Sohn geboren hat, übernimmt sie auch die praktische Aufklärung des Jungmannes, der darob sichtlich aufblüht. Als der Vorgesetzte überraschend früh zurückkehrt, offenbart sich ihm, daß sein Adlatus mit der Jungköchin ebenso "kooperiert" wie er mit Ambrosia.
Machen wir einen Exkurs: Ambrosia ist in der griechischen Mythologie die Speise der Götter, die ewige Jugend und Unsterblichkeit verleiht. Was. also für die Oberen gut ist, kann dem "Bodenpersonal" nicht schaden, wird sich Lautensack bei dieser Namenswahl gedacht haben. Der Pfarrer heißt Achatius Achaz. Achatius gehört zu den 14 Nothelfern und ist nach der Legende mit 10 000 anderen Soldaten von Kaiser Hadrian gekreuzigt worden. Achaz, eigentlich Achas, war ab 742. v. Chr. König von Juda, gab sich trotz der Warnung des Propheten Jesaja dem Götzendienst hin und opferte seinen Sohn dem Moloch. Irma ist eine Kurzform von Irmtraut oder Irmgard, wobei "irmin" althochdeutsch "groß" und "allumfassend" bedeutet. Vinzenz von Lérins war ein frühchristlicher Priestermönch, der die Augustinusregel bekämpfte, zu der auch die "Leibfeindlichkeit" gehört,. die bis heute die katholische Sexuallehre dominiert.
Es kommt, wie es kommen muß: Auch Irma wird schwanger und der gleichen "Lösung" zugeführt wie Ambrosia. Der Kooperator versagt in der Aussprache mit Irma noch kläglicher als der Pfarrer zuvor. Kaum ist Ambrosia zurück, gibt es Streit unter den Frauen. Auch unter den Männern hat es wohl heftige Worte gegeben, wie Irma sagt. Leider hat uns Lautensack diesen Dialog vorenthalten. Ambrosia zeiht die aufmüpfige Irma wegen ihrer "Unkeuschheit", aber da ist sie an die Richtige geraten: "Meßgwandschleckerin!" gibt Irma zurück.
Der Pfarrer nimmt Irma ins Gebet und erläutert ihr, wie die katholische Kirche derartige Fälle pragmatisch zu handhaben weiß. Ganz wohl ist ihm aber auch nicht in seiner Haut, denn er läßt spüren, daß ihm diese Praxis im Grunde seines Herzens zuwider ist. Am Ende der letzten. Szene lehnt der Pfarrer verzweifelt an der Wand, von einem Lichtstrahl von oben (!) angestrahlt, aber das Licht fällt auch auf einen von Irma angebissenen Apfel, der auf dem Tisch liegt. Mit diesem Zitat aus der Genesis ist alles gesagt: In jedem Priester steckt natürlich ein Adam. Und der Zölibat, das Heiratsverbot der katholischen Kirche, wogegen sich Lautensack mit der Kritik an der kirchlichen Doppelmoral wendet, stammt aus der Zeit, als eine Familie für einen Pfarrer eine existentielle Belastung darstellte.
Der prasselnde Beifall war hochverdient, und selten sah man eine so rundum gelungene Amateurtheater-Aufführung. Erfahrene Theaterbesucher meinten gar, dies sei das Beste; was sie bisher von Rosenheimer Amateurtheatern gesehen hätten. Zu nicht geringen Teilen ist dies auch ein Verdienst des Autors, der das Stück kompakt geformt hat; es dauert knapp eineinhalb Stunden. Da es ohne Pause gespielt wird, gibt es keine Problematik mit der Dramaturgie - es ist spannend bis zuletzt.
Die nächsten Aufführungstermine sind am Freitag, 30. April, 1., 7./8. und 14./15. Mai, jeweils um 20 Uhr.
Mit der "Pfarrhauskomödie" des 1881 in Vilsbiburg geborenen Autors Heinrich Lautensack hat Stefan Hanus mit dem Ensemble des Rosenheimer Theaters am Markt einen sehr beachtlichen Wurf gemacht. Hanus, zur Zeit in der Facharztausbildung für Anästhesie am Rosenheimer Klinikum, ist in Bühnenkreisen kein Unbekannter: Schon vor Jahren spielte er bei Toni Müller, führte auch mit ihm zusammen Regie und stellte mit dem "Breedl" eine junge, frische Kabarettmannschaft vor.
Die "Pfarrhauskomödie", ein Vier-Personen-Stück, war vom Autor eigentlich als eine Anklage auf die Usancen in katholischen Pfarrhäusern, wie unchristlich dort mit hochwürdig geschwängerten Köchinnen umgegangen wird.
Hanus hat nicht nur das Stück als glänzend besetztes Beispiel hervorragenden Amateurtheaters erarbeitet, das keine professionellen Vergleiche zu scheuen braucht; er hat es so ausgelegt, daß es die Pfarrer auch als Mitopfer der katholischen Sexuallehre darstellt.
Reinhold Torkler spielt den Achatius Achaz, einen bodenständigen Landpfarrer, der letztendlich mit seinem Schicksal hadern muß, obwohl er das vor der Pfarrköchin (Karin Hartmann) nicht zugeben kann. Ihre Vertretung, die Jungköchin lrmi, bringt (Gerti Aicher) Unbekümmertheit, frischen Wind und Ehrlichkeit ins Pfarrhaus und den jungen Kooperator (Helmut Huber, frisch vom Priesterseminar) auf den Geschmack. Daß auch lrmi zum Schluß nicht anders dasteht als ihre ältere Kollegin, dürfte nicht verwundern.
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