23.09.1988 - Die Blinden

'Die Blinden' von Maurice Maeterlinck

September / Oktober 1988

Regie: Karl Heinz Gruber

Es spielten: Gesine Jüthner, Gabi Pitterle, Regine Gauklitz, Sissi Behamer, Margarita Geuenich, Birgit Hoffmann, Andreas Weingartner, Christian Lerch, Alf Bremer, Kurt Jüthner, Andreas Opperer, Frank Benstetter

5 Vorstellungen


Oberbayerisches Volksblatt vom 26.9.1988:

Radikales Gleichnis des Menschenlebens

Karl Heinz Gruber inszenierte im Theater am Markt in Rosenheim "Die Blinden" von Maurice Maeterlinck

Die BlindenWohl selten ist die Vielfalt des Rosenheimer Amateurtheaters so deutlich sichtbar geworden wie in der vergangenen Woche. Innerhalb von wenigen Tagen gab es hier drei Premieren, und alle drei brachten ungewöhnliche Stücke unterschiedlichsten Charakters: Die "Inntaler Bauernbühne" aus dem Kreis der "alten" Rosenheimer Theater führte mit "Der Goggolori" erstmals ein bairisches Singspiel aus buntgewebtem Mythenstoff auf, dann lieferte "'s Breedl", eine junge Gruppe, die bisher mehr in der Kabarettecke zuhause war, mit der satirisch-realistischen "Reise ins Glück" erstmals ein abendfüllendes Stück in Eigenproduktion, und am vergangenen Wochenende folgte das "Theater am Markt" mit einem düsteren Symbolismus-Drama des Belgiers Maurice Maeterlinck, "Die Blinden", mit dem ein junger Regisseur, Karl Heinz Gruber, erstmals aus dem buntscheckigen Kollektiv der Ensembles des "Vereins für bodenständige Kultur" hervortrat. (Übrigens: So wie es aussieht, sind in diesem Herbst noch weitere Theater-Überraschungen zu erwarten.)

Die sperrigste Inszenierung dürfte dabei wohl die der "Blinden" sein. Maeterlinck, der spätere Literaturnobelpreisträger (1911) schrieb es vor fast hundert Jahren, als eines seiner "Situationsstücke" von einer radikal neuen Struktur, die im Gegensatz zu der des traditionellen Dramas von einem Verzicht auf äußere Handlung geprägt war. Aber nicht nur der Form nach, sondern auch dem Gehalt nach hat Maeterlinck damit wesentliche Züge des modernen Theaters, etwa Samuel Becketts, vorweggenommen. So ist "Die Blinden" ein gewaltiges Gleichnis der Existenz der Menschen, die blind einem Schicksal ausgeliefert sind. Zwölf Blinde warten auf einer Insel auf die Rückkehr eines Priesters, der sie hierher geführt hat. Die Gespräche der Blinden kreisen um die Frage nach ihrem Führer, der nicht kommt. Schon die Szenenbeschreibung macht die Situation überdeutlich: "Ein sehr alter nordischer Wald mit Ewigkeitscharakter. (...) Sechs blinde Greise sitzen auf Steinen, Baumstümpfen und welken Blättern. Durch einen entwurzelten Baum und Felsblöcke von ihnen getrennt, sitzen den Greisen sechs ebenfalls blinde Frauen gegenüber. (...) Große Todesbäume, Eibe, Trauerweiden und Zypressen, bedecken sie mit ihrem treuen Schatten. Es ist außerordentlich dunkel..." So nehmen dann auch, wenn die Blinden zu reden beginnen, selbst Sätze wie "Wir müßten wissen, wo wir sind", "Es ist kalt, seitdem er fort ist" oder "Wir sind sehr lange gegangen" gewissermaßen einen weittragenden Hallton an, als würden sie in der Eröffnungsansprache zum Weltkongreß der Existentialphilosophen verkündet. Und so werden immer neue Metaphern nachgeschoben, die das Gleichnisbild noch nachdrücklicher, noch eindeutiger ausstatten - in einer Konsequenz von ermüdender pleonastischer Eintönigkeit.

Nun mag es Leute geben, die dieser Bemerkung energisch widersprechen werden, weil sie der Ansicht sind, daß solche Einsichten in Wesensgründe menschlichen Schicksals gar nicht deutlich genug formuliert sein können - aber damit wären wir bereits im Bereich philosophischer Glaubensfragen. Es spricht einiges dafür, daß Karl Heinz Gruber und sein Ensemble dieses Stück gewählt haben, weil ihnen Maeterlinck damit aus der Seele gesprochen hat, zumal es ja ein radikales Jugendwerk ist (der Dramatiker war damals Mitte zwanzig). Es spricht weiter einiges dafür, daß Gruber, ein Student der Theaterwissenschaft, damit zur Diskussion herausfordern will, ob sich das örtliche Theaterpublikum zur Abwechslung zum bekannten und bewährten Repertoire nicht auch immer wieder etwas nicht so leicht Konsumierbares zumuten sollte. Nur der positive Beweis, daß "Die Blinden" tatsächlich ein zu Unrecht vergessenes Stück sei, ist für mich mit dieser wagemutigen Talentprobe noch nicht erbracht worden.

Gruber hat jedenfalls bei der Inszenierung dieser theatergeschichtlichen Ausgrabung wenige Kompromisse geschlossen. Es muß schon ein strenger Dressurakt gewesen sein, das zwölfköpfige Ensemble ganz im Sinn der Anweisungen Maeterlincks zur weitgehenden Regungslosigkeit zu vergattern und sogar auf aufmerksamkeitsfördernde sprachliche Differenzierung der monologischen Gespräche zu verzichten. Die Schauspieler stellten sich jedenfalls dem Schlußapplaus erschöpft, aber mit spürbarer Erleichterung, so tapfer durchgehalten zu haben. Eindrucksvoll war das Bühnenbild (Franz Opperer, Gruber) mit seinen skulpturalen Elementen (Andreas Weingartner), eindrucksvoll war auch das Gruppenbild der fahlgewandeten Blinden mit den blicklosen Augenhöhlen. 

Franz Hilger


TAM-OST :: Theater am Markt e.V. :: Chiemseestrasse 31 :: D-83022 Rosenheim
Telefon: 08031 - 234 180 :: Fax: 08031 - 32975 :: eMail: kontakt[at]tam-ost.de

Nach oben