21.09.2002 - Stella

'STELLA'

Ein Schauspiel für Liebende
von Johann Wolfgang von Goethe

September / Oktober 2002

Regie: Stefan Vincent Schmidt

Es spielten:
Johanna Schumann, Elisabeth Friederici, Eva Kapser, Berrak Yurdakal, Andreas Wiechmann, Peter Saalfeld

Musik und Cello: Gustav Vogel

10 Vorstellungen


Oberbayerisches Volksblatt vom 24. September 2002:

Der Leidensweg der Liebenden

Goethes "Stella" im Theater am Markt

Andreas Wiechmann, Johanna Schumann Goethes Traum, in der Liebe Gegenwart und Ferne, unendliche Sehnsucht und konkrete Erfüllung harmonisch miteinander zu verbinden, steht im Mittelpunkt seines 1776 uraufgeführten Theaterstücks "Stella. Ein Schauspiel für Liebende".

Angeregt zu diesem Stück wurde der junge Dichter neben eigenem Liebeskummer vermutlich von Lavater, der ihm von einer geplanten Ehe zu dritt am Hof zu Karlsruhe erzählt hat. Noch heute besitzt "Stella" angesichts neuer Formen des Zusammenlebens und vielfältiger Beziehungsprobleme zwischen Mann und Frau eine große Aktualität.

Regisseur Stefan Vincent Schmidt hat mit dem Ensemble Theater am Markt Goethes Beziehungsdrama jetzt beeindruckend in Szene gesetzt. Regisseur Stefan Vincent Schmidt gelingt eine dichte, subtile Inszenierung, die auf alle künstliche Effekthascherei und übertriebenen Gefühlsausbrüche der Protagonisten verzichtet, sodass sich der Zuhörer ganz auf die kunstvolle Sprache Goethes der Originalfassung konzentrieren kann. Vor allem in der ersten Hälfte des Stücks fasziniert die ruhige, scheinbar emotionslose Sprechweise der Schauspieler, beherrscht den Raum eine beklemmende Stille, die den Zuschauer zwingt, in das Innenleben der Liebenden einzutauchen. Diese illusionsiose Nüchternheit wird hervorragend verkörpert von der lebenserfahrenen, durch große materielle und seelische Not geprägten Cäcilie (Elisabeth Friedrici). Erst als Cäcilie in Stellas Liebhaber ihren verloren geglaubten Gatten Fernando erkennt, verliert die sonst so beherrschte Frau für einen Moment die Fassung.

Berrak Yurdakal, Eva KapserBewegend ist die Szene, in der sie mit stoischer Abgeklärtheit die seltsame Liebesgeschichte vom Grafen von Gleichen vorträgt. Ihre Tochter Luice (Eva Kapser), ein großer Kontrast zur Mutter, beeindruckte nicht nur durch enorme Textsicherheit, sondern vor allem durch erfrischende Naivität, Gewandtheit und Liebreiz.

Die leidenschaftliche Stella (Johanna Schumann), die auf ihrem Gut das Leben einer Einsiedlerin führt, trägt immer noch den "Himmel im Herzen". Obwohl sie mit Cäcilie eine Seelenverwandtschaft empfindet, sind ihre Reflexionen ausschließlich romantisch rückwärtsgewandt. Symbolisch dafür stehen die Szenen, in der Stella traumverloren im Dämmerlicht kauert oder zärtlich das Cello des Geliebten liebkost. Fernando (Andreas Wiechmann), der beide Frauen im Stich ließ, sieht nun, "verlassen von sich selbst", was er angerichtet hat.

Erbarmungslos holt ihn die Vergangenheit ein. Die Frage "Fort! Wohin? Wohin?" kann er nicht beantworten. Leider fehlte Wiechmann Leidenschaftlichkeit und Ausstrahlung, wirkt er in seiner Rolle als zweifacher Herzensbrecher ein wenig spröde. Gut besetzt waren Berrak Yurdakal als rassig-resolute Postmeisterin und Peter Saalfeld als Verwalter, der Fernando sein Leben schonungslos vor Augen führt.

Elisabeth Friederici,  Johanna SchumannRegisseur Stefan Vincent Schmidt hat anders als Goethe keinen eindeutigen Schluss gewählt, sondern will den Zuschauer bewusst zum Nachdenken anregen.

Jeder hat sein Leben selbst zu verantworten und kommt nicht mehr von seiner Vergangenheit los, denn "nachher ist nichts mehr so, wie es war". Ein mit Bedacht errichteter Laufsteg, der den Zuschauerraum in der Mitte teilt, war nicht der Weg ins Freie, sondern ein Leidensweg, der alle Personen aufs Neue mit ihrem Verhalten konfrontierte. Die Kostümierung war indes nicht ganz nachvollziehbar. Luice in Teenie-Klamotten bildete zu Fernando in einer Art Krankenpflegeroutfit einen sonderbaren Kontrast.

Die Cellomusik von Gustav Vogel gab den einzelnen Szenen eine bittere, elegische Note und versinnbildlichte überzeugend das gestörte Seelenleben der Liebenden. Hoffnung auf eine erfüllte, harmonische Liebe zu dritt, wie sie der junge Goethe sich erträumte, machte sie nicht. Für die gelungene Premiere erhielten Regisseur und Ensemble begeisterten Applaus.

Weitere Aufführungen sind am 27. und 29. September, am 4., 5., 11., 12., 18. und 19. Oktober um 20 Uhr sowie am 6. Oktober um 10 Uhr.

Georg Füchtner


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