Regie: Cornelius Gohlke
Es spielten: Johanna Schumann, Karin Hartmann, Uta Stark, Elfi Fokh, Vroni Thäle
Bühnenbild: Beate List
11 Vorstellungen
Eine Fernsehmacherin sucht Mit-Macherinnen, die bereit sind, sich zu outen. Vier Frauen bereiten sich auf das Auswahlverfahren, das Casting, vor und treffen schließlich zusammen und damit aufeinander. Diese Situation ist der Hintergrund der Komödie "Sugar Dollies" von Klaus Chatten. Ein Stück für fünf Frauen, fünf Lebensläufe, fünf Lebenshaltungen.
"Alle reden von Trash. Es gibt aber für mich nichts Aufregenderes, als es zu schaffen, in einem gut konstruierten Stück soviel Trash wie möglich reinzupacken, Form und Inhalt auf eine spielerische Art zusammenzubringen." Sagt der Autor im Programmheft. Das ist ihm gelungen. Die leicht debile Tochter Tabea versteckt sich auf dem Klo vor ihrer Mutter, die sie zur Probe für den Karnevalsauftritt zwingen will. Sie treten als Robin und Batman auf. Die Mutter erzwingt sich mit Axtschlägen den Zutritt und verkündet ihrer Tochter schließlich, daß sie in einer Femsehshow mitmachen darf. Beim Casting treffen sie auf eine durchgeknallte Schauspielerin, die mit ihrem Penthesilea-Monolog reihenweise Intendantengattinnen zum Kotzen bringt. Und auch ein naives Ossie-Mädel versucht sein Glück im Fernsehen. Alle werden von der Fernsehtussi abgebügelt - aber der bekommt dies schlecht.
Die Ereignisse und Erzählungen sind wirklich trashig: schrill und brutal, banal und grotesk, lächerlich und tragisch. Die Vorliebe des Autors für den Film "Pulp Fiction" werden deutlich. Vor allem das Verhältnis der Mutter zu ihrer häßlich-blöden Tochter ist eine groteske Übersteigerung und gleichzeitig Banalisierung aller kleinbürgerlichen Eistanz-und Tennismuttis. Lachen und Weinen liegen da beim Zuschauen nah beieinander. Die brutale Banalität zeugt poetische Blüten. Aber - und dies ist das beste sowohl am Stück als auch an der Regie von Cornelius Gohlke: Bei aller Lächerlichkeit wirken die Figuren nie bloß lustig oder lächerlich, nie verrät der Autor seine Figuren, er nimmt sie ernst, liebt sie sogar heimlich ein bißchen.
Sie sind prallvoll von Leben, von ursprünglicher Leidenschaft, von sehnsüchtiger Sinnlichkeit. Gerade Uta Stark als "unser Tabea" zeigt dies hinreißend. Genau hat sie den nöligen Ruhrpott-Tonfall drauf, ihre anfängliche Stupidität wandelt sich in Entschlossenheit, als einzige Figur hat sie am Schluß eine Zukunftsperspektive als Mitreisende in einem Fahrgeschäft. Herrlich die Szene, wo sie sich mit ihrer Mutter streitet, wer im Penthesilea-Probe-Monolog den Pitbullterrier oder Hitler spielen darf. Sie hat ihre Rolle so verinnerlicht, daß sie sogar noch beim erlösenden Schlußbeifall dabei bleibt.
Karin Hartmann als ihre überfürsorgliche Mutter steht ihr in fast nichts nach. Blitzschnell wechselt sie von roher Gefühlsunterdrückung zu weinerlicher Gefühlstyrannei.
Elfriede Fokh ist die gefühlsroh-übercoole Fernsehtussi schlechthin. Meisterhaft bewegt sie sich in Kostüm und mit Handy, gnadenlos spult sie ihre starken Wessi-Sprüche ab und zerschneidet mit ihrer glasklaren Stimme jegliches Illusionsgewebe ihrer Kandidatinnen.
Hervorragend auch Vroni Thäle als das naive Ossie-"Peterchen". Verdattert und großäugig schaut sie übers Publikum hinweg, sitzt da wie ein unschuldiges Äffchen und berlinert sich hemmungslos schön durch ihre ach so banale Lebensgeschichte. Ein ganz berührender Moment ist ihre Geschichte, wie sie den 8. November 1989, den Tag der Maueröffnung, erlebt. Da verläßt das Stück seine Müll-Ebene, wird zutiefst theatraliscb schön im konventionellen Sinn.
Johanna Schumann schließlich spielte die Schauspielerin Rosy, die Charaktercholerikerin, die chaotische Kulturterroristin mit Intendantenallergie. Ihr hat wohl der Autor seine Gedanken anvertraut. Johanna Schumann gab sie als hübsch-lässige Röckchenträgerin mit Lederjacke, die ihre kulturanarchistischen Sprüche wohlformuliert zum besten gibt. Ein bißchen mehr Schärfe in der Diktion, ein bißchen mehr anarchische Provokation in der Darstellung wäre noch besser gewesen.
Einspielungen alter Schlager, Verwendung von bekannten Werbesprüchen sowie das bewußt schäbige Bühnenbild (Beate List) und die überkandidelten Kostüme (Vroni Thäle) betonten das Trashige, das Schmutzige, das Banale. Dem Regisseur Cornelius Gohlke ist eine ausgezeichnete Mischung von blutiger Tragik, erschütternder Banalität und trauriger Komik gelungen.
Weitere Aufführungen sind am 24. und 25. April, am 1.,2., 3. sowie am 8., 9. und 15. Mai jeweils um 20 Uhr. Am Sonntag, 10. Mai, ist eine Matinee mit Brunch um 11 Uhr vormittags.
Autor Klaus Chatten schrieb mit "Sugar DolIies" ein Stück für fünf Frauen, bezogen auf die Zeit nach ,,der Wende". Die Begegnungen verschiedener Charaktere mit ihren Sehnsüchten und Wünschen inszenierte Cornelius Gohlke im Theater am Markt.
Karin Hartmann in der Rolle der Babette Mrugalla ist eine schaurig dominante Mutter, hinreißend in ihrem kölschen Dialekt. Ihr Redefluß, derb und witzig, verdeckt die Sorge um "unser Tabea", die einfältige Tochter. Uta Stark hat als diese zwar nicht viel zu sagen, verkörpert aber urkomisch das späte Mädchen, das sich am Ende emanzipiert.
Rosy, eine arbeitslose Schauspielerin, fungiert auch als Moderatorin. Sie erklärt sich als diagnostizierte Charakter-Cholerikerin und legt die Umsetzung ihrer Lieblingsfigur "Penthesilea" ekelerregend aggressiv an. Ihr größtes Problem ist die vierte Wand, die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum: wie Käfiggitter im Zoo. Johanna Schumann gibt dieser zornige junge Frau auf sehr authentische Weise.
Im Besetzungsbüro einer Casting-Lady wartet, ebenso wie die anderen Frauen, Peterchen auf einen Part in einer TV-Show, um beim Seelenstrip mitzumachen. Die aufgesetzte Fröhlichkeit des "Ossi-Mädchens" ist alles andere als telegen. Vroni Thäle als Peterchen berlinert schließlich berührend von ihren Erlebnissen bei der Maueröffnung und bekommt somit eine andere Chance zur Vermarktung ihrer Gefühle. Elfriede Fokh spielt die "toughe" TV-Macherin. Ihre Viola Pfauweber ist erfolgreich bis zur Selbstverleugnung.
Auf der Suche sind alle diese Frauen. Theater erzählt Geschichten. Geschichten sind verlogen, wie Rosy sagt. "Die Wahrheit ist immer die Liebe!"
Cornelius Gohlke hat das Stück temporeich und mit gutem Gefühl für die differenzierten Charaktere inszeniert. Die Schauspieler überzeugen mit engagierten Leistungen.
Aufführungen: 24., 25. April, 1., 2., 3., 8., 9. Mai, jeweils 20 Uhr, am 10. Mai Matinee um 11 Uhr mit Brunch, Anmeldung erbeten.
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