16.09.2006 - Es liegt was in der Luft

Es liegt was in der Luft

Von Richard Dresser

September / Oktober 2006

Ensemble Theater am Markt

Regie: Gerti Aicher

Es spielten: Ursula Berny, Johanna Schumann, Hermann Hiemer, Gerd Niedermayer, Carsten Schmidt

11 Vorstellungen 


Carsten Schmidt, Ursula Berny


Echo vom 20. September 2006:

"Es liegt was in der Luft"

Premiere im TAM-OST: Makabres Thema gekonnt umgesetzt

Kann man Geschäfte mit dem Tod machen? Ist Verliebtheit nur eine entzückende Wahnvorstellung? Was macht man, wenn ein Todgeweihter sein Fälligkeitsdatum längst überschritten hat? Viele Fragen und deren Antworten serviert die Regisseurin Gerti Aicher in der Inszenierung des Stücks "Es liegt was in der Luft" im TAM-OST in Rosenheim.

Der amerikanische Erfolgsautor Richard Dresser nimmt in der schrillen Komödie Stellung zu Wunschträumen der Wohlstandsgesellschaft. Sein Spekulationsmodell, Lebensversicherungen von unheilbar Kranken als "todsicheres" Investitionsobjekt zu verkaufen ist jedoch so unwirklich nicht. Im Anhang zum Programm des Stückes verweist ein Auszug aus dem Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt auf die britische Gesellschaft "Life Benefit Resources", die Todkranken ihre Lebensversicherungspolicen abkauft, weiter ihren Beitrag zahlt und später die Todesfallsumme kassiert. Gewinn je nach Lebensdauer des Kranken.

Im Stück vermittelt der gerissene kaltschnäuzige Makler Neville (Hermann Hiemer) dem gescheiterten und eher harmlosen Kaufmann Walker die Police des sterbenden Cram (Gerd Niedermayer) und Walker übernimmt dessen Lebenskosten bis zu seinem eigenen Bankrott. In regenbogenbunter Kulisse mit witzigen Requisiten, aufblasbarem Plastik-Mobilar, grellfarbigen Klamotten blättert die Regisseurin die makabre Story auf, lässt die amerikanischen Wohlstandsträume platzen und hinterfragt Profitsucht und Moral.

Carsten Schmidt in der Rolle des Walker ist glaubwürdig im Zwiespalt zwischen dem anständigen Mitbürger und dem Verliebten im Zugzwang zum Erfolg. Hermann Himer muss keine Wandlung in den Charakterstudien des miesen Neville vollziehen, was Gerd Niedermayer als Cram jedoch am Ende sehr gelungen in Szene setzt. Auch das Siechtum des Todkranken bringt er augenscheinlich zur Geltung. Johanna Schumann in der Rolle der Sloane in sexy-grellbuntem Outfit, gibt echt überzogen das amerikanische Girlie. Ausgestattet mit hysterischen Macken, gestattet sie sich zwar Gefühle, verliert aber nie das Ziel aus den Augen. Aus wesentlich härterem Material ist Krankenschwester Holloway geschnitzt und Ursula Berny verwandelt das liebe Mädchen mit dem Helfersyndrom in ein wahres Monster.

Wären da nicht die vielen Szenenwechsel mit Blackout und ständigem Requisitenwechsel, es könnte zu einem echt rasnten Spiel kommen. Amüsant und manchmal "shocking" ist das Thema, engagiert gespielt wird auch, nur zieht sich das Ganze in die Länge. Nichts desto trotz: Die Besucher erwartet ein unterhaltsamer Theaterabend mit makaberen Spitzen, witzigen Ideen und gesellschaftskritischen Betrachtungen.

Margrit Jacobi

Rosenheimer Nachrichten vom 18. September 2006:

Neues im TAM: Von quietschfidel bis rabenschwarz

Rosenheim - Back to the Eighties: Aus Modehäusern über die Musik-Charts hat es das grellbunte Jahrzehnt jetzt auf die Bühne des Theater am Mark Ost geweht. "Es liegt was in der Luft" heißt die Farce des amerikanischen Autors Richard Dresser um Liebe und buchstäblich todsichere Investitionsobjekte (wir berichteten), die Regisseurin Gerti Aicher als Revival einer längst verdrängten Zeit inszeniert.

Dressers Dialoge sind bitterböse, die vielen, oft kurzen Szenen Sturmböen aus Sarkasmus, der Inhalt ist aberwitzig und absurd - und Aichers Herangehensweise insofern genial.

1984 wälzte ein Sturm die Kulturwelt um: MTV, das erste Musikfernsehen, wurde geboren, und in der Folge die Pop-Kultur, die Seh- und Hörgewohnheiten veränderte. Das Programm bestand nur aus Musikvideos, war eine Aneinanderreihung aus kurzen Filmchen in bunten Bildern. Ein Konzept, das Aicher auf das Stück überträgt.
Als sei es solch einem Musikvideo entsprungen blendet das Bühnenbild in grellen Neonfarben. Diese Welt ist aufblasbar und aus Plastik, und kreischt ihre Symbolik regelrecht hinaus - von geplatzten Träumen, von Liebschaften, denen die Luft ausgeht, von Geschäftsmodellen, bei denen einem die Luft wegbleibt...

"Coolness", noch so eine Errungenschaft der 80er. Aicher beschwört diese Art von lässiger Gleichgültigkeit auf mehrerelei Art: zum Beispiel in der Figur des Neville, der nichts anderes ist als ein Dressman-Mephisto; oder, indem sie die häufigen Umbauphasen einfach mit einem relaxten Soundtrack unterlegt. Cool bleiben und durchatmen, lautet die Botschaft, gleich nehmen wir wieder Tempo auf. Ein Tempo wie im Fond eines Porsche-Cabrio, in dessem Fahrtwind der Zuschauer aufpassen muss, keines der witzigen Details wie etwa das Designerdesinfektionsspray oder die vergebens vollführte Händeschüttel-Liebesmüh´ zu verpassen - sofern das Ensemble die Geschwindigkeit durchhält. Mitunter besteht nämlich die Gefahr, im vierten Gang steckenzubleiben. Eine Gefahr, die im Laufe der Spielzeit schwinden wird. Neue Autos müssen erst eingefahren werden!

Die andere Gefahr: im Rausch der Geschwindigkeit vom Zynismus hinübergepustet zu werden in Hampelmann-Slapstick; personifiziert zum Beispiel in Ursula Berny, die ihre Holloway herrlich makaber und übereifrig anlegt, der Alptraum einer Pflegekraft, die allerdings Obacht geben muss, nicht zum Hupfball auf Speed zu werden.

Wenn das auf Dauer gelingt, dann liegt verdammt viel Vergnügen in - nein dann brennt die Luft. Fragt sich nur noch, wo es diesen schneidigen Vectolen-Mantel zu kaufen gibt, für den das Ensemble in Brechtscher Manier wirbt... Aufführungen im Theater am Markt Ost nach der gestrigen Premiere jeweils freitags und samstags um 20 Uhr, sowie am Sonntag, den ersten Oktober um 17 Uhr.

Christian Topel


Oberbayerisches Volksblatt vom 19. September 2006:

Spekulation mit dem Tod

Makabre Komödie im Theater am Markt-Ost

In einer Kulisse mit süßen Bonbonfarben lässt Regisseurin Gerti Aicher die schräge Komödie «Es liegt was in der Luft» im Theater am Markt-Ost spielen. Die Farbe des Stückes aber ist eher rabenschwarz.

Richard Dresser, erfolgreicher amerikanischer Dramatiker, entwarf ein gesellschaftskritisches Spekulationsmodell, das so abwegig vom heutigen «Way of life» wiederum nicht ist. Die britische Gesellschaft «Life Benefit Resources» kauft in einem legalem Geschäft unheilbar Kranken ihre Lebensversicherung ab, wie es ein Ausdruck des Schleswig-Holsteinischem Ärzteblattes berichtet, das dem Programmheft beigefügt ist.

Eine bunte aufblasbare Plastikwelt umgibt die Akteure und wenn Carsten Schmidt in der Rolle des Walker seinen knallblauen Vollsynthetikmantel öffnet, um dessen Firmenzeichen «Vektolen» zu präsentieren, dazu ein entsprechendes Werbesprüchlein beschwört, löst das bei seinem Gegenüber stets ein «schön» aus. Dieser Werbespot demonstriert und ironisiert die ständigen Unterbrechungen bei Fernsehspielen. Die gibt es im Stück übrigens auch sehr oft, da die vielen Szenen immer mit «Black out» enden, bei dem Requisiten weg- und andere hergeräumt werden, was auf die Dauer leider den Spielfluss hemmt und unnötige Längen ergibt.

Der Verkauf einer Lebensversicherung ist der Kernpunkt der Geschichte: Walker, gescheiterter Kaufmann kauft sie über den alert-cleveren Makler Neville (Hermann Hiemer) dem todkranken Cram (Gerd Niedermayer) ab, um im Gegenzug für dessen Lebensunterhalt bis zum baldigst zu erwartenden Ende zu sorgen. Gerd Niedermayer schlüpft sehr glaubwürdig in die Rolle des Siechenden, er verfügt über passend leptosome Physiognomie, und das Ende des Stückes erlaubt ihm weitere Facetten seiner Darstellungskunst. Hermann Hiemer als Neville gibt stimmig den kaltschnäuzig berechnenden Makler, der aus jeder Situation seinen Profit zieht. Carsten Schmidt als Walker vermittelt nachvollziehbar das Hineinstolpern eines eher unbedarften, erfolglosen Kaufmanns in eine immer prekärer werdende Situation.

Wenn er sich in Sloane verliebt, zeigt sich schnell: Die Stärkeren beim Geschlechterkampf sind die Frauen, in Amerika sowieso. Johanna Schumann bringt das salopp auf den Punkt. Wenn sie auf Plateausohlen, im schrill-sexy Outfit und mit spinösen Macken als Sloane über die Bühne stakst, geschieht alles zielgerichtet, auch wenn die Liebe nicht in ihrem Plan vorgesehen war.

Richtig makaber wird das Ganze, als Krankenschwester Holloway ins Geschehen eingreift. Ursula Berny, erst aus dem Stegreif etwas zu heftig, gewinnt aber zusehends Spaß an der Verkörperung des verkappten Monsters. Amüsant und manchmal auch erschreckend sind die Pointen des Autors, die Gerti Aicher in ihrer etwas langatmigen, doch witzigen Inszenierung mit ihren engagierten Darstellern unterhaltsam mit etlichen Schockern gestaltet hat.

Was macht man, wenn ein Todgeweihter längst sein Fälligkeitsdatum überschritten hat? Diese und weitere Fragen werden geklärt, also hingehen und anschauen….

Margrit Jacobi


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