Regie: Jörg Herwegh
Es spielten: Annette von Oy, Jörg Herwegh, Katrin Hilger, Frank Magener, Gitti Scherer, Angelika Mini, Elisabeth Friederici, Eva Frank Verstorben, Klaus Thaller, Reinhold Torkler, Klaus Einsele, Michael Martsch
Bühnenbild: Frank Magener
17 Vorstellungen
Eigentlich ein waghalsiges Unterfangen: anzuspielen gegen ein weltbekanntes Buch, sich messen zu wollen mit gleich zwei Filmen, sich vergleichen zu lassen mit Schauspielern wie Glenn Close, Michelle Pfeiffer und John Malkovitch. Jörg Herweghs Wagnis aber gelang. Einmal, weil es kein Wagnis war, denn das Premierenpublikum schien mehrheitlich weder das Buch gelesen noch einen der beiden Filme gesehen zu haben; zum andern, weil diese Aufführung das Buch an konziser Kürze, den Film an erklärender Deutlichkeit übertraf.
"Gefährliche Liebschaften" von Christopher Hampton, geschrieben nach dem gleichnamigen Briefrornan von Choderlos de Laclos, erzählt die Geschichte zweier adliger Verbrecher, der Marquise de Merteuil (Annette von Oy) und des Vicomte de Valmont (Jörg Herwegh), die beschließen, teils aus Rache, teils aus Müßiggang und hybridem Spielbetrieb eine fromme, tugendsame Frau, Madame de Tourvel (Katrin Hilger) langsam-quälend zu verführen sowie die unschuldige, blutjunge Cecile de Volanges (Gitti Scherer) zu den gemeinsten Willfährigkeiten einer verderbten Dirne abzurichten. Der Plan gelingt - bis auf einen kleinen Fehler. Der Vicomte verliebt sich in die Tourvel wirklich und verstößt damit gegen das von Crebillon formulierte Liebescredo des Rokoko: "Man nimmt einander, ohne sich zu lieben, man verläßt einander, ohne sich zu hassen." Fast folgerichtig fällt er auch im Duell.
Er hat die Spielregeln gebrochen. Und dieser Fehler im Plan ist auch der einzige Fehler in der ansonsten konsequenten, durchdachten logischen, präzisen und spannenden Inszenierung: Jörg Herwegh gelingt es nicht, dieses Gefühl der wirklichen Liebe zu einer tugendhaften Frau glaubhaft zu machen. An Ceciles Naivität hat er deutlich mehr Vergnüngen. Die böse Abgefeimdheit, der abgrundtiefe Zynismus gelang Herwegh wesentlich besser, obwohl (oder weil?) Katrin Hilger sich in einen wahren, erschreckend deutlichen Liebesparoxysmus hineinsteigerte, der ihr auch besser lag als die demutsvolle Zurückhaltung einer frommen Seele.
Glänzend, ja faszinierend aber bewältigte der Regisseur und der Schauspieler Herwegh die Szenen zwischen Valmont und der
Merteuil: Hier zeigte sich die Lust am Bösen, hier summte das Timing, hier blitzten die Pointen und Sottisen, funkelten die gleißnerischen Bosheiten wie die eisig-glitzernden Augen der Annette von Oy: Sie eigentlich ist das geistige wie sinnliche Zentrum der Inszenierung. Schön, kalt beherrscht, von ätzender Liebenswürdigkeit wie von boshafter Höflichkeit, in schlangengefährlichem Parlando Giftpfeile verschießend bleibt sie, die "Täuschungsvirtuosin", die einzige, die nicht auf sich selbst hereinfällt, ein verführerischer weiblicher Jago, zynisch-konsequent die Siegerin in dieser Geschichte und behält am Schluß buchstäblich alle Karten in der Hand.
Dieser konsequenten Skrupellosigkeit gegenüber bleibt Valmont von Anfang an nur der Part des Verlierers: Zwar verführt er flott-gefühlsroh die naiv-lüsterne Cecile (Gitti Scherer, schon äußerlich das "kleine Mädchen", zeichnete verblüffend genau das Umschlagen von ängstlicher Unschuld in hemmungslose Laszivität nach), aber der dargestellte Zynismus wird in der Darstellung Herweghs schon überdeckt von einer schmerzhaften Resignation, die diabolisch hingebürsteten Augenbrauen sind schon umschattet von Melancholie, in den sardonisch grinsenden Mundwinkeln lauert der Lebensekel, logisch deswegen sein Ende: schwankend, im Dezemberregen aufgelöst, fällt er. Und diese Darstellung der Rolle war um so überzeugender, als Herwegh durchaus nicht anämisch-dekadent, sondern lebensprall-vital auftrat.
Durchwegs gut besetzt waren auch die Nebenrollen: Jörg Preuß gab einen aasigen Kammerdiener, Frank Magener spielte hingebungsvoll den naiv-schönen Danceny, Angelika Mini war eine muntere Prostituierte, Klaus Einsele brillierte als gepuderter, beperückter lächerlicher Marquis, Elisabeth Friederici hatte als Ceciles Mutter nie von nichts eine Ahnung, Eva Frank war die desillusionierte und trotzdem würdige alte Tante; ein wahres Schauspieler-Kabinettstück aber lieferte Reinhold Torkler als Erzähler, eine Rolle, ihm von Herwegh auf den Leib und in den Text hineingeschrieben. Zu Recht erspielte er sich Szenenbeifall, wenn er ironisch-süffisant als historisches Weltgewissen die Handlung begleitete, seine Sätze genauso behutsam tragend wie jedesmal die spanische Wand.
Besonders geschmackvoll wie auch historisch logisch die Kostüme (Annette von Oy): sterbendes Blau, zartglühendcs Rosa und sumpfiges Grün, von Egon Friedell als Dekadenzfarben des Rokoko bezeichnet; nach der Verführung erscheint die Tourvel in Rosa wie die kleine Cecile: beide zu Haut geworden. Ästhetisch und erotisch wie ein Gemälde von Boucher waren die Verführungsszenen im erhöht stehenden Bett: Sinnenthron und Liebeskatafalk in einem. Die übrigen Möbeln bestanden aus vergoldetem Zivilisationsschrott (Entwurf: Frank Magener), somit eine untergehende Gesellschaft kennzeichnen wollend.
Fazit: Ein Fest der Worte, ein Spiel von Gesten und Gedanken und von Augen-Blicken, ein spannendes und unterhaltsames Kammerspiel des Bösen.
Das Premierenpublikum (darunter auch, immerhin bis zur Pause, OB Dr. Stöcker), dankte mit viel Szenen- und heftigem Schlußapplaus.
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