Regie: Christoph F. Maier
Es spielten: Gaby Schmidt, Evi Gehring, Werner Faltlhauser, Peter Miesbeck
17 Vorstellungen
Man muß schon genau hinsehen, um den kleinen Unterschied zu entdecken: Im Programmheft zur neuen Inszenierung im Rosenheimer Theater am Markt ist nirgends mehr das Wort "Vaganten" zu finden. Aber eben dieser kleine Unterschied könnte unauffällig die Wende markieren, die sich hier vollzogen hat: Toni Müller, der "Gründungsvater" der "Vaganten", hat sich von seiner Truppe zurückgezogen. (Siehe den Kasten "Scheidung".)
Äußerlich hat sich nicht viel gewandelt. Da möchte man fast eher an eine deutliche Betonung der Kontinuität denken, von "Draußen vor der Tür" zur "Geschlossenen Gesellschaft" von Jean Paul Sartre, beides markante Stücke der vierziger Jahre, beide inszeniert von Christoph F. Maier, und die Spieler im Sartre-Stück gehören seit langem zum Stammpersonal. Dennoch wird die neue Inszenierung nicht für sich genommen betrachtet werden können. Man wird Vergleiche mit den vergangenen Inszenierungen der "Vaganten" (mit Toni Müller) anstellen und man wird nach Indizien Ausschau halten, die Aufschluß über den künftigen Weg (ohne Toni Müller) geben könnten. Müllers Erfahrung wird sicher fehlen, aber Ehrgeiz und Engagement derer, die das Theater am Markt weiterführen, lassen auch in Zukunft überdurchschnittliches Amateurtheater erwarten, diese Prognose sei riskiert.
Eines der Kennzeichen vieler bisheriger Vaganten-Inszenierungen war es, über die wortwörtliche Aussage des Textes hinaus den Kern des Stücks auf eine so anschauliche szenische Interpretationsformel zu bringen, daß damit tiefere Bedeutungsschichten dem Verständnis des Ensembles wie der Zuschauer erschlossen wurden. Bei dieser Inszenierung aber bleibt selbst eine so starke Metapher wie "Hölle" weitgehend "unübersetzt", zumal ja Sartre seine Definition so bequem mitliefert: "Die Hölle - das sind die anderen". Auch die Vorgeschichten der drei Insassen der Höllenzelle werden mehr als anekdotischer Gesprächsstoff vermerkt, wobei es jungen Leuten zwischen 20 und 30 zugegebenermaßen sehr schwer fallen muß, sich in derart extreme Lebenslagen wie die von Kindsmörderinnen, zum Tod verurteilten Deserteuren und todbringenden Lesbierinnen zu versetzen.
Das gelang aber sehr eindrucksvoll bei der Darstellung der schicksalhaft verstrickten Beziehungen innerhalb dieses "Trio infernal", und daraus entwickelten sich spannungsreiche Szenen zwischen Gaby Schmidt, der beherrscht beherrschenden Ines mit dem kalt lodernden Blick, Eva Gehring, der lebensgierigen, sinnlichen Estelle, und Werner Faltlhauser, dem insgesamt wohl zu weichen, passiven Garcin.
Peter Miesbeck geleitete mit abweisender Kellner-Arroganz auch die Zuschauer durch die Hölle auf ihren Platz. Das war nicht nur der gewohnte überraschende Regie-Einfall nach bewährter Vaganten-Tradition, das war auch wieder ein Beweis, wie einfallsreich man sich im Theater am Markt über die Beschränkungen des Bühnchens hinwegsetzt und den Spielraum erweitert, auch wenn es Sitzplätze fürs Publikum kostet. Den Zuschauern wurde damit die klaustrophobische Situation einer "geschlossenen Gesellschaft" hautnah vermittelt, und außerdem konnten sie fast greifbar erleben, mit welcher starken Konzentration die Darsteller zu Werke gingen.
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