11.03.2006 - Othello

OTHELLO

Stefan Hanus, Klaus SchöberlVon William Shakespeare

März / April 2006

Ensemble Theater am Markt

Regie: Helmut Huber

Es spielten:
Eva Kapser, Astrid Langenegger, Dani Mayer, Gaby Schmidt, Stefan Hanus, Hermann Kunz, Gerd Meiser, Herbert Prechtl, Klaus Schöberl

10 Vorstellungen


Oberbayerisches Volksblatt vom 15. März 2006:

Im tödlichen Netz Jagos

Theater am Markt-Ost spielt Shakespeares "Othello"

Das Ensemble des Rosenheimer Theater am Markt-Ost wagte sich unter der Regie von Helmut Huber an eine der größten Tragödien der Weltliteratur, an William Shakespeares "Othello". Das Resultat dieses Wagnisses war dank der ausgezeichneten sprachlichen Leistungen der Hauptakteure für eine ambitionierte Amateurbühne beeindruckend. Die Zuschauer der Premiere erlebten einen spannenden, ausdrucksbetonten und dank Eva Kapser auch einen berührenden Theaterabend.

Gaby Schmidt, Eva KapserSie erlebten einen von Stefan Hanus glänzend verkörperten abgefeimten Bösewicht Jago, der aus Rachsucht ein tödliches Netz spinnt, in dem sich sein Feldherr Othello verfängt. Ihn spielte Klaus Schöberl als einen durchweg von seiner Leidenschaft, von Liebe und Eifersucht Getriebenen. Sie erlebten vor allem eine bravouröse Eva Kapser als eine wunderbar zarte, in ihrer Liebe zu Othello feurige und doch naiv unschuldige Desdemona, die selbst im heftigen Todeskampf nicht weiß, was ihr geschieht.

Doch hat Shakespeare es nötig, entstaubt zu werden? Vertraute Regisseur Helmut Huber nicht Shakespeares von Erich Fried kongenial übersetzten großartigen Sprache, seinen grandiosen Texten und Szenen? Musste er das Stück mit einem heißen Nummerngirl beginnen lassen, das lediglich zweimal die Orte des Geschehens (was sonst als Venedig und Zypern?) auf eine Tafel schrieb? Musste er es mit Rockmusik anreichern? Musste Hermann Kunz als venezianischer Gesandter Lodovico auf Zypern als humoristische Witzfigur auftreten? Musste die ergreifend gespielte Mordszene Desdemonas von einem imaginären Rückblick auf die vergangene Liebesleidenschaft unterbrochen werden? Regieeinfälle, die Shakespeares Komödien nicht nur gut vertragen, sondern geradezu fordern, können bei so einer Tragödie auch danebengehen und eher stören als erfrischen.

Einfach, aber praktisch ansehnlich und überaus sinnfällig war das Bühnenbild von Antje Oehmichen: auf einer ansonsten leeren Bühne ein rotes Podest, das als Bett und Thron gleichzeitig zu nutzen war, dahinter ein Spinnennetz aus Seilen und daneben ein Objekt mit züngelnden Stahlstäben der Rachsucht und Eifersucht. Auf dieser Bühne konnte das von allen Akteuren flott und engagiert vorgetragene Geschehen ablaufen.

Astrid Langenegger, Stefan HanusHier agierten Gerd Meiser als würdiger Doge und als treuer Cassio, Herbert Prechtl als etwas naiver Edelmann Rodrigo, der von Jago zum willigen Werkzeug seiner Schandtaten gemacht wird, Gabriela Schmidt als herbe, unsentimentale, mit dem wirklichen Leben vertraute Emilia, die sich ebenfalls von ihrem verbrecherischen Mann Jago benützen lässt. In einem Rollstuhl verkörperte Hermann Kunz überzeugend die Rolle des erzürnten Brabantios, des Vaters Desdemonas. Daniela Mayer spielte in aufreizender Wäsche Cassios Hure Bianca. Und Astrid Langenegger, die auch bei der Regie assistierte, musste die in dieser Inszenierung für eine Frau unpassende und deshalb undankbare Rolle des Soldaten Montano über nehmen.

Die bunten, auf modernes Theater getrimmten Kostümchen von Barbara Steinmetzer waren zwar schön anzuschauen, unterstützten aber leider nicht den nur in Ansätzen vorhandenen soldatisch-militärischen Charakter von Othello, Jago und Cassio. Stiefel und ein festes Wams wären wohl besser gewesen als Schuhe und ein Schnürleibchen auf nacktem Oberkörper. Die Damen durften barfuß gehen und waren, besonders die in ein unschuldig-weißes Hemdchen gekleidete Desdemona, sehr hübsch anzusehen.

Othello selbst wurde nur mit ein paar schwarzen Strichen als Mohr gekennzeichnet, da seine Hautfarbe, so das Textheft, "keine Rolle in der Entwicklung dieser zeitlosen menschlichen Schicksale" spiele. Dass seine Hautfarbe, seine Andersartigkeit ihn aber außerhalb der venezianischen Gesellschaft stellt, wird in Shakespeares Text aber immer wieder deutlich. Ist vielleicht nicht auch dies ein Grund für seine schnell erwachende rasende Eifersucht? Jedenfalls dürfen sich die nächsten Besucher auf eine frische, interessante, diskussionswürdige, aber auch ergreifende Vorstellung freuen.

RAIMUND FEICHTNER


Echo vom 15. März 2006:

Das Gift der Eifersucht

Ein riesiges Spinnennetz überzieht symbolträchtig die schwarze Bühne, eine purpurrote Liegestatt setzt mittig Farbe. Regisseur Helmut Huber inszenierte für das Theater am Markt Shakespeares "Othello" in der Übersetzung von Erich Fried.

Gegen den Strich der Vorstellung zur äußeren Erscheinung des Protagonisten und seines intriganten Widersachers Jago sind die zwei Hauptrollen besetzt: der kraftstrotzende Stefan Hanus spielt den durchtriebenen Jago, Klaus Schöberl gibt Othello als eher leptosomen Feldherrn. Seine Dunkelhäutigkeit belegen wohl die schwarzen Zeichen im Gesicht.

Mit Kreide schreibt, als mutwilliger Gag, ein Revuegirl in Strapsen den jeweiligen Ort des Geschehens an die Wand. Solch kleine Attribute, wie für Jago eine Zigarette, das eine und andere jetztzeitige Wort sind ins Geschehen eingestreut, das sich sonst Shakespeares Sprache wohlfeil bedient. Musik von Led Zeppelin, Jimmy Hendrix und aus den Filmen "Troyan Woman" und "Ullyses" begleitet das Drama von Liebe, neidbedingter Intrige, geschürter Eifersucht bis zum Mord. Die Listigkeit eines karrieresüchtigen und hasserfüllten Jago: "Ich diene dem Mohren, um mich seiner zu bedienen", spielt Hanus mit sichtlichem Genuss. Der Othello des Klaus Schöberl wechselt sehr jäh vom liebevollen, sariftmütigen Ehemann und selbstbewussten Feldherrn zum misstrauischen, rasenden Wüterich.

Klaus Schöberl, Eva Kapser

Jago hat das teuflische Spinnennetz klug geknüpft, in dem sich der naive Othello planmäßig verfängt. In die Dämonie der Intrige werden alle weiteren Gestalten unaufhaltsam gezogen. In Eva Kapser erwählte der Regisseur eine bemerkenswerte Darstellerin der Desdemona: Anfänglich eine sehr verliebte und süße Kindfrau, erlebt sie später angstbebend und fassungslos ihr Ende. In ihren leidenschaftlichen Liebesspielen darf sie mit Othello über die Bühne toben, sich in seinen Armen vergessen. Ihr Vergnügen ist glaubhaft wie ihr Schmerz.

Gerd Meiser, Stefan HanusKlaus Schöberl und Stefan Hanus zeigen zu höchst engagiertem Spiel auch bemerkenswerte Körperbeherrschung bei wilder Rauferei. Hermann Kunz ist als Desdemonas Vater von glaubwürdigem Groll, Herbert Prechtl gibt einen wehleidigen Rodrigo, Dani Mayer eine selbstbewusste Hure. Gerd Meiser ist sehr beeindruckend als Doge von Venedig und verleiht der Darstellung Cassios die nötigen Facetten. Gaby Schmidt als Desdemonas Kammerfrau Emilia und Jagos Gemahlin nützt die Bedeutung ihrer Rolle am Ende voll Präsenz zum starken Auftritt. Hub'n Kiene zeichnet verantwortlich für Licht und Ton in stimmiger Wirkung.

Helmut Huber ließ die großen Gefühle der Figuren in gleich bleibender Vehemenz spielen, man vermisst subtile Nuancen, zurückgenommenes Agieren. Auch wirkt es unglaubwürdig, eine Desdemona in Panik, da vom rasenden Othello bedroht, genau dann heftig um Vergebung für Cassio bitten zu lassen. Sehr gelungen wiederum ist die letzte Sequenz, wie tödliches Jagen in liebestolles Vergnügen übergeht. Am Ende belohnte großer und lang anhaltender Beifall die Schauspieler und ihren Regisseur für einen sehr lebendigen Theaterabend.

Margrit Jacobi


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