10.04.1999 - Schwester George muß sterben

'Schwester George muß sterben'
Komödie von Frank Marcus

April / Mai 1999

Regie: Gerti Aicher

Es spielten: Renate M. Mayer, Kristina Moll, Rike Roesch, Brigitte Schirmer

Bühnenbild: Frank Magener

10 Vorstellungen


Oberbayerisches Volksblatt vom 14.4.1999 :

Alle sind austauschbar

"Schwester George muß sterben" im Theater am Markt

Kristina Moll, Renate M. MayerAls Komödie wollte der englische Autor Frank Marcus sein Stück "Schwester George muß sterben" gespielt sehen. Doch es ist ein Stück, bei dem den Zuschauern, wie bei den Dürrenmattschen Komödien, das Lachen im Halse stecken bleiben muß. Regisseurin Gerti Aicher nahm mit ihrem Ensemble vom Rosenheimer Theater am Markt gekonnt den Mittelweg zwischen aufrüttelndem Drama und englischer Boulevardkomödie.

Die vielschichtige Beziehungsgeschichte, deren Ende allerdings anders als bei den Dürrenmattschen Komödien vorhersehbar ist, dreht sich um die Schauspielerin June Buckridge (Renate M. Mayer), die seit sechs Jahren in einer Seifenoper im Fernsehen als Dorfkrankenschwester "George" alle englischen Tugenden verkörpert. Als ihre Popularität nachläßt, soll Schwester George aus der Serie verschwinden. Sie muß sterben. Dies läßt die privat herrschsüchtige Schauspielerin, die in einer lesbischen Beziehung mit der jüngeren Alice Mc Naught (Kristina Moll) lebt, in eine tiefe Lebenskrise fallen. Ihre Lebensgefährtin ist von der Schwäche der wirklichen June, die sich dem Alkohol hingibt, enttäuscht und wendet sich der zuständigen Fernsehredakteurin Mercy Croft (Rike Roesch) zu. Sie verläßt June/George. Dieser bleibt nur noch die Rolle als Kuh in einer Kindersendung.

Frank Marcus geht es um die Vermischung von Sein und Schein und die Austauschbarkeit von Menschen in ihren Rollen. Alle Akteure führen ein Doppelleben. Und June/George muß erkennen, daß sie austauschbar ist, privat und beruflich. Vordergründig schrieb Marcus ein Lesbenstück, doch die sexuelle Orientierung der Frauen machte er nicht zum Thema. Allerdings mag sie zur Entstehungszeit Mitte der 60er Jahre provoziert haben. Sie machte aus seiner Komödie damals ein Skandalstück. Doch das Stück würde genausogut mit heterosexuellen Beziehungen funktionieren. Auch das Geschlecht ist austauschbar.

Die vier Damen in der Rosenheimer Inszenierung überzeugten schauspielerisch allesamt. Allerdings waren ihre Rollen etwas zu sehr typisiert. Renate M. Mayer war eine typisch sich männlich gebende Lesbe, die ihre Angst und Verletzlichkeit hinter den Demütigungen verbarg, die sie ihrer Lebensgefährtin antat. Kristina Moll spielte das scheinbare Opferlamm, eine zarte, verletzliche Frau, die aber dieses Beziehungsspiel mit ihren Provokationen erst anheizte.

Eine Überraschung war Rike Roesch als scheinbar freundliche und verständnisvolle Redakteurin und Kummerkastentante, die mit mitleidigem Lächeln Schwester George sterben läßt und June gleichzeitig kaltblütig die Partnerin ausspannt.

Als wirklich komödiantische und typisch englische Beigabe trat Brigitte Schirmer als ältliche Nachbarin und Hellseherin Madame Xenia auf.

Regisseurin Gerti Aicher führte die Schauspielerinnen zu detailliertem Spiel. Allerdings hätte die komplexe Beziehung zwischen June und Alice noch subtiler und nuancenreicher herausgearbeitet werden können. Doch dies ist nur eine kleine kritische Anmerkung zu einem insgesamt sehr anregenden und qualitätvollen Theaterabend, bei dem auch das stimmige Bühnenbild von Frank Magener überzeugte. Er zauberte auf die kleine Bühne eine typisch englische Dachwohnung.

Zu sehen ist "Schwester George muß sterben" im Rosenheimer Theater am Markt noch am 16., 17., 23., 24. und 30. April, am 1., 6., und 8. Mai jeweils um 20 Uhr sowie am 2. Mai um 11 Uhr.

Raimund Feichtner


Echo vom 14.4.99:

Auch "Schwester George muß sterben": Das Ende eines Serienstars

Gerti Aicher inszeniert Erfolgsstück im Theater am Markt in Rosenheim

Wer kennt nicht Mutter Beimer aus der Lindenstraße, J. R. Ewing aus Dallas, Schimanski und Co.? Alle diese Fernseh-Serienstars sind den Zuschauern vertraut wie Familienmitglieder. Die Darsteller aber dieser Figuren, in wie weit identifizieren sie sich mit ihren Rollen, die sie jahrelang spielen, wie verändern sie ihr Leben?

Der englische Autor Frank Marcus schuf mit seinem Stück "Schwester George muß sterben" ein Psychogramm eines solchen Idols. June Budridge verkörpert seit sechs Jahren in einer Seifenoper des Fernsehens die Bezirkskrankenschwester George, die liebevoll ihrer Tätigkeit im englischen Städtchen Applehurst nachgeht. Konträr zu dieser positiven Person ist sie privat ein Monster und tyrannisiert ihre Freundin Alice, mit der sie in lesbischer Beziehung lebt.

Bei der Premiere der Bristol Old Vic Company l965 und ein Jahr später mit Inge Meysel und Grit Boettcher in Berlin war das Stück ein Erfolg, wurde aber auch als skandalös empfunden.

Renate M. Mayer hat sich damals gewünscht, einmal Schwester George zu spielen und mehr als 30 Jahre danach konnte sie dies nun unter der Regie von Gerti Aicher im Theater am Markt verwirklichen.

Es gibt Momente in ihrer Darstellung, die gehen unter die Haut, so wenn sie auf ihrem geblümten Sessel im biederen Appartement rücklings sitzend ihren Lieblingschoral: "So nimm denn meine Hände" intoniert und ihre tägliche Mopedfahrt zum Krankenhaus imitiert. Ihre Angst aus der Serie zu fliegen - "die wollen mich umbringen" - ihre neurotischen Ausbrüche, ihre sadistischen Quälereien, der schmale Grat zwischen Hoffen und Verzweifeln, Erfolg und Abstieg. Renate Mayer gibt dieser June/George packend und intensiv empfunden Gestalt. Selbst im Scheitern ist ihr starker Wille ungebrochen.

Kristina Moll in der Rolle ihrer Freundin Alice McNaught ist mehr Untergebene als Gefährtin. Mit manchmal zu schrill kreischender Stimme versucht sie sich gegen das übermächtige Machoweib zu wehren. Selbst in ihrem Tadel bleibt sie die ängstliche Kindfrau.

Ganz diplomatische Personalchefin, dabei höchst geschäftstüchtig, honigsüß, aber dabei die eigenen Interessen aus den Augen verlierend ist Rike Roesch agierend wie optisch eine beachtliche Mrs. Mercy Croft. Komik bringt Brigitte Schirmer als wahrsagende Madame Xenia ins Spiel. Auch für sie vermischen sich Scheinwelt und Wirklichkeit. Humor und Lebensfreude blitzen kurz auf, wenn June und Alice sich für ein Fest als Stan Laurel und Oliver Hardy verkleiden und gekonnt ein Tänzchen aufs Parkett legen, abrupt unterbrochen von der Hiobsbotschaft der Personalchefin. "Mit Schwester George ist es vorbei! Menschen müssen sterben, wir wollen das Leben darstellen wie in der Wirklichkeit!" Nicht zuletzt werden auch Junes Entgleisungen in ihrem Privatleben untragbar für den Sender. Nun bricht ihre ganze Welt zusammen. Eine Trostrolle als Synchronstimme der Kuh Klarabell in der Kinderstunde lehnt June entrüstet ab.

Am Tag der Beerdigung von Schwester George sitzt sie schließlich verlassen von Alice inmitten von Blumen und Kränzen ihrer ehemaligen Fans vorm flimmernden TV im Dunkeln und ihr Muhen klingt wütend und bestürzend. Gerti Aicher ist mit ihrer Inszenierung eine dichte, intensive Regiearbeit gelungen, die ihre Darsteller, allen voran Renate Mayer, berührend in Szene setzten.

Weitere Aufführungen am 16., 17., 23., 24. und 30. April, am 1., 7. und 8. Mai um 20 Uhr sowie am 2. Mai um 11 Uhr mit anschließendem Brunch.

Margrit Jacobi


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