09.11.1996 - Der Disney Killer

'Der Disney Killer' von Philip Ridley

November 1996

Regie: Klaus Schöberl

Es spielten: Sabine Herrberg, Gerd Meiser, Gerti Aicher, Andi Wiechmann

7 Vorstellungen 


Oberbayerisches Volksblatt vom 12. November 1996:

Nichts für schwache Nerven

"Der Disney-Killer" im Rosenheimer Theater am Markt

Gerti Aicher, Sabine Herrberg und Gerd MeiserEin Theaterbesuch im Theater am Markt in Rosenheim ist zur Zeit nichts für schwache Nerven. In einer passend unappetitlichen Inszenierung von Klaus Schöberl ersteht ein Mikrokosmos voller Ängste und voller Einsamkeit, eine alptraumhafte, ekelerregende Welt. Panische Angstzustände, soziale Phobien gelten als Krankheit der 90er Jahre. In überzeugender Weise hat das Ensemble des Theaters mit "Der Disney-Killer", dem ersten Bühnenstück des englischen Autors und Filmemachers Philip Ridley aus dem Jahr 1991, dies zum Thema gemacht.  

Gerd Meiser und Sabine Herrberg spielen beklemmend realistisch das 28jährige verwahrloste Geschwisterpaar Presley und Haley Stray. Sie leben abgeschieden von der Außenwelt in einem heruntergekommenen Zimmer, streiten sich über Belanglosigkeiten, finden in der Droge Schokolade das einzige spärliche Glück, betäuben ihre Depressionen mit Medizin. Die Eltern sind seit zehn Jahren fort. Warum weiß niemand. Wurden die Kinder von ihren Eltern verlassen, brachte Presley sie um? Der Bruder hat die Rolle des Beschützers seiner von Angstträumen verfolgten, hysterischen Zwillingsschwester übernommen. Doch auch Presley hat seine Alpträume. Er träumt vom Disney-Killer, der mit der Mistgabel grausam Kinder ersticht.  

In diese Situation hinein holt sich Presley von der Straße Cosmo Disney (Gerti Aicher). Der Alptraum scheint Wirklichkeit zu werden. Sie ist der weibliche Gegenpol zu Presleys Schwester. Sie ist der Vertreter der realen Außenwelt: hart, vulgär, bestimmend. Sie lebt vom Wunsch einer übersättigten Gesellschaft nach Nervenkitzel, dem Wunsch nach Grauen und verspeist bei Shows Kakerlaken und anderes Ungeziefer. Ihr Kompagnon heißt Mistgabel. Er zeigt sein ansonsten von Packpapier verhülltes gräßliches Gesicht gegen Geld. Presley fühlt sich von Cosmo zugleich angezogen und abgestoßen. Er ist, während seine Schwester sich in Alpträumen windet, zugleich voller Sehnsucht und Furcht Doch schließlich überwiegen seine Fürsorge und seine Eifersucht um seine Schwester. Er wirft Cosmo hinaus, nachdem diese sich an seine Schwester herangemacht hat. Er bricht ihr den Finger, an dem sie seine Schwester nuckeln ließ und sie so für ihre Lust mißbrauchte. Voller Angst vor der feindlichen Außenwelt bleibt das Geschwisterpaar in der abgesperrten Wohnung zurück. Für immer.  

Das Stück und die drastische Inszenierung verstören mit der realistischen Darstellung kranker Innenwelten, die von ekelerregenden und grausamen Fiktionen angefüllt sind. Eindringlich spielt Gerd Meiser, wenn er als Presley mit sanfter Stimme seine grauenvollen Alpträume erzählt, wenn er berichtet, wie er als Junge eine Schlange lebendig briet und verspeiste. Ebenso eindringlich Sabine Herrberg als verängstigte, von hysterischen Anfällen und Weinkrämpfen geschüttelte Schwester. Brutal und herrisch, ohne Selbstzweifel Gerti Aicher als Cosmo Disney, die bei ihrem ersten Auftritt gleich ekelerregend auf die Bühne kotzt. Nur ihre etwas schlampigere Aussprache ließ sie etwas weniger eindringlich erscheinen. Das Gesicht von Mistgabel blieb dem Publikum erspart. Andi Wiechmann legte die Papiertüte als debiler, fleischgewordener Alptraum nicht ab.  

Weitere Aufführungen sind an allen Freitagen und Samstagen bis 30. November jeweils um 20 Uhr.

Raimund Feichtner


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