09.06.1989 - Major Barbara

'Major Barbara' von George B. Shaw

Juni / Juli 1989

Regie: Reinhold Torkler

Es spielten: Sissi Behamer, Frank Mithöfer, Sabine Schuster, Ellen Trautmann, Isolde Wiechmann, Werner Faltlhauser, Andi Wiechmann, Klaus Herwig, Jürgen Tiefenthaler, Ute Hamm, Renate M. Mayer, Horst Oberländer, Klaus Schöberl, Peter Saalfeld 

Bühnenbild: Frank Magener  

8 Vorstellungen


Blickpunkt vom 13.6.1989:

Wenn Profit die Sitten entmachtet

"Major Barbara" vom Rosenheimer theater am markt

 Horst Oberländer, Ute HammEin Couch-ähnliches Gebilde, ein karger Tisch und einfaches Gestühl, seitlich Vorhang und Stores, davor eine kleine Empore - alles leicht und schnell auswechselbar: Bühnenausstattung im Rosenheimer theater am markt für das Stück "Major Barbara" von Georg Bernard Shaw unter der Regie von Reinhold Torkler.

Der Saal (oder besser der Raum?) in schwarz gehalten. Und: Mein erster Premierenbesuch bei diesem Ensemble.

Nach der Aufführung schloß sich dann die Frage an: Warum war ich nicht schon früher mal dort? Denn es lohnte sich.

Was von Anfang an auffiel: Jeder der Darsteller beherrschte seine Rolle brillant, die Dialoge kamen fließend rüber. Trotz des hohen verbalen Anspruchs, den dieses Stück forderte. Ein rundes halbes Jahr an Proben zahlte sich aus. Das Publikum dankte mit starkem, langen Beifall.

Major Barbara - eine Komödie, wie angekündigt? Da sollte man Abstriche machen, denn wenn Profitgier die Sitten entmachtet und vieles in Ernsthaftigkeit mündet oder mit menschlicher Moral bzw. Unmoral verknüpft ist, hat die Komödie (= Lustspiel) sicher ihre Grenzen. Denn heutige gegebene politische Geschehnisse um Waffenhandel und Waffenskandale verleihen dem Stück ungewöhnliche, ja brutale Aktualität, obwohl Major Barbara bereits 1905 in London seine Erstaufführung erfuhr.

Die Argumente von damals und die Peter Saalfeld, Renate M. Mayer Thematik wie ferner die Verhaltensweise der Gesellschaft passen auch in die jetzige Zeit. Andrew Undershaft (Peter Saalfeld), Waffenhersteller und Lieferant für Abnehmer, wo immer sie zu finden sind, sagt beispielsweise: "Ich gehöre nicht zu den Menschen, die ihre Moral und ihr Geschäft in wasserdichten Fässern aufbewahren. Das überschüssige Geld, das meine Konkurrenten für Krankenhäuser, Kirchen und anderes spenden zur Beruhigung ihres Gewissens, verwende ich zu Experimenten und zur Erforschung, wie man die Methoden zur Vernichtung von Leben und Eigentum verbessern kann".

Die Familie Undershaft hatte sich zwar aus moralischen Gründen von ihm distanziert, aber Geld zu fordern und anzunehmen ist sie bereit. Ehefrau Britomart (Renate Mayer) faßt es einmal zusammen: "Die Frage ist nicht, Geld zu nehmen oder nicht, sondern wieviel". Und am Ende verfällt auch Tochter Barbara, Majorin der Heilsarmee (Ute Hamm) dem Mammon, jedoch nicht ohne gemeinsam mit ihrem Verlobten Adolphus Cusins (Andreas Wiechmann) moralischen Absichtserklärungen zu huldigen. Darin eingebunden wird auch der weitere "Clan" um diese Familie, wie Sohn Stephen (Klaus Schöberl), die zweite Tochter Sarah (Isolde Wiechmann), deren Verlobter Charles Lomax (Werner Faltlhauser) und schließlich ebenso (oder mehr?) sogar die Generalin der Heilsarmee (Sissi Behamer). Auch die weiteren Mitwirkenden setzen dem Stück den erforderlichen besonderen Stempel auf, wenn auch hier und dort mit Einschränkungen: Ellen Trautmann, Jürgen Tiefenthaler, Sabine Schuster, Horst Oberländer, Frank Mithöfer, Klaus Herwig und nicht zuletzt auch Regisseur Reinhold Torkler, der den Diener spielt als sei er ein Abbild seines Kollegen aus "Dinner for one".

Regieassistenz Renate Torkler, Bühnenbild Frank Magener, Kostüme Gabi Pitterle, Heinz R. Hofmann und Louis Kurtz. 

Heinz Scherer


Oberbayerisches Volksblatt vom 12.6.1989:

Geld triumphiert über die Moral

Theater am Markt spielt George Bernard Shaws "Major Barbara"

Das gutbürgerliche Liebhabertheater ohne professionellen Anspruch, ohne jugendlichen Widerspruchsgeist, ohne außenseiterischen Experimentier-Ehrgeiz, das sich der traditionellen schönen Dramen-Literatur widmet, hat in Rosenheim in den vergangenen Jahren seine einst führende Stellung verloren. Das mag mit der Konkurrenz des Stadthallenspielplans zusammenhängen, das ist wohl auch darauf zurückzuführen, daß das Angebot an anderen Theaterformen ungewöhnlich groß geworden ist, die mit profilierten Leistungen neue Maßstäbe gesetzt haben. Das Theater am Markt hat hier eine Lücke erspäht und versucht einem Teil seiner Eigenproduktionen Anhängern des "klassischen" Amateurtheaters sowohl auf der Bühne wie im Zuschauerraum entgegenzukommen, wie jetzt mit der Inszenierung von George Bernard Shaws "Major Barbara".

Von einem "Ensemble" im eigentlichen Sinn kann man hier nicht reden, denn Regisseur Reinhold Torkler versammelte dazu eine Schar von Spielern, die nicht nur aus dem Umkreis des Theaters am Markt, sondern von anderen Rosenheimer Amateurbühnen kommen. Versammelt zu dem Zweck, ein Stück aufzuführen, bei dessen Auswahl betont die Aktualität des Inhalts im Vordergrund stand. "Gerade in letzter Zeit wurde offenkundig, wie hemmungslose Profitgier auch deutsche Unternehmen dazu verleitet hat, unter Mißachtung jeglicher Gesetze jedem Waffen zu verkaufen, der getreu dem Wahlspruch des Waffenhändlers des Stücks einen 'gerechten Preis' dafür bezahlt", wie es Reinhold Torkler zusammenfaßte.

Die amoralischen Praktiken dieses Geschäfts mit der tödlichen Sprengkraft anzuprangern, mag für den engagierten Sozialkritiker George Bernard Shaw den Anstoß gegeben haben, das Stück zu schreiben (es entstand 1905). Den Dramatiker Shaw aber reizte wohl mehr die bühnenwirksame Dialektik zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik, und daher heißt sein Stück auch nicht "Der Waffenhändler Undershaft", sondern "Major Barbara", nach der idealistisch gesinnten Tochter Undershafts, die nicht im Dienst einer militärischen, sondern einer spirituellen Annee steht, der Heilsarmee.

"Major Barbara" wird selten unter die Hauptwerke des anglo-irischen Dramatikers gezählt, denn die Konstruktion des Stücks ist uneinheitlich. Es beginnt wie eine britische Gesellschaftskomödie mit satirischen Einblicken ins Bewußtsein der Oberklasse, geht über in eine Art Sozialreport aus dem Milieu der von der Heilsarmee betreuten Unterschicht und endet in einer Art Diskussionsrunde zwischen den Hauptbeteiligten.

Die Inszenierung verstärkte diese Gegensätze noch. So hätte man Lady Brit, die Frau Undershafts, als sehr viel bösartigeres Society-Monster zeichnen können (wenn schon aktuell, warum dann nicht auch Margaret Thatcher einbeziehen?), aber Renate Mayer wählte lieber die mildere Tonart zwischen "After Eight" Werbung und "Haus am Eaton Place" und ließ ihrer Lady alle moralischen Defizite als skurrilen Spleen durchgehen. Das war zwar in der Präzision der Darstellung ungewöhnlich witzig, lenkte aber doch vom Thema ab. Auch im zweiten Teil, im Quartier der Heilsarmee, zogen komödiantische Kurzauftritte die Aufmerksamkeit auf sich, vor allem Horst Oberländer als polternder Penner, Sissi Behamer als heuchlerische Sekten-Generalin, Frank Mithöfer als brutaler Schläger oder Ellen Trautmann als berlinernde Alte.

"Major Barbara" wird als "Komödie" bezeichnet, aber wenn die Handlung in die Nähe des Themas "Waffen" kam, dann wollten Regisseur und Darsteller dieser Bezeichnung nicht mehr trauen. Da traten dann, unterstützt von Shaws Neigung zu aphoristischer Zuspitzung ernste Vertreter verschiedener (nicht nur religiöser) Glaubensbekenntnisse zum förmlichen Schlagwortabtausch an, in dessen Finale sich Peter Saalfeld als der Kapitalist Undershaft mit seinem korrumpierenden Charme und Ute Hamm als Tochter Barbara mit ihrem moralischen Rigorismus gegenüberstanden. Da blieb dem Rest der Undershaft-Sippe (Isi Wiechmann, Klaus Schöberl, Werner Faltlhauser) nur mehr Statistenrollen. Nur Andi Wiechman als Altphilologe Adolphus Cusins gab der Figur die entschiedene individuelle Kontur eines Vertreter des Bildungs-Credos.

Ganz als Regisseur hinter der Bühne zu bleiben, brachte Reinhold Torkler nicht über's Herz. Als kreuzlahmes Faktotum im Haus Undershaft gestattete er sich einige winzige, aber wirkungsvolle Kurzszenen.

Franz Hilger


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