Koproduktion Theater am Markt / Rosemble
Regie: Jörg Herwegh
Es spielten: Renate M. Mayer, Jörg Herwegh, Sigi Hartmann-Thäle, Klaus Thaller, Stefan Ziegler, Georg Lehle, Martin Pawlowski, Günther Makulik
16 Vorstellungen
Kaum hat der italienische Autor Dario Fo den Literaturnobelpreis erhalten, schon gibt es im Rosenheimer Theater am Markt eines seiner Stücke zu sehen. Eine glückliche Hand hatte vor einigen Monaten Regisseur Jörg Herwegh bei der Auswahl von "Elisabetta", einem Stück, das Dario Fo 1985 geschrieben hatte, denn die Preisvergabe an den politisch engagierten Autor bissig-provokanter Grotesken, die von anarchistischem Witz durchdrungen sind, war überraschend. Allein wegen "Elisabetta", dieses komödiantischen Dramas aus dem Leben der alternden Elisabeth I. von England, hätte Dario Fo den Nobelpreis allerdings nicht erhalten, denn der Klamauk deckte zumindest in der Rosenheimer Gemeinschaftsproduktion der Ensembles, Theater am Markt und Rosemble, die tieferen Wahrheiten und Absichten des Stücks teilweise zu.
Nicht den Nobelpreis, aber einen Oscar für ihre blut- und glutvolle Darstellung der Elisabeth hätte Renate Mayer verdient. Sie zeigt eine gewaltige Spannbreite ihres Könnens. Sie spielt hinter der aufgesetzten Komik eine vulgäre, derbe, gewaltätige und doch im Innern zutiefst zerissene und von Selbstzweifeln geplagte Frau. Sie macht den Besuch des Stücks zum Theatervergnügen.
"Elisabetta" beschreibt die Stunden, in denen Elisabeth durch die Staatsraison gezwungen wird, ihren langjährigen Günstling, Robert von Essex wegen seines Aufstands gegen die Krone zum Tode zu verurteilen. Dario Fo und mit ihm Regisseur Jörg Herwegh machen aus der menschlichen Not Elisabeths, die sich zwischen Liebe und Staatsraison zu entscheiden hat, aber kein ernstes Drama, sondern zum Großteil einen turbulenten, von Slapstick und anarchischem, derbem Witz geprägten Schwank.
Aber zuerst durften die Zuschauer als Einstimmung eine alte Hamlet-Verfilmung mit Laurence Olivier im zehnminütigen Schnelldurchlauf erleben, denn Elisabeth liest gerade Shakespeares neuestes Stück und hält es für ein Gleichnis auf ihr Leben. Sie hört ihre Worte aus dem Munde Hamlets und glaubt deshalb von Spionen umgeben zu sein.
Sigi Thäle spielt resolut, aber etwas weniger derb als Renate Mayer Elisabeths Gouvernante, Freundin und Vertraute. Jörg Herwegh ist selbst der Clown in dem anarchischen Komödiendrama. Er spielte ein männlich-weibliches Zwitterwesen, das Mensch. Er ist eine freundliche Megäre, die mit einer grotesken Schönheitskur unter Anwendung von Blutegeln versucht, die alternde Königin für ihren Essex wieder begehrenswert zu machen. Etwas blaß wirkt Klaus Thaller als durchtriebener Polizeichef Haggerton. Rollengemäß blaß auch Georg Lehle als jugendlicher Bettgespiele der Königin, der von dem katholischen Priester (Stefan Ziegler) und Attentäter als Helfer in den Palast eingeschleust wird. Weit überzogen ist Zieglers Klamaukspiel. Komische clowneske Slapstickdarsteller sind dagegen die beiden Wachsoldaten Günter Makulik und Martin Pawlowski.
Es gab viele gute Gags, so als der Königin die Pistole bis in die Hose rutscht, in der dann bei heftigem Gefummel der Wachsoldaten der Schuß nach hinten losgeht. Doch die Gags zündeten mit zunehmender Spieldauer immer weniger. Der Klamauk wurde zu viel und lief sich tot. Auch Jörg Herwegh strapazierte als dialektkauderwelsch sprechender Dauerscherzbold gegen Ende nicht nur die Lachmuskeln.
Einen eigenartigen Umschwung nimmt Dario Fos Stück am Ende. Plötzlich wendet sich der Klamauk ins Tragische. In einem großen Schlußmonolog sinniert und phantasiert Elisabeth über sich, ihr Leben und ihre Schuld. Vielleicht hätten bewußte Momente des Innehaltens auch dem temporeichen und turbulenten Spiel vorher gut getan, um das ernste Anliegen, den Zwiespalt von Sein und Schein von Mensch und Amtsperson, sichtbarer werden zu lassen.
Weitere Aufführungen sind am 14., 15., 21., 22., 28. und 29. November.
Ob es sich um eine leckere Füllung oder ein erfolgversprechendes Theaterstück handelt: Bei einer Farce sind Phantasie und Können wesentliche Bestandteile.
Als sich Regisseur Jörg Herwegh vor einem halben Jahr entschloß, "Elisabetta" von Dario Fo zu inszenieren, konnte niemand ahnen, daß ausgerechnet das enfant terrible Fo den Nobelpreis für Literatur in diesem Jahr erhalten würde. Nun ist das italienische Universalgenie sogar Kulturignoranten ein Begriff. "Elisabetta" ist eines der wenigen historischen Dramen von Dario Fo. Fiktion und Geschichte mischen sich zu einem temporeichen Spiel voller Dynamik. Vorrangig die Frau, nicht die Majestät zeigt Fo.
Shakespeare eröffnet den Abend. Szenen aus dem Film "Hamlet" mit dem unvergleichlichen Sir Laurence Olivier in der Titelrolle, verbildlichen den Lesestoff der Königin auf der Leinwand. Dann erst wird Elisabetta (Renate Mayer) sichtbar.
Shakespeare fasziniert und empört sie. Hamlet, das ist sie, es ist die Tragödie einer Frau! Gouvernante Martha (Sigi Thäle) sowie Polizeichef Haggerton (K. Thaller) bekommen Kostproben weiblicher Temperamentsausbrüche und vulgären Vokabulars, als ihr abfällige Bemerkungen über ihre Person zugespielt werden. Nervös rutscht ihr die Pistole in die voluminöse Robe. Die Suche danach wird zum beklatschten Gaudium. Natürlich geht der Schuß nach hinten los.
Die Absenz des Geliebten Essex ist Ursache für Besorgnis und schlechte Laune Elisabettas. Ist der abweisende Günstling ein Abtrünniger, Volksverhetzer, Intrigant? Um für ihn wieder begehrenswert zu werden, unterwirft sie sich den absurdesten Schönheitsprozeduren. "Das Mensch" (Jörg Herwegh), Quacksalber und monströses Zwitterwesen, beherrscht alsbald mit Raffinesse, Witz und Temperament Königin und Bühne.
Er behandelt die Liebeskranke mit fettabsaugenden Egeln, stellt sie auf Stelzen (Vorgänger der halsbrecherischen Plateauschuhe) und verspricht pralle Brüste mittels Bienenstichen. Wonach Richard III. vergeblich rief, Elisabetta hat es: Ein riesiges Pferd, wenn auch von Pappe. Sogar trojanische Eigenschaften besitzt dieser Gaul, dient er doch einem Verräter als Versteck.
Schonungsloser Disput, tödliche Verwechslung, schließlich reißen alte Wunden auf: Der Geist Maria Stuarts jagt Elisabetta in Schreckensvisionen, Wahnsinnsausbrüche und läßt sie einsam und schuldbeladen zurück.
Ein langer, beeindruckend wie amüsanter Theaterabend bot den Schauspielern reichlich Gelegenheit, zu agieren in allen Facetten der Spielkunst. Bewundernswert die Bewältigung des Textmaterials, die Präsenz der Hauptdarsteller: Renate Mayer als verletzliche Frau und herrische Königin, Sigi Thäle als deren Gouvernante, Freundin und Kritikerin; mit viel Vergnügen an der Figur "des Mensch": Jörg Herwegh.
Wenn auch die Konzentration des Zuschauers bei der rasanten Schnelligkeit, Länge und Komplexheit des Textes manchmal überfordert war: Respekt und viel Beifall den Leistungen der Schauspieler und ihres Regisseurs.
Weitere Aufführungen im Theater am Markt in Rosenheim am 14., 15., 21., 22., 28., 29. November.
TAM-OST :: Theater am Markt e.V. :: Chiemseestrasse 31 :: D-83022 Rosenheim
Telefon: 08031 - 234 180 :: Fax: 08031 - 32975 :: eMail: kontakt[at]tam-ost.de