07.12.1988 - Unter Aufsicht

'Unter Aufsicht' von Jean Genet

Dezember 1988, April 1989

Regie: Carsten Schmidt

Es spielten: Robert Asal, Holger Reif, Gerti Aicher, Georg Schumann

10 Vorstellungen


Oberbayerisches Volksblatt vom 13.12.1988:

Menschliche Wölfe im Gefängnis

"Unter Aufsicht" von Jean Genet im Theater am Markt

Robert Asal, Gerti Aicher Der Mensch ist des Menschen Wolf. Daß dies nicht nur für das alltägliche Dasein gilt, wo uns der liebe Nächstbeste gleich gegen das Schienbein tritt, sondern auch und erst recht für Leute in nahezu aussichtslosen Situationen, zeigt Jean Genet in seinem Stück "Unter Aufsicht".  

In Gefängniszellen herrschen Phantasien, Obsessionen, Aufschneidereien. Spekulationen blühen zwischen den Gefangenen und die aufgestaute Erwartung, der "Duft der großen weiten Welt", plakativ links von der Bühne, und die Cowboy-Freiheit der konkurrierenden Zigarettenmarke gegenüber, zeigen, aus welchem Stoff und warum diese Traumbilder sind.  

In ihrem Käfig stehen, sitzen, liegen und prügeln sich ein Mörder und zwei kleinere Kriminelle, geschminkt als Lidschatten-Zombies, lebende Tote aus der Gesellschaft, die sie einsperrt. Der Adel im Gefängnis - das sind die schweren Jungs. Sie haben das Sagen, sie gelten was. Die "Bagatell-Täter" fühlen sich minderwertig - und so ist es auch mit dem aufbrausenden Lefranc, der neurotisch um Anerkennung wirbt. Von dem homosexuellen Maurice wird "Grünauge" angehimmelt, der Mörder unter den Dreien; er genießt auch den Respekt des Wärters.  

Genet, selbst ein Mann mit Knasterfahrung, hat im Gefängnis zu schreiben begonnen und wurde von den französischen Intellektuellen zu einer Figur überhöht, der er zumindest in diesem Bühnenstück nicht gerecht wird. Sartre und Cocteau empfanden diesen "Poeten aus dem Kerker" als genau das, was sie selber gerne gewesen wären, aber nie gewagt hätten, zu sein. Das verklärte ihnen den Blick: sie meinten einen edlen, soziologisch geschlagenen Wilden entdeckt zu haben. Was dieses Stück bietet, ist jedenfalls nicht so mitreißend, wie es ein Gefängnisreport sein könnte. Vielleicht mag es an der Übersetzung liegen, daß die Sprache etwas lebensfremd und pathetisch klingt, vielleicht wollte der Autor mehr Kunst als Realität darstellen - Knast in Hochdeutsch.  

Es ist dies die erste Produktion des "Werkraum-Theaters", der Jugend- und Experimentier-Abteilung des Theaters am Markt. Regisseur ist Carsten Schmidt, seine Schauspieler bieten eine solide Leistung: Gerti Aicher gibt dem Maurice viel Verve, Robert Asal als"Grünauge" spielt den schon leicht entrückten Todeskandidaten und Holger Reif als atemlos profilneurotischer Lefranc ist der eigentliche "Underdog" im Stück. Georg Schumanns Rolle als Wärter ist etwas konturlos. Hier hätte sich der Regisseur entweder zum brummigen Jovialen oder zum schleimigen Fiesling durchringen müssen - außerhalb jeder Knallcharge natürlich.  

Es gab kräftigen Beifall, den die Darsteller sich redlich verdient hatten.  

Hendrik Heuser


Echo vom 14.12.1988:

Zimmer mit Aufsicht

Stück von Jean Genet im Theater am Markt

Unter dem Namen "Werkraum-Theater" hat sich eine Gruppe der Rosenheimer Markt-Theater-Mitglieder zu einer Experimentierbühne zusammengeschlossen. Aus Erlebnissen im Freundeskreis wurde der Gedanke geboren, mal das Leben der "Knackis" auf die Bühne zu stellen.  

Jean Genet, ein französischer Autor, der im Gefängnis zu schreiben begann, ist sicherlich kompetent. Sein Stück "Unter Aufsicht" bleibt jedoch trotz aller Heftigkeit und Emotion etwas lebensfremd. Es ist dort bildungsbürgerlich formuliert, wo Umgangssprache angebracht wäre, wo es hart auf hart zugeht.  

Heftig genug agieren die vier Schauspieler. Robert Asal als Mörder Grünauge ist schon kurz vor der Hinrichtung etwas abgehoben von den Niederungen üblicher Knackis wie Lefranc (Holger Reif) der sich als Kleinkrimineller minderwertig fühlt und dies durch entsprechende Großspurigkeit zu überspielen versucht.  

Maurice (Gerti Aicher), ist ein junger Homosexueller, zeigt so etwas wie eine Gefängnis-Ästhetik und dieser Umstände auf. Daß es zwischen den Dreien zu erheblichen Spannungen kommt, ist verständlich. Im Knast ist jeder allein gegen alle. Der einzige Kontakt zur Außenwelt ist der Wärter (Georg Schumann), der auch ein Rädchen in dem Spiel ist, das um Rang und Ansehen der Inhaftierten aufgeführt wird - ein Schiedsrichter des "Who is Who" im Gefängnis wie auch der vielbewunderte Neger. 

Das Stück, inszeniert von Carsten Schmidt, hat Intensität, ist ansprechend umgesetzt.

Starker Beifall für die zum Teil auch artistische Leistung der Schauspieler 

-he-  


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