Regie: Jörg Herwegh
Es spielten: Reinhold Torkler, Klaus Schöberl, Helga Hofmann, Hans Anker, Klaus Thaller, Michael Martsch, Louis Kurtz
12 Vorstellungen
Ein altgedienter Schauspieler, der die Summe seines Theaterlebens zieht, und ein Regisseur, der sich erstmals im Dramenfach versucht und dabei die mit diesem Schritt verbundenen Überlegungen und Erfahrungen thematisiert - auf diese Kurzformel könnte man die jüngste Inszenierung des Rosenheimer Theaters am Markt bringen. Das bezieht sich fast gleichlautend sowohl auf die beiden ausgewählten Stücke, Tankred Dorsts "Ich, Feuerbach" und Samuel Becketts "Katastrophe", wie auch auf die beiden Personen, die am heftig applaudierten Premierenerfolg dieser Inszenierung den wesentlichsten Anteil hatten, Reinhold Torkler auf und Jörg Herwegh hinter der Bühne.
Bei beiden Stücken geht es um Theater im Theater, freilich nicht um die dem Publikum zugekehrte "schöne" Seite, um den feierlich überhöhten Ausnahmezustand der Aufführung, sondern um die desillusionierend nüchterne Atmosphäre der Bühne als Arbeitsplatz. Das beginnende Stück treibt die Ernüchterung sofort auf die Spitze, denn in "Ich, Feuerbach" wird der Zuschauer Zeuge eines der unerbittlichsten Rituale, die man sich im bürgerlichen Leben vorstellen kann, der Vorsprechprobe. Und welcher Zuschauer wohl versetzt sich nicht schaudernd in die Lage des Mannes, der sich da oben in einem feindselig fremden, leeren Raum zurechtzufinden versucht und keine Antwort auf seine Rufe nach Licht bekommt? Das Licht bringt keine Hilfe: Die plötzlich auf die Szene konzentrierten Scheinwerferbatterien leuchten erst richtig die Isolation des auf der Bühne preisgegebenen Menschen bis in den hintersten Winkel aus, bilden aber zugleich eine undurchdringlich blendende Wand zum Zuschauerraum, in dem der Einsame den erhofften Großen Ansprechpartner vergeblich zu erspähen versucht - ein Gleichnis der existentiellen Situation des Menschen schlechthin. Da ist es nur folgerichtig, daß der Große Ansprechpartner, der über "Sein oder Nichtsein" entscheidet, nicht zu sprechen ist. Der Vorsprechende hat sich mit einem gleichgültigen Vertreter abzufinden.
Jörg Herweghs Inszenierung engt das "Ich", das sich selbstbewußt im Titel manifestiert, nicht auf "Künstlerexistenz" ein, vermeidet auch äußerlich Zugeständnisse an einschlägige Klischees. Aber er hat ja Reinhold Torkler als Feuerbach: Ein unauffällig korrekt gekleideter Mensch mit einer leisen, kultivierten Höflichkeit, ein Mensch, der die Energie seiner Persönlichkeit nach innen gepreßt hat. Aber ein Mensch mit einem Charakterkopf, mit dem archaischen Gesicht eines griechischen Bauern, von gelebtem Leben geformt. "Ich habe Leben aufgenommen", erklärt Feuerbach seine mehrjährige Abwesenheit von der Bühne. Um die Anerkennung dieses Lebens kämpft Feuerbach. Er bietet sich dem Regieassistenten (Klaus Schöberl) an, wirbt, drängt, fordert, behandelt ihn überheblich von oben herab, setzt ihm zu, nimmt sich wieder zurück, verausgabt sich bis zur Erschöpfung: Eine bis in Nuancen ausgeformte Rolle, wobei auch ein wenig zu ahnen war, warum sich einer wie Reinhold Torkler, der seit rund 25 Jahren als Amateurschauspieler auf der Bühne steht, die Strapazen eines solchen Beinahe-Monologs aufbürdet.
Samuel Becketts "Katastrophe" lenkt den Blick auf die andere Seite, die des Regisseurs. (Eine stille Pointe: Eine Schüssel Rote Beete, die stille Leidenschaft des unsichtbaren Regisseurs von "Ich, Feuerbach", steht im Beckett-Stück auf dem Regiepult.) Herwegh sieht hier weniger die politische Parabel (Beckett widmete das Stück seinerzeit dem Dissidenten Vaclav Havel), sondern mehr eine Projektion der zwei Seelen in des auch Regie führenden Dramatikers Brust. Verständlich, daß sich Herwegh bei seinem ,,seriösen" Regiedebüt mehr mit der Rolle des theatralischen Peitschenschwingers auseinandersetzte, aber für mich blieb das Gleichnis von der Verletzung der Menschenwürde durch angemaßten Machtanspruch dennoch die wesentlichere Erfahrung. In der Überzeichnung des zigarrerauchenden Menschendompteurs (Klaus Schöberl) schwang auch noch ein kräftiger Hauch aus Herweghs "Traumwerkstatt"-Vergangenheit mit, aber insgesamt hat Herwegh eine solide durchdachte und aufgebaute Einstandsarbeit geliefert.
Feuerbach, gespielt von Reinhold Torkler: "Man glaubt, nur in der Einsamkeit der Natur erlebt man die tiefste Stille ... Aber diese tiefste Stille gibt es auch im Theater, manchmal sogar in einer ganz unbedeutenden Vorstellung. Im Saal sitzen tausend Leute, tausend oder noch mehr. Der Schauspieler hat eine Handbewegung gemacht oder einen Satz gesagt, ein Blick, ein Innehalten, und plötzlich ist diese große Stille da. Dieser Augenblick hebt gewissermaßen die Zeit auf." (Zitat aus dem Stück)
Diese, hier vom Schauspieler beschriebene große Stille, konnte das Publikum bei der Premiere "Ich, Feuerbach", von Tankred Dorst, der heute zu den meist gespielten deutschen Dramatikern gehört, einige Male im Theater am Markt sehr deutlich empfinden. Ebenso wie die gespielte Spannung zwischen den beiden Hauptdarstellern, die einen perfekt komponierten Dialog mit ironisch, bissigen Seitenhieben auf den Theaterbetrieb, in diesem Stück wiedergaben. Der Ausgangspunkt dieses Stückes ist nach Dorsts Aussage das ihn anwidernde Vorsprechen eines Schauspielers.
"Licht, macht doch mal einer Licht!" Reinhold Torkler der Feuerbach, einen alternden, ehemals erfolgreichen Schauspieler, der zum Vorsprechen auf die Bühne kommt hervorragend spielt, betritt im Dunkeln die Bühne und schreit nach Licht. Scheinwerfer gehen an. Feuerbach wartet aufgeregt auf den berühmten Regisseur, der aber nicht erscheint. Dafür betritt ein junger Regieassistent, gespielt von Klaus Schöberl, lässig die Bühne und zwischen den beiden entwickelt sich ein heftiger Dialog....
Der eine, der Theaterbesessene, dessen Leben und Leiden so eng mit dem Theater verknüpft sind, der sich nicht mehr in der Balance halten kann - der andere, zufällig zum Theater gekommen, seine Unsicherheit und Unwissenheit mit Coolness überspielend.
....Ein Dialog zweier, die letztendlich nicht zueinander finden.
In "Katastrophe" von Samuel Beckett parodiert sich der Autor selbst; indem er seine schöpferische Persönlichkeit auflöst in einen Regisseur und seine Assistentin einerseits, das Produkt seiner Phantasie andererseits. Eine zitternde, schwarzgekleidete Gestalt wird auf einem Sockel mitten auf der Bühne zur Schau gestellt. Der Regisseur gespielt von Klaus Schöberl gibt schroffe, autoritäre Anweisungen an seine Assistentin, gespielt von Helga Hofmann, die sie wie ein gut funktionierender Roboter an dem zitternden, schwarz gekleideten Wesen ausführt oder sich Notizen macht.
Den Schluß dieser Szene beherrschte rasender Applaus vom Tonband, der kurz darauf im Original-Publikum für diese beiden Premieren übertönt wurde, als Dank für die hervorragende schauspielerische Leistung aller Mitwirkenden und des Regisseurs Jörg Herwegh, der es gekonnt verstanden hat, diese beiden Stücke zu vereinen.
"Der Schweiß läuft mir herunter, über das ganze Gesicht! Sehen Sie! Bis zur Erschöpfung habe ich mich verausgabt, nur für Sie! Überlegen Sie das mal! Nur für Sie!" - so explodiert der Schauspieler Feuerbach, als er, zum Vorsprechen bestellt, zunächst nur den Assistenten des Regisseurs antrifft, nicht diesen selbst. Und weil eben der berühmte Regisseur auf sich warten läßt, beginnt "Alt-Mime" Feuerbach einen meist einseitigen Disput mit dem jungen Mann. Ein tückischer Irrgarten, denn alle Kraft und Mühe, auch beim Vortragen, lohnen nicht. Feuerbach erntet am Ende nur ein kappes "Danke". Das Spiel, das Ringen um sein (Theater)-Leben bleibt vergebens.
"Ich, Feuerbach", ein Stück von Tankred Dorst, vom Rosenheimer theater am markt auf die Bühne gebracht: Kein Monolog-Stück, eher ein perfekt komponierter Dialog mit klugen und präzisen Texten. Aufgezeigt wird die Paradoxie der Künstlerexistenz, deren künstlerisches Talent ihr gleichgewichtszerstörender Feind wird. Ironisch bissige Seitenhiebe auf den Theaterbetrieb, mystisch religiöse Anschauungen, vielleicht sogar Wahnvorstellungen eines Visionärs. Der eine (Feuerbach), ein Theaterbesessener, dessen Leben und Leiden so eng mit dem Theater verknüpft sind, der sich nicht mehr in der Balance halten kann-der andere (Regieassistent), zufällig zum Theater ekommen. ("Ich habe per Anhalter meinen Weg hierher gefunden"), versucht, seine Unsicherheit und seine Unwissenheit nach außen in aller Kühle und Distanz zu überspielen.
Der Schauspieler Feuerbach: Dargestellt von Reinhold Torkler, nein, nicht "dargestellt". Gelebt mit Körper und Seele, ein Ausbreiten aller Empfindungen und Gefühle. Realistisch dargeboten mit jeder Gestik und Mimik. Als wäre er, Torkler "Ich, Feuerbach" in ureigenster Person, lebt er in der Rolle von Anfang bis zum Schluß. Kurzum: Der Part fordert ein hohes Maß an Leistung. Reinhold Torkler bringt sie voll rüber.
Klaus Schöberl, als junger Regieassistent: Mit Schloddrigkeit einerseits und Coolness zum anderen, mit Zynismus und Kälte, mit Hochmut und Herablassung treibt er Feuerbach den Schweiß ins Angesicht, läßt ihn zweifeln und verzweifeln.
Der Besucher im theater am markt verarbeitet während der Pause noch "Feuerbach", dann schließt sich mit "Katastrophe" ein Stück von Samuel Beckett an. Ein kurzer Einakter über Hierarchie und Machtausübung im Mikrokosmos Theater, einem politischen Gleichnis einzuordnen. Der Autor parodiert sich selbst, indem er seine schöpferische Persönlichkeit auflöst in einen Regisseur (Klaus Schöberl) und seine Assistentin (Helga Hofmann) einerseits, sowie das Produkt seiner Phantasie andererseits. Wenn auch ein zum vorherigen gegensätzliches Stück - die Darsteller fügen es nahtlos an.
Weitere Mitwirkende sind Klaus ThalIer und Michael Martsch als Bühnenarbeiter, als Beleuchter Louis Kurtz und der Protagonist Hans Anker.
Die Inszenierung liegt in den auch hier wieder bestätigten guten Händen von Jörg Herwegh, Regieassistenz Renate Torkler.
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