05.05.1995 - Biografie: Ein Spiel

'Biografie - ein Spiel' von Max Frisch

Mai 1995

Regie: Gerti Aicher

Es spielten: Franz Schröger, Gaby Schmidt, Daniela Mayer, Kristina Moll, Martin Pawlowski

8 Vorstellungen


Oberbayerisches Volksblatt vom 8.5.1995:

Variationen des Banalen

Max Frischs Komödie "Biografie - ein Spiel" im Theater am Markt

Gaby Schmidt, Franz SchrögerGlaubte Bert Brecht noch an die Möglichkeit, den Menschen und damit die Welt zu verändern, zu verbessern, so ist dieser Glaube und diese Hoffnung dem Schweizer Dramatiker und Dichter Max Frisch abhanden gekommen. Seine Lehrstücke sind ohne Lehre. Und wie bei Friedrich Dürrenmatt ist in seinem Stück "Biografie - ein Spiel", das im Rosenheimer Theater am Markt Premiere hatte, die Tragödie zwar noch stellenweise tragisch, aber nur noch als Komödie zu spielen.

So durften die Premierengäste einen zwar anstrengend langen, aber bei aller Gedankenschwere des Inhalts vergnüglichen, häufig kurzweiligen Theaterabend erleben. Hauptanteil hatten daran die Schauspieler, die textsicher und äußerst flexibel sich im Verwirrspiel des Stücks zurechtfanden. Besonders Franz Schröger überzeugte bei seinem Bühnendebüt mit seinem unaufdringlichen und präzisen Spiel.

Er verkörperte den Verhaltensforscher Hannes Kürmann, der nach seinem Tod die Chance erhält, sein Leben wie einen Film zurückspulen und ändern zu können. Verwirrend vielfache Lebensmöglichkeiten scheinen sich aufzutun. Herauskommen lediglich "Variationen des Banalen", wie es der Spielleiter (Dany Mayer), der unnachgiebig die ungeschriebenen, aber engen Regeln des Spiels durchsetzt, bezeichnet.

Kürmann ist nicht fähig, sein Leben völlig neu zu führen. Er möchte nicht einmal die höchst unerfreulichen Verhaltensweisen aus früheren Zeiten seines Lebens ändern, die seinen Mitmenschen schwer geschadet hatten. Er will lediglich der Ehe mit seiner Frau Antoinette (mit herber Erotik gespielt von Gaby Schmidt) verhindern. Diese Szene vor der ersten gemeinsamen Nacht ist der Mittelpunkt des biografischen Spiels. Aber selbst der Eintritt in die kommunistische Partei, Alkoholabstinenz, freundlicheres, verständnisvolleres Verhalten ändert nichts an den Grundzügen seiner Biografie. Trotzdem wird er Professor, trotzdem betrügt Antoinette ihn, trotzdem stirbt er an Krebs, wenn es nun auch Magenkrebs und nicht mehr Leberkrebs ist. Bei aller Vielfalt. der Lebensmöglichkeiten, nichts scheint Kürmann wirklich erstrebenswert, lebenswert. Erst als sich am Ende des Spiels seine Frau entscheiden darf und als sie sich für ein Leben ohne ihn entscheidet, scheint er frei. Nützt er diese Freiheit in der ersten Fassung des Stücks von Max Frisch aus dem Jahr 1967 noch zum Selbstmord, so bleibt er in der gespielten Fassung aus dem Jahr 1984 zurück mit dem Bewußtsein, daß sein Leben so oder so nur noch sieben Jahre währt. Und besser machen wird er, wie er es vorher fast drei Stunden gezeigt hat, nichts.

Der Regisseurin Gerti Aicher ist es mit "Biografie - ein Spiel" gelungen, anspruchsvolles klassisches modernes Theater lebendig, mit Sinn für Witz und Komik zu inszenieren, auch wenn ihr gewisse Längen im zweiten Teil des Stücks, die Aufgabe unübersehbar erschwerten. Mit den Haupt darstellern und besonders mit der exzellenten Wandlungsfähigkeit von Martin Pawlowski und Kristina Moll, die als Assistent und Assistentin in alle Nebenrollen im Spiel des Hannes Kürmann schlüpften, konnte Gerti Aicher dieses Spiel wagen.

Zu sehen ist es noch jeweils um 20 Uhr an allen Freitagen und Samstagen im Mai im Theater am Markt.

Raimund Feichtner  


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