Regie: Jörg Herwegh
Es spielten: Sabine Jofer-Baumann, Peter Fritsch, Jörg Herwegh
10 Vorstellungen
Heftige Musik, hartes Klavierspiel, dann Stille und das Schwarz weicht dem Graublau der Wände und der funktionellen Wohnelemente auf der Bühne. Eine Frau und ein Mann nehmen auf den Barhockern Platz. Schon das karge Bühnenbild veranschaulicht die Reduktion von Zusammengehörigkeit und Gefühlen. In seinem Schauspiel "Betrogen" seziert der erfolgreiche Autor Harold Pinter ein klassisches Dreiecksverhältnis und geht beginnend mit dem Ende Szene für Szene zurück zum Beginn.
Der Regisseur und Schauspieler Jörg Herwegh inszenierte das Stück im Theater am Markt in Rosenheim mit Sabine Jofer- Baumann als Emma, Peter Fritsch als ihren Exgeliebten Jerry und spielt selbst die Rolle des Nochehemanns Robert, der betrogen wurde und selbst betrügt.
Jerry und Emma hatten sieben Jahre lang eine Affäre. Als Emma erfährt, dass ihr Ehemann sie seit Jahren betrügt, bittet sie Jerry, den sie seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hat, um ein Treffen. Nahezu autistisch mutet diese Begegnung an und Jerry sorgt sich nur darum, sein Gesicht vor Robert, dessen Trauzeuge er war, nicht zu verlieren. Doch Robert teilt ihm mit, von diesem Verhältnis seit langem zu wissen - durch Emma. Schweigen, Pausen sind wichtige Stilmittel der Dramaturgie. Diese Wortlosigkeit ist wesentlich beredter als oberflächliches Geplauder, der Austausch von Floskeln, Belanglosigkeiten. Es fällt kaum ein lautes Wort, keiner gibt seine Emotionen preis. Die Dialoge sind doppelbödig und hinterlassen nur Kälte. Kommunikation verbreitet Isolation. Im Rückblick auf die Vergangenheit wiederholt sich manchmal der Austausch von Sätzen. Lügen, Feigheit, Ängste nehmen sich Raum, Gefühle gehen verloren wie Schlüssel.
Jörg Herwegh gelang mit gutem Gespür die Umsetzung dieses psychologischen Kammerspiels. Subtil gestalteten die drei Schauspieler ihre Rollen, die auch in ihrem Schweigen alle Trostlosigkeit vermittelten. Etwas verhaltener dürfte Peter Fritsch am Ende seine Betrunkenheit mimen, in der Hilflosigkeit, Unsicherheit des Jerry war er ausgezeichnet. Jörg Herwegh gibt Ehemann Robert in seiner Kaltschnäuzigkeit wie auch seiner Liebesunfähigkeit authentisch Gestalt. Sabine Jofer-Baumann schließlich verkörpert die betrügende und die betrogene Emma, auf der Suche nach einem Ausweg aus dem Dilemma, doch dominiert die kalte Karrierefrau, Gefühl und Erotik sind nicht spürbar. Erstaunlich waren immer wieder die Lacher im Publikum: Denn komisch ist das Stück nicht, aber spannungsvoll und interessant.
Weitere Aufführungen am 10., 11., 17., 24. und 25. November um 20 Uhr, am 12. November um 10 Uhr mit Brunch und am 1. und 2. Dezember um 20 Uhr.
Reden ist Silber, Verschweigen ist Gift. Und bleiernes Schweigen das Resultat, wenn der Drang, zu reden, und der Zwang, zu verschweigen, aufeinanderprallen. In Harry Pinters Theaterstück "Betrogen" bestimmt genau diese vergiftete Gesprächsatmosphäre die Szenerie.
Es sind drei Menschen, die sich schwer tun, miteinander zu reden: Emma, Robert und Jerry. Ihre Kommunikationsprobleme liegen in der Vergangenheit begründet. Sie begannen, als Emma Robert heiratete - und vom selben Tag an eine Affäre mit Roberts Studienfreund und Trauzeugen Jerry einging. Pinter rollt die Geschichte vom Ende her auf, und springt Szene für Szene weiter zurück in die Vergangenheit.
Regisseur Jörg Herwegh nahm sich jetzt dieser spannungsgeladenen Dreiecksgeschichte an und brachte sie gemeinsam mit dem Rosenheimer Theater am Markt auf die Bühne.
Sein Bühnenbild ist eckig und funktional: Zwei Tische, einer davon thekenhoch, und vier Stühle mit Chromgestänge, zwei davon in Barhockerform, bilden die variablen Grundelemente. Eine himmelblaue Wand dient als statischer Hintergrund für die Dialoge, die, wenn sie zustande kommen, alles andere als rosig sind.
Bis es zum ersten Dialog kommt, vergeht unendlich viel Zeit. Jerry (Peter Fritsch) und Emma (Sabine Jofer-Baumann) kommen auf die Bühne und setzen sich an die Bar. Schweigen. Sie zündet die Kerze auf dem Tisch an, er will anstoßen. Sie grinst verlegen. Das Publikum fängt zu lachen an. Und wird sofort eingebremst. Messerscharfe Sätze zischen über den Zuschauerraum hinweg: "Wie geht's?" - "o.k." - "Was macht Dein Mann?" -"Warum?". Schweigen, begleitet von fahrigem Umklammern der Gläser. Nur allmählich gelingt es den beiden, sich dem eigentlichen Thema zu nähern: lhrer siebenjährigen Liebesbeziehung, die vor zwei Jahren endete. Emma offenbart Jerry mit spitzer Stimme, dass sie ihrem Mann alles darüber erzählt und er ihr ebenfalls eine Affäre eingestanden habe, und sie sich nun auch von ihm trennen werde.
Hölzern wirkt diese Emma alias Sabine Jofer-Baumann, die ihren Mund verkniffen nach vorne schiebt und ihn das ganze Stück über nicht mehr aus dieser Haltung löst, es sei denn, sie spricht. Jerry alias Peter Fritsch ist der Ungläubige, Enttäuschte, der hauptsächlich mit seinen Augen spielt, sie groß aufreißt und wirr von links nach rechts und zurück schweifen lässt.
Die Enttäuschung für Jerry wird noch größer, als er von seinem besten Freund Robert (Jörg Herwegh) erfährt, dass dieser schon vier Jahre lang von der Affäre wusste und nie ein Wort darüber verloren hatte. Fassungslos schlägt er die Hände vor's Gesicht: "Aber wir haben doch zusammen geluncht." Jörg Herwegh begegnet ihm herablassend näselnd, als britischer "Nobel-Man", dessen Schwülstigkeit überzogen wirkt, aber hervorragend zur von Pinter absurd gedachten Atmosphäre des Stücks passt.
Bild für Bild, Jack Daniels für Jack Daniels, rollt Herwegh die Vergangenheit auf. Er zeigt, wie Emma und Jerry sich trennten, wie Emma und Jerry sich in ihrer geheimen Wohnung trafen, wie Jerry und Robert gemeinsam lunchten, wie Robert die Affäre zu wittern begann, und schließlich, wie Jerry Emma seine Liebe gestand.
Die herausragendste Szene: Der Lunch, den Jerry und Robert im italienischen Restaurant einnehmen. Zwischen das Gespräch mischt sich immer wieder - hervorragende Idee - die Stimme eines unsichtbaren Obers vom Band. Robert und Jerry antworten ihm, als stünde er leibhaftig da, und heben die Speisen und Getränke dann von einem Rollwagen selbst auf den Tisch.
Peter Fritsch und Jörg Herwegh wirken (nicht nur) in dieser Passage als gut eingespieltes Duo. Dazu passen sie beide ihr Ver-. halten den Rückschritten in die Vergangenheit an: Fritsch wird von Szene zu Szene liebestoller, Herwegh einfühlsamer. Sabine Jofer-Baumann dagegen bleibt starr bis zum Ende. Nicht einmal das kurze Schwarze, das sie zum Schluss, also zu Beginn der Geschichte, auf ihrer Hochzeitsfeier trägt, verleiht ihr die Erotik, die begreiflich machen würde, warum ihr Jerry verfällt.
Nun: Er gesteht ihr seine Liebe im Suff.
Weitere Aufführungen sind am 10., 11., 17., 18., 24., 25. November um 20 Uhr sowie am 12. November um 10 Uhr.
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