01.10.1995 - Arsen und Spitzenhäubchen

Arsen und Spitzenhäubchen' von Joseph Kesselring

Oktober / November 1995

Helmut HuberRegie: Gemeinschaftsregie Theater Fürstätt

Es spielten:
Julia Schirp, Daniela Mayer, Eva Heran-Dörr, Hermann Kunz, Klaus Einsele, Helmut Huber, Thomas Terpetschnig

7 Vorstellungen


JO-NA-THAN fingen wir an, und zu Beginn wurde uns EIN-STEIN nach dem anderen in den Weg gelegt. Es HARPER-te an allen Ecken und Enden, wir ROONY-ierten unsere Stimmen und einige Szenen lagen noch bis kurz vor der Premiere in GIBBS. Nach einer Krisensitzung ABBY-lierten wir an unseren Gemeinschaftssinn und MARTHA-ten uns bis zum bitteren Ende. Auch die KLEIN-en Rollen konnten sich BROOFY-lieren.
O'HARA-usfall hat-TE-DDY erste Durchlaufprobe zur Folge.
Nach ELLEN-langen Proben blieb noch die eine Frage: MORT-l-MER oder du?

(c) Gerhard Schmid


Oberbayerisches Volksblatt vom 31. Okt.1995:

Viel Spaß bei der Exhumierung

Im Rosenheimer Theater am Markt "Arsen & Spitzenhäubchen" aufgeführt    

Klaus Einsele und Hermann Kunz Für die Vermutung, daß jemand ein dunkles Geheimnis hat, das besser nicht ans Tageslicht kommt, gibt es im Englischen die Redensart von der "Leiche im Schrank". Die Mitglieder der im New Yorker Stadtteil Brooklyn wohnenden Familie Brewster haben im konkreten Sinn des Worts nicht nur eine, sondern gleich ein Dutzend Leichen im Keller. Erfolgreich exhumiert hat sie jetzt im Theater am Markt in Rosenheim ein im Programmheft anonym bleibendes "Ensemble", dessen Kern weitgehend identisch ist mit jenem Theater Fürstätt, das scheinbar im Kollektiv des Theaters am Markt aufgegangen ist, aber offenbar als Gemeinschaftsgeist weiterbesteht. Daß dieser Geist seit den Zeiten der ehemaligen Pfarrjugendgruppe lebendig geblieben ist, erweist sich, wenn er sich in unregelmäßigen Abständen wieder materialisiert, wie jetzt bei der Inszenierung von "Arsen & Spitzenhäubchen".

Als sich der Schreiber dieser Zeilen vor mehr als 20 Jahren erstmals kritisch mit "Arsen & Spitzenhäubchen" zu befassen hatte, erschien ihm das schwarzhumorige Stück als ein ins Groteske übersteigerter Gruselwitz. Recht viel mehr Erkenntnis ist dem auch jetzt nicht abzugewinnen. Allenfalls ist aus zeitlichem Abstand die professionelle Geschicklichkeit des Autors Joseph Kesselring deutlicher anzuerkennen, der aus einigen, im Grunde nicht sehr geschmackvollen Gerichten ein herzhaftes Menü zusammenstellte: Als Vorspeise Käsehäppchen über Theaterkritiker, als Zwischengang ein Auflauf über "Irre", als Hauptmahlzeit eine in Hollunderwein und mehreren Giften süßsauer marinierte Pastete mit zwei liebenswerten alten Jungfern, die aus schierer Barmherzigkeit eine Benefiz-Euthanasie für einsame Männer entwickelt haben, und als Dessert eine Creme gerührt aus parodistisch gewürzten Zitaten populärer Horrorfilmfolklore.

Das Rezept gelang den Amateurköchen auch ohne Küchenchef ("Regie: Ensemble" steht im Programmheft). Daniela Mayer und Eva Heran, mit Trippelschritten, Witwenbuckel und viel grauer Schminke gekonnt gealtert, kosteten als die Tanten Abby und Martha das Abgründige zwischen mild und mörderisch genußvoll aus.

Klaus Einsele als leichensammelnder Weltreisender, fanatisch glühender Blick im Narbengesicht, verbreitete lauernde Panikstimmung in jeder Szene, Hermann Kunz als Teddy, der sich für den Präsidenten Roosevelt hält, mußte sich dagegen auf eher statische Maskeraden und einige Überraschungsauftritte im falschen, aber dramaturgisch richtigen Moment beschränken.

Da die Gruppenregie die Darsteller oft auf eine nur gering variierte gestische Grundform festlegte (so wie etwa Martin Pawlowski auf einen wie von Leibschmerzen verkrümmten Dr. Einstein), kam gelegentlich Gleichförmigkeit auf. Aber immer wenn Helmut Huber, als Neffe Mortimer, der verständlich verwirrte Normalmensch in der Sippe der Psycho-Monster, eingriff, kam rasantes Tempo ins Spiel. Was sonst noch an Polizisten, Pfarrern und Heimleitern in die Szene hereinschneite, fiel mehr durch Unauffälligkeit auf (nicht zuletzt auch wegen mehrerer unscharfer Doppeirollen). Gute Figur machte Julia Schirp als muntere Pfarrerstochter, zum Girlie von heute aufgefrischt.

Der Spaß, den sich das Ensemble mit der Inszenierung dieser schwarzen Farce offensichtlich gegönnt hat, wird freigiebig an die Zuschauer weitergereicht.

Franz Hilger


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