01.09.1993 - Der Amerikanische Traum

'Der amerikanische Traum' von Edward Albee

September / Oktober 1993

Regie: Horst Oberländer

Es spielten: Renate M. Mayer, Brigitte Schirmer, Reinhold Torkler, Klaus Schöberl, Renate Torkler

Bühnenbild: Renate Rüdel

7 Vorstellungen


Oberbayerisches Volksblatt vom 29. September 1993:

Geistige Leere des Wohlstands

Überzeugende Ensemble-Leistung bei Albee-Premiere im "Theater am Markt"

Klaus Schöberl, Brigitte Schirmer Edward Albee ist einer der Lieblingsautoren von Horst Oberländer. Nach seiner 1987er Inszenierung von Albees Erfolgsnummer "Wer hat Angst vor Virginia Woolf..." hat er nun das Stück "Der amerikanische Traum" auf die Bühne des Rosenheimer Theaters am Markt gebracht, dort, wo schon 1984 Albees "Zoogeschichte" von den "Vaganten" aufgeführt wurde.  

Oberländer, der ein so liebenswürdiger und bescheidener Mann ist, hat hier wiederum einen Stoff bearbeitet, der seinem Naturell geradezu diametral entgegengesetzt ist. Vielleicht ist es gerade die von Albee exemplarisch vorgeführte Verlogenheit und Boshaftigkeit, die aus der geistigen Leere einer Wohlstandsgesellschaft entsteht, die den Moralisten Oberländer anstachelt, unserer Konsumgesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Dazu hat er wieder Protagonisten gefunden, die sich ausnahmslos überzeugend in ihre Rollen hineingefunden haben. 

Den schwierigen Part des für die Atmosphäre so wichtigen Einstiegs liefert souverän Renate Mayer als "Mammi" in ihrem Kitschgarten; für das weißlackierte Eingangstor aus Schmiedeeisen hat Renate Rüdel ganz genialisch einfach einen metallenen Bettrahmen hergenommen. Ganz im Stil einer "Lady Schnatterly" wie Gisela Schlüter, nervt "Mammi" mit ihrer Erzählung über den Kauf eines "entzückenden kleinen Hütchens" ihren Waschlappen von Ehemann (Reinhold Torkler als verbrauchter Wohlstandslieferant). Schon halb entrückt vom hemmungslos dummen Gegacker seiner Ehefrau ist er Opfer einer Ehe, die nur noch auf dem Papier existiert, seit die Mammi sich die "häßlichen Zuckungen" des Gatten verbeten hat.  

Die fälligen Kommentierungen und Zurechtsetzungen der von Mammi - die gar keine Mutter ist - vorgetragenen Nebensächlichkeiten steuert in der Art der Sophie der TV-Serie "Golden Girls" die Rolle der "Oma" bei. Dafür, daß es Brigitte Schirmers Bühnenpremiere ist, erhielt die Novizin mit der kräftigen Altstimme zu recht Sonderapplaus und Bravorufe. Renate Torkler bietet in der Rolle der Wichtigtuerin Frau Barker, zwischen Sexhunger und Verteidigung eherner Werte bigott schwankend, ebenfalls eine solide Leistung; und Klaus Schöberl als "amerikanischer Traum", stellt die hohle Larve eines James-Dean-Verschnitts wie ein willenloser Roboter dar.  

Der "amerikanische Traum" ist Albees Jugendautobiografie. "Virginia Woolf" ist eine Art mikroskopischer Ausschnitt aus dem Zusammenleben der Adoptiveltern, die "Zoogeschichte" sozusagen die Fortsetzung, als sich Albee mit 21 Jahren endgültig von ihnen getrennt hat. Wie im Stück auch, war Albees Adoptivgroßmutter - so ist in dem aufschlußreichen Programmheft Uwe Freunds zu lesen - das einzige Familienmitglied, mit dem sich Albee verständigen konnte.  

Die Familie stellt bei Albee nur noch eine Farce dar, und das im Stück geschilderte grausame Schicksal des Zwillingsbruders, der vor 20 Jahren als Baby von Mammi adoptiert worden war, verdeutlicht, daß ein Kind nicht mehr Kind sein darf, sondern störungsfrei zu funktionieren hat. Aufgrund dieser Traumata zerstört es sich irgendwann selbst. Eine solche Familienfarce hat im US-amerikanischen Drama schon zahlreiche Vorläufer, sei es Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" oder Tennessee Williams "Katze auf dem heißen Blechdach". Auch die als Film bekannt gewordene Komödie "Harold and Maude" von Colin Higgins greift diese Problematik exemplarisch auf.  

Trotz all dieser Hintergründe ist der "amerikanische Traum" dennoch ein sehr unterhaltsames und kurzweiliges Stück, nicht zuletzt durch die abgründigen Dialoge und die ausgefeilte Mimik der Schauspieler. Kräftiger Beifall belohnte die überzeugende Ensembleleistung.  

Hendrik Heuser


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