01.06.1987 - Lysistrata

'Lysistrata' von Aristophanes

Juni 1987, Dezember 1987

Regie: Christoph F. Maier

Es spielten: Ute Hamm, Franca Drasen, Helga Arbinger, Johanna Schumann, Gabi Pitterle, Peter Saalfeld, Hans Anker, Frank Magener, Sissi Behamer, Evi Gehring, Margarita Geuenich, Gerti Aicher, Stefan Hanus, Hubert Fischer, Martin Liebert, Gerold Haas, Franz Obex

Bühnenbild: Frank Magener

10 Vorstellungen  


Oberbayerisches Volksblatt:

Die listigen Weiber von Hellas

Komödienspaß mit der "Lysistrata" des Aristophanes im Rosenheimer Theater am Markt

Hubert Fischer, Evi Gehring Bei den Amateurtheatern stehen heitere Stücke meist höher in der Gunst als ernste. Warum das beim Ensemble des Rosenheimer Theaters am Markt bisher umgekehrt war, hat nichts mit Grundsätzlichem zu tun - es ergab sich halt einfach so, vermutlich aus der Ernsthaftigkeit, mit der hier Theaterarbeit betrieben wird. So war jetzt endlich eine Komödie fällig. Dafür stieg dann Christoph F. Maier als Regisseur gleich richtig ein und wählte die wohl bekannteste Komödie des ältesten Meisters der europäischen Theatergeschichte, die "Lysistrata" des alten Griechen Aristophanes.  

Die Geschichte der listigen Athenerin Lysistrata, die ihre Geschlechtsgenossinnen aus ganz Hellas zum Sex-Streik aufruft bis die Männer aufhören, Krieg zu führen, scheint ein stets verlockend aktuelles Thema zu sein, und so mußte man auch bei dieser Inszenierung des Theaters am Markt erwarten, daß sie sich besonders auf das Pazifismus-Motiv stürzen würde. Aber schon vor Beginn der Aufführung wurde deutlich, daß man dieser Versuchung nicht nachgegeben hatte: Im Programmheft wurde verdienstvollerweise Christine Brückners "Du irrst, Lysistrate" abgedruckt, die weitergedacht hatte und daran erinnerte, daß die verhinderte "Lust am Weib" rasch in die Lust am Kampf umschlagen kann. Das Theater am Markt zog, so könnte man es großzügig umdeuten, aus der Triebverhinderung beträchtlichen komödiantischen Lustgewinn.  

Altphilologischen Ballast abgeworfen
Die vom Büchner-Preisträger dieses Jahres, Erich Fried, übersetzte und bearbeitete Fassung erschien mir weniger sperrig, als ich nach einigen Textproben einer älteren Übersetzung befürchtet hatte, und zudem hatte Christoph F. Maier offenbar viel altphilologischen Ballast abgeworfen. So war der Weg frei für spielerischen Umgang mit dem fast 2400 Jahre alten Stück.

Frank Magener hatte dafür ein großzügiges Bühnenbild gebaut, mit einer schräg in den Raum bis fast an den Seiteneingang verlängerten Bühne, ganz in Weiß, wie es unserem klassizistischen Griechenland-Bild entspricht (obwohl doch der antike Marmor mit grellbunten Farben bemalt war). Dazu trug er ein paar (wacklige) Säulen nach Athen, vor die Akropolis-Attrappe. Witzig und einfallsreich entwarf Magener auch die Kostüme aus antikisierenden Mode-Elementen, mit dem dominanten Farbendreiklang Marmorweiß, Himmelblau und Meergrün, und irgendwo lugte stets ironisch ein Goldrändchen aus Plastikstreifen hervor.

Ute Hamm war als Lysistrata das zeitlose Muster einer jungen, frischen Frau (Prolog und Epilog von Fried sprach sie in der Kleidung von heute). Nach Temperament und landsmannschaftlicher Herkunft bunt gemustert das Quartett der Mitverschwörerinnen: die städtische Kalonike mit dem lüstern losen Mundwerk (Franca Drasen), die geradlinig sinnlich denkende und handelnde Myrrhine (Johanna Wolfrum), das ängstliche Hausmütterchen Ismenia (Gabi Pitterle) und die ländlich stramme Spartanerin (Helga Arbinger als ungemein komische Type).

Noch drastischer karikiert die männlichen Gegenspieler: der würdig-elegante Ratsherr (Peter Saalfeld), der begriffsstutzige Schönling Kinesias (Frank Magener), der militärische Hohlkopf (Franz Obex) und Hans Anker als provinziell geschniegelter spartanischer Unterhändler mit dem Diplomatenköfferchen (solche beliebten Anachronismen wurden nur sparsam, aber dann stets mit sicherer Wirkung eingesetzt - Regieeinfälle nicht als Selbstzweck, sondern als stimmung förderndes Glanzlicht am Rande - ein sicheres Indiz dafür, wie gründlich Christoph F. Maier, jetzt ein "gelernter" Dramaturg, die Inszenierung zu seinem Abschied vom Theater am Markt insgesamt und im Detail durchgeplant hatte.)

Mit Worten, Waffen und Wasserkübeln
Den Chören des antiken Dramas hatte Maier hier jeweils verteilte Rollen zugewiesen: hier die Frauen (Margareta Geuenich, Sissi Behamer, Eva Gehring, Gerti Aicher), mit den angriffslustig gesträubten Kopftuchzipfeln, da die Männer (Gerold Haas, Martin Liebert, Hubert Fischer, Stefan Hanus), phantasievoll behelmt nach Art der "damischen Ritter". Und diese Chöre lieferten sich nun nach Herzenslust und zur Freude der Zuschauer Gefechte mit Worten, Waffen und vor allem Wasserkübeln - mit soviel Körpereinsatz bei glitschigem Aquaplaning dürfte es nicht ohne Blessuren abgegangen sein.

Die dyonisisch frommen Hellenen
Im Zeichen des goldenen Phallusvogels, der über der Szene thronte, konnte es bei dem Thema natürlich nicht zimperlich zugehen. Der Derbheit der aristophanischen Ein- und Zweideutigkeiten wich das Ensemble nicht aus, wenngleich die Spieler doch einige Befangenheit beim Hantieren mit Männlichkeitssymbolen, bei diversen Grapschereien und anderen anzüglichen Gesten verrieten. Eher gutmütig verspottet wurden die "Nöte" der bestreikten Männer - so kultisch wie die dionysisch frommen Hellenen gehen junge Leute von heute eben doch nicht mehr mit der vielgerühmten Manneskraft um.  

Franz Hilger


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